Sag es Papa noch nicht

Thomas kannte jedes Gramm seiner Tochter. Seit sechs Jahren trug er sie jeden Morgen die Treppe hinunter – aus dem Kinderzimmer mit den Schmetterlingstapeten ins helle Wohnzimmer, von dort in die Küche, wo er sie vorsichtig auf den gepolsterten Stuhl am Fenster setzte. Lea war jetzt sechs. Ihre Beine hatte sie nie bewegt. Die Ärzte in der Charité, Campus Virchow-Klinikum, hatten nach der dritten Kernspintomographie im Februar von einer »muskulären Entwicklungsverzögerung unklarer Genese« gesprochen, und bei der letzten Besprechung in Zimmer 432 hatte der Oberarzt, Dr. Maschke, blinzelnd auf seine Unterlagen geschaut und gesagt: »Eine selbstständige Fortbewegung ist nach heutigem Stand nicht zu erwarten.« Thomas hatte auf dem Gang danach eine Viertelstunde an der Kaffeemaschine gestanden, ohne einen Becher zu holen. Das Wort *niemals* hing seitdem im Hausflur, aber er hatte gelernt, jeden Morgen drum herumzugehen.

An einem Mittwoch Mitte Juni kam er unangemeldet früher nach Hause. Die Baustelle im Villenviertel Zehlendorf hatte Betriebsferien wegen eines Wasserrohrbruchs; sein gebrauchter VW Passat Variant, Baujahr 2003, stand seit halb zwei in der Einfahrt. Der Kies knirschte unter seinen Arbeitsschuhen. Die Terrassentür stand einen Spalt offen, das Insektenschutzgitter war eingedrückt. Von Frau Berger, der Nachbarin von gegenüber, die für sieben Euro fünfzig die Stunde auf Lea aufpasste, keine Spur. Nur das Radio in der Küche lief noch, irgendein Nachmittagstalk bei rbb24, und auf dem Tisch lag aufgeschlagen die BILD-Zeitung von gestern, daneben eine angebissene Käse-Semmel.

Thomas setzte seinen Schlüssel auf dem Garderobenschrank ab und wollte schon rufen, da hörte er das leise Klatschen von Wasser aus dem Garten.

Er ging um die Hausecke, dicht an der verputzten Wand entlang. Unter dem Nussbaum, keine vier Meter von der Terrasse entfernt, stand das blaue Planschbecken, das Lea zu Ostern geschenkt bekommen hatte – er hatte es im April im Real-Markt für neunundzwanzig Euro neunzig gekauft und noch überlegt, ob er es zurückbringt, weil es doch nur rumstehen würde. Das Wasser reichte ihr ein Stück über die Knöchel. Und in dem Becken stand seine Tochter.

Sie hielt sich an zwei grauen Gehstützen fest, das hellblaue Sommerkleid von C&A, Größe 116, klebte ihr an den dünnen Oberschenkeln. Neben ihr, fast hockend im Wasser, Felix, der Siebenjährige aus der Doppelhaushälfte nebenan. Sein rotes Trikot war klatschnass, und seine Hände umklammerten die rechte Stütze, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten.

»Versuch’s noch mal«, sagte er. Seine Stimme hatte diesen Ton, den Kinder kriegen, wenn sie einem Erwachsenen was erklären, das der längst wissen müsste.

Leas Lippen bewegten sich, aber sie schaute stur nach unten. »Sag’s Papa noch nicht.« Die Worte fielen ins Wasser, wo die kleine Bugwelle ihrer eigenen Bewegung sie gleich glattzog.

Thomas presste den Rücken gegen die Hauswand. Der Putz war kalt, und eine der Kletterrosen stach ihm durchs Hemd. Er atmete flach.

Leas Knöchel, diese dünnen, milchigen Knöchel, die er jeden Abend mit einer Paraffin-Creme einrieb, von der zehn Milliliter im Sanitätshaus dreizehn Euro sechzig kosteten, zitterten unter Wasser. Die Stützen klackerten, weil sich ihr Gewicht Millimeter um Millimeter verlagerte. Sie holte Luft, tief und zittrig.

Dann hob sie den linken Fuß. Einen Zentimeter, vielleicht zwei. Ein Miniaturstrudel schloss sich unter der Sohle. Der Fuß pendelte vor, setzte zwanzig, fünfundzwanzig Zentimeter weiter auf. Ein leises, sattes *Klatsch*.

Thomas griff nach dem Fensterbrett neben sich und spürte einen abblätternden Lacksplitter unter dem Daumen. Er biss die Zähne zusammen. Sechs Jahre Bettkanten-Heben, Falten der Rollstuhlrampe aus eloxiertem Aluminium, zweihundertsechzig Euro auf Rechnung, die blöden Spezialkissenbezüge, die man immer von Hand auswaschen musste. Und die Blicke auf dem Spielplatz, dieses schiefe Mitleid.

»Meine Mama hat nämlich gesagt«, erklärte Felix und verlagerte sein Gewicht aufs andere Bein, »dass das Wasser die Beine trägt, wenn die Muskeln zu schwach sind. So wie in dem Becken in der Reha, wo die Erwachsenen drin rumstehen.« Er kratzte sich an der Nase und hinterließ einen nassen Fleck auf der Wange. »Sie hat’s aus dem Prospekt von der Brandenburgklinik in Bernau. Die haben da extra so ein Warmwasserbecken. Da kann man’s halt mal ausprobieren.«

Thomas blinzelte. Bernau, dachte er. Eine Dreiviertelstunde mit dem Auto. Er kannte die Adresse nicht. Aber Felix hatte sie einfach so genannt, als wäre es die nächste Tankstelle.

Lea schaute immer noch nicht hoch. Sie starrte auf ihr linkes Bein unter Wasser, das jetzt wieder stillstand. Ihre kleine Zehe mit dem blassblauen Nagellack, den Frau Berger ihr letzte Woche lackiert hatte, schabte über den Beckenboden. Dann hob sie den rechten Fuß. Noch ein Schritt. Das Wasser schob sich gegen ihre Wade und gluckerte leise. Ihre Arme bebten, und Felix brummte was Unverständliches und drückte die Stütze fester. Sie machte einen dritten Schritt, einen vierten, und ihre Atemzüge gingen so schnell, dass Thomas jede einzelne ihrer Rippen unterm nassen Kleid zählen konnte. Dann lachte sie, kurz und nasenhoch, und das Lachen klang, als hätte sie sich verschluckt. Ihr Kopf fuhr hoch, und sie sah nicht zu ihrem Vater, sondern direkt in die Blätter des Nussbaums.

Der Rasenmäher von Herrn Kowalski drei Häuser weiter ruckelte und verstummte. Ein Flugzeug, irgendein Airbus von der Tegel-Schneise, zog eine weiße Linie Richtung Osten. Thomas löste sich von der Wand, ging zwei Schritte über den Rasen, und das Knirschen der Kiesel in der Beet-Einfassung ließ Lea herumfahren.

Ihr Gesicht zuckte. Weg vom Schreck, hin zu einem breiten, undichten Grinsen. Sie ließ die rechte Stütze los – nur einen Sekundenbruchteil, das Metall pendelte gegen die Beckenwand, aber sie ließ los.

»Papa, ich bin vier Schritte gegangen«, sagte sie, und ihre Stimme kippte bei *gegangen* kurz weg, wie sonst nur bei Zahlen über zwanzig. »Nur vier. Felix hat mich gehalten, und im Wasser ist’s leichter, weil ich da weniger wiege. Kein Wunder, hat Felix gesagt.«

Thomas kniete sich an den Beckenrand. Der Rasen war feucht, und das Wasser schlug sofort durch den Stoff seiner Chino an den Knien. Er tauchte eine Hand ins Planschbecken, lauwarm und ein bisschen schmutzig von den Nussbaum-Pollen, und spürte Leas Knöchel, der noch immer vibrierte. Er sagte nichts.

Felix stieg aus dem Becken, setzte sich barfuß auf den Rand und wrang sein Trikot aus. Das Wasser tropfte auf den Löwenzahn. »Meine Mama sagt, sie hat das im Prospekt gelesen, dass man im Wasser fast schwerelos ist. Deswegen können die da Sachen, die an Land nicht gehen. Zauberei ist das nicht, hat sie gesagt, das ist bloß Physik. Wir könnten das jeden Tag üben, wenn Sie wollen, und dann kann Lea irgendwann vielleicht auch ganz kurz ohne Stützen stehen. Aber Sie dürfen nicht immer zugucken, das macht sie nervös, hat sie gesagt.« Er nickte zu Lea hin und wrang noch ein bisschen, als müsste er die letzten Tropfen aus einem Waschlappen pressen.

Thomas nickte. Er merkte, dass er mit dem Daumen über Leas Knöchel strich, immer wieder, als müsste er prüfen, ob die Haut unter Wasser die gleiche war wie an der Luft. Ein einzelnes grünes Nussbaumblatt drehte sich auf der Oberfläche, einmal, zweimal, dann blieb es an Leas Wade hängen und klebte fest.

Hinter ihnen fiel die Terrassentür ins Schloss. Frau Berger kam aus dem Wohnzimmer geschossen, das Telefon noch in der Hand. »Um Gottes willen, die Kinder sind mir weggelaufen, als das mit dem Wasserrohrbruch im Radio kam, ich musste kurz meinen Schwiegersohn anrufen, der arbeitet bei den Wasserbetrieben –« Sie hielt inne, als hätte sie gegen eine Wand geredet, und starrte auf das Planschbecken.

Thomas winkte ab, ohne sich umzudrehen. »Alles gut, Frau Berger. Alles gut.«

Lea langte nach der zweiten Stütze, holte noch einmal tief Luft und machte, ohne dass Felix oder Thomas sie halten mussten, einen letzten Schritt bis an den Beckenrand. Die Stützen klackten gegen das Plastik, dann zog sie die nassen, kalten Füße aus dem Wasser und stellte sie nacheinander auf das trockene Gras. Ihre Zehen krallten sich in die Halme.

Thomas half ihr nicht. Er blieb knien, mit dem nassen Hosenboden und dem Jucken der Kletterrose am Rücken, und sah zu, wie Lea die Füße einen Moment still hielt, bevor sie Felix die Stützen reichte.

Es war das erste Mal seit ihrer Geburt, dass er ihr nicht half. Und irgendwo in seinem Hinterkopf registrierte er eine Adresse: Brandenburgklinik Bernau, Abteilung Physiotherapie, Warmwasserbecken. Er würde sie googeln.

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