Blinde Löwin stirbt nach zwölf Jahren mit ihren Töchtern – der Tierpfleger von Serengeti-Park Hodenhagen erzählt

Ich arbeite seit achtzehn Jahren mit Großkatzen. Ich habe Löwen kommen und gehen sehen, ich habe Verletzungen behandelt, Geburten begleitet, Kämpfe getrennt. Aber was dieses halbblinde Weibchen mit ihren zwei Töchtern abgezogen hat, das hat selbst die alten Kollegen sprachlos gemacht.

Sie hieß Zuri. Vor zwölf Jahren kam sie aus einem Zuchtprogramm in Rotterdam zu uns. Ein kräftiges Tier, gute Mähnen-Genetik, ruhiger Charakter. Die ersten Jahre war sie die Chefin im Gehege. Dann, vor sechs Jahren, bemerkten wir morgens bei der Fütterung, dass sie nicht mehr reagierte, wenn wir das Futter von rechts brachten. Der Tierarzt stellte beidseitigen Grauen Star fest. Bei einem wilden Löwen wäre das ein Todesurteil. Bei einem Zootier bedeutet es Enge, Unsicherheit – und die Frage, was die anderen tun.

Die zwei Töchter, Nala und Jara, waren damals gerade erwachsen geworden. Keiner von uns hat erwartet, was dann passierte. Normalerweise übernehmen junge Weibchen entweder die Führung oder verlassen das Rudel. Diese beiden taten etwas Drittes: Sie blieben bei der Mutter und teilten sich auf.

Nala ging voraus. Immer denselben Weg: vom Schlafplatz zum Wasserbecken, vom Wasserbecken zur Futterstelle. Zuri hielt den Kopf etwas schräg, folgte den Schritten, und wenn der Boden uneben wurde, blieb Nala stehen und wartete. Jara übernahm die Rückseite. Sie drängte die Mutter sanft mit der Flanke, wenn diese zu weit nach links abkam. Bei Gefahr – so nannte ich es jedenfalls – stellte sich Jara zwischen Zuri und die jüngeren Tiere, die zu stürmisch spielten. Kein Knurren, kein Pfotenhieb. Nur ein breiter Körper, der den Weg abschirmte.

Das Merkwürdigste war die Jagd. In der Anlage bekommen die Löwen ganze Beutetiere, Kaninchen, Geflügel, manchmal ein Stück Damwild. Nala und Jara fraßen nie sofort. Sie zerrten die größten Stücke zur Mutter hin. Einmal beobachtete ich, wie Jara ein halbes Kaninchen neben Zuris Vorderpfoten fallen ließ und dann ein Stück zurückwich, als wolle sie sagen: Es ist deins.

Im Dezember, bei der monatlichen Kontrolle, stellte der Tierarzt eine Niereninsuffizienz fest. Das Alter eben. Wir rechneten noch mit einem halben Jahr, vielleicht einem Jahr. Zuri wurde ruhiger, schlief länger. Nala blieb jetzt fast den ganzen Tag bei ihr. Nur zum Trinken ging sie weg, kam aber schneller zurück als früher.

Vor vier Wochen lag Zuri morgens nicht mehr im Stroh, sondern draußen an der Mauer, neben dem großen Heizstrahler. Nala hatte sich so davorgestellt, dass der Wind von der Mutter abgehalten wurde. Es waren minus drei Grad. Die anderen Löwen standen am Futtertrog, aber Nala und Jara warteten. Erst als Zuri einen Laut von sich gab – ein tiefes, raues Schnaufen –, bewegte sich Jara zum Futter und brachte ein Stück zurück.

Am Mittwoch der vergangenen Woche fand Revierpfleger Marian sie im hinteren Teil des Geheges. Es war klar, dass es zu Ende ging. Wir entschieden, keinen Transport zu machen. Keinen Tierarzt mit Spritzen, kein Aufscheuchen. Zuri sollte an dem Ort bleiben, den ihre Töchter ihr die letzten Jahre gezeigt hatten.

Um kurz nach sechs, während die Besucher längst gegangen waren und draußen nur das Brummen der Lüftung zu hören war, ist sie gestorben. Marian war dabei, ich auch. Nala lag einen Meter entfernt, den Kopf auf den Pfoten. Jara saß aufrecht daneben und rührte sich nicht. Kein Heulen, kein Kreisen. Nur Warten.

Was man in keinem Bericht liest: Nala hat zweimal den Kopf gehoben und in Richtung des alten Schlafplatzes gesehen, als ob sie auf ein Zeichen warten würde, dass die Mutter aufsteht. Dann hat sie den Kopf wieder abgelegt.

Nach etwa einer Stunde haben wir den Leichnam aus der Anlage geholt. Es musste sein, der Boden war zu hart zum Graben, und ein Kadaver würde die anderen Tiere zu sehr erregen. Wir benutzten dieselbe Trage, auf der wir kranke Löwen transportieren. Die Töchter blieben ruhig. Das war vielleicht das Schwerste: wie normal es aussah.

Am nächsten Morgen habe ich sie nicht sofort gefüttert. Ich habe die Schüssel mit dem Fleisch außen neben den Zaun gestellt und gewartet. Nala ging zum Wasser, trank siebzehn Züge – ich habe nicht mitgezählt, aber es war ungewöhnlich lange. Dann kam sie zurück und blieb am Lieblingsplatz der Mutter stehen, genau an der Stelle, wo der Betonboden von der Sonne gewärmt wird. Jara setzte sich mit dem Rücken zur Mauer. Nach zwei Minuten kamen die anderen Weibchen dazu. Kein Fressen, kein Rangordnungsgerangel. Sie standen nur, als wüssten sie, dass der Platz noch nicht frei ist.

Ich habe dann, ich gebe es zu, zweimal am Zaun geredet. Nicht mit Worten, das wäre Unsinn. Nur so ein Summen, das wir bei Aufregung machen. Die Tiere haben nicht reagiert.

Gestern kam der Bescheid vom Pathologen in Hannover. Nierenversagen, bestätigt. Alterungsbedingt. Das Dokument liegt jetzt bei den anderen Vorgängen im Ordner „Verstorben 2026“, alphabetisch abgelegt, zwischen einem Marderhund und zwei Ziegen. Als ich die Mappe sah, dachte ich: Sechs Jahre haben die Töchter dafür gesorgt, dass du nicht früher da drin gelandet bist.

Ich übernehme diese Woche die Narkoseprotokolle für die Beschau. Es ist Routine. Aber ich mache einen Vermerk im Bestandsbuch, den wir sonst nicht machen: „Zuri, weiblich, 17 Jahre — sechs Jahre Erblindung überstanden, geführt von den Töchtern Nala und Jara.“ Der Leiter des Parks, Herr Feldkamp, hat es abgezeichnet. So eine Formulierung steht in keinem Formular.

Am Zaun hängt jetzt ein Schild, das die Praktikantin geschrieben hat. Darauf steht: „Mutter der Löwen, Schöpferin der Wege.“ Die Wege im Gehege sind noch da. Keiner verändert sie. Nala geht sie jeden Morgen ab, Tritt für Tritt, an der Mauer entlang, dorthin, wo der Beton von der Sonne gewärmt wird, und wieder zurück zum Wasserbecken. Sie braucht den Weg nicht mehr. Aber sie geht ihn trotzdem, jeden Morgen, bevor die ersten Besucher kommen.

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