Ich heiße Margarethe Voss, ich bin seit sechzehn Jahren Tierärztin in der Wildtierauffangstation bei Bispingen, mitten in der Lüneburger Heide. Um diese Uhrzeit rieche ich meinen eigenen Kaffee schon nicht mehr, er steht seit Stunden kalt auf dem Rollwagen neben dem Behandlungstisch. Draußen hupt ein Kleintransporter, der Nachtdienst der Rettungsleitstelle, aber ich rühre mich nicht vom Fleck. Ich habe eine Kittelschürze an, an der noch Kletten von der Wiese hinter dem Gehege hängen, und meine Finger sind steif vom vielen Handschuhwechseln.
Auf dem Edelstahltisch vor mir liegt ein Rehkitz. Ihr Fell ist noch gefleckt, die weißen Tupfen kaum größer als Fingernägel, und ihre Rippen zeichnen sich unter der Decke ab wie die Sprossen einer winzigen Leiter. Vor zwei Stunden ist ihr Herz stehen geblieben. Ich habe ihr die Augen geschlossen, mit dem Zeigefinger, so wie man es bei einem Menschen tun würde, und dann bin ich einfach sitzen geblieben.
Vor vierzehn Tagen hat eine Familie aus Soltau sie am Waldrand gefunden, so erzählte man es mir später am Telefon, zusammengekauert im hohen Gras, angeblich allein, angeblich verlassen. Sie haben sie mitgenommen. Kuhmilch aus dem Supermarkt, ein Körbchen aus dem Baumarkt, Fotos für die Instagram-Seite der Tochter. Die Kollegin von der Unteren Naturschutzbehörde in Soltau hat zwei Wochen lang versucht, die Familie zu erreichen. Ich habe die Aktennotizen gesehen: sieben Anrufe, drei unbeantwortete Nachrichten, einmal ging jemand ran und legte gleich wieder auf. Ein Kollege von uns stand sogar mit dem Auto abfahrbereit vor der Tür, mit Transportbox und allem, aber niemand öffnete.
Als das Kitz endlich bei uns ankam, letzten Dienstag gegen Mittag, war es schon zu spät. Ich weiß das noch genau, weil an dem Tag die Kastanien vor unserem Stationsgebäude schon die ersten braunen Blätter verloren hatten, ungewöhnlich früh für September, und ich dachte noch, bevor das Auto überhaupt hielt: das wird nichts Gutes.
Sie wog viel zu wenig. Der Bauch war aufgebläht, harter Durchfall, die Schleimhäute blass wie Papier. Wir haben Blutbild gemacht, auf Parasiten getestet, auf Kryptosporidien, auf alles, was wir kennen. Infusionen, Schmerzmittel, Antibiotika, Elektrolytlösung alle zwei Stunden, Spezialnahrung mit der Sonde, weil sie selbst nicht mehr saugen konnte. Meine Auszubildende Pia hat zwei Nächte durchgewacht, mit einer Wärmflasche auf dem Schoß, damit die Körpertemperatur nicht abfällt. Wir haben um jeden Atemzug gekämpft. Das Kitz auch. Aber der Darm war schon so geschädigt von der Kuhmilch, dass nichts mehr griff.
Das Bitterste daran: dieses Tier war wahrscheinlich nie verlassen. Rehkitze werden von der Mutter stundenlang allein im Gras versteckt, das ist normal, das ist Überlebensstrategie, kein Notfall. Die Mutter äst in der Nähe und kommt zurück, wenn niemand hinschaut. Wer ein Kitz mitnimmt, trennt es von einer Mutter, die längst wieder da gewesen wäre.
Ich sage das jetzt zum x-ten Mal, obwohl ich weiß, dass es unbequem klingt: Bitte fassen Sie kein Rehkitz an, das allein im Gras liegt. Rufen Sie die Wildtierhilfe oder das Forstamt, lassen Sie sich von einer Fachkraft sagen, ob wirklich Gefahr besteht. Kuhmilch, Babynahrung, gute Absicht — nichts davon ersetzt, was ein Wildtier physiologisch braucht. Und wenn wir Fachleute erst nach zwei Wochen ans Tier dürfen, kämpfen wir oft nicht mehr für ein Leben, sondern nur noch dafür, dass das Ende weniger qualvoll wird.
Ich habe der Familie aus Soltau nie einen Vorwurf gemacht, als ich sie am nächsten Morgen zurückrief, um Bescheid zu geben. Die Frau am Telefon hat geweint. Ich glaube ihr, dass sie das Kitz retten wollte. Ich habe ihr trotzdem gesagt, was ich jetzt hier aufschreibe, weil es wichtiger ist als Höflichkeit.
Bevor ich den Tisch abwische, hole ich aus der Schublade eine kleine Blechdose, in der wir die Ohrmarken für Totgeburten sammeln — Verwaltungskram, den trotzdem jemand erledigen muss. Ich trage Datum und Fundort ein, lege den Zettel zur Seite für den Bericht an die Naturschutzbehörde. Draußen bellt der Stationshund einmal kurz, dann ist wieder Ruhe, nur das Summen der Kühltruhe im Nebenraum.
Ich habe das Kitz in ein Leinentuch gewickelt und in die Kühlkammer gebracht, für die Sektion morgen früh, Routine, damit wir wissen, was wir das nächste Mal noch früher erkennen müssen. Auf dem Rückweg zum Waschbecken bleibe ich am Fenster stehen. Der Himmel über der Heide wird schon grau, kein Sonnenaufgang noch, nur das erste Licht. Ich denke an die Lichtung hinter dem Gehege, wo die Rehe im Frühling ihre Kitze ablegen, und daran, dass dort gerade eines im Gras liegt, unbeachtet, wie es sein soll, mit einer Mutter, die gleich zurückkommt.











