Der Anruf kam an einem regnerischen Dienstagabend. Katrin Kuhn stand in ihrer Küche in Freiburg und rührte in der Kürbissuppe, als ihr Sohn Jakob mit dieser besonderen Stimme fragte, ob er kurz vorbeikommen könne. Nicht zum Essen, nur um etwas zu besprechen.
Eine halbe Stunde später saß er am Küchentisch, fuhr sich mit der Hand durch die nassen Haare und legte sein Portemonnaie auf den Tisch.
„Mama, leihst du mir dreihundert Euro? Leonie hat morgen Geburtstag. Zwanzig wird sie. Ich will mit ihr in den Europa-Park, nur wir beide. Eintritt, Abendessen, vielleicht ein kleines Armband. Das reicht genau.“
Katrin wischte sich die Hände an der Schürze ab und musterte ihren Sohn. Groß geworden, vierundzwanzig jetzt, Werkstudent bei einem Maschinenbauer in Lörrach. Solide. Kein Junge, der Geld verprasste. Sie wusste, dass Leonie aus Endingen stammte, ein stilles Mädchen mit kurzen blonden Haaren, das bei einer Drogeriekette an der Kasse arbeitete. Höflich, aber irgendwie immer auf dem Sprung.
„Meinst du nicht, sie will mit ihren Freundinnen feiern?“ fragte Katrin und griff nach ihrer Handtasche.
„Sie hat gesagt, sie will nur mit mir feiern. Kein Trubel, keine Besäufnis. Einfach einen Tag, an den sie sich erinnert“, sagte Jakob, und seine Augen leuchteten dabei so hoffnungsvoll, dass Katrin gar nicht anders konnte.
Sie gab ihm die Scheine. „Hier. Aber macht keinen Unsinn, und seid vor Mitternacht zurück. Die Landstraße ist nachts stockdunkel, und bei dem Wetter fährst du mir nicht zu schnell.“
„Versprochen.“ Jakob drückte ihr einen Kuss auf die Wange und war schon an der Tür.
Am nächsten Abend schickte er ihr Fotos. Leonie mit Zuckerwatte vor der Silver Star-Bahn. Zwei Gläser Sekt an einem Bistrotisch mit Kerze. Ein Sonnenuntergang hinter den Achterbahnen, orange und lila, und Leonies Gesicht im Profil, das auf dem Bild fast glücklich aussah. Katrin schrieb zurück: *Genießt den Tag, ihr Lieben.* Und meinte es so.
Sie freute sich für ihren Sohn. Seit der Trennung von Jakobs Vater vor acht Jahren war er der Mann im Haus gewesen, hatte nie geklagt, nie etwas Überzogenes verlangt. Wenn er jetzt verliebt war, dann sollte er das mit vollem Herzen sein.
Gegen halb zwölf hörte sie seinen alten Opel in der Einfahrt knirschen. Jakob kam herein, noch ganz aufgekratzt vom Tag. Er hatte Leonie nach Hause gebracht, sie hatte sich bedankt und ihn auf den Mund geküsst, flüchtig aber echt.
„Und? Hat sie sich gefreut?“ fragte Katrin.
„Mama, du hättest ihr Gesicht sehen sollen. Sie hat das Armband gleich umgemacht und gesagt, es ist das Schönste, was sie je bekommen hat. Ich glaube, sie liebt mich wirklich.”
Er sagte es mit einer solchen Überzeugung, dass Katrin nichts darauf erwiderte. Sie stellte ihm nur einen Teller Suppe hin und sah zu, wie er aß, jung und hoffnungsvoll und voller Zukunftspläne.
Drei Wochen später zerriss dieses Bild in tausend Stücke.
Es war ein Samstag, Katrin kam vom Wochenmarkt zurück. Auf dem Münsterplatz traf sie Franziska, eine ehemalige Klassenkameradin von Jakob. Franziska schob ein Fahrrad neben sich her, ihre kleine Tochter saß im Kindersitz und lutschte an einem trockenen Brötchen. Sie wechselten ein paar Worte über das Wetter, über die exorbitanten Mieten, über dies und das. Und dann, kurz bevor sie sich verabschiedeten, sagte Franziska beiläufig:
„Ach, Frau Kuhn, ich hab neulich die Leonie getroffen. Sie hat so komisch über Ihren Jakob geredet. Nicht böse, aber … na ja.“ Sie zögerte kurz. „Sie meinte halt, dass sie ihn ganz süß findet, aber dass er nicht so richtig ihr Typ ist. Dass sie eigentlich auf ganz andere Männer steht, aber dass der Jakob halt ganz praktisch ist, weil er sich so nett um sie kümmert. Sie hat gesagt, solange nichts Besseres kommt, ist er okay. Klingt blöd, aber ich dachte, vielleicht sollten Sie das wissen.”
Katrin spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Der Henkel der Einkaufstasche schnitt ihr in die Finger. Sie zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Danke, dass du es mir sagst, Franziska. Ich werde mit Jakob reden“, und ging mit steifen Schritten davon. Zu Hause stellte sie die Tasche auf den Küchenboden und setzte sich erstmal hin. Praktisch. Solange nichts Besseres kommt. Die Worte drehten sich in ihrem Kopf wie eine stumpfe Kreissäge.
Sie rief Jakob nicht sofort an. Sondern wartete bis zum Abend. Als er von der Arbeit kam, rußig und müde, schnitt sie ihm eine Scheibe Brot ab und sagte ohne Umschweife, was sie gehört hatte. Nicht wütend, nicht anklagend. Nur traurig.
Jakob starrte sie an. Dann lachte er kurz auf, dieses Lachen, das kein Lachen ist. Er griff nach seinem Handy, als wolle er Leonie sofort anrufen, legte es aber wieder weg. „Das kann nicht sein. Franziska hat sie bestimmt falsch verstanden. Oder sie will nur stänkern. Die mochte Leonie noch nie.”
„Sohn“, sagte Katrin ruhig, „ruf sie an und frag sie. Jetzt gleich. Ich geh solange raus.”
Sie ging in den Garten, setzte sich auf die Bank unter dem alten Apfelbaum und hörte durch das gekippte Küchenfenster Jakobs Stimme, erst ruhig, dann lauter, schließlich brüchig. Zehn Minuten später kam er nach draußen. Sein Gesicht war weiß. Er setzte sich neben sie, ohne sie anzusehen.
„Und?“
Er holte tief Luft. „Sie hat es zuerst abgestritten. Sagte, Franziska spinnt. Und dann, als ich nicht locker gelassen hab, hat sie gesagt: Na und? Was soll das jetzt? Ich bin jung, ich kann doch wohl noch wählerisch sein. Du bist lieb, Jakob, aber schau dich doch mal an. Du verdienst kaum was, dein Auto ist ein Haufen Schrott. Bis du mal richtig Geld hast, bin ich dreißig. Ich will doch mal was erleben. Solange nichts Besseres kommt, passt du doch super. Und das mit dem Armband fand sie wirklich süß.”
Katrin legte den Arm um ihn. Er zitterte, obwohl es noch warm war. „Sie hat mich also nie geliebt“, flüsterte er. „Ich war nur eine bequeme Lösung. Ein Lückenbüßer, bis der Richtige vorbeikommt.”
„Dann war sie nicht die Richtige, Jakob“, sagte Katrin. „Die Richtige hält dich nicht warm, bis was Besseres kommt. Die Richtige weiß, dass du schon das Beste bist.”
Er nickte stumm. In der Nacht hörte Katrin ihn durch die Wand wach liegen, atmen, sich hin und her wälzen. Am nächsten Morgen stand er früh auf, kochte Kaffee und sagte nur: „Es ist vorbei, Mama. Ich hab ihr heut Nacht noch geschrieben, dass sie sich ihren Besseren suchen kann. Ich bin kein Platzhalter.”
Leonie schrieb zurück, dass er das falsch verstanden hätte. Dass sie doch nur Spaß gemacht habe. Dass er sich nicht so anstellen solle. Er antwortete nicht mehr.
Die Wochen danach waren bleiern. Jakob ging arbeiten, aß, was ihm hingestellt wurde, und starrte abends auf den Fernseher, ohne zu sehen, was lief. Katrin sagte nichts, kochte seine Lieblingsgerichte, stellte frische Blumen auf den Tisch. Sie wusste, Worte halfen jetzt nicht.
Dann, kurz vor Weihnachten, rief sein Chef an. Ein größeres Montageprojekt in der Schweiz, Inbetriebnahme einer neuen Fertigungsstraße, sechs Wochen. Ob Jakob Interesse hätte. Er hatte.
Am ersten Abend in Winterthur ging er mit den Kollegen in eine Pizzeria. Und dort, hinter der Theke, stand Klara. Sie hatte kastanienbraune Locken, Sommersprossen auf der Nase und einen polnischen Akzent, der jedes „r“ weich und rund machte. Sie brachte ihm seine Pizza Margherita und fragte, ob er einen Salat dazu wolle. Er wollte keinen, bestellte aber trotzdem einen, nur um sie nochmal an den Tisch zu rufen.
Sie kamen ins Gespräch. Klara studierte eigentlich Innenarchitektur, jobbte abends in der Pizzeria, um über die Runden zu kommen. Sie fragte ihn nicht, was er verdiente und was für ein Auto er fuhr, sondern ob er schon mal in den Alpen gewandert sei. Sie redeten bis Ladenschluss. Er wartete vor der Tür, bis sie Feierabend hatte, und sie liefen durch die verschneiten Straßen, als ob sie nie etwas anderes getan hätten.
Sechs Wochen reichten. Am Tag seiner Abreise fragte er sie, ob sie mit ihm nach Freiburg kommen wolle, nicht für immer, nur für ein Wochenende, nur um seine Mutter kennenzulernen. Klara sagte ja.
Katrin sah die beiden vor der Haustür stehen, den Reif in Jakobs Haaren, Klaras Hand in seiner, und wusste sofort Bescheid. Diesmal war es echt. Man sah es an der Art, wie sie ihn ansah, mit Respekt, mit Freude, mit einem Funken, der sich nicht faken ließ.
Ein Jahr später heirateten sie. Standesamt Freiburg, im Herbstlaub, Klara in einem schlichten cremefarbenen Kleid, Jakob im blauen Anzug seines Großvaters. Katrin weinte nicht, sie strahlte. Beim Sektempfang kam Franziska auf sie zu, drückte ihr kurz den Arm und lächelte wissend.
Vier Jahre später saß Katrin an einem Sonntagnachmittag im Wohnzimmer ihres kleinen Reihenhauses. Klara und Jakob waren zu Besuch, und zwischen ihnen auf dem Teppich baute die zweijährige Emilia einen Turm aus Holzbausteinen, der immer wieder umfiel. Jedes Mal lachte sie, als ob Einstürzen das Schönste auf der Welt wäre.
Jakob brachte den Kuchen herein, selbstgebacken, weil Klara ihm in den letzten Jahren beigebracht hatte, dass man nicht alles kaufen muss. Er stellte die Platte auf den Tisch und sah seine Mutter an.
„Weißt du noch, Leonie?“, fragte er leise, so dass Klara es nicht mitbekam.
Katrin nickte. „Ich weiß noch, was sie gesagt hat. Dass sie was Besseres verdient.”
„Und ich hab’s gefunden”, sagte er. Er sah zu Klara hinüber, die Emilia gerade den kaputten Turm wieder aufbaute. „Nicht mehr und nicht weniger. Genau das, was ich immer gebraucht hab. Ich war nie ein Platzhalter. Ich war nur bei der Falschen.”
Katrin streckte die Hand aus und legte sie auf seine. Draußen begann es zu dämmern, die Straßenlaternen gingen an, und in ihrem Wohnzimmer warf die Lampe einen warmen Kreis aus Licht auf den Teppich, auf die Bauklötze, auf die Familie. Sie sagte nichts mehr. Es gab nichts mehr zu sagen. Der Turm fiel wieder um, Emilia quietschte vor Vergnügen, und Jakob fing an zu lachen, dieses tiefe, entspannte Lachen, das Katrin fast vergessen hatte.
Sie lehnte sich zurück und dachte an den regnerischen Dienstag, an die dreihundert Euro, an den Satz, der alles zerstört und gleichzeitig alles neu gemacht hatte. Manchmal, dachte sie, ist der schlimmste Satz, den man hören kann, das größte Geschenk. Man weiß es nur nicht in dem Moment, in dem er fällt.
Emilia rappelte sich hoch, tapste zu ihr und legte ihr einen Bauklotz in den Schoß, nass vom Sabber und warm von der kleinen Hand. Katrin schloss die Finger darum und hielt ihn fest, als wäre es das Kostbarste, was sie je bekommen hatte. Und irgendwie war es das auch.
Draußen fuhr ein Auto vorbei, die Scheinwerfer strichen über die Wand, dann war es wieder still. Klara summte eine polnische Melodie, Jakob schenkte Tee nach. Und in der Küche, auf der Fensterbank, begann die Adventskerze zu flackern, einmal kurz, ein letztes Zucken, bevor sie ruhig und gleichmäßig weiterbrannte.












