Ich bin seit einundzwanzig Jahren Hausmeisterin in einem Mietshaus in der Rigaer Straße, Friedrichshain. Man sieht viel, wenn man morgens um sechs schon die Klingelschilder putzt und abends noch den Müll runterträgt. Man hört noch mehr. Wände in diesen Altbauten sind dünn wie Butterbrotpapier, besonders im dritten Stock, wo Frau Kettner und ihr Mann seit zweiundzwanzig Jahren wohnen.
Ich kannte die beiden gut. Herr Kettner, Steuerberater, kam immer als Erster runter, um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen, noch bevor der Kaffee durch war. Frau Kettner – Bettina – grüßte mich jeden Montag mit einem Stück Streuselkuchen, weil sie wusste, dass ich um die Zeit noch nichts gegessen hatte. Sie arbeitete in der Kinderklinik am Virchow, Nachtschichten, Wochenenddienste, dreißig Jahre lang. Ihr Sohn Jonas hat mir mal gesagt, seine Mutter habe ihn großgezogen "zwischen zwei Nachtschichten und einem Topf Erbsensuppe".
An dem Donnerstag im Juli, als es passierte, war ich gerade dabei, den Hauseingang zu wischen. Es roch nach Linden, die vor dem Haus blühten, und aus der Kneipe an der Ecke lief leise ein Fußballspiel im Fernsehen – Vorbereitungsspiel, irgendein Testkick, niemand hat wirklich zugeschaut. Ich hörte Bettinas Schritte auf der Treppe, schneller als sonst. Dann die Wohnungstür, die nicht zufiel, sondern richtiggehend zuknallte.
Was ich später zusammensetzte – aus dem, was Jonas mir erzählte, und aus dem, was ich selbst mitbekam, weil ich zufällig mit dem Wischmopp im vierten Stock war, als die Tür offenstand –: Sie hatte sein Handy auf der Küchenanrichte liegen sehen, während die Kartoffelsuppe köchelte. Eine Nachricht, aufgeleuchtet, ungefragt. Etwas mit "Ich vermisse deine Hände" und der Frage, wann er sich wieder von ihr losreißen könne. Von ihr. Von Bettina.
Ich habe die beiden an dem Abend nicht direkt gesehen, aber ich stand im Treppenhaus, als Herr Kettner eine Stunde später nach Hause kam, den Aktenkoffer noch in der Hand, und die Wohnungstür einen Spaltbreit offen fand. Er blieb kurz stehen. Ich tat, als würde ich das Geländer polieren. Man mischt sich nicht ein, das ist die erste Regel im Haus. Aber man hört.
Drinnen soll es, laut Jonas, kein großes Geschrei gegeben haben. Nur Bettinas Stimme, die einmal laut wurde – "seit wann?" – und dann leiser und leiser, bis sie fast nicht mehr zu hören war. Er habe gesagt, es sei "kompliziert geworden". Sie habe geantwortet, das sei kein Steuerbescheid, das sei Betrug. Und dann diesen einen Satz, den Jonas mir Wochen später wiederholte, weil seine Mutter ihn wohl selbst nicht vergessen konnte: "Ich war mit dir schon lange nicht mehr glücklich." Als würde das irgendetwas aus der Welt schaffen.
Die Kollegin hieß Franziska, fünfzehn Jahre jünger, arbeitete mit ihm zusammen in derselben Kanzlei am Alexanderplatz. Eigene Wohnung in Prenzlauer Berg, eigenes Leben – und trotzdem, sagte Bettina später zu mir, als sie einmal mit dem Müllsack an mir vorbeikam und einfach stehen blieb, "trotzdem ist sie einfach reingelaufen. Ohne anzuklopfen."
Ich habe Bettina in den folgenden Wochen anders erlebt. Nicht gebrochener – eher aufgeräumter, im wörtlichen Sinn. Sie ließ die Fenster im dritten Stock oft offen, lüftete, als wolle sie den Sommer selbst aus der Wohnung schaufeln. Einmal sah ich sie mit einem Aktenordner unterm Arm die Treppe runterkommen, auf dem Weg zu einem Notartermin in der Boxhagener Straße, wie sie mir erzählte, während ich den Hausflur wischte. Die Eigentumswohnung war vor elf Jahren beim Auszahlen der Lebensversicherung ihrer Mutter mitfinanziert worden – zu einem Drittel aus ihrem eigenen Namen, das stand im Grundbuch, das hatte sie extra prüfen lassen. Dreiundvierzigtausend Euro, genau diese Summe, hatte sie damals eingebracht.
Sie kündigte das gemeinsame Konto, auf das ihre Gehaltsabrechnungen aus der Klinik seit Jahren liefen, und eröffnete ein eigenes bei der Sparkasse am Frankfurter Tor. Sie ließ den Anwalt eine Verkaufsklausel für die Wohnung aufsetzen, die eine Teilungsversteigerung vorsah, falls Herr Kettner sich querstellen sollte. Und sie wechselte, das weiß ich, weil ich selbst den neuen Schlüssel für die Nebeneingangstür bekam, damit ich im Notfall reinkonnte, das Schloss der Wohnungstür.
Herr Kettner stand an einem Samstagvormittag im September vor der verschlossenen Tür. Ich saß gerade auf der Bank vor dem Haus und flickte einen Fahrradschlauch für den Jungen aus dem zweiten Stock. Er klingelte, einmal, zweimal. Niemand öffnete. Er klopfte dann bei mir an, fragte, ob ich einen Ersatzschlüssel hätte. Ich sagte, das dürfe ich nicht, ohne Erlaubnis der Mieterin. Er stand noch eine Weile auf dem Treppenabsatz, den Aktenkoffer wieder in der Hand, als hätte er vergessen, dass er gar nicht mehr zur Arbeit musste an diesem Tag.
Bettina war zu der Zeit gar nicht in der Stadt. Jonas hatte mir erzählt, sie sei mit einer alten Kollegin für ein paar Tage an die Ostsee gefahren, nach Ahrenshoop. Als sie zurückkam, mit sonnenverbranntem Gesicht und einer Tüte Amrumer Krabben für mich, weil sie wusste, dass mein Mann die mag, erzählte sie mir vom Notartermin, den sie schon hinter sich hatte. Die Wohnung würde verkauft, ihr Anteil ausgezahlt, seiner ebenso – jeder ging seiner Wege, nur eben nicht mehr unter einem Dach.
Ich habe sie nie klagen hören über ihn, kein einziges böses Wort im Treppenhaus, nur einmal, als ich fragte, wie es ihr gehe, sagte sie: "Ich putze jetzt nur noch für mich, Frau Herold. Das reicht mir." Dann ist sie weitergegangen, die Krabbentüte noch in der Hand, und hat oben die Fenster aufgemacht, damit der Wind durchziehen konnte.












