Ich war achtundsechzig, als meine Tochter Lena mich an einem regnerischen Dienstagabend anrief. „Mama, ich kann das nicht mehr. Hol die Kinder, bitte. Ich schaffe es nicht.“ Ihre Stimme war ein einziges Zittern. Ich warf meine Strickjacke über, griff nach den Autoschlüsseln und fuhr los.
Als ich ankam, brannte in der Wohnung kein Licht. Die Tür stand einen Spalt offen. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel mit nur zwei Worten: *Es tut mir leid.*
Lena war drei Tage später nicht mehr aufgetaucht. Die Polizei fand sie in einer Pension zwei Städte weiter. Herzstillstand mit neunundzwanzig. Der Arzt sagte später, sie habe einfach aufgehört zu kämpfen. An dem Morgen, als ich die Nachricht bekam, standen drei Kinder vor meiner Tür: Emma, acht Jahre alt, die eine Plastiktüte mit Windeln umklammert hielt. Felix, fünf, der mit großen Augen zu mir aufsah und nicht weinte, weil er schon gelernt hatte, dass Weinen nichts ändert. Und der kleine Linus, drei Monate alt, der in seiner Babyschale schrie, als hätte er bereits verstanden, dass seine Mutter nie wiederkommen würde.
Ihr Vater war nie Teil des Bildes gewesen. „Der ist abgehauen, als Linus unterwegs war“, hatte Lena beim letzten Mal gesagt, als wir telefonierten. Kein Name, keine Adresse, nichts. Nur eine Leerstelle, wo eigentlich ein Mann hätte sein sollen.
Also wurde ich mit achtundsechzig noch mal Mutter. Und Vater. Und der Fels, an dem sich drei kleine Menschen festhielten.
Die Rente reichte hinten und vorne nicht. Morgens um halb sechs stand ich auf, machte Pausenbrote, wärmte Fläschchen, kämmte Haare, suchte nach verschwundenen Turnschuhen. Meine Knie knirschten bei jedem Schritt, und manchmal musste ich mich am Türrahmen festhalten, bevor ich die Treppe runterging. Aber ich ging. Jeden verdammten Tag.
An einem brütend heißen Samstag im Juli saßen wir alle vier auf dem Balkon unserer kleinen Wohnung in der Kasseler Nordstadt. Der Asphalt flimmerte. Emma und Felix plantschten in einer dieser billigen Plastikmuscheln, die ich beim Discounter gekauft hatte. Linus lag auf einer Decke und strampelte mit den Beinen.
„Oma?“, sagte Emma plötzlich und schaute nicht auf. „Weißt du, was ich mir wünsche? Nur einmal in einem richtigen Schwimmbad sein. Mit so einem richtigen Becken, wo man richtig schwimmen kann.“
Sie sagte es leise, fast beiläufig, als wäre es ihr peinlich, überhaupt zu fragen. Aber ich sah, wie ihre Finger die Kante der Plastikmuschel umklammerten.
Ich zählte an diesem Abend das Geld, das ich in einer Keksdose hinter dem Mehl versteckt hatte. Zweiundvierzig Euro und ein paar Cent. Daneben lag der Stapel unbezahlter Rechnungen. Ich schob ihn zur Seite, nahm dreißig Euro aus der Dose und kaufte online vier Tageskarten für das Familienbad mit Außenbecken am Stadtrand. Mit dem Bus waren es vierzig Minuten. Das war unser großer Urlaub.
Als wir ankamen, quietschte Emma vor Freude. „Oma, guck mal! Ein Sprungbrett!“ Felix rannte sofort zum flachen Becken und hopste ins Wasser, dass die Tropfen nur so spritzten. Ich setzte mich mit Linus auf eine Bank am Beckenrand, den Maxi-Cosi neben mir, und hielt seine kleine Hand. Er brabbelte zufrieden vor sich hin.
Doch nach zehn Minuten begann er zu weinen. Nicht dieses leise Fiepen, sondern ein durchdringendes, verzweifeltes Schreien, das seinen ganzen kleinen Körper schüttelte. Vielleicht war es die Hitze. Vielleicht der Lärm. Vielleicht spürte er, dass seine Mutter nicht da war – die eine Sache, die kein Baby ertragen sollte.
Ich nahm ihn auf den Arm, wiegte ihn, summte das Lied, das Lena immer gesungen hatte. Nichts half. Er schrie und schrie, und ich spürte, wie mir der Schweiß den Rücken runterlief.
Da stand ein Mann auf. Groß, breites Kreuz, Sonnenbrille, die Haare mit Gel nach hinten geklatscht. Er kam von der anderen Seite des Beckens auf mich zu, mit schnellen, harten Schritten. Das Wasser tropfte noch von seinen Schultern.
„Können Sie das Kind nicht beruhigen?“, fuhr er mich an. Seine Stimme war scharf und laut. „Man kann ja sein eigenes Wort nicht mehr verstehen!“
Ich wollte etwas sagen, aber er hob die Hand, als würde er eine Fliege verscheuchen. „Wenn Sie das nicht in den Griff kriegen, dann gehen Sie doch einfach. Ehrlich, manche Leute sollten nicht in die Öffentlichkeit, wenn ihre Kinder den ganzen Laden zusammenbrüllen!“
Ich saß einfach da. Die Worte trafen mich wie ein Schlag in die Magengrube. Felix stand bis zur Brust im Wasser und starrte den Mann mit offenem Mund an. Emma, am Beckenrand, hörte auf zu planschen. Ihre Augen wurden groß und feucht.
„Entschuldigung“, murmelte ich und stand auf. Mein Knie knackte dabei so laut, dass es durch die Schwimmbadgeräusche zu hören war. Ich nahm die Babyschale und rief die Kinder. „Kommt, wir gehen. Das ist okay. Wir gehen jetzt.“
Ich sah, wie Emma sich auf die Lippe biss. Sie sagte kein Wort, als wir unsere Sachen zusammenpackten. Das machte es noch schlimmer.
An der Tür zum Umkleidebereich blieb ich noch einmal stehen. Ich wollte diesen Mann einfach nur vergessen. Aber da war dieses unangenehme Ziehen in meiner Brust, dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmte.
Ich ging zur Rezeption. Eine junge Frau mit blonden Haaren und einem Namensschild, auf dem *Jasmin* stand, sah mich freundlich an.
„Entschuldigung, die Familie, von der der Mann da drüben ist… der große, mit der dunklen Sonnenbrille… können Sie mir sagen, wie er heißt?“, fragte ich leise.
Die Frau zögerte. „Darf ich fragen, warum?“
„Nur so. Eine alte Frau ist neugierig. Mehr nicht.“
Sie tippte etwas in ihren Computer und runzelte die Stirn. Dann sah sie mich an, als hätte sie eine Rechenaufgabe gelöst, die keinen Sinn ergab. „Er ist allein hier, soweit ich sehe. Name ist Thomas Gerber. Warum? Kennen Sie ihn?“
Thomas Gerber.
Der Name, den Lena mir vor fünf Monaten genannt hatte. An dem Tag, als wir das letzte Mal telefonierten. *Thomas Gerber*, hatte sie gesagt, *ist abgehauen, als Linus unterwegs war.*
Ich hielt mich am Tresen fest. Der Boden schien unter mir zu schwanken.
„Nein“, sagte ich. „Ich kenne ihn nicht. Aber könnten Sie ihm etwas geben? Von mir?“
Ich durchwühlte meine Handtasche, bis ich das Foto fand. Ein kleines Bild, das ich immer bei mir trug. Es war an dem Tag entstanden, als Linus aus dem Krankenhaus kam. Lena, blass und erschöpft, aber mit diesem Strahlen im Gesicht, das nur frischgebackene Mütter haben. Sie hielt Linus im Arm, eingewickelt in eine gelbe Decke. Daneben standen Emma und Felix, beide mit diesen viel zu großen, ernsten Augen.
Auf der Rückseite hatte Lena mit Kugelschreiber etwas geschrieben: *Meine Welt. Für immer.*
„Geben Sie ihm das“, sagte ich zu Jasmin. „Sagen Sie einfach, es ist ein Geschenk. Von der Frau am Beckenrand mit dem schreienden Baby, das er nicht ertragen konnte. Und bestellen Sie ihm schöne Grüße von dem Enkelkind, das seine Tochter nicht mehr sehen kann, weil sie vor drei Monaten gestorben ist – allein, während er sich irgendwo versteckt hat.“
Ich drehte mich um und ging. Linus hatte aufgehört zu weinen, als wüsste er, dass sein Teil dieser Geschichte jetzt erzählt war.
Wir waren fast am Ausgang, als ich Schritte hörte. Nicht die schnellen, aggressiven Schritte von vorhin. Langsame, zögernde Schritte. Wie von jemandem, der nicht sicher ist, ob er laufen kann.
Ich blieb stehen. Hinter mir stand Thomas Gerber. Seine Sonnenbrille hielt er in der Hand, und sein Gesicht war kreidebleich. Das Wasser aus seinen Haaren tropfte auf den Boden, mischte sich mit etwas anderem, das ihm über die Wangen lief.
Er öffnete den Mund, aber es kam kein Ton. Nur ein leises, kehliges Geräusch, das irgendwo tief in seiner Brust stecken blieb.
Wir standen uns gegenüber, nur zwei Meter voneinander entfernt. Zwischen uns nichts als die summende Luft des Schwimmbads und das Echo von Kinderlachen.
Emma zupfte an meinem Ärmel. Ich legte ihr die Hand auf die Schulter und schob sie sanft zur Tür.
„Warte“, flüsterte Thomas. Seine Stimme brach. „Bitte. Warte.“
Ich drehte mich um und sah ihn an. Nicht mit Wut. Nur mit einer Müdigkeit, die aus den letzten drei Monaten stammte, aus all den schlaflosen Nächten und den unbezahlten Rechnungen und dem Geräusch von drei Kindern, die im Schlaf nach ihrer Mutter riefen.
„Worauf?“, fragte ich.
Er holte Luft. Seine Hände zitterten. „Ich wusste es nicht. Ich schwöre, ich wusste nicht, dass sie… dass Linus…“
„Dass Linus was? Dass er existiert? Du wusstest, dass Lena schwanger war. Du wusstest es, und du bist trotzdem gegangen. Und als sie starb, standest du nicht an ihrem Grab. Du warst nicht da, um Emma zu sagen, dass alles gut wird. Du hast dich nicht hingesetzt und mit Felix über seine Albträume geredet. Du hast nicht jeden Morgen um fünf dreißig ein Fläschchen für deinen Sohn warm gemacht und dabei versucht, nicht zu weinen, weil du selbst nicht weißt, wie du den Tag überstehen sollst.“
Meine Stimme war ruhig. Nicht laut. Nicht anklagend. Einfach nur wahr.
Thomas schwieg. Das Weiß in seinem Gesicht wurde noch weißer.
Ich schob die Tür zum Ausgang auf. Draußen schlug uns die Sommerhitze entgegen. Emma und Felix liefen voraus zum Bus, Hand in Hand.
Hinter mir hörte ich eine letzte, brüchige Stimme: „Kann ich sie wenigstens einmal sehen? Nur einmal?“
Ich antwortete nicht. Der Bus setzte sich in Bewegung, und ich sah durchs Fenster zurück zum Schwimmbad. An der Tür stand eine Gestalt, reglos, die Hände an die Scheibe gepresst.
Sechs Wochen später lag ein Brief im Kasten. Kein Absender. Nur ein einzelnes Blatt Papier, auf dem mit zittriger Handschrift stand: *Ich zahle jeden Monat auf dieses Konto ein. Sag den Kindern nicht, von wem. Sag ihnen einfach, dass jemand an sie denkt.*
Darunter eine Kontonummer. Und ein Betrag, der die Summe von drei Monaten überstieg – genau der Betrag, den ich für die Beerdigung hatte leihen müssen.
Ich legte den Brief in die Keksdose, zwischen die letzten verbliebenen Geldscheine und das Foto von Lena.
An diesem Abend saßen wir auf dem Balkon. Die Sonne ging unter, und Emma hatte ihren Kopf an meine Schulter gelehnt. Felix malte mit einem nassen Finger Kreise auf die Tischplatte. Linus schlief in meinem Arm, seine kleine Faust um meinen Daumen geschlossen.
„Oma?“, sagte Emma leise.
„Ja, mein Schatz?“
„War der Mann im Schwimmbad böse?“
Ich schwieg eine Weile. Die Grillen zirpten. Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. Ich dachte an den Brief in der Keksdose und an die Handschrift, die so zittrig war, als hätte sie vergessen, wie man schreibt.
„Ich weiß es nicht“, sagte ich schließlich. „Aber ich glaube, er hat gerade erst angefangen, das herauszufinden.“












