Ich bin seit dreiundzwanzig Jahren Nonne. Ich heiße Schwester Angelika, und lange schon glaubte ich nicht mehr, dass ein Kind mich überraschen könnte. Aber Daria hat mich überrascht.
Ich sah sie zum ersten Mal im März, als das Jugendamt die vier Kinder von Wanda aus Hohenstein brachte. Ich weiß nicht mehr, ob es schneite oder nur kalt war. Ich erinnere mich nur an den Geruch. Es roch nach Rauch, nach Schimmel, nach etwas Süßlich-Faulem, das an der Kleidung klebte und sich auch beim Waschen nicht löste. Daria war die Älteste, neun Jahre alt. Sie hielt die Kleinste an der Hand, die anderen beiden versteckten sich hinter ihr wie verschreckte Kätzchen.
Die Heimleiterin rief mich auf den Flur.
„Schwester, die müssen gebadet werden. Und gegen Läuse behandelt. Zweimal.“
Ich nickte. Im Bad zog ich ihnen die schmutzigen Sachen aus und steckte sie in Müllbeutel – zum Wegwerfen, nicht zum Waschen. Auf Darias Rücken waren alte Narben, dünne weiße Linien wie vertrocknete Bachbetten. Sie zuckte nicht zusammen. Sie hielt nur ein Stück Brot in der Faust und ließ es nicht los.
Später, im Speisesaal, gab ich den Kindern warmen Eintopf. Der kleine Simon aß mit dem Löffel, den er mit beiden Händen wie eine Schaufel hielt. Daria aß nicht. Sie sammelte die Bissen in die Tasche ihres neuen Schlafanzugs, wie automatisch. Ich musste ihr erklären, dass es hier jeden Tag zu essen gibt. Sie glaubte mir nicht. Ich hatte das Gefühl, sie hörte mir zu, wie man einem Erwachsenen zuhört, der Unsinn redet.
Die Zeit verging. Daria lernte schnell lesen, als würden ihr die Buchstaben von selbst zufliegen. In der Schule in Wernigerode sagte mir die Lehrerin, Frau Brandt:
„Dieses Mädchen ist das klügste, das ich seit zehn Jahren gesehen habe. Aber sie lächelt nie.“
„Ihr Lächeln ist nach innen gerichtet“, antwortete ich, weil ich nichts anderes zu sagen wusste.
Tatsächlich hatte Daria ein Lächeln. Es war wie ein Sonnenstrahl durch Nebel – selten und sehr kurz. Ich sah es nur in der Kapelle, wenn sie sang. Sie sang leise, als würde sie zu jemandem beten, den wir nicht sehen sollten.
Ihre Mutter, Wanda, kam ein einziges Mal. Sie war betrunken. Sie stand am Tor und schrie etwas von „meinen Kindern“, davon, dass „Blut nicht zu Wasser wird“. Die Kinder sahen vom Fenster aus zu. Simon weinte. Elena, die Mittlere, klammerte sich an den Vorhang.
Daria schaute nicht hin. Sie stand in der Ecke des Schlafsaals und schrieb in ein Heft – langsam, den Kopf gesenkt. Sie weinte nicht. Sie fragte nicht, warum ihre Mutter so war. Sie schrieb nur etwas und klappte das Heft zu.
Damals wusste ich nicht, was sie schrieb. Jetzt weiß ich es.
Die Jahre vergingen. Ich wurde alt in den Schatten des Klosters, und Daria wuchs heran. Nach der Schule ging sie nach Leipzig – ein Stipendium, ein Wohnheimzimmer, Nachtschichten an einer Tankstelle an der Georg-Schumann-Straße. Dann das Studium. Dann eine Stelle im Büro einer großen Firma. Ich schickte ihr zu Ostern selbstgebackenes Gebäck, sie antwortete mit kurzen Nachrichten: „Mir geht es gut, Schwester. Danke.“
Dann kam die größte Nachricht: die Hochzeit. In Warnemünde, am Strand. Sie schickte ein Foto – ein langes weißes Kleid, ein Mann neben ihr, lächelnd, mit schmaler Krawatte. Daria sah schön aus. Nicht wie ein Mädchen von einem Filmplakat, sondern wie ein Mensch, dem es gelungen war, sich wieder zusammenzufügen.
„Kommen Sie?“, fragte sie am Telefon.
„Ich kann nicht, mein Kind. Der Dienst hier lässt mich nicht fort.“
Das stimmte nicht. Ich hatte nur Angst, Wanda unter den Gästen zu sehen. Die Mutter lebte noch, war für kurze Zeit nüchtern gewesen und hatte sich zur Hochzeit angekündigt – solche Frauen tauchen immer auf, wenn es Kuchen und Freibier gibt.
Daria sagte, sie verstehe.
Einen Monat später schrieb mir Elena: „Schwester, ich komme Sie besuchen. Ich muss Ihnen etwas sagen.“
Sie kam an einem Samstag. Wir setzten uns in den Klostergarten, unter die alte Linde. Elena war eine Frau geworden – ruhig, mit schlichten goldenen Ohrringen. Aber ihre Augen waren gerötet.
„Daria trinkt“, sagte sie ohne Umschweife. „Es fing auf der Hochzeit an. Mit dem Sekt. Dann in Spanien, auf den Flitterwochen – jeden Tag. Jetzt schon … Schwester, sie trinkt wie unsere Mutter.“
Ich schwieg. Der Wind bewegte die Äste über uns, eine Eichel fiel ins Gras.
„Ihr Mann hat sie rausgeworfen“, fuhr Elena fort. „Sie ist zurück in ihre Wohnung, die sie sich von ihrem eigenen Geld gekauft hatte. Ich wohnte bei ihr, weil ich in Leipzig studierte. Aber ich konnte es nicht mit ansehen. Männer kamen und gingen. Eines Abends fand ich einen Fremden in meinem Bad, Schwester. In meinem Bad. Und Daria schlief betrunken auf dem Sofa. Sie hatte etwas mit ihm unterschrieben – irgendeinen Kredit, gegen die Wohnung.“
„Was hast du getan?“
„Ich bin ausgezogen. Ich habe ihr einen Zettel hinterlassen und bin gegangen. Ich konnte nicht bleiben.“
Elena sprach, und ich erinnerte mich an den ersten Abend. Das Stück Brot in der Faust. Die Narben auf dem Rücken. Das Heft, das ich nie gelesen habe.
„Sie kam zu mir“, sagte Elena. „Schmutzig, mit kaputten Zähnen, mit dem Geruch von Benzin und Schweiß. Sie duschte, schlief zwei Tage, verschwand dann wieder. Eines Tages nahm sie hundertvierzig Euro aus meinem Portemonnaie. Da wusste ich, es ist Zeit, sie nicht mehr einzuladen.“
„Und jetzt?“
„Jetzt ist sie weg. Seit drei Monaten. Verschwunden. Die Wohnung wurde verkauft – ein Mann kam mit einem Notar, und alles war legal. Daria hatte vor einem Jahr eine Vollmacht unterschrieben. Ich wusste, dass sie krank ist. Ich wusste es schon lange. Aber ich konnte sie nicht aufhalten.“
Elena sah mich an. Sie wartete darauf, dass ich etwas sagte.
„Und die anderen?“, fragte ich.
„Simon arbeitet auf dem Bau, in München. Jörg ist in Dresden – Automechaniker. Beide trinken nicht. Keinen Tropfen. Simon sagte: ‚Wir sind Kinder des Alkohols. Wir wollen nicht herausfinden, ob es uns auch gefallen würde.‘“
Sie schwieg einen Moment. Dann fügte sie hinzu:
„Unsere Mutter hat Daria als Kind gesagt: ‚Du bist meine Tochter, du bist genau wie ich.‘ Und Daria hat es geglaubt.“
Da verstand ich es. Ich wusste nicht genau, was Daria in ihr Heft geschrieben hatte, aber jetzt sah ich die Worte klar vor mir. Sie hatte aufgeschrieben, was eine Mutter ihrem Kind sagen sollte. Sie hatte das Gegenteil geschrieben: „Ich werde nicht wie sie werden.“ Und sie hatte sich ergeben.
Ich ging in mein Zimmer. Auf meinem Schreibtisch steht eine alte Holzikone der Gottesmutter, die ich von meinem Vater geerbt habe. Ich öffnete die Schublade. Dort, in einem kleinen Plastikbeutel, bewahre ich etwas auf, das ich vom ersten Abend mitgenommen hatte – das Stück Brot, das Daria in der Faust gehalten hatte. Es war hart wie Stein. So wie damals.
Ich nahm den Beutel. Ich nahm auch mein Notizheft – jenes, in dem ich Einkaufslisten für die Küche führe. Ich riss ein leeres Blatt heraus. Ich schrieb darauf: „Für Daria. Das Letzte von ihr. Soll in der Kirche bleiben.“
Ich legte den Beutel mit dem Brot hinein. Ich faltete das Blatt und band es mit einem weißen Faden zusammen.
Danach rief ich eine Frau an, die ich aus der Gemeinde kenne. Sie arbeitet im Einwohnermeldeamt in Wernigerode.
„Ich muss ein Mädchen finden“, sagte ich. „Daria. Der Vater ist unbekannt. Die Mutter – Wanda aus Hohenstein. Geburtsdatum: vierter Oktober neunzehnhundertvierundachtzig.“
Sie fragte nicht, warum. Sie sagte nur:
„Ich habe nachgeschaut. Es gibt einen Eintrag. Dieselbe Frau ist vor zwei Monaten gestorben. Gefunden in einem verlassenen Gebäude nahe dem Bahnhof. Todesursache: Herzversagen, verstärkt durch Unterkühlung. Beerdigt als unbekannte Person.“
„Wo?“
„Der städtische Friedhof in Wernigerode. Feld 12.“
Ich dankte ihr. Ich legte auf. Das Fenster meines Zimmers ging auf den Klostergarten hinaus, wo Elena noch stand. Ich sah, wie sie an ihrem Ärmel zog. Dann setzte sie sich auf die Bank. Sie weinte nicht.
Am nächsten Tag ging ich zum Friedhof. Ich trat durch das eiserne Tor, das quietschte. Ich fand Feld 12 – eine Reihe kleiner Steinplatten, ohne Fotos. Eine war neuer. Der Name fehlte. Nur eine Nummer.
Ich kniete auf der gefrorenen Erde. Ich öffnete den Beutel. Ich nahm das Stück Brot heraus. Es bröckelte schon. Ich legte es auf das Grab.
Ich blieb lange dort stehen. Ich dachte an den ersten Abend, an das Bad, an die schmutzige Kleidung in den Müllbeuteln. Ich dachte daran, wie Daria in der Kapelle sang. Und daran, wie sie mich einmal, am Karsamstag, fragte:
„Schwester, glauben Sie, dass Gott auch die Kinder aus Hohenstein hört?“
„Ja, mein Kind“, sagte ich. „Er hört alle.“
Sie antwortete nicht.
Jetzt stand ich über ihrem Grab.
„Vergib mir, Herr“, sagte ich laut. „Ich bin zu spät gekommen.“
Der Wind strich über den Hügel, riss ein paar trockene Blätter vom Boden und trug sie hinab zum Kloster. In der Ferne, durch den Nebel, sah man die Dächer von Wernigerode. Irgendwo dort, hinter einem von ihnen, lebte Elena. Und in meinem Kühlschrank stand, für die morgige Messe vorbereitet, das Altarbrot.
Ich kam am Klostertor vorbei und blieb stehen. Ich warf zwei Euro in die Opferbüchse für Kerzen. Ich zündete eine an. Und ich schrieb mit dem Kugelschreiber, auf der Innenseite des Totenbuchs, nach allen Namen:
„Daria. 4. Oktober 1984 – 12. Januar 2023.“
Kurz. Wie eine Erinnerung, die in eine einzige Zeile passt.
An diesem Abend aß ich nichts zu Abend. Ich saß in der Küche und sah zu, wie Schwester Ruth Brot zum Verteilen buk. Sie fragte mich:
„Für wen ist das, Schwester?“
„Für ein Mädchen“, sagte ich. „Das Brot mit beiden Händen aß.“
Sie fragte nicht weiter. Sie reichte mir nur ein Stück.
Ich stand auf und ging, das Fenster zum Garten zu schließen. Draußen roch es nach Rauch – jemand verbrannte trockenes Laub im Wald. Derselbe Geruch wie am ersten Tag. Dieser Geruch geht nicht aus der Kleidung. Auch nicht aus der Erinnerung.
Ich machte das Licht nicht an. Ich stand einfach im Dunkeln.











