Sie kam an einem Dienstag im März zum ersten Mal. Graue Haare, ordentlich geschnitten, eine Stofftasche mit einem Thermoskrug darin. Kein Blumenstrauß, keine Pralinen für das Personal. Nur diese Tasche und ein Gesicht, das aussah wie jemand, der sich verirrt hat und zu stolz ist, nach dem Weg zu fragen.
Ich heiße Verena und arbeite seit elf Jahren in der Kinderklinik Sankt Hedwig in Freiburg. Meine Schicht begann um sechs Uhr morgens, und an jenem Dienstag war die Station voll belegt. Vierzehn Brutkästen, vierzehn winzige Wesen, die an Schläuchen und Kabeln hingen. Ich notierte gerade die Sauerstoffsättigung von Bett sieben, als Schwester Claudia mich am Ärmel zupfte.
„Die Neue ist da. Die von der Freiwilligenagentur.“
„Jetzt schon? Es ist halb acht.“
„Sie stand um halb sieben vor der Tür. Mit Kuchen.“
Ich drehte mich um. Am Eingang der Station stand eine Frau um die siebzig, vielleicht jünger, vielleicht älter — das war schwer zu sagen bei dem Licht. Sie hielt eine Tupperdose mit Apfelkuchen vor sich, wie eine Bittstellerin beim Zoll.
„Ich bin zu früh, ich weiß“, sagte sie. „Konnte nicht schlafen.“
Ich führte sie in den Aufenthaltsraum, zeigte ihr den Spind, die Umkleide, das Desinfektionsprotokoll. Sie hörte zu wie jemand, der eine Gebrauchsanweisung für ein Flugzeug auswendig lernt. Jede Bewegung, jeder Handgriff: erst die Hände, dann die Unterarme, dann die Handgelenke, dreißig Sekunden, nicht weniger.
„Haben Sie das schon mal gemacht?“, fragte ich.
„Was?“
„Ein Kind halten, das kleiner ist als eine Packung Mehl.“
Sie sah mich an und schwieg einen Moment. Dann nahm sie den Thermoskrug aus der Tasche, schraubte ihn auf und goß Tee in den Becher. Das war alles. Keine Antwort, nur Tee. Ich weiß noch, dass es nach Fenchel roch.
An diesem Vormittag hatte ich kaum Zeit, mich um sie zu kümmern. Bett zwölf musste neu intubiert werden, bei Bett drei hatte sich der Zugang entzündet, und die Eltern von Bett neun standen im Flur und weinten. So ist das auf einer Frühchenstation im März: Die Grippewelle drückt die Schwangeren in die Kreißsäle, und wir haben mehr Kinder, als die Station erlaubt.
Die Frau mit dem Fencheltee saß derweil auf dem Stuhl neben einem Inkubator. Sie hatte die Hände flach auf die Plastikhaube gelegt, als wollte sie das Kind durch die Wand wärmen. Ich ging hin.
„Das ist ein Mädchen. Siebenhundertzwanzig Gramm. Die Mutter hat noch vier Kinder zu Hause in Lörrach, sie schafft es nur zweimal die Woche her.“
„Wie lange liegt sie schon da?“
„Elf Tage.“
Die Frau nickte. Ich sah, wie ihre Lippen sich bewegten, aber sie sagte nichts. Erst später, als ich die Monitore kontrollierte, hörte ich durch das Summen der Geräte ihre Stimme. Ein Name. Sie gab dem Kind einen Namen. Nicht laut, nicht offiziell — so wie man einen Kosenamen summt, damit jemand nicht vergisst, dass er gemeint ist.
In den folgenden Wochen kam sie zweimal pro Woche. Dienstags und freitags, immer mit dem Bus Linie 14 bis zur Haltestelle Klinikum, immer zehn Minuten vor Schichtbeginn. Sie brachte Mandarinen mit — „für das Personal, für die Nerven“ — und ein Schulheft, in das sie etwas notierte. Einmal ließ sie es offen auf dem Tisch liegen. Ich schaute nicht hinein, ich schwöre es. Aber ich sah die Überschrift: „Was ich im März gelernt habe.“
Bis heute weiß ich nicht, was in diesem Heft stand. Vielleicht ist das auch besser so.
Ich habe in diesen Wochen etwas über sie gelernt, Stück für Stück, durch Gespräche im Aufenthaltsraum, wenn die Station ruhig war und der Kaffee durchgelaufen war. Ihr Mann war vor sechs Jahren gestorben, an einem Samstagmorgen im November. Sie wohnt allein in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Wiehre, die Küchenwand ist voller Rezepte, die niemand mehr nachkocht. Ihr Sohn wohnt in Hamburg, er hat zwei Kinder, und seit Januar hat er nicht mehr angerufen. Einmal sagte sie beiläufig: „Ich war dreißig Jahre lang diejenige, die kam. Jetzt bin ich diejenige, die wartet.“ Dann stand sie auf und spülte ihren Becher aus, als hätte sie das Wetter beschrieben.
Ich bin zweiundvierzig und habe keine Kinder. Das hätte ich ihr sagen können, aber ich ließ es. Manche Sätze sind keine Brücken, sondern Messer, und man weiß erst beim Gegenüber, ob es hält.
Das Mädchen mit dem heimlichen Namen wuchs. Aus siebenhundertzwanzig wurden achthundertfünfzig, dann tausendzwanzig. Eines Freitags, Mitte Mai, kam die Mutter zum ersten Mal, während die Ehrenamtliche da war. Eine junge Frau, müde, die Haare fettig, ein Kinderwagen mit schlafendem Säugling im Flur geparkt. Sie stand vor dem Brutkasten und schaute hinein, aber sie berührte nichts.
Die alte Frau stand zwei Meter daneben. Schweigend. Hände in den Taschen ihres Baumwolljäckchens.
Ich hörte, wie die Mutter zu einer anderen Schwester sagte: „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Vier Kinder und dann das hier. Mein Mann arbeitet Schicht bei der Post, wir haben niemanden, der nimmt die anderen.“
Ich sage das nicht, um sie zu verurteilen. Ich sage es, weil es die Wahrheit ist: Nicht jede Mutter kann ihr Kind auf die Brust legen, wenn zu Hause drei andere weinen. Und nicht jede Frau, die ein Kind hält, muss es geboren haben.
An jenem Freitag, als die junge Mutter längst wieder gegangen war, saß die Ehrenamtliche in einer Ecke der Station und hielt das Neugeborene im Tragetuch. Das Kind war endlich stabil genug für die Känguru-Pflege, und sie war die Erste an diesem Morgen, die es auf der Brust tragen durfte. Ich weiß noch, wie ich den Brutschrank kontrollierte und zufällig hinsah. Sie hielt das Kind mit einer Kraft, die nicht von den Armen kam.
Der kleine Körper lag auf ihrer Haut. Ihre Augen waren geschlossen. Wir sagten alle nichts, weil man in solchen Momenten nichts sagt. Man lässt die Monitore ticken.
Gegen zwölf kam ihr Handy zum ersten Mal zum Klingeln. Sie zog es aus der Tasche, schaute auf das Display, drückte das Gespräch weg. Zehn Minuten später klingelte es wieder. Wieder weggedrückt. Beim dritten Mal entschuldigte sie sich, gab mir vorsichtig das Kind und ging in den Aufenthaltsraum. Ich konnte nicht anders, ich hörte ihre Stimme durch die Tür. Nicht laut, nicht aufgebracht — diese Stimme macht nie aufgebracht. Aber ich hörte den anderen am Apparat.
„Du musst das verstehen, Mama. Wir schaffen das anders. Die Kinder haben jetzt ihre eigenen Freundeskreise. Und ich hab nicht jedes Wochenende Zeit, mit dir zu diskutieren, warum wieder keiner vorbeikommt.“
Sie antwortete kaum. Nur ab und zu: „Ja.“ Dann: „Das verstehe ich.“ Dann: „Ich bin gerade beschäftigt.“ Und dann, nach einer Pause: „Ich melde mich morgen. Ich muss zurück. Ich tröste gerade jemanden, der auf mich angewiesen ist.“
Als sie aus dem Aufenthaltsraum kam, hatte sie denselben Gesichtsausdruck wie am ersten Tag — nur dass jetzt alles, was sie trug, von innen kam. Sie setzte sich wieder, nahm das Kind wieder auf, und ich sah, wie ihre Nasenflügel sich weiteten. Ein einziges Mal. Dann war Ruhe.
Wir haben ihr nie gesagt, dass wir das Gespräch gehört haben. Manche Dinge sind wie das Heft: Man darf wissen, dass es sie gibt, aber man schlägt sie nicht auf. Am Dienstag, dem zehnten Mai, bekam das Mädchen endlich einen offiziellen Namen, eingetragen in die Akte und auf das Namensschild am Wärmebett. Und wissen Sie, was der Witz ist? Der Name, den die alte Frau dem Kind gegeben hatte — sie hat ihn nie laut ausgesprochen, nur an das Glas gehaucht, in diesen endlosen Märzstunden am Brutkasten — stand nicht in der Akte. Aber derselbe Klang, dieselbe erste Silbe. Sagt mir nicht, das sei Zufall. Ich war elf Jahre lang auf dieser Station, und ich weiß, welche Dinge einen Sinn ergeben, auch wenn niemand ihn erklären kann.
Ich habe die alte Frau seit September nicht mehr gesehen. Die kleine Patientin wurde entlassen, als sie zweieinhalb Kilo wog. Die Mutter holte sie ab, mit einem neuen Autositz und einer Nachbarin, die die anderen Kinder hütete. Es war ein kalter Morgen, und im Flur roch es nach Desinfektionsmittel und nassem Laub.
Die alte Frau stand am Fenster und schaute zu, wie die junge Mutter den Maxi-Cosi in den alten Opel hob. Sie weinte nicht. Sie drehte den Ehering an ihrem Finger, den sie immer noch trug, und sagte leise: „Jetzt hat sie eine Chance. Das ist mehr, als manche bekommen.“
Dann nahm sie ihre Stofftasche, in der jetzt ein winziges Paar Socken lag, das sie selbst gestrickt hatte, und ging. Bevor sie in den Bus stieg, drehte sie sich noch einmal um und winkte — nicht mir, nicht dem Auto, vielleicht dem ganzen Gebäude, vielleicht allem, was darin lag.
Ich habe sie nicht gefragt, ob sie wiederkommt. Manche Fragen stellt man nicht, weil man die Antwort nicht erträgt. Aber gestern lag in unserem Pausenraum ein Korb mit Mandarinen. Auf dem Zettel stand nur ein Datum: der fünfzehnte März. Und darunter, in krakeliger Schrift: „Für die Kinder. Von jemandem, der noch kann.“












