Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe, als Anna auf der Landstraße nach Köln fuhr. Die Scheinwerfer ihres alten Golfs schnitten kaum durch das nasse Dunkel. Sie war müde nach zwölf Stunden als Lieferfahrerin für einen Paketdienst – aber es war die einzige Möglichkeit, neben dem Studium der Übersetzungswissenschaften genug Geld reinzuholen.
Plötzlich ein Schatten am Straßenrand. Etwas Kleines, das sich schwankend bewegte. Anna bremste scharf, die Reifen quietschten. Sie stieg aus, der Regen schlug ihr sofort ins Gesicht. Im Lichtkegel sah sie es: eine Katze, die kaum noch stehen konnte. Der Körper war völlig verdreckt, das Fell verklebt. Das Tier torkelte, als wäre es kurz vor dem Zusammenbruch. Und auf dem Kopf – eine abgeschnittene Plastikflasche, die das Gesicht fast komplett verdeckte. Nur ein Auge blinzelte panisch durch den Flaschenhals.
„Oh Gott, wer tut sowas?“, flüsterte Anna und kniete sich hin, obwohl ihre Jeans durchnässt wurde. Die Katze wollte wegrennen, kippte aber einfach um. Der nasse Körper war federleicht in ihren Händen. Anna drückte die Wagentiere vorsichtig auseinander und legte die Katze auf den Beifahrersitz, wo sie zitternd liegen blieb.
Sie griff zum Handy, Finger klamm. Nur eine Nummer.
„Felix? Bist du noch in der Klinik? Ich hab hier einen Notfall – nein, kein Unfall. Ein Tier, das jemand gequält hat. Ich bin in zehn Minuten da.“
Felix arbeitete als junger Tierarzt in einer Kleintierpraxis in Ehrenfeld. Anna kannte ihn seit der Grundschule. Er war der einzige, dem sie blind vertraute. Jetzt stand er schon in der Tür, als sie mit dem Bündel im Arm ankam.
„Bring ihn rein, Anna. Auf den Behandlungstisch. Ruhig, Kleiner, wir helfen dir.“ Seine Stimme war fest, aber seine Augen besorgt.
Anna wartete draußen im Flur, klamme Klamotten klebten an ihrer Haut. Sie hörte Geräusche, Instrumente, das leise Piepsen eines Überwachungsgeräts. Es dauerte fast zwei Stunden. Dann trat Felix heraus, Schweiß auf der Stirn, die OP-Haube schief.
„Er wird durchkommen. Ohne dich wäre er in einer Stunde erstickt oder erfroren. Jemand hat ihm die Flasche über den Kopf gestülpt und festgetaped. Wir haben die Hälfte eines Fühlers entfernen müssen, aber er atmet jetzt normal. Heut Nacht bleibt er hier bei mir. Ich hab Nachtdienst – ich schau nach ihm, das versprech ich dir.“ Es folgten noch einige Worte über den Zustand, doch Anna hörte kaum zu. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen und weinte.
Felix legte ihr eine Hand auf die nasse Schulter. „Hey, Anna. So wie damals im Schulgarten, als dieser Rüpel dir die Bücher geklaut hat – weißt du noch? Ich hab sie zurückgeholt. Und du hast mich dafür mit deinem halben Pausenbrot bezahlt.“ Er grinste müde.
Anna lachte widerwillig auf. Sie wusste, dass Felix sie nie hängen ließ. Er hatte sie stets beschützt. Ihre Eltern – der Vater vor zwei Jahren gestorben, die Mutter trank seitdem noch mehr, wenn das überhaupt möglich war. Felix wusste, wie es Zuhause aussah. Und er sorgte sich.
„Jetzt fahr nach Hause und zieh dich um. Deine Mutter wird sonst wieder ausrasten“, mahnte er sanft.
Anna nickte und ging. Felix sah ihr nach, bis die Tür ins Schloss fiel.
Die nächsten Tage verbrachte die Katze in der Klinik. Anna kam jeden Morgen vor der Uni vorbei. Das Tier war scheu, drückte sich in die Ecke und zitterte, wenn jemand den Käfig öffnete. Nur bei Anna und Felix entspannte es ein wenig. Ein knochiger Kater mit grau-rotem, struppigem Fell. Die Pfote hatte einen alten Bruch, der schlecht verheilt war. Und das Herz – Felix hörte ein Geräusch, das ihm Sorgen machte.
„Wenn du ihn behalten willst, musst du wissen: er wird nie ein Reisender. Das Herz hält keinen Stress aus. Flugreisen wären lebensgefährlich“, erklärte Felix eines Abends.
Anna zuckte mit den Schultern. „Wohin soll ich schon fliegen? Ich bin froh, wenn mein Golf überhaupt noch bis zur nächsten HU durchkommt.“ Sie kraulte den Kater hinterm Ohr, und er ließ ein erstes, brüchiges Schnurren hören. Von da an war er bei ihr. Sie nannte ihn Miko, weil einer seiner Kieferzähne so schief abgebrochen war, dass es aussah, als würde er immer ein bisschen grinsen.
Ihre Mutter Christa reagierte wie erwartet. „Hoffentlich bezahlst du das Futter selber. Ich hab ja eh nix übrig.“ Sie saß mit einer Flasche billigem Kräuterlikör vor dem Fernseher und ließ ihren Blick nicht von der Glotze nehmen.
Anna schwieg. Sie hatte gelernt, solche Sticheleien zu ignorieren. Stattdessen zog sie sich in ihr kleines Zimmer zurück, wo Miko bereits auf ihrem Kopfkissen saß. Es war, als hätte sie zum ersten Mal einen Grund, gern nach Hause zu kommen.
Zwei Jahre später. Anna hatte ihren Bachelor in der Tasche und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, während sie auf eine Festanstellung als Übersetzerin hoffte. Felix’ Praxis lief gut, er hatte zwei neue Mitarbeiter und arbeitete oft bis spät in die Nacht. Aber jeden Dienstagabend trafen sie sich bei ihm zum Abendessen, mit Miko auf dem Schoß, der inzwischen ein richtiger Pascha geworden war.
Eines Tages bekam Anna einen Lieferauftrag für ein großes Handelsunternehmen in der Innenstadt. Sie betrat das gläserne Bürogebäude und übergab der Sekretärin das Päckchen. Gerade als sie gehen wollte, stürzte aus dem Chefbüro ein Mann um die vierzig, das Hemd am Kragen offen.
„Ist hier irgendwer, der Englisch und Französisch kann? Sofort! Unsere Simultananlage ist ausgefallen und die Delegation aus Brüssel sitzt im Konferenzraum!“
Die Sekretärin hob ratlos die Schultern, doch Anna trat einen Schritt vor. „Ich kann beides. Ich hab einen BA in Übersetzungswissenschaften und mein Französisch ist fließend. Ich hab in Paris ein Praktikum gemacht.“ Das stimmte nicht ganz – das Praktikum war abgesagt worden – aber in dem Moment war es ihr egal.
Der Mann sah sie an, musterte ihr abgewetztes Poloshirt und den Pizzakarton-Stempel auf der Lieferbox unter ihrem Arm. Dann grinste er. „Na dann mal los. Wir haben zwanzig Minuten. Kommen Sie mit. Na, das nenn ich Timing!“
So lernte sie Simon Lehmann kennen.
Simon war charmant, direkt und in einer Liga, von der Anna nie geträumt hätte. Er zahlte ihr ein Honorar für den Einsatz, das ihrem halben Monatslohn als Fahrerin entsprach. Kurze Zeit später bot er ihr eine Stelle als persönliche Assistentin an. Anna sagte zu. Sie kündigte bei der Paketfirma, kaufte sich zwei taugliche Blusen und lernte binnen Wochen den Slang der internationalen Handelsbranche.
Simon und sie kamen sich schnell näher. Er lud sie zu Geschäftsessen ein, anschließend in eine Weinbar mit Rheinblick. Er sprach von Partnern in London, von einer Villa in Hampstead. Anna schwebte auf Wolken.
Felix beobachtete es mit gemischten Gefühlen. „Du bist so anders in letzter Zeit, Anna. Ich seh dich kaum noch. Passt der neue Job so?“
Sie lächelte und zupfte an ihrem neuen Seidenschal. „Felix, es ist alles perfekt. Ich hab noch nie so viel in so kurzer Zeit gelernt. Und Simon… er ist unglaublich. Älter, ja, aber das zählt nicht. Er will seine Firma nach London verlagern. Und weißt du, er will mich mitnehmen!“
Felix nickte langsam. Sein Gesicht verlor etwas Farbe, aber Anna merkte es nicht. Sie redete weiter, von der neuen Wohnung, vom Visum, von all den Möglichkeiten. Sein Herz krampfte sich zusammen. Er hatte sich schon tausendmal vorgenommen, ihr zu sagen, was er fühlte. Aber er konnte es nicht. Lieber wollte er sie als Freundin behalten, als sie ganz zu verlieren.
Drei Tage vor dem geplanten Flug saß Anna bei Felix auf dem Sofa. Miko schlief auf ihrem Schoß.
„Felix, es gibt da ein Problem. Miko kann nicht mit. Er hält keinen Flug aus, hast du selber gesagt. Und Simon hat eine starke Allergie. Er hat mir klipp und klar gesagt: das Tier geht nicht. Ich hab versucht zu diskutieren, aber… er meinte, er wird nicht sein Leben lang Tabletten futtern wegen einem Köter – oder so ähnlich hat er’s gesagt. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Bei meiner Mutter kann ich ihn nicht lassen, die vergisst sogar, die Wohnungstür zuzumachen. Und er geht zu keinem Fremden, das weißt du.“ Ihre Stimme brach.
Felix sah auf den schlafenden Kater, dann auf Anna. In seinem Kopf schrien alle Sirenen. Er wollte sagen: Bleib. Bleib bei mir. Aber stattdessen hörte er seine eigene Stimme unnatürlich ruhig: „Dann lass ihn bei mir. Er kennt mich, er fühlt sich bei mir sicher. Ich hab ihn damals mit durchgebracht, ich kann ihn auch jetzt behalten. Mach dir keine Sorgen. Du musst deinen Weg gehen, Anna. Wenn du glücklich bist, dann… dann bin ich es auch.“ Er log in diesem Moment, und das Lügen fühlte sich an wie ein zweites, kälteres Herz in seiner Brust.
Anna starrte ihn an. Seine Augen sahen plötzlich so aus, als würden sie gleich überlaufen, aber sie schob es auf den langen Kliniktag. Sie umarmte ihn fest. „Du bist der Beste, Felix. Ohne dich weiß ich gar nicht, wie ich das geschafft hätte.“ Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und ging.
Der letzte Abend in Köln. Felix packte Mikos Kratzbaum und das Lieblingskissen in sein Auto. Sie standen vor der Haustür, der Kiez war ruhig, irgendwo hinter den Plattenbauten bellte ein Hund.
„Na, Anna, Zeit für den Abschied“, sagte Felix mit gespielter Fröhlichkeit. Miko saß in der Transportbox und starrte ihn an, als wüsste er genau, was passierte.
Anna weinte. „Ruf an, okay? Und schick mir Fotos von Miko. Und vergiss nicht—“
„Ich vergesse dich nicht, Anna“, unterbrach Felix leise. Er nahm die Box und ging, ohne sich umzudrehen, die Treppe hinauf zu seiner Wohnung.
Anna stand allein im Treppenflur des Mietshauses. Der Regen, der vor zwei Jahren die Rettung begleitet hatte, fiel nun wieder. Sie zog ihren Mantel fester und ging zum Wagen.
Am nächsten Morgen Terminal 1 des Flughafens Köln/Bonn. Simon trug einen eleganten Mantel und kontrollierte zum zweiten Mal die Bordkarten. „Komm, Schatz, das Gate ist schon offen. Du siehst so traurig aus. Hat es mit dem Kater zu tun? Ach, in London kaufen wir schöne Aquariumsfische, wenn dir das hilft. Hauptsache kein Fell.“ Er lachte.
Anna zwang sich zu einem Lächeln. Sie schob den Trolley durch die Sicherheitsschleuse, durch den Duty-Free-Bereich, vorbei an Parfümwolken und Schokolade. Vor dem Gate blieb sie stehen. Die Leute stellten sich in der Schlange an. Ein Kind schrie, eine Durchsage hallte.
Felix’ Worte vom Vorabend klangen in ihrem Kopf, nicht als Erinnerung, sondern wie ein Echo, das lauter wurde: „Dann lass ihn bei mir… Du musst deinen Weg gehen…“ Und darunter, kaum hörbar, das, was er nie ausgesprochen hatte. Aber sie kannte ihn. Sie kannte seinen Blick, als er ging, ohne sich umzudrehen.
„Simon, warte.“ Sie blieb stehen, der Trolley ruckte.
Simon drehte sich um. „Was ist? Wir müssen durch, die rufen gleich auf.“
„Ich kann nicht“, sagte Anna, und ihre Stimme klang erst brüchig, dann fester. „Ich kann nicht fliegen. Ich kann nicht mitkommen. Es tut mir leid – es tut mir so unendlich leid. Aber ich gehöre nicht nach London. Ich gehöre nach Hause. Zu Miko. Und zu dem Mann, der mein halbes Leben an meiner Seite stand und den ich die ganze Zeit übersehen habe, weil ich zu geblendet war von einem Traum, der gar nicht meiner ist.“ Sie drückte ihm die Bordkarte in die Hand.
Simon runzelte die Stirn, dann lachte er kurz auf, ein Ton zwischen Verblüffung und Belustigung. „Du meinst den Tierarzt? Bist du dir sicher? Weil, das ist eine Riesenchance…“ Er machte eine Pause, als wäre er kurz beleidigt, aber dann zuckte er die Achseln. „Na gut, wenn das deine Entscheidung ist. Ich werd meine Assistentin eben in London suchen müssen. Mach’s gut, Anna.“ Er winkte, drehte sich um und ging durch das Gate, ohne sich umzudrehen.
Anna sah ihm nach, bis die Glastür sich schloss. Dann atmete sie aus, ein langer, befreiender Atemzug. Sie ging durch das Terminal zurück, vorbei an den Sicherheitsleuten, durch die Ankunftshalle zu den Taxis. Der Regen hatte aufgehört.
Felix saß auf dem Teppich, Miko lag halb auf seinem Schoß und starrte die Tür an, als erwarte er jemanden. „Alles wird gut, Kumpel. Wir kommen schon klar. Ich hab ihn ja nie gesagt, was Sache ist. Aber das ist meine Schuld. Ich hätte einfach reden sollen…“ Er streichelte den Kater.
Da klopfte es.
Felix stand auf, öffnete die Tür. Anna stand im Hausflur, die Haare noch vom Regen nass, das Gesicht verweint, aber sie lächelte. „Ich hab den Flieger verpasst. Und ich glaub, ich hab vor zwei Jahren auf deiner Geburtstagsparty dringend was überhört. Felix, was wolltest du mir damals sagen?“
Er lehnte im Türrahmen, schluckte, dann trat er einen Schritt vor. Miko kam aus der Wohnung geschossen und strich um Annas Beine.
Felix atmete tief durch. „Ich wollte dir damals sagen, dass ich dich liebe. Nicht erst seit gestern. Seit ich denken kann. Und ich wollte dich bitten zu bleiben. Aber du warst so glücklich, da konnt ich nicht. Also hab ich geschwiegen.“ Seine Stimme war rau.
Anna nahm sein Gesicht in beide Hände. „Dann sage ich es jetzt: Ich bleibe. Und ich liebe dich auch. Ich hab es nur erst begriffen, als ich am Gate stand und gemerkt habe, dass ich nirgendwo hinwill, wo du nicht bist. Und Miko natürlich auch.“ Sie küsste ihn, und es war kein Kuss auf die Wange.
Miko miaute laut, als wäre ihm die ganze Sentimentalität unangenehm, und stolzierte zurück auf sein Kissen.
Felix lachte, nahm Annas Koffer und stellte ihn in die Wohnung. Sie schloss die Tür hinter sich.
Draußen begann die Sonne durch die Wolken zu brechen, und in der Küche schaltete sich mit einem leisen Summen die Kaffeemaschine ein, als ob auch sie wüsste, dass dieser Tag ein neuer Anfang war.












