Der letzte Briefkasten

Lotte kannte jedes Geräusch. Das Knirschen der Reifen auf dem Schotterweg, das leise Quietschen der Bremse, das Klappen des Briefkastendeckels und vor allem die Schritte. Die festen, etwas schwerfälligen Schritte von Werner Brandt.

Seit fast neun Jahren wartete die alte Schäferhündin jeden Nachmittag an der Glastür. In der Dachauer Kleingartensiedlung gab es keinen treueren Kunden als Lotte. Sie saß da, die Schnauze dicht an der Scheibe, immer kurz nach halb drei, noch bevor Werners gelber Daimler-Benz T2, Baujahr sechsundachtzig, um die Ecke bog.

Werner war nie einfach nur der Briefträger. Er war der Mann mit dem Leberwurstbrot. Jeden Tag brachte er eine kleine, in Wachspapier gewickelte Scheibe mit. Nicht für die Bewohner des Hauses. Für Lotte. Vom ersten Tag an hatte er sie auf dem Absatz seiner Route eingeplant, die Brotdose immer griffbereit auf dem Beifahrersitz.

„Na, alte Dame? Wieder den ganzen Vormittag auf mich gewartet?“, brummte er dann mit seiner tiefen Stimme, während Lottes Rute in einem langsamen, würdevollen Takt wedelte.

An einem Dienstag im November blieb das vertraute Motorengeräusch aus. Stattdessen fuhr ein silberner VW-Transporter vor, viel zu leise, viel zu schnell. Eine junge Frau stieg aus.

Lottes Ohren stellten sich auf. Sie stand auf, die Nase an der kalten Scheibe. Als die Frau den Kiesweg heraufkam, passten die Schritte nicht. Zu schnell. Zu leicht. Als sie die Post in den Kasten warf und weiterging, ohne auch nur zur Tür zu schauen, ließ sich Lotte schwerfällig wieder auf die Matte sinken. Ihr Schwanz lag still.

Eine Woche verging. Zwei. Jeden Tag stand Lotte um die gleiche Zeit auf und nahm ihren Posten ein. Ihr Blick blieb auf die Straße geheftet, wo die Zypressenhecke die Sicht nahm. Wenn der silberne Transporter kam, hob sie kurz den Kopf. Wenn die junge Frau Post einwarf, sah Lotte durch sie hindurch. Sie wartete auf etwas anderes. Auf jemand anderen. Auf den Geruch von Rasierwasser, Zigaretten und Leberwurst.

Karin, die neue Zustellerin, merkte schnell, dass mit dem Hund etwas nicht stimmte. Sie kannte Lotte nicht, aber sie kannte Werner. Er war ihr Ausbilder gewesen, ein väterlicher Freund. Sie wusste von dem Aneurysma, das ihn an einem freien Samstag einfach aus dem Leben gerissen hatte, ohne Warnung, ohne Abschied. Und sie erinnerte sich an unzählige Geschichten über seine Stammkunden auf der Route. Über Frau Huber und ihren bissigen Papagei. Über den alten Herrn Kunze, der immer einen selbstgebrannten Obstler anbot. Und über Lotte.

„Die klügste Seele auf dem ganzen Bezirk“, hatte Werner gesagt. „Versteht mehr als mancher Mensch. Wenn ich in Rente geh, nehm ich sie mit. Mein Wort drauf.“

An einem regennassen Nachmittag Ende November blieb Karin länger am Gartentor stehen als nötig. Lotte stand wie immer an der Tür, die Tropfen liefen an der Scheibe herunter und verzerrten ihr graues Gesicht. Sie sah nicht die Rechnungen und Werbeprospekte in Karins Hand an. Sie starrte auf die leere Straße.

Karin öffnete das quietschende Gartentor und ging den Weg hinauf, langsamer als sonst. Sie hielt nicht direkt auf den Briefkasten zu, sondern machte einen kleinen Bogen zur überdachten Terrasse, nur wenige Meter von der Glastür entfernt. Im Haus sah sie kurz eine Bewegung – eine Gardine, die wieder zurückfiel, jemand zog sich vom Fenster zurück. Aber sie achtete nicht weiter darauf.

Lotte beobachtete sie ausdruckslos.

Karin hockte sich hin, so dass sie auf Augenhöhe mit dem Tier war, nur das Glas zwischen ihnen. Sie zog den Reißverschluss ihrer wasserdichten Jacke auf und holte etwas heraus. Ein zerknittertes Stück Wachspapier. Darin eingeschlagen, eine Scheibe Leberwurst, etwas trocken an den Rändern.

„Er hat immer von dir erzählt“, sagte Karin leise, mehr zu sich selbst. „Hat gesagt, du bist die Einzige, die nie schimpft, wenn die Post zu spät kommt. Nur wenn das Brot fehlt.“ Sie stockte, wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. „Und heute Morgen dachte ich… keine Ahnung, ob das Quatsch ist. Ich dachte, ich versuch’s einfach mal. Von mir zu dir, alte Dame. Ich bin nicht Werner. Werd’s auch nie sein. Aber ich seh dich hier sitzen. Jeden Tag. Tut mir leid, dass er nicht mehr kommt. Es tut mir so leid, das sagen zu müssen.“ Sie legte das eingewickelte Brot auf das regengeschützte Terrassenbrett und klopfte zweimal sachte gegen die Scheibe. Genau wie Werner es immer getan hatte. Dann drehte sie sich um und ging. Sie wartete nicht und sie schaute nicht zurück.

Am nächsten Tag regnete es nicht mehr, aber die Luft war noch feucht und roch nach nassem Laub. Karin kam etwas später als sonst, der Verkehr am Stachus war zäh gewesen. Als sie um die Zypressenhecke bog, war der gewohnte Platz an der Glastür leer.

Karins Schuh blieb auf dem Kies knirschend stehen. Das Bündel Briefe in ihrer Hand zitterte fast unmerklich.

Dann hörte sie das leise Klirren von Hundemarken. Lotte lag nicht im Haus. Lotte lag auf der Terrasse, direkt auf den kalten Steinplatten, die Schnauze auf den Pfoten. Neben ihr stand eine ältere Frau im Morgenmantel, die Hand auf der leicht geöffneten Türklinke. Graues Haar, wachsame Augen, aber der Mundwinkel zuckte, als versuche sie ein Lächeln.

„Sie müssen Karin sein. Kommen Sie? Nur ganz kurz.“ Die Frau – Gerda – trat einen halben Schritt zurück, machte eine Geste zur Küche. „Ich hab die ganze Zeit… also, ich wollte mich bedanken. Wegen der Leberwurst.“ Sie griff sich an den Hals, nestelte an einer losen Perle ihrer Kette. „Lotte hat sie gefressen. Wissen Sie, das erste Mal seit Wochen, dass sie was zwischen den Mahlzeiten angerührt hat. Ich stand am Küchenfenster – der Kaffee ist übrigens noch heiß, ich setz immer einen auf um die Zeit, aus Gewohnheit. Werner kam ja immer kurz nach halb drei, auf die Minute. Der Kaffee war sein Signal, dass er gleich kommt, und dann… ja.“ Sie brach ab, drehte sich halb weg, räusperte sich. „Ich hab geheult wie ein Schlosshund. Hab’s einfach nicht wahrhaben wollen. Dass er wirklich nicht mehr kommt. Und Lotte und ich, wir haben so getan, als wär nichts. Jeden Nachmittag. Und Sie haben einfach… ohne groß zu fragen.“ Sie zeigte auf den Küchentisch, auf dem eine einfache Porzellantasse stand, der Henkel angeschlagen. „Setzen Sie sich doch. Er war Ihr Freund. Erzählen Sie mir, wie er so war. Wenn er nicht gerade meinen Hund gefüttert hat. Ich hab immer nur ›Moment, Frau Gerda, die Lotte muss erst ihr Brot kriegen‹ gehört, dann das Klappen des Briefkastens, und weg war er. Letztes Weihnachten hat er mir einen selbstgebackenen Stollen von seiner Frau mitgebracht. Zwanzig Mark hat er gewettet, ich könnt ihn in drei Tagen aufessen – hab’s in zweien geschafft. So war er.“ Gerda lachte kurz auf, das Lachen klang brüchig. Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.

Karin, die immer die Schnellste auf ihrer Route war, die nie einen unnötigen Stopp einlegte, zögerte keine Sekunde. Sie trat über die Schwelle, hängte ihre nasse Jacke über den nächsten Stuhl und setzte sich.

Lotte stand auf, streckte sich ausgiebig und trabte hinter den beiden Frauen in die warme Küche, in der es nach frischem Kaffee und nassen Hundehaaren duftete. Sie ließ sich direkt neben Karins Stuhl nieder und legte ihre schwere, graue Schnauze auf Karins Schuh.

Das Posthorn auf Karins Jacke reflektierte das Licht der Küchenlampe. Draußen auf der Terrasse lag noch das zerknüllte Stück Wachspapier, festgehalten von einer leeren Kaffeetasse mit Efeurand, damit es der Wind nicht forttrug.

In den folgenden Monaten entwickelte sich ein neues Ritual. Karin parkte den silbernen VW-Transporter nicht mehr eilig, sondern stellte den Motor ab, atmete einmal tief durch und griff nach dem kleinen Päckchen in der Mittelkonsole. Lotte erwartete sie nun schon an der Terrassentür. Sie wartete nicht mehr auf das alte, gelbe Postauto. Sie wartete auf das leise Surren eines modernen Motors und helle, junge Schritte.

Eines Tages, im April, als die Forsythien gelb leuchteten, brachte Karin einen kleinen Welpen mit, ein aufgewecktes Terrier-Bündel aus dem Tierheim, das ein Zuhause suchte. Nicht für Lotte, aber für Gerda. Oder vielleicht für sie alle drei.

Lotte beschnupperte den quirligen Neuling, gähnte ausgiebig, und legte dann ihre schwere graue Schnauze auf Karins Knie, während der Welpe wie verrückt um den Küchentisch sauste, an den Stuhlbeinen knabberte und die Welt nicht verstand.

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