Der Mann, der den Kater fliegen ließ

Asja Weber drückte sich tief in ihren Mantel, als sie an diesem Abend nach Hause kam. Der Wind fegte durch die engen Straßen des Hamburger Schanzenviertels und zerrte an den kahlen Ästen der Kastanien. Sie war müde. Zwölf Stunden Spätschicht in der Notaufnahme des UKE lagen hinter ihr, und ihr Rücken fühlte sich an wie ein einziges großes Hämatom. Sie wollte nur noch auf ihr Sofa, eine Tasse von diesem Pfefferminztee, den ihr Ex-Mann immer grässlich gefunden hatte, und absolute Stille.

An der Tür zu dem alten Mehrfamilienhaus in der Schulterblattstraße, in dem sie im obersten Stock wohnte, blieb sie abrupt stehen. Ein leises, unglaublich dünnes Wimmern drang durch die Glasscheibe. Nicht das Jaulen eines Menschen, auch nicht das Quengeln eines Kindes. Ein ersticktes, fast mechanisches Surren, das aussetzte und wieder begann. Karl-Heinz. Der Kater von Frau Herzog aus dem zweiten Stock.

Seit Asja vor vier Monaten hier eingezogen war, hatte sie den fetten, schwarzen Kater mit dem weißen Latz, einer abgekauten Ohrenspitze und einem Blick, der mehr sagte als tausend Worte, ständig im Hausflur gesehen. Er war nicht etwa entlaufen, nein. Frau Herzog setzte ihn dort ab. Nicht nur für fünf Minuten, nicht aus Zerstreutheit, sondern mit einer demonstrativen Nachdrücklichkeit, die Asja jedes Mal einen Kloß in den Hals trieb.

Einmal, an einem milden Septembertag, war Asja Zeugin geworden, wie Frau Herzog den Kater mit dem Fuß aus der Wohnung schob. Kein grober Tritt, nein. Eher ein schlurfendes, bestimmtes Manövrieren einer schlappenbesohlten Sandale unter den weichen Bauch des Tieres, bis es im kalten Treppenhaus stand. „Weißt du, was das gekostet hat?“, zischte sie dabei in den Flur hinein, und Asja, die auf halber Treppe stand, wusste sofort, dass von dem handgetöpferten Obstkorb die Rede war, den sie neulich im Schaufenster eines Ladens in der Ottenser Hauptstraße bewundert und in Frau Herzogs Fensterbank wiedererkannt hatte.

Asja war keine Frau der großen Konfrontation. In ihrem Beruf sah sie täglich die Resultate purer Gleichgültigkeit, und genau das war es, was sie an dieser Situation so aufwühlte. Es war nicht die explosive Grausamkeit eines Tierquälers. Es war die leise, selbstverständliche, überaus praktische Kälte einer Frau, die einen Gegenstand entsorgte, der gerade nicht funktionierte.

Sie ertappte sich dabei, wie sie auf dem Heimweg immer häufiger Ausschau nach ihm hielt. Der Kater, den sie eines Nachmittags heimlich „Ludwig“ getauft hatte, nach dem missmutigen Büstenportrait eines Königs, das über dem Empfangstresen ihrer Station hing, schien sie ebenfalls zu erkennen. Wenn sie die Treppe zu ihrer Wohnung hochstieg, kam er schwerfällig aus einer dunklen Ecke gewatschelt, rieb seinen massigen Kopf an ihren Knöcheln und drehte den altersschwachen Motor seines Schnurrens auf Touren. Es war kein bettelndes Geräusch. Es war eine Frage. Eine leise, aber eindringliche Frage, warum er schon wieder hier draußen war.

Es gab auch den Mann, Frau Herzogs halbwüchsigen Sohn oder vielleicht ihren neuen Lebensgefährten, der aussah, als sei er einst ein ansehnlicher Kerl gewesen und dann in einem Meer aus Bier und Bequemlichkeit untergegangen. Asja hatte ihn ein einziges Mal gesehen, wie er die Tür einen Spaltbreit öffnete, eine fleischige Hand herausstreckte, die den Kater grob am Nackenfell packte, und ihn mit einem kurzen Ruck auf den kalten Steinboden fallen ließ. Die Tür war so schnell wieder zu, dass der Luftzug Asjas Rock bauschte.

An diesem Abend war Ludwig aber nicht einfach nur da. Er schrie. Es war kein klagendes Miauen, sondern ein heiseres, sich überschlagendes Krächzen, das von der Tür von Frau Herzogs Wohnung aufstieg wie eine Sirene. Und dann ein dumpfer Schlag gegen das Holz. Er warf sich mit seinem ganzen Körpergewicht gegen die Tür. Verzweiflung, die Asja durch die dicken Sohlen ihrer Arbeitsschuhe hindurch spüren konnte.

Sie hatte an diesem Tag eine Fehlgeburt in der 23. Woche begleitet. Sie hatte zusehen müssen, wie eine Mutter ein Stofftierchen anstarrte, das sie für ein Kind gekauft hatte, das nun nie eines bekommen würde. Ihre Reserven waren aufgebraucht. Sie war nicht mehr die sanfte, stille Beobachterin. Sie war eine Frau, die den Kessel innerer Wut nicht mehr unter dem Deckel halten konnte.

Im selben Moment ging die Tür auf, keine zwei Meter von ihr entfernt. Frau Herzog, in einem fliederfarbenen Chenille-Bademantel, der nach altem Rauch und Lavendel-Wäschespüler roch, stand im Türrahmen. Asja erstarrte. Sie erwartete, dass sie den Kater diesmal hereinlassen würde. Dass das Geschrei gewirkt hatte.

Frau Herzog bückte sich wortlos, packte Ludwig nicht, sondern hob einen abgewetzten, mit Kunstleder umwickelten Stab vom Boden auf – einen dieser alten Klopfausklopfer, die Asja von Omas Balkon kannte. Sie holte nicht aus. Die Bewegung war sparsam, fast elegant. Ein kurzes, hartes Zischen des Holzes durch die Luft, ein feuchter, schmatzender Klang, als es den Kater zwischen den Schulterblättern traf. Ludwig stieß einen einzigen, gellenden Schrei aus, der nichts Surrendes mehr an sich hatte, und preschte drei Stufen hinunter.

Und Frau Herzog sah nicht einmal hin. Sie richtete sich auf, ihr Blick traf Asja für eine Millisekunde – nicht beschämt, nicht aggressiv, nur unendlich genervt und überrascht, noch jemanden im Flur zu sehen – und zog die Tür leise und fest ins Schloss.

Asjas Mund stand offen. Der metallische Geschmack von Adrenalin lag auf ihrer Zunge. Sie starrte auf das braune Holz der Tür, hinter der jetzt Stille herrschte. In ihrem Kopf hämmerte nur ein Satz: Nicht mehr. Kein einziges Mal mehr. Sie würde ihn jetzt mitnehmen, direkt vor ihrer Nase, und es war ihr völlig egal, was diese Frau dachte. Sie würde den Kater einfach hier herausholen.

Sie drehte sich um die eigene Achse, suchte die Stufen ab. Ein Hauch von Bewegung unten, im Dunkel zwischen dem zweiten und ersten Stock. Langsam, mit weichen Knien, stieg sie hinunter. Dort saß er, zusammengekauert auf dem kalten Mosaikboden, der große, schwarze Kater. Er zitterte nicht. Er machte keinen Laut. Er saß nur da und starrte nach oben, zu dieser Tür, die für ihn die ganze Welt bedeutete, und in seinem Blick lag eine Mischung aus unerschütterlicher Treue und einem ganz und gar menschlichen, tiefen Gram, der Asja die Kehle zuschnürte.

„Ludwig“, flüsterte sie, und es war das erste Mal, dass sie seinen Namen aussprach, ohne dass ihr Ex-Mann ihn ihr als albern hätte ausreden können. „Komm. Wir gehen zu mir. Nur ein bisschen ausruhen, okay? Nur eine Stunde, dann sehen wir weiter.“

Sie war darauf gefasst, ihn überreden zu müssen. Vielleicht müsste sie ihn tragen oder locken. Doch als sie ihre flache Hand ausstreckte, da stand Ludwig auf, als hätte er nur auf dieses Zeichen gewartet, kam die letzten Stufen auf sie zugewackelt und drückte seine kalte, nasse Nase mit einer solchen Wucht in ihre Handfläche, dass es fast ein Stoßen war. Eine Übergabe.

Oben in ihrer kargen, aber hellen Zwei-Zimmer-Altbauwohnung mit dem Blick auf die rostigen Gleise der S-Bahn, setzte sie ihn auf die Fensterbank. Er blieb nicht dort. Er sprang schwerfällig hinunter, inspizierte einen Stapel medizinischer Fachzeitschriften, gab dann ein kurzes, zufriedenes Brummen von sich und sprang mit einem erstaunlich kraftvollen Satz auf den einzigen Sessel, einen grünen Ohrensessel, den Asja auf einem Flohmarkt in der Halle am Schlump erstanden hatte. Er begann, mit den Vorderpfoten zu kneten, rhythmisch, versunken, und Asja lächelte zum ersten Mal an diesem Tag.

Sie besaß nichts für ein Tier. Sie fuhr mit ihrem alten Polo durch die Nieselregen-Nacht zum nächsten, noch geöffneten Drogeriemarkt in der Stresemannstraße, kaufte das teuerste Futter, das sie finden konnte – kleine, goldene Döschen mit einer Sorte, die „Wild & Frei“ hieß, was ihr im Nachhinein pathetisch vorkam, aber sie tat es trotzdem. Dazu ein Katzenklo, das wie eine Raumstation aussah, und ein winziges Stoffmäuschen, in das drei Gramm echter Baldrian eingenäht waren. Der Gedanke war, dass er es vielleicht brauchen würde, falls er Heimweh bekäme. Falls er zurückwollte.

Doch Ludwig dachte nicht daran. Am nächsten Morgen lag er auf dem Rücken auf ihrer Steppdecke, alle vier Pfoten angewinkelt, und präsentierte seinen weißen, flauschigen Bauch der Welt. Asja verstand. Sie war eine fremde Frau, die ihn aus einem Treppenhaus geholt hatte. Aber er hatte sich schon lange entschieden.

Das mulmige Gefühl in ihrer Magengrube meldete sich erst am darauffolgenden Montag zurück. Es war kein schlechtes Gewissen wegen des moralischen Aspekts. Es war eine ganz konkrete, fast juristische Furcht. Sie hatte das Tier einer anderen Person weggenommen. Sie war Diebin. Man konnte sie anzeigen. Diese Nachbarin war ihr vollkommen fremd, und Asja hatte keine Ahnung, zu was die Frau fähig war. Was sie im Flur beobachtet hatte, deutete nicht auf ein liebenswürdiges Gemüt hin.

Den ganzen Tag über schlich sie auf Zehenspitzen durch ihre eigene Wohnung, schreckte bei jedem Klingeln zusammen und beobachtete, während sie Kaffee kochte, den Hausflur durch den Spion ihrer Tür. Nichts geschah. Kein wütendes Rufen auf den Fluren, kein Anschlag im Treppenhaus, der den Verlust eines „geliebten Familienmitgliedes namens Findus“ beklagte. Die Stille war fast noch beunruhigender als ein Wutausbruch es gewesen wäre.

Fast eine Woche verging. Asja begann, sich in einer diffusen Mischung aus Trotz und Genugtuung einzurichten, eingelullt in den neuen Rhythmus aus Schnurren, Baldrian-Mäuschen-Werfen und dem sonoren Knirschen der Trockenfutter-Kroketten. Am folgenden Sonntagmorgen dann holte sie die Wäsche aus dem Keller.

Das Licht im Kellerflur war fahl und flackerte. Der beißende Geruch von Weichspüler hing in der Luft, als sie den Kopf hob und direkt in das Gesicht von Frau Herzogs Sohn sah. Er trug einen fleckigen Jogginganzug und schleppte zwei viel zu volle gelbe Säcke, die er achtlos neben der Tür zum Hinterhof abstellte. In dem einen, von einer alten Zeitung notdürftig verdeckt, ragte ein tellergroßer Rand einer Katzentoilette heraus, die unverkennbar seit Tagen nicht gesäubert worden war.

Der Mann richtete sich auf und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Asja spürte, wie ihr Herz einen harten Schlag gegen ihr Brustbein tat. Jetzt. Jetzt kam die Anklage. Sie musste etwas sagen, bevor er es tat.

„Entschuldigen Sie“, hörte sie sich selbst mit einer Stimme sagen, die viel fester klang, als sie sich fühlte. „Ich hab Ihren Kater schon seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen. Ist er denn krank? Man sorgt sich ja, wenn man ihn sonst so oft im Flur sieht.“

Ein breites, fast schon rührend erfreutes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Die Reaktion überraschte sie so sehr, dass sie einen halben Schritt zurückwich.

„Ach was, der ist uns doch abgehauen!“, rief er, und seine Stimme hallte von den nackten Betonwänden wider. „Verschwunden, vorletzte Nacht noch. Und das ist auch besser so, kann ich Ihnen flüstern!“

Asjas Atem stockte für eine Sekunde, aber sie zwang ihre Gesichtszüge in eine neugierige Maske. „Besser so? Wie meinen Sie das denn?“

„Na, der Alten wär mit dem Vieh doch sowieso bald der Geduldsfaden endgültig gerissen. Neulich hat er wieder ’ne Tasse runtergeschmissen, direkt auf ihr Tablet, wissen Sie so eins? Das war mir ganz lieb. Die hat gezetert wie ein Rohrspatz, dass sie ihn nächste Woche ins Tierheim bringt. Soll er sich da ’nen Platz suchen, wenn er meint. Und dann hätt sie ihn noch vorher zum Tierarzt geschleppt, zum Kastrieren. Wär doch rausgeschmissenes Geld gewesen, jetzt wo er eh weg ist. Das Tierheim, der Arzt – alles Kosten, und für was? So hat sich das doch von allein erledigt. Ist ein richtiger Glücksfall. Den haben wir jetzt vom Hals, und ich muss mich um nichts kümmern. Gestern, um das zu feiern, hab ich mir ’nen Kasten Astra geholt und die Sportpalast-Wiederholung geguckt. Bester Sonntag seit langem, sag ich Ihnen!“

Er sah sie an, offen, zufrieden, fast erwartungsvoll, als hoffte er auf ihre Zustimmung zu dieser glücklichen Wendung. Asjas Kehle war wie zugeschnürt. Nicht gejagt, nicht verloren. Kein Zittern auf einem kalten Hinterhof. Er hätte im Tierheim gesessen. Er wäre womöglich eingeschläfert worden, weil er keinem gefiel, mit seinem abgekauten Ohr und seiner ruppigen Art. All die leisen, schrecklichen Möglichkeiten dieses „von allein erledigt“ türmten sich vor ihr auf wie eine Wand aus Eis. Es war ihnen nicht egal. Sie waren erleichtert. Die Sorge, die sie die ganze Woche plagte, fiel von ihr ab. Die Angst, entdeckt zu werden, wich einer ungeheuren, kalten Klarheit.

„Ja, das ist ja… praktisch“, brachte sie schließlich mit tonloser Stimme hervor.

„Find ich auch! Naja, muss weitermachen. Schönen Sonntag noch!“ Er hob grüßend die Hand, packte die Säcke fester und verschwand durch die quietschende Tür zum Hof.

Asja stand wie angewurzelt. Sie hörte, wie die schwere Eisentür ins Schloss fiel, und erst dieses metallische Klacken löste ihre Starre. Sie ging zurück in ihre Wohnung, schloss auf und lehnte sich von innen gegen die Tür.

Ludwig kam ihr schwanzhoch entgegen, ein tiefes, kehliges „Brrruh“ auf den Lippen. Er strich um ihre Beine, und sie rutschte langsam an der Tür hinunter, bis sie auf dem kalten Laminatboden saß. Er stieg sofort ohne Zögern auf ihre Oberschenkel, seinen schweren, warmen Körper wie ein lebendiges Gewicht auf ihr drapierend. Er schnurrte nicht. Er machte nur dieses tiefe, langsame Blinzeln, das Katzen für die Menschen reservieren, denen sie vertrauen.

Sie holte das Atmen nach, das sie unten im Keller vergessen hatte. Ihr Blick fiel auf die Katzentoilette, die sie mit einer dünnen Schicht teuren Bentonit-Streus gefüllt hatte. Auf den Fressnapf mit den drei goldenen Döschen. Das war es also. Kein Diebstahl. Kein Entzug auf Zeit, keine erzieherische Maßnahme. Eine Evakuierung.

Sie griff nach dem Baldrian-Mäuschen, das auf dem Sofa lag, und rollte es zwischen ihren Fingern. Ludwig öffnete träge ein Auge, und Asja sah dabei zu, wie ein kleiner Punkt auf der Lehne des grünen Ohrensessels erschien, wo sie vor zwei Stunden den Staub vom Vormittag weggewischt hatte. Ein neuer, winziger, sonnenbeschienener Punkt aus feinem, schwarzem Staub. Katzenhaar.

Ein Beweis. Kein Ärgernis. Einer von vielen, die noch kommen würden. Sie dachte an die zerkratze Tapete, die sie sicher bald würde erneuern müssen, und an die Nächte, in denen er womöglich doch zu jaulen beginnen würde. Und es war ihr einerlei. Vollkommen einerlei. Sie würde ihn nicht wieder hergeben. Nicht an diese Wohnung unter ihr, und an keine andere. Ludwig sprang von ihrem Schoß, drehte sich einmal im Kreis und ließ sich dann erneut auf dem Flickenteppich nieder, den Kopf auf die Pfoten gebettet. Er seufzte, ein langes, inhaltsreiches, menschliches Geräusch, das Asja erwiderte, ohne darüber nachzudenken.

Draußen heulte kurz die S-Bahn über die Hochbahn, eine vertraute, lärmende Melodie. Drinnen begann, fast unhörbar, das Surren. Es war das erste Mal, dass sie in dieser Wohnung nicht allein war.

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