Der Kater, der die Mäuse zählte

Markus knallte die Autotür so fest zu, dass der alte Golf in den Federn wippte. Der Schotterweg zu Mutters Kleingarten in Berlin-Köpenick war aufgeweicht vom Dauerregen, und seine Stimmung war so grau wie der Novemberhimmel.

„Noch einmal, Helga“, sagte er, ohne die Mutter anzusehen. „Noch ein krankes Vieh, und ich komme nicht mehr. Ich bezahle den Pachtzins für diesen Schrebergarten nicht, damit du hier ein Tierheim aufmachst.“

Helga Fichtner, 71, stand auf der Holztreppe der Laube und hielt ein Bündel in ein altes Frottiertuch gewickelt. Sie antwortete nicht. Sie hatte ihren Sohn noch nie mit Vornamen angesprochen, wenn er in diesem Ton redete.

Er hatte den Anruf gestern Abend bekommen. Sie hatte es wieder getan. Eine Fundkatze, diesmal von der Aral-Tankstelle an der B96a. Der Tankwart hatte gesagt, der Kleine sitze da schon den zweiten Tag und schreie sich die Seele aus dem Leib. Seine Mutter, eine Rentnerin mit einer Vorliebe für kaputte Kreaturen, war sofort mit der S-Bahn hingefahren.

In der Laube war es klamm. Durch das einfach verglaste Fenster sah er sie: ein Ding, halb Fell, halb Skelett. Die Augen verklebt, ein Ohr zerfetzt, das Fell stumpf und an den Flanken fehlten ganze Büschel. Es roch nach altem Abszess.

„Der kommt weg“, sagte Markus. „Noch heute. Ich fahr dich zum Tierheim in Falkenberg. Keine Diskussion.“

„Setz dich erstmal hin, Markus. Da ist Kaffee.“

„Ich will keinen Kaffee. Ich will, dass das aufhört. Letztes Jahr das Meerschweinchen von den Nachbarn, das du ‚in Pflege‘ genommen hast. Davor der Wellensittich. Und davor die Igel, die du im Badezimmer überwintert hast, bis die Flöhe in der Wohnung waren. Es reicht.“

Helga schenkte sich selbst eine Tasse ein. Auf dem Tisch lag ein Quittungsblock vom Baumarkt. Markus sah die Posten: Beton, ein Sack à 25 Kilo. Zwei neue Zaunlatten. Er hatte sie vor drei Wochen gekauft, am Samstag nach seinem Bereitschaftsdienst. Eigentlich wollte er den Zaun dieses Wochenende machen. Eigentlich.

„Ich habe heute Morgen mit dem Vorstand telefoniert“, sagte Helga leise. „Herr Krüger. Du weißt, der mit dem Schrebergarten nebenan. Er sagt, wenn wir die Parzelle nicht endlich in Ordnung bringen, wird der Vertrag nicht verlängert. Die Warteliste für einen Garten in Köpenick ist lang, das weißt du. Familien mit Kindern, die den Garten auch wirklich nutzen würden. Keine alte Frau, die zweimal im Monat herkommt. Er gibt uns noch bis Ende des Jahres, Markus. Das ist in sechs Wochen. Dann ist es vorbei mit Vaters Garten.“

Markus starrte auf das Katzenbündel. Er dachte an seinen Vater, der diesen Garten vor zwanzig Jahren übernommen hatte. Die Apfelbäume, die er eigenhändig gepflanzt hatte. Der selbstgebaute Grill aus Ziegelsteinen. Und er starb einfach mit 67, Herzinfarkt, auf eben dieser Holztreppe, auf der jetzt seine Frau stand. Seitdem war Markus nur noch zum Reparieren hier.

„Und was soll das Vieh daran ändern?“, fragte er heiser. „Soll es für uns gießen? Den Zaun streichen?“

Helga trank einen Schluck Kaffee. „Der kleine Kerl muss erst mal schlafen. Mehr nicht.“

In der Nacht wachte Markus auf, weil etwas im Beet unter dem Schlafzimmerfenster raschelte. Er lag auf dem alten Ausziehsofa im Wohnzimmer der Laube. Die Matratze war durchgelegen, eine Feder drückte ihm ins Kreuz. Die Uhr zeigte 2:47.

Das Rascheln wurde lauter. Dann ein dumpfer Schlag. Dann Stille.

Markus schlich zum Fenster. Im Mondlicht sah er etwas, das seine Wut für einen Moment komplett aushebelte: Der zerlumpte Kater, kaum größer als eine Männerfaust, stand breitbeinig zwischen den Tomatenpflanzen. In seinem Maul hing eine ausgewachsene Wühlmaus. Der Kleine schüttelte sie ein einziges Mal, dann war es vorbei. Er legte die Maus säuberlich auf den Rand des Beetes, setzte sich daneben und begann, sich die Brust zu lecken, als wolle er sagen: Nichts Besonderes. Nur mein Job.

Markus blieb eine Stunde wach. Er zählte mit.

Zwei Mäuse. Dann noch eine. Und kurz vor vier, als die Dämmerung schon den Himmel riss, eine dicke Ratte, die der Winzling mit einem gezielten Nackenbiss erledigte wie ein Terrier. Danach verschwand er unter der Laube. Er war ein Profi.

Am nächsten Morgen ging Markus barfuß in den Garten. Die Erde unter den Tomaten war ein Schlachtfeld: Löcher, Gänge, Nagespuren an den Stielen der Pflanzen. Ein ganzes Tunnelsystem, das sich unterirdisch durch die Beete fraß. Kein Gemüse überlebte so eine Plage. Kein Wunder, dass alles kümmerte.

Helga kam mit zwei Tassen Kaffee heraus. „Er heißt Mauritz“, sagte sie.

„Wer?“

„Der Kater. Ich hab ihn heute Morgen getauft. Nach dem Heiligen Mauritius, dem Schutzpatron der Tiere. Weißt du, wie viele Mäuse in diesem Garten sind, Markus? Ich hab letzte Woche mit dem Schädlingsbekämpfer von der Gemeinde gesprochen. Der meinte, mindestens dreißig Nester. Dreißig. Und keine Katze weit und breit. Die Nachbarn haben vor zwei Jahren ihre alte Katze eingeschläfert. Seitdem hat keiner mehr ein Tier. Tja, und dann kam Mauritz.“

Markus nahm den Kaffee. Er war stark und zu heiß. Er tat gut.

In den nächsten drei Wochen reparierte Markus den Zaun. Er hob den alten Komposthaufen aus, den sein Vater nie fertig geschichtet hatte. Er kaufte in der Baumschule Späth in Britz neue Johannisbeersträucher, weil die alten, von den Mäusen wurzelfrei genagt, längst tot waren. Der ganze Rücken schmerzte, und er schlief zum ersten Mal seit Monaten durch, weil sein Körper einfach nichts anderes zuließ als Schlaf nach der Arbeit.

Und jede Nacht saß Mauritz auf seiner Patrouille. Er hatte sich berappelt. Das Fell wurde dichter, der Abszess heilte ab, nachdem Helga eine antibiotische Salbe aus der Apotheke am Alex besorgt hatte. Er war immer noch eine Jammergestalt, aber eine mit Feuer in den Augen.

An einem Samstag Ende November stand der Vorstand vor der Tür. Herr Krüger, ein Mann mit der Leutseligkeit eines Sparkassenfilialleiters, der über deinen Dispokredit spricht. Zwei weitere Herren im Schlepptau. Sie wollten eine „Begehung der Parzelle“. Die Generalinspektion.

„Herr Fichtner“, sagte Krüger und sah über den reparierten Zaun, die neuen Sträucher, die umgegrabenen Beete. „Sie haben ja ganze Arbeit geleistet. Aber wissen Sie, was mir Frau Lehmann von Parzelle 12 gesagt hat? Sie hätten eine wilde Katze hier. Unregistriert. Das geht natürlich nicht. Wir haben eine Kleingartenordnung. Haustiere sind genehmigungspflichtig, und eine wilde Katze, die hier nachts herumstreunt, ist eine Gefahr für die heimische Vogelwelt. Ich muss Sie bitten, das Tier unverzüglich zu entfernen. Ansonsten sehen wir uns leider gezwungen, den Pachtvertrag nicht zu verlängern. Ich gebe Ihnen eine Woche. Wenn die Katze dann noch da ist, ist der Garten ab Januar anderweitig vergeben.“

Markus spürte, wie ihm die Kontrolle entglitt. All diese Arbeit. All diese Stunden. Und jetzt das. Wegen der Vögel.

„Das ist eine Fundkatze“, sagte Helga ruhig. „Sie ist krank und wurde ausgesetzt.“

„Das macht sie nicht weniger illegal, Frau Fichtner“, sagte Krüger. „Eine Woche.“ Er lächelte dabei. Ein unfassbar zufriedenes, korrektes Lächeln.

Als Krüger und sein Gefolge auf den Weg traten, genau in dem Moment, als die Verhandlung beendet schien, kam Mauritz unter der Laube hervor. Er sah aus wie der Tod auf Latschen, aber sein gesundes Auge fixierte etwas im Rhabarberbeet. Und dann passierte es: Vor den Augen des gesamten Vorstandes sprintete der Kater los, hechtete mit einem Satz, der für seine Größe fast absurd artistisch wirkte, in das hohe Gras und kam mit einer fetten, quietschenden Wühlmaus wieder heraus. Er legte sie dem Vorstand zu Füßen. Auf Krügers blankpolierte Budapester.

Es war die erste Maus, die der Kleine nicht getötet hatte. Sie saß einfach da, in Schockstarre, auf einem 400-Euro-Schuh, und piepste leise.

Krüger erstarrte. „Was… ist das?“

„Das ist Mauritz“, sagte Helga und ihre Stimme klang plötzlich sehr jung. „Unser Schädlingsbekämpfer. Sie wissen schon, Herr Krüger. Gegen die Plage. Dreißig Nester. Sie haben die Wühlmäuse doch selbst im letzten Protokoll vermerkt, bei der Generalversammlung im Mai. Stand unter Punkt 7: Schädlingsbefall gefährdet die Ernte. Mauritz ist die Antwort. Er arbeitet nachts. Da schläft die Vogelwelt, Herr Krüger. Da arbeitet nur noch er. Zehn Mäuse pro Nacht. Eigenverantwortlich. Ein Holzbock für seine Mühe. Sonst nichts. Wollen Sie ihn wirklich entfernen lassen? Ich meine, wenn Sie der Meinung sind, die Ratten- und Mäuseplage ist im Sinne der Gartenordnung… nur zu. Ich richte mich nach Ihnen. Sie sind der Experte. Aber ich kann Ihnen jetzt schon sagen: In einer Woche sitzen die Viecher dann wieder in Ihren Beeten. Mauritz, Gott hab ihn selig, wird dann woanders Mäuse fangen. Und Sie, Herr Krüger, haben dann das Protokoll an der Backe. Ich helfe Ihnen gern bei der Formulierung: ‚Der Vorstand beschloss die Entfernung der einzigen natürlichen Schädlingsbekämpfung der Anlage‘. Klingt gut, oder?“

Stille.

Markus hielt die Luft an.

Die Maus auf Krügers Schuh zitterte und machte einen kleinen, hilflosen Hüpfer.

Und dann lachte einer der anderen Vorstandsmitglieder, ein älterer Mann mit Hosenträgern, laut auf.

„Mein Gott, Krüger, gib auf. Die Frau hat recht. Die Viecher fressen uns alle arm. Letztes Jahr habe ich keine einzige Möhre geerntet. Keine. Einzige. Wenn der Kater das kann, soll er bleiben. Ich trag das mit ein ins Protokoll und dann ist gut. Wegen mir soll er auch noch nen Orden kriegen von der Schrebergartensparte. Hat er sich verdient. Mauritz, der Mäusefänger von der Parzelle 24. Beschlossen und verkündet, hier und jetzt. Amen.“

Herr Krüger blickte auf seinen Schuh, auf die Maus, auf den abgemagerten Kater mit dem zerfetzten Ohr, der ihm direkt in die Augen sah. Dann bückte er sich vorsichtig, hob die Maus am Schwanz auf und legte sie ins Gras. Als er sich aufrichtete, sagte er: „Also gut. Eine Ausnahme. Aber ich will nichts mehr hören. Keine weiteren Tiere. Und er muss kastriert werden. Das bezahlen Sie selbst. Sobald die Plage eingedämmt ist. Wir wollen hier keine wilde Kolonie. Ist das klar?“

„Ist klar, Herr Krüger“, sagte Helga.

Sieben Monate später, an einem lauen Juniabend, saß Markus auf der Terrasse der Laube. Der Garten war nicht wiederzuerkennen: die Beete ordentlich, eine neue Hollywoodschaukel unter der Birke, und auf dem alten Grill brutzelten Würstchen. Seine Tochter Leonie, acht, rannte mit einem selbstgebastelten Spielzeug über den Rasen. An einer langen Schnur zog sie eine Stoffmaus.

Hinter ihr, mit mittlerweile seidenem, schwarzem Fell und einem Auge, das bei jeder Bewegung der Maus glitzerte, kam Mauritz. Er wog jetzt fast sieben Kilo und war der ungekrönte König der gesamten Anlage.

Helga lachte, als Leonie die Maus im hohen Gras verschwinden ließ und Mauritz mit einem riesigen Satz hineinhechtete.

„Weißt du noch, wie du ihn zum Tierheim fahren wolltest?“, fragte sie leise.

Markus nickte und trank einen Schluck. Kein Kaffee diesmal.

Er erinnerte sich an die Nacht im November, an den Regen, an die Wut. An diesen unsäglichen Moment, in dem sein ganzer Stress mit der Welt zusammengebrochen war auf das Bild dieses kleinen, erbärmlichen Viehs, das gegen alle Wahrscheinlichkeit überlebt hatte. Und er erinnerte sich an den Moment auf Krügers Schuh, in dem er zum ersten Mal verstanden hatte, dass die Welt nicht nach Protokollen funktionierte. Sondern nach dem, was nachts, wenn keiner hinsah, in den Beeten die Nester leerte.

„Ja, kann mich erinnern. Aber da hatte ich den falschen Blickwinkel. Ich hab nur gesehen, was kaputt ist, und nicht, was es reparieren kann. Hat der Kleine mir beigebracht, ohne ein Wort zu sagen. Beste Investition in diesen Garten. Ohne ihn stünde hier kein Zaun mehr. Kein einziger. Inklusive mir selbst.“ Er lachte kurz und schon wieder versagte ihm die Stimme.

Leonie quietschte vergnügt, als Mauritz mit der Stoffmaus im Fang aus dem Gebüsch schoss und sie stolz auf die Terrasse legte, direkt neben die Flasche Radler.

„Guter Junge, Mauritz“, sagte Markus. Er beugte sich vor und kraulte den Kater hinter dem heilen Ohr. „Guter Junge. Gute Arbeit. Feierabend. Willst du was vom Würstchen?“

Mauritz schnurrte so laut, dass die Holzdielen unter ihm vibrierten. Er wusste, dass er niemals auch nur den Hauch einer Respekterwartung an diesen Mann stellen musste. Seinen Mann. Sein erster und bester Mensch.

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Der Kater, der die Mäuse zählte