Sechzehn Jahre lang hat mich niemand nach der Uhrzeit fragen müssen. Um halb sieben stand Konstantin auf, egal ob wir gerade beim Nachtisch saßen oder der Fernseher noch lief, und griff nach seiner Jacke. Immer die braune, mit dem abgewetzten Kragen, die er sich einfach nicht ersetzen lassen wollte. "Onkel Theo braucht mich", sagte er dann, manchmal ohne aufzublicken, manchmal mit diesem entschuldigenden Lächeln, das ich am Anfang noch rührend fand.
Ich heiße Marlene, bin achtundvierzig, arbeite in der Buchhaltung eines mittelständischen Betriebs in Bielefeld, und ich hatte drei Jahre lang jeden Abend dasselbe Ritual: den Tisch für zwei decken und dann alleine essen. Theo, Konstantins Onkel väterlicherseits, wohnte angeblich zwanzig Minuten entfernt, in einer Doppelhaushälfte am Stadtrand, und schien ein wandelndes Unglück zu sein. Mal war die Heizung explodiert, mal hatte er sich beim Rasenmähen den Fuß verletzt, mal sprang sein alter Opel Kadett einfach nicht an. Drei Jahre lang. Jeden Werktag, manchmal auch am Wochenende.
Kennengelernt hatte ich Theo nie. Zu keinem Weihnachtsfest ist er gekommen, nie hat er an Konstantins Geburtstag angerufen, keine Karte zu Ostern, nichts. "Er ist krank, Marlene, ernsthaft krank, er will nicht, dass du dir das antun musst", erklärte Konstantin, wenn ich fragte, und irgendwann hatte ich aufgehört zu fragen. Man gewöhnt sich an vieles, wenn man es nur oft genug hört.
Der Abend, an dem alles kippte, war unser sechzehnter Hochzeitstag, ein Dienstag im Mai. Ich hatte Rouladen gemacht, die er liebt, eine Flasche Spätburgunder kaltgestellt, sogar die guten Servietten aus der Schublade geholt, die sonst nur zu Weihnachten rauskommen. Um zwanzig nach sechs klingelte sein Handy. Ich sah, wie sein Gesicht sich veränderte, noch bevor er überhaupt etwas gesagt hatte.
"Theos Kater ist auf den Baum geklettert und kommt nicht mehr runter", sagte er und war schon halb im Flur.
"Heute Abend? Konstantin, das ist UNSER Abend! Ruf die Feuerwehr, dafür gibt es die!"
"Ich wusste gar nicht, dass du so gefühllos sein kannst", sagte er, zog die braune Jacke an und war weg.
Ich saß da, mit den Rouladen, die kalt wurden, und der Wut, die in mir hochkroch wie etwas Lebendiges. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Jahnplatz vorbei, das kannte ich schon, dieses Quietschen in der Kurve, jeden Abend um diese Zeit. Normalerweise hörte ich es kaum noch. An diesem Abend hörte ich jedes Detail.
Ich ging ins Arbeitszimmer und kramte in der alten Kladde, in der Konstantin früher Adressen notiert hatte, bevor alles im Handy landete. Unter "Theo K." stand tatsächlich eine Nummer. Ich wählte, mit zitternden Fingern, ohne mir vorher zu überlegen, was ich eigentlich sagen wollte.
Eine Frauenstimme meldete sich, mittleren Alters, freundlich, ein bisschen müde.
"Guten Abend, hier ist Marlene, Konstantins Frau. Ich wollte Theo nur sagen, dass mein Mann auch eine eigene Familie hat, und dass—"
Eine Pause. Dann kam der Satz, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
"Theo ist vor elf Jahren gestorben. Verzeihung – haben Sie sich vielleicht in der Nummer geirrt?"
Elf Jahre. Ich stand in unserem Flur, das Telefon noch am Ohr, und hörte draußen die Nachbarskatze miauen, die immer um diese Zeit vor der Haustür saß und auf Futter wartete. Ein ganz normales Geräusch, an einem ganz und gar nicht normalen Abend.
Wenn Theo seit elf Jahren tot war, dann hatte Konstantin mich drei Jahre lang, jeden einzelnen Tag, belogen. Nicht einmal, nicht aus Versehen. Systematisch.
Ich wollte schreien, Teller gegen die Wand werfen, ihm die Rouladen vor die Füße kippen, wenn er zurückkäme. Stattdessen setzte ich mich hin und aß, kalt und ohne Geschmack, während ich überlegte, wie ich klüger vorgehen konnte als mit einer Szene.
Als Konstantin gegen zehn zurückkam, roch seine Jacke nach kaltem Rauch und nach etwas Süßlichem, das ich nicht einordnen konnte. Ich lächelte ihm zu.
"Und, geht es dem Hund von deinem Onkel wieder besser?"
"Ja, viel besser, und Theo selbst fühlt sich auch schon wieder wohler", antwortete er, ohne zu zögern.
Perfekt. Er hatte sich in seinem eigenen Lügengespinst so verheddert, dass er vergessen hatte, dass er heute Abend eigentlich einen Kater vom Baum hätte retten sollen und keinen Hund.
Am nächsten Abend, als er wieder von einem "Problem bei Theo" sprach, zog ich meine Sportjacke über, wartete, bis sein Wagen um die Ecke bog, und folgte ihm mit dem Fahrrad. Ich musste wissen, wohin er drei Jahre lang jeden Abend verschwunden war.
Er fuhr nicht Richtung Stadtrand. Er fuhr in die Feldstraße, ein ruhiges Viertel mit Altbauten, blieb vor der Nummer 12 stehen, stieg aus, und zog aus der Innentasche der braunen Jacke einen zweiten Schlüsselbund. Nicht unseren. Einen zweiten.
Ich stand mit dem Fahrrad im Schatten einer Kastanie und sah, wie die Tür oben im ersten Stock aufging, bevor er überhaupt geklingelt hatte. Eine Frau, vielleicht Anfang vierzig, in einem hellen Bademantel, öffnete, und hinter ihr, im Flur, sah ich einen Kinderwagen stehen.
Ich blieb, bis die Tür zufiel, und fuhr dann langsam nach Hause, ohne zu weinen, ohne zu zittern, nur mit einem seltsam ruhigen Kopf, so als hätte jemand alle Geräusche in mir abgestellt.
Am Freitag ließ ich mir von meiner Kollegin Sabine, deren Cousine als Detektivin arbeitete, eine Empfehlung geben. Für dreihundertfünfzig Euro bekam ich innerhalb von zehn Tagen einen Bericht mit Fotos, Datumsangaben, Adressen. Die Frau hieß Yvonne, war Erzieherin, und das Kind, ein Junge namens Paul, war zwei Jahre alt. Konstantin zahlte seit über zwei Jahren die Miete für die Wohnung in der Feldstraße – bar, jeden Monat, damit nichts auf unserem gemeinsamen Konto auftauchte.
Ich rief keinen Anwalt an, um zu schreien. Ich rief Herrn Brenner an, unseren Notar aus Konstantins eigener Kanzlei, mit dem wir vor zwölf Jahren den Ehevertrag beim Hauskauf hatten notariell beglaubigen lassen, und bat um einen Termin, allein, ohne meinen Mann.
Die Konfrontation fand an unserem übernächsten Hochzeitstag statt – ich hatte extra ein Jahr gewartet, in dem ich weiterhin lächelte, weiterhin fragte, wie es "Onkel Theo" gehe, und in aller Ruhe alles vorbereitete. Ich hatte den Tisch wieder gedeckt, die Rouladen wieder gemacht, den Spätburgunder wieder kaltgestellt. Diesmal lag neben seinem Teller aber kein zweites Besteck, sondern ein brauner Umschlag.
Um halb sieben klingelte sein Handy nicht. Ich hatte Yvonne am Vortag angerufen und ihr gesagt, dass Theo, ihr Vermieter aus der Feldstraße, seit elf Jahren tot sei, und dass sie sich eine neue Wohnung suchen müsse, weil der Mietvertrag, den Konstantin ihr gezeigt hatte, gefälscht war – ich hatte, mit Brenners Hilfe, die tatsächlichen Eigentumsverhältnisse geprüft. Konstantin besaß die Wohnung selbst, über eine kleine GmbH, die er vor Jahren gegründet hatte, angeblich für "steuerliche Zwecke".
Konstantin setzte sich an den Tisch, sah den Umschlag, wurde blass.
"Was ist das?"
"Mach ihn auf."
Darin lagen die Fotos der Detektivin, die Kopie des Mietvertrags mit seiner Unterschrift als Geschäftsführer der GmbH, und ein Blatt mit der Kontonummer, auf die er drei Jahre lang, jeden Monat, zweihundertachtzig Euro Bargeld für "Onkel Theo" abgehoben hatte – Geld, das in Wirklichkeit an sich selbst zurückfloss, in die eigene Wohnung, zu der eigenen zweiten Familie.
"Marlene, ich kann das erklären—"
"Elf Jahre, Konstantin. Theo ist seit elf Jahren tot. Du hast drei Jahre lang jeden Abend einen toten Mann als Alibi benutzt, um zu Yvonne und Paul zu fahren."
Er sagte nichts mehr. Draußen fuhr wieder die Straßenbahn vorbei, dasselbe Quietschen wie immer.
Ich schob ihm das letzte Blatt aus dem Umschlag zu: den bereits von Brenner vorbereiteten Entwurf einer Trennungsvereinbarung. Das Haus in der Feldstraße 12 – auf das er stolz war, weil es "nur ihm" gehörte – ging vollständig an mich, als Ausgleich für die zwölf Jahre, in denen ich unwissentlich seine Alibi-Kulisse mitfinanziert hatte, plus Unterhalt für die kommenden vier Jahre.
Ich stand auf, nahm meinen eigenen Schlüsselbund vom Haken neben der Tür und legte den Wohnungsschlüssel zu unserem gemeinsamen Haus daneben – nicht seinen, meinen zweiten, den er sich für Notfälle geben lassen hatte.
"Du kannst heute Abend zu Theo fahren", sagte ich. "Der Neue in der Feldstraße wird dich brauchen, wenn Yvonne erfährt, dass die Wohnung, in der sie seit zwei Jahren lebt, morgen offiziell versteigert wird."
Ich griff nach meiner eigenen Jacke, nicht seiner braunen mit dem abgewetzten Kragen, und ging aus der Tür, während die Rouladen auf dem Tisch kalt wurden – zum letzten Mal, aber diesmal, weil ich es so wollte.











