Die Schwägerin, der Kosmos und die Kölner Altbauwohnung

— Jan, stell den Koffer nicht auf die Heizung, da ist meine Seidenbluse drin, die kostet mehr als eure gesamte Kücheneinrichtung! — Die Stimme meiner Schwägerin schlug in unserer Diele ein wie ein Presslufthammer.

Ich legte den Lötkolben beiseite. Wenn man eine Platinenreparatur an einem Verstärker aus den Siebzigern macht, braucht man eine ruhige Hand. Die Ruhe war dahin, noch bevor der Koffer überhaupt ganz durch die Tür war.

Sabine stand im Flur. Achtunddreißig, seit drei Jahren »in einer Findungsphase«, wie sie es nannte. Übersetzt hieß das: kein Job, kein Einkommen, aber eine ausgeprägte Meinung darüber, wie andere Leute ihr Leben zu führen hatten. Mein Mann Jan trug zwei riesige Trolleys hinter ihr her und sah aus wie ein geprügelter Hund.

— Katrin, sie ist meine Schwester, — murmelte er, ohne mir in die Augen zu gucken. — Ihr Freund hat sie rausgeschmissen. Sie braucht ein paar Tage Ruhe.

— Ein paar Tage, — wiederholte Sabine gönnerhaft, während sie ihre Stiefel mitten in den Weg stellte. — Bis dieses erbärmliche Würstchen angekrochen kommt. Jan, die Koffer in das Zimmer mit dem Erker. Ich brauche morgens Licht für mein Journaling.

Sie rauschte an mir vorbei in die Küche. Ich folgte ihr langsam, wobei ich mir innerlich vorsagte, was mein alter Meister in der Werkstatt immer predigte: Wer an der falschen Stelle zu viel Hitze gibt, dem brennt die ganze Platine durch.

In der Küche hatte sie bereits die Kühlschranktür aufgerissen.

— Katrin! — rief sie, ohne sich umzudrehen. — Warum habt ihr keine Hafermilch? Ich trinke meinen Matcha nur mit Hafermilch. Und das hier — sie wedelte mit meiner Salami von der Fleischtheke — das stinkt. Das lege ich auf den Balkon, das stört meinen Energiefluss.

Ich nahm ihr die Salami wortlos aus der Hand und legte sie zurück in den Kühlschrank.

— Sabine, — sagte ich ruhig. — Dein Energiefluss wird nicht durch Wurst gestört. Der wird dadurch gestört, dass du seit drei Jahren morgens bis elf im Bett liegst. Hafermilch gibt’s im Rewe gegenüber.

Meine Schwägerin riss die Augen auf, als hätte ich ihr vorgeschlagen, den Kühlschrank mit bloßen Händen zu reparieren.

— Jan! — keifte sie in Richtung Flur. — Hörst du, wie deine Frau mit mir redet? Ich komme mit gebrochenem Herzen, und sie macht mich wegen einem Stück Salami an!

Jan schob sich zwischen uns, das ewige Bild des Vermittlers, der nicht kapiert, dass er längst Partei ergreifen muss.

— Katrin, lass sie doch. Sie hat doch gerade echt ’ne schwere Zeit.

— Sie hat eine schwere Zeit, weil sie seit drei Jahren keinen Job hat, Jan. Und die Salami bleibt, wo sie ist.

Sabine schnappte nach Luft, aber ich lächelte nur. So ein Lächeln, bei dem kein Muskel zuckt, aber die Botschaft trotzdem glasklar ankommt.

Am selben Abend klingelte das Telefon. Jutta, meine Schwiegermutter. Sie rief immer über Lautsprecher an, damit ihr wohltätiges Timbre den ganzen Raum füllen konnte. Eine Frau, die ungemein gern freigiebig war — solange es nicht ihre eigene Zeit oder ihr eigenes Geld kostete.

— Katrinchen, mein Schatz, — flötete sie aus dem Handy. — Sei ein Engel und kümmere dich um die Sabine. Sie muss auftanken. Bring ihr das Frühstück ans Bett, sie braucht doch jetzt so viel Nestwärme. Ich würde sie ja nehmen, aber du weißt, meine Bronchien machen bei Stress sofort dicht.

— Natürlich, Jutta, — antwortete ich freundlich. — Passen Sie auf sich auf. Sabine ist hier bestens aufgehoben.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf. Ich machte frische Brötchen, kochte Kaffee, deckte den Tisch. Als der Duft durch die Wohnung zog, erschien Sabine in der Küchentür, eingewickelt in meine Kaschmirdecke.

— Oh, Frühstück! — Sie griff sofort nach dem Brötchenkorb. — Warum ist da kein selbstgemachter Chia-Pudding dabei?

Ich schob ihr schweigend einen Kaffee hin und daneben einen Zettel mit einer akkurat getippten Tabelle.

— Was ist das denn? — Sabine hielt das Blatt mit spitzen Fingern, als wäre es kontaminiert.

— Das ist eine Nebenkostenabrechnung.

Sie glotzte mich an, als hätte ich verlangt, dass sie den Müll runterbringt.

— Eine moderne Frau lebt im Flow und denkt nicht über so niedrige Schwingungen wie Geld nach! Ich ernähre mich von kosmischer Energie, und materielle Dinge blockieren die Chakren!

— Deine Chakren sind blockiert, seit du vor vier Jahren bei der Eventagentur gekündigt hast, um »dich selbst zu verwirklichen«. Und kosmische Energie bezahlt leider weder Strom noch Wasser. Ach ja, wir haben ’ne Wasseruhr. Duschen wird einzeln abgerechnet.

— Du bist so was von spießig! Du und deine doofe Elektronikwerkstatt! Hauptsache an alten Radios rumbasteln, aber null Sinn für das Universum!

Sie sprang auf und wurde knallrot. Ich rührte seelenruhig in meinem Kaffee.

In dem Moment kam Jan in die Küche. Zerzaust, übermüdet und sichtlich genervt, dass seine Samstagsruhe gestört wurde.

— Katrin, was soll das? Welche Abrechnung? Sie ist Gast!

— Ein Gast, Jan, — ich drehte mich zu ihm, — bringt eine Flasche Wein mit, bleibt zwei Stunden, lobt die Gardinen und geht nach Hause. Wer zwei Koffer mit Winterklamotten mitten im Mai mitschleppt, ein eigenes Zimmer mit Erker bezieht und Hafermilch verlangt, ist ein Untermieter.

Sabine holte tief Luft. Ihr stand der nächste Wutanfall ins Gesicht geschrieben. Wahrscheinlich die übliche Nummer mit »Ich bin Familie, was fällt dir ein«.

— Ich bin die Tochter dieser Familie! — zischte sie. — Mein Bruder wohnt hier auch!

— Tut er, — sagte ich. — Aber das macht unsere Wohnung nicht zum Familientheater. Also: Posten eins, Miete. Posten zwei, Kostgeld. Posten drei, Nebenkosten. Posten vier, Putzplan. Wer nicht für die Reinigungskraft zahlen will, ist heute dran mit Klo und Waschbecken.

— Jan! — Sabines Stimme überschlug sich. — Deine Frau schmeißt mich raus!

Jan sah hin und her. Sein Blick wanderte von meinem völlig reglosen Gesicht zu dem puterroten Kopf seiner Schwester. Ich konnte förmlich sehen, wie in seinem Schädel ein Rädchen griff, das vorher blockiert war.

— Sabine, — sagte er plötzlich, mit einer Stimme, die ich ihm bei dem Thema noch nie zugetraut hatte. — Katrin hat recht. Das hier ist kein Bahnhofshotel. Wenn du bei uns wohnen willst, machst du das mit ihr aus. Und zwar so, wie sie das für richtig hält.

Die Schwägerin erstarrte. Das war der Moment, auf den ich gewartet hatte.

— Und falls du auf die Idee kommst, deiner Schwester das Geld heimlich aus unserer Haushaltskasse zu geben, — fügte ich leise hinzu, — dann ziehen wir das von dem Budget für deine Simson-Restauration ab. Du weißt, das Ding steht seit zwei Jahren in der Garage.

Jan liebte dieses Motorrad mehr als alles andere. Manchmal dachte ich, fast mehr als mich. Er verschränkte die Arme und sah seine Schwester an. Alle Antennen auf stur.

Sabine begriff, dass sie keinen Verbündeten mehr hatte. Sie fischte ihr Handy aus der Tasche und drückte auf Kurzwahl.

— Mama? Hier ist die Hölle los! Ich soll hier Klos putzen! Ich komme zu dir!

Die Stimme meiner Schwiegermutter quäkte aus dem Lautsprecher, diesmal deutlich weniger salbungsvoll als am Abend zuvor.

— Äh, Schätzchen, also weißt du, wir haben doch grad die Handwerker wegen dem Schimmel im Bad! Das wird noch Wochen dauern! Und der Lärm, der Dreck, das ist doch nichts für deine empfindlichen Nerven! Bleib mal bei Katrin und Jan, da hast du’s doch schön!

Klick. Aufgelegt.

Sabine stand in der Küche, das Handy in der zitternden Hand, und starrte auf das Display, als hätte es sie geohrfeigt. Die vorlaute Märtyrerin, die immer von Liebe und kosmischer Verbundenheit redete, begriff in diesem Moment, dass ihr gesamtes soziales Netz aus einem Geben-Nehmen bestand, bei dem sie nur Nehmen gelernt hatte.

Eine Stunde später hörte ich das vertraute Rumpeln der Trolleyräder im Flur. Die Tür fiel ins Schloss. Stille legte sich über die Wohnung wie eine frisch gewaschene Decke.

Jan stand im Flur, lehnte am Türrahmen und rieb sich das Kinn.

— Wohin fährt sie jetzt?

— Sie hat gesagt, zu einer Freundin. Iris, oder so.

Später erfuhr ich von einer Bekannten, dass Iris eine harte Verhandlung geführt hatte: Sabine durfte auf der Couch schlafen, aber nur, wenn sie den Hund Gassi führte und sich am Putzplan für die WG beteiligte. Ohne Hafermilchgarantie. Ohne Kaschmirdecke. Und mit einem Wecker, der um halb acht klingelte, weil Iris um Viertel vor neun aus dem Haus musste.

Als wir an diesem Abend im Wohnzimmer saßen und es war nichts zu hören außer dem leisen Summen des reparierten Verstärkers, sah Jan mich von der Seite an.

— Du hast schon vor drei Tagen gewusst, dass sie wieder abhaut, oder?

Ich nippte an meinem Tee. Vor mir auf dem Couchtisch lag die Platinenzeichnung, die ich am nächsten Tag für einen neuen Auftrag brauchte. Ein alter Dual-Plattenspieler, Baujahr 1974. Der Besitzer hatte gesagt, er spiele nur auf dem linken Kanal. Ich freute mich auf die Arbeit.

— Ich habe gehofft, dass du die richtige Entscheidung triffst, — sagte ich.

Jan sagte nichts mehr. Aber als er später in die Küche kam, brachte er mir eine Tafel Zartbitter aus dem Vorratsschrank und legte sie neben die Platinenzeichnung. Ohne Kommentar. Ohne Pathos.

Die Salami lag übrigens immer noch im Kühlschrank. Wo sie hingehörte.

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