— Es ist so: Da du unfruchtbar bist, habe ich woanders ein Kind gezeugt. Gewöhn dich dran. — Jonas legte die Gabel neben den Teller, als hätte er gerade den Wetterbericht zitiert.
Katharina sagte nichts. Sie blickte auf den Spargel, den sie am Morgen auf dem Wochenmarkt am Isemarkt gekauft hatte. Die Sauce Hollandaise war ihr in fünfundzwanzig Minuten perfekt gelungen. Jetzt war sie kalt.
— Hast du mich verstanden? — Jonas tupfte sich den Mund mit der Stoffserviette ab. — Ich rede wie ein Erwachsener mit einem Erwachsenen. Svenja ist im dritten Monat. Von mir. Und du… na ja, du weißt selbst, woran es liegt.
— Ich habe jedes Wort verstanden, — sagte Katharina. Ihre Stimme war so ruhig, dass sie selbst erschrak.
— Und? Kein Geschrei? Keine Tränen? — Er lehnte sich zurück. — Siehst du, ich wusste es. Nicht mal jetzt kriegst du den Mund auf. Immer diese verdammte Contenance, als wärst du aus dem gleichen Beton wie deine hässlichen Skulpturen.
— Ich denke nur nach, Jonas. Bevor ich antworte, denke ich nach. Ist dir das in elf Jahren nie aufgefallen?
— Dann denk schneller, — er schob den Stuhl zurück. — Ich hab keine Zeit, dir beim Grübeln zuzusehen. Svenja wartet. Sie ist sensibel im Moment, die Schwangerschaft zerrt an ihren Nerven.
Katharina stand auf, ging zum Küchenbüffet und zog die oberste Schublade auf. Zwischen Platzdeckchen und alten Stadtplänen von Kopenhagen lag ein cremefarbener Umschlag. Sie hatte ihn vor zwei Wochen geöffnet, am Tag nach Jonas’ sogenannter Geschäftsreise nach Zürich.
— Was ist das? — fragte er, plötzlich misstrauisch.
— Später, — sie ließ den Umschlag in die Tasche ihrer Strickjacke gleiten. — Fahr erst mal zu deiner Svenja. Freu dich auf das Kind. Wir reden, wenn du bereit bist.
— Ich bin jetzt bereit. — Seine Kiefermuskeln spannten sich.
— Nein, — sie schüttelte langsam den Kopf. — Jetzt bist du nur bereit zu brüllen. Und brüllen kannst du in der Elbe-Hafencity genauso gut wie hier in Eppendorf.
—
Drei Tage später. Die Kneipe hieß «Zum blauen Aal», lag in einer Seitenstraße hinter der Reeperbahn, und die Wirtin hieß Fritzi. Sie stand hinterm Tresen und polierte Gläser, während Katharina ihr gegenübersaß und in einem Matjesbrötchen stocherte.
— Spinne ich oder hast du gerade gesagt, er hat dir das beim Abendessen serviert wie einen verdammten Nachtisch? — Fritzi knallte ein Glas so hart auf die Theke, dass der Stiel abbrach.
— Sauce Hollandaise war noch warm, — sagte Katharina. — Die habe ich richtig gut hingekriegt.
— Katharina! — Fritzi beugte sich vor. — Der Mann erzählt dir, er hat eine andere geschwängert, und du redest von Sauce Hollandaise?!
— Soll ich heulen? — Katharina zuckte mit den Schultern. — Ich arbeite jeden Tag mit Grundrissen. Wenn du den falschen Strich ziehst und in Panik verfällst, wird der ganze Bau instabil. Also: nachdenken, planen, handeln.
— Und dein genialer Plan war…?
— Erst die Fakten, — Katharina legte den Umschlag auf den Tresen, glatt strich sie ihn. — Vor sechs Wochen hab ich ihn endlich überredet, dass wir beide zum Arzt gehen. Er hat sich geweigert, zusammen. Wollte allein. Männerehre. Ist dann zweimal hin, aber die Ergebnisse hat er nie abgeholt. Zu busy mit Svenja.
Fritzi nahm den Umschlag, zog den gefalteten Bogen heraus, las. Las nochmal. Ihre Augen wurden immer größer.
— Moment. Das ist sein Spermiogramm. — Sie ließ das Papier sinken. — Der Mann hat gar keine beweglichen Spermien. Null. Der zeugt nicht mal einen Löwenzahn.
— Genau, — sagte Katharina leise. — Er ist unfruchtbar, Fritzi. Nicht ich.
Ein paar Sekunden Stille, nur das Klirren der Gläser im Spülbecken.
— Warum hast du ihm das nicht sofort auf den Tisch geknallt?! — Fritzi schlug mit der flachen Hand auf das Papier. — Direkt ins Gesicht! Mit Schwung!
— Weil ich wissen wollte, von wem das Kind ist, — sagte Katharina. — Wenn Jonas nicht der Vater sein kann, dann belügt Svenja ihn. Oder er sie. Oder es ist alles noch viel schmutziger, und ich will wissen, wie tief die Grube ist, bevor ich jemanden reinfallen lasse.
— Du bist eiskalt, wenn du ruhig bist. Weißt du das?
— Ich bin nicht kalt. — Katharina griff endlich nach ihrem Bier. — Ich bin nur nicht hysterisch. Hysterisch sind diejenigen, die Angst haben. Und ich habe keine Angst. Ich habe eine Quittung.
—
Jonas rief jeden Tag an, Katharina ging nicht ran. Irgendwann schrieb er eine SMS, dass er noch seine Laptoptasche und die alte Lederjacke aus der Wohnung brauche. Sie antwortete mit einer Adresse: ihr Atelier im Betonwerk in Wilhelmsburg.
Er kam an einem Dienstagabend, kurz vor Feierabend. Das Atelier war ein ehemaliger Fabrikraum mit Glasfront zum Hafenbecken. Überall standen Gussformen und Modelle — Katharina entwarf Stadtmöbel für den öffentlichen Raum. Brunnen, Sitzbänke, Skulpturen. Dinge, die bleiben.
— Was willst du mir hier zeigen? — Jonas trat ein, die Hände in den Taschen. — Soll ich staunen, was aus Beton alles möglich ist?
— Setz dich, — sagte sie, ohne von ihrem Zeichentisch aufzublicken. — Es dauert nicht lange.
— Ich hab nicht ewig Zeit. Svenja hat heute diesen Kurs, Atemübungen für Schwangere. Sie will, dass ich dabei bin.
— Natürlich will sie das. — Katharina legte den Bleistift hin. — Weißt du, was mich am meisten an dir verletzt hat, Jonas? Nicht die andere Frau. Nicht mal das Kind, das du mir unter die Nase gerieben hast. Sondern diese Herablassung. Dieses «Du Arme, du kannst ja nichts dafür, dass du kaputt bist». Bei jedem Abendessen, jedem Familientreffen, jedem Besuch bei deinen Eltern. Elf Jahre lang hast du mich angesehen wie einen Fehlkauf.
— Jetzt fang nicht mit Gefühlen an. — Er verzog das Gesicht. — Ich hab mich weiterentwickelt, du nicht. So läuft das Leben.
— Dann lass uns über Entwicklung reden, — sie stand auf und griff in ihre Tasche. — Du hast vor sechs Wochen eine Probe abgegeben im Zentrum für Reproduktionsmedizin am UKE. Weißt du noch?
Er erstarrte kurz.
— Ja, und? War doch nur Routine, um zu beweisen, dass es an dir liegt.
— Bewiesen hat es was, — Katharina zog den cremefarbenen Umschlag hervor und legte ihn auf die Zeichnung eines Brunnens, an dem sie seit Monaten arbeitete. — Nur nicht das, was du dachtest. Lies. Laut. Ich will es mit deiner Stimme hören.
— Was soll das, verdammt?!
— Lies.
Er riss den Umschlag auf, faltete das Papier auseinander. Seine Lippen bewegten sich stumm, dann las er stockend: «…Diagnose: Azoospermie… keine Spermien im Ejakulat nachweisbar… Zeugungsunfähigkeit…»
Der Satz hing im Raum, hallte von den Betonwänden wider.
— Das ist… das ist gefälscht, — stammelte er, aber seine Stimme war dünn geworden. — Das hast du manipuliert.
— Ich manipuliere Beton, Jonas. Keine Laborbefunde. Ruf im UKE an, deine Patienten-ID steht drauf. Bitte, telefonier. Ich warte.
Er tat es nicht. Er starrte auf den Brief, als könnte sein Blick die Buchstaben ändern. Seine Hand zitterte.
— Aber Svenjas Kind… wenn ich gar nicht… dann…
— Genau das ist die Frage, oder? — Katharinas Stimme war fast sanft. — Wenn du nicht der Vater sein kannst — wer dann?
—
Sie fuhren zusammen zu Svenja, weil Jonas darauf bestand, dass Katharina dabei war. Er brauchte eine Zeugin, sagte er. Im Auto sprach er kein Wort.
Svenja wohnte in einer nagelneuen Penthouse-Wohnung in der HafenCity mit Blick auf die Barkassen. Die Einrichtung war so glatt und glänzend wie ihr Instagram-Profil. Sie öffnete die Tür im Seidenkimono, der Bauch wölbte sich dezent unter dem Stoff.
— Was will die denn hier? — Ihr Lächeln erlosch beim Anblick Katharinas.
— Wir müssen reden, — sagte Jonas. Seine Stimme klang fremd, als hätte jemand den Bass rausgedreht.
— Über was? — Svenja stemmte eine Hand in die Hüfte. — Ich dachte, wir sind uns einig. Kein Kontakt mehr mit der Ex.
— Lies das, — Jonas hielt ihr den Brief hin, und zum ersten Mal an diesem Abend sah Katharina Angst in seinem Gesicht. Keine Wut, keine Arroganz. Angst.
Svenja nahm das Papier, las schneller als Jonas. Ihr Kimono raschelte. Ihr Gesicht wurde um eine Nuance blasser unter der Bräunung.
— Azoospermie, — sagte sie leise. Dann schwieg sie.
— Svenja, — Jonas’ Stimme brach fast. — Von wem ist das Kind?
Die Frage stand im Raum wie eine dritte Person. Svenja blickte erst Jonas an, dann Katharina, die stumm im Türrahmen lehnte. Etwas in Svenjas Gesicht verhärtete sich. Das war keine Frau, die ertappt wurde, das war eine Frau, die merkte, dass ihr Plan ein Loch hatte, und blitzschnell nach dem nächsten Plan suchte.
— Das Kind ist deins, Jonas, — sagte sie schließlich. Ihr Ton war jetzt kühl, geschäftsmäßig. — Ob biologisch oder nicht, wen interessiert das? Du wolltest ein Kind, ich wollte ein Kind mit dir zusammen, und jetzt ist es da. Die Liebe macht den Vater, nicht die DNA. Das ist doch nur ein technisches Detail.
— Ein technisches…? — Jonas taumelte einen Schritt zurück. — Du hast mich betrogen, und du nennst das ein technisches Detail?!
— Ich habe nichts getan, was du nicht auch getan hast, — fauchte Svenja. — Du hast deine Frau betrogen, mit mir. Jetzt tu nicht so, als wärst du hier das Opfer.
Katharina trat einen Schritt vor. Zum ersten Mal an diesem Abend sprach sie direkt zu Svenja.
— Wissen Sie, was Jonas vor sechs Tagen zu mir gesagt hat? Er hat gesagt: «Du bist unfruchtbar. Du bist kaputt. Gewöhn dich dran.» Elf Jahre lang hat er mich gedemütigt. Für ein Problem, das er selbst hat. — Sie atmete ruhig ein und aus. — Dass Sie ihn jetzt auch anlügen, ist fast schon poetisch.
Svenja lachte auf, kurz und schneidend.
— Ach, und du bist jetzt die moralische Instanz? Die betrogene Ehefrau, die allen verzeiht?
— Verzeihen? — Katharina schüttelte den Kopf. — Ich verzeihe nichts. Ich dokumentiere nur. Und mein Dokument ist dieser Brief. Alles andere ist euer Problem. — Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich an der Tür noch einmal um. — Ach so, Jonas. Deine Lederjacke und die Laptoptasche liegen vor der Wohnungstür in Eppendorf. Den Schlüssel hast du ja noch.
—
Eine Woche später. Gleiche Kneipe, gleicher Tresen, aber diesmal zwei Teller Labskaus und ein echtes Gespräch.
— Und? — Fritzi löffelte Spiegelei auf den Teller. — Ist er angekrochen gekommen?
— Am dritten Tag klingelte er Sturm. — Katharina trank einen Schluck Astra. — Stand im Regen, ganz kleinlaut. «Katharina, es tut mir leid. Alles war ein Irrtum. Ich bin krankhaft überfordert gewesen. Lass mich wieder reinkommen.»
— Und du?
— Ich hab die Tür einen Spalt geöffnet und gesagt: «Der Regen macht den Beton nur härter, Jonas. Und er wäscht nichts rein.» Dann hab ich wieder zugemacht.
Fritzi prustete in ihr Bier.
— Oh Gott, du hast wirklich mit einem deiner Architekten-Sprüche geantwortet?
— Er passte zur Situation. Außerdem hatte ich keine Lust auf große Reden. Ich hab elf Jahre lang mit großen Reden zugehört.
— Und dann?
— Dann hat er noch drei Nächte versucht, mich mit WhatsApp-Sprachnachrichten vollzuheulen. Irgendwann hab ich auf eine geantwortet. Eine einzige. Ich hab gesagt: «Jonas, du hast mich elf Jahre lang angesehen wie eine Frau zweiter Klasse. Das vergesse ich nicht. Ich werde keine zwölf Jahre draus machen. Fertig.»
— Und das war’s?
— Das war's. — Katharina nahm sich ein Stück Rollmops. — Ach so, und Svenja hat ihn übrigens auch rausgeworfen. Sie hat wohl gemerkt, dass ihre «die Liebe macht den Vater»-Nummer nicht zieht, solange der Mann kein Geld hat, um das Kind zu finanzieren. Sie ist zurück zu dem eigentlichen Vater gezogen, irgendein Fitness-Trainer aus Blankenese.
— Du machst Witze. — Fritzi legte den Löffel hin.
— Kein Witz. Jonas ist jetzt wieder bei seinen Eltern, in seinem Jugendzimmer. Mit der alten Lederjacke und der Laptoptasche und einem Befund, den er nicht mehr ignorieren kann.
— Und du hast kein Mitleid mit ihm?
Katharina blickte aus dem Fenster. Draußen auf der Straße fuhr ein Linienbus vorbei, voller Menschen mit Schirmen. Der Regen meinte es ernst heute.
— Ein bisschen Mitleid habe ich. Mitleid ist menschlich. Aber Mitleid ist kein Fundament. — Sie tippte mit dem Finger auf die Theke. — Weißt du, ich entwerfe seit zwanzig Jahren Dinge, die halten sollen. Bänke, Brunnen, Treppen. Und in meinem Privatleben hab ich auf Sand gebaut. Warum? Weil ich dachte, ich muss halten, was er ständig einreißt. Jetzt bin ich raus aus dem Sanierungsprojekt.
Fritzi nickte langsam.
— Und was machst du jetzt mit deinem Leben?
— Ich hab einen neuen Auftrag. — Katharinas Augen bekamen diesen Glanz, den Fritzi nur kannte, wenn es um große Pläne ging. — Die Stadt plant einen Skulpturenpark an der Außenalster. Zwölf Brunnen, die alle was mit Zuhören zu tun haben sollen. Ich hab den Zuschlag bekommen.
— Zwölf Brunnen?
— Für elf Jahre Schweigen. Und einen für den, der mir gezeigt hat, dass ich laut genug bin.
— Wie heißt der Entwurf?
— «Die, die nicht mehr rechtfertigt», — sagte Katharina und lächelte zum ersten Mal an diesem Abend mit geschlossenen Augen. — Das ist ein Selbstporträt.
—
Am nächsten Morgen stand Katharina um fünf Uhr auf, trank einen schwarzen Kaffee und fuhr mit dem Fahrrad zum Atelier. Der Nebel hing noch über dem Hafenbecken, und das Licht war weich wie Aquarellfarbe.
Sie schloss die schwere Stahltür auf, ging zu ihrem Zeichentisch.
Der cremefarbene Umschlag lag noch da. Sie hatte ihn die ganze Woche nicht angerührt. Jetzt nahm sie ihn, faltete ihn einmal mittig zusammen und legte ihn in die unterste Schublade, ganz nach hinten, wo alte Skizzen von nie gebauten Projekten ruhten.
Kein Schrein. Kein Verbrennen. Einfach ablegen.
Dann zog sie ein frisches Blatt auf den Tisch und begann den ersten Entwurf für Brunnen Nummer zwölf. Der, der ihren Namen trug.












