Der Zettel unter dem Kühlschrankmagneten

Ich arbeite seit vierzehn Jahren als Hausmeisterin in einem Mehrfamilienhaus in Leipzig-Connewitz, sechsundzwanzig Parteien, drei Stockwerke, ein Fahrstuhl, der öfter steht als fährt. Man kriegt in so einem Job mehr mit, als einem lieb ist. Wer wann nach Hause kommt, wessen Briefkasten überquillt, wer die Mülltrennung ignoriert. Und man kriegt mit, wenn in einer Wohnung etwas kippt.

Familie Brandner wohnte im zweiten Stock, Wohnung 14, seit ich denken kann. Herr Brandner, Klaus, arbeitet auf dem Bau, Vorarbeiter mittlerweile, die Hände immer aufgesprungen im Winter vom Kalk und vom Kalten. Seine Frau Sabine putzt zweimal die Woche im Klinikum St. Georg, Frühschicht, halb sechs raus aus dem Haus. Und der Sohn, Marius, dreiundzwanzig, den ich noch als Kind mit dem Fahrrad im Hof kannte, klingelnd, immer zu schnell für den Kies.

Ich hab Marius die letzten anderthalb Jahre kaum noch klingeln hören. Der ist quasi eingezogen ins Sofa. Ausgezogen aus der Ausbildung zum Mechatroniker – "der Meister war ein Choleriker", hat er mir mal an der Mülltonne erzählt, als hätte ich ihn danach gefragt. Dann ein Job im Getränkemarkt, drei Wochen. Dann nichts mehr.

Ich weiß das alles, weil die Wände in dem Haus dünn sind wie Zeitungspapier, und weil Sabine mir manchmal im Treppenhaus die Einkaufstüten abnehmen ließ, wenn ihre Arme zitterten, und dann kam ihr beim Ausruhen auf der dritten Stufe immer irgendwas raus. Dass Marius bis zwei Uhr mittags schläft. Dass er sich das Essen über eine App bestellt, weil Kochen "keinen Bock" macht. Dass die leeren Red-Bull-Dosen sich unterm Bett stapeln wie Baumaterial.

Am Dienstag, dem 25. August, hatte ich Spätdienst, weil im Keller ein Rohr tropfte. Ich war noch im Hausflur, als ich Klaus die Treppe hochkommen hörte – die schweren Stiefel, das Schleifen, mit dem er nach zwölf Stunden auf dem Gerüst die letzten Stufen nimmt. Die Tür zu 14 stand einen Spalt offen, weil der Sommer die Fenster aufgequollen hatte und die Türen dann nicht mehr richtig schließen. Ich wollte eigentlich nur nachsehen, ob das Rohr im Keller auch bei denen tropft. Ich blieb stehen, weil drinnen etwas passierte, das man nicht einfach überhört.

Sabine stand noch in der Kittelschürze vom Klinikum, die Haare vom Schweiß am Kopf klebend. Sie hielt einen Teller mit Gulasch und Klößen in der einen Hand, ein Glas Cola in der anderen. Marius lag auf der Couch, Fernbedienung in der Faust, Blick auf den Bildschirm genagelt.

"Hier, mein Junge. Iss, bevor's kalt wird."

Er nahm das Glas, trank, verzog das Gesicht. "Die ist ja lauwarm, Mama. War's so schwer, die kaltzustellen?"

Ich hab, ehrlich gesagt, kurz die Luft angehalten. Sabine stand da wie festgefroren mit dem Teller in der Hand.

Dann Klaus in der Tür, Werkzeugtasche noch über der Schulter, Kalkstaub am Blaumann. "Was hast du gesagt?"

Marius, ohne sich richtig umzudrehen: "Ah, der Boss ist da."

Ich weiß nicht, was in dem Moment in Klaus vorging, aber ich hab gesehen, wie seine Hand sich um den Riemen der Werkzeugtasche schloss, als müsste er sich irgendwo festhalten. "Entschuldige dich bei deiner Mutter."

"Wegen der Cola? Übertreib nicht, Papa."

"Wegen der Art, wie du mit ihr redest. Als wär sie deine Bedienung."

Marius setzte sich halb auf, zog sich einen Kopfhörer vom Ohr, langsam, mit diesem Grinsen, das Söhne draufhaben, wenn sie wissen, dass ihnen sowieso nichts passiert. "Wenn's dich so stört, dann bedien dich doch selbst."

Ich hätte an der Stelle die Treppe runtergehen sollen, wirklich, das war Familiensache. Aber meine Beine sind nicht mitgegangen. Ich hatte an dem Abend sowieso schon zwölf Stunden Dienst gemacht, und mein eigener Feierabend konnte auch noch fünf Minuten warten.

Klaus stellte die Tasche ab. Ging an mir vorbei, ohne mich überhaupt zu bemerken, in Marius' Zimmer. Ich sah durch den Türspalt, wie er den Schrank aufriss und anfing, Sachen rauszureißen. Jogginghosen, T-Shirts, die Basketballschuhe, für die Sabine, wie ich später erfuhr, einen Kredit bei der Sparkasse abbezahlte, weil Marius geschworen hatte, damit als Streamer durchzustarten. Er stopfte alles in blaue Ikea-Taschen, die im Flur standen, für den nächsten Sperrmüll gedacht.

Marius kam hinterher, barfuß, die Zehen krallten sich in den PVC-Boden. "Spinnst du komplett?"

Keine Antwort. Nur das Rascheln der Taschen.

"Ich zieh hier nicht aus, das ist mein Zuhause."

Klaus richtete sich auf, eine Tasche in jeder Hand. "War es. Ab heute ist es meine Wohnung, für die ich zahle, und in der meine Frau nicht wie eine Kellnerin behandelt wird."

Sabine kam aus der Küche gerannt, der Teller stand noch unberührt auf dem Couchtisch, das Gulasch dampfte nicht mehr. "Klaus, bitte, lass das. Er hat doch sonst niemanden."

Klaus blieb einen Moment stehen. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, nur seinen Rücken, breit, in dem staubigen Blaumann. "Er hat uns, Sabine. Und genau das ist das Problem."

Er trug die Taschen zur Wohnungstür, an mir vorbei, ich drückte mich gegen die Wand neben dem Sicherungskasten, tat, als würde ich am Rohr im Flur was prüfen. Er warf sie auf den Treppenabsatz. Zwei Nachbarn aus dem dritten Stock, die Familie Öztürk, öffneten ihre Tür einen Spalt, zogen sich aber gleich wieder zurück, als sie merkten, was da lief.

Marius stand jetzt in der Tür, T-Shirt, keine Schuhe, rot im Gesicht. "Papa, das könnt ihr nicht machen."

"Können wir. Steht sogar im Mietvertrag – meine Frau und ich sind die Hauptmieter."

"Du bist ein Arschloch, weißt du das?"

Klaus ging noch mal rein, kam mit einer dritten Tasche raus, dann mit dem Laptop-Rucksack, den er nicht in die Tasche warf, sondern Marius direkt vor die Füße stellte, fast schon behutsam. "Dein Ausweis und deine Papiere sind vorne in der Tasche. Deine Mutter hat sie rausgesucht."

Sabine weinte jetzt richtig, mit diesem Zittern in den Schultern, das man kriegt, wenn man versucht, es zu unterdrücken und es trotzdem rauskommt. "Du machst unseren Sohn kaputt."

"Er macht sich selber kaputt, Sabine. Seit anderthalb Jahren sitze ich mit geschwollenen Händen am Tisch, und er beschwert sich über die Cola."

Ich hab in dem Moment gedacht: Der Mann hat nicht mal laut geschrien. Das war das Merkwürdige daran. Er hat die ganze Zeit ruhig gesprochen, während um ihn rum alles kippte.

Marius, jetzt ohne Grinsen, die Stimme kippend: "Mama, sag doch was."

Und Sabine, mit dem Teller immer noch halb in der Hand, den sie die ganze Zeit nicht abgestellt hatte, sagte nichts. Zum ersten Mal, seit ich sie in dem Haus kenne, sagte sie gar nichts.

Marius zog sich Schuhe an, die er sich aus einer der Taschen fischte, ohne Socken, und stapfte die Treppe runter, drei Taschen und den Rucksack schleppend, fluchte was von "das werdet ihr bereuen" die Stufen runter. Ich hörte die Haustür unten ins Schloss fallen, dieses metallische Klacken, das durchs ganze Treppenhaus hallt.

Ich bin dann tatsächlich noch zum Rohr im Keller runter, hab's abgedichtet, so gut es ging mit dem Material, das ich dabeihatte, und wollte eigentlich Feierabend machen. Aber als ich nach oben kam, um meine Tasche aus dem Hausmeisterbüro im Erdgeschoss zu holen, saß Sabine auf der untersten Treppenstufe. Der Teller stand jetzt neben ihr, das Gulasch war komplett kalt.

Sie hat mich nicht um Rat gefragt. Das würde sie nie tun, dafür ist sie zu stolz oder zu erschöpft, ich weiß nicht genau, was von beidem mehr. Ich hab ihr nur ein Glas Wasser aus dem Büro geholt und neben sie gestellt, ohne was zu sagen, weil ich fand, das steht mir nicht zu, mich da einzumischen.

Was ich noch weiß, weil ich zwei Tage später zum Rohr wieder hoch musste und Klaus mir die Tür aufmachte: Auf dem Küchentisch lag ein Ordner, Sabines Handschrift auf dem Rücken, "Sparkasse – Kredit Basketballschuhe". Sie hatte an dem Abend, an dem Marius rausflog, den Kreditvertrag rausgesucht, die Restschuld nachgerechnet – zweihundertzehn Euro, die noch offen waren – und am nächsten Morgen bei der Filiale in der Wolfgang-Heinze-Straße die Rate vorzeitig auf einmal beglichen, um den Vertrag zu schließen. Klaus zeigte mir das nicht, um sich zu rechtfertigen. Er hat es einfach erwähnt, während er den Wasserhahn aufdrehte, um zu prüfen, ob das Rohr jetzt dicht hält, so beiläufig wie man vom Wetter redet.

Auf dem Kühlschrank klebte ein Post-it unter dem Magneten mit dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal drauf, den ich Sabine mal von einem Ausflug mitgebracht hatte. Handschrift von Sabine: "Schuhe abbezahlt. Schlüssel für 14 nur noch bei uns beiden." Kein Name, kein Marius. Nur das.

Ich hab seitdem im Treppenhaus ein paarmal Klingelversuche an der 14 gehört, abends, wenn Klaus noch auf der Arbeit war. Sabine hat, so weit ich das mitgekriegt habe, nicht aufgemacht. Einmal, an einem Samstagvormittag im September, stand Marius unten am Hauseingang und tippte den Code fürs Schloss, den man ändern muss, wenn man umzieht – er kannte den alten noch. Der ging nicht mehr. Ich fegte gerade den Hof und tat, als würde ich das nicht mitbekommen. Er stand vielleicht zwei Minuten davor, das Handy am Ohr, offenbar ohne Antwort, dann ist er wieder Richtung Bushaltestelle gelaufen.

Ich hab keine Ahnung, wo er seitdem wohnt. Das ist auch nicht meine Sache. Aber der Ordner mit dem Kreditvertrag liegt, glaube ich, immer noch im Küchenschrank bei den Brandners, ganz oben, neben den Steuerunterlagen. Und der Post-it hängt, als ich zuletzt dort was reparieren musste, immer noch am Kühlschrank.

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