Nachtzug nach Freiburg

Der ICE hatte gerade Mannheim verlassen, als ich merkte, dass mein Rollkoffer nicht mehr unter meinem Sitz stand. Ich reiste im Abteilwagen, Platz 34, unteres Bett, gebucht vor sechs Wochen, weil ich wusste, dass ich nach der Nachtschicht in der Klinik keine Kraft mehr für eine Leiter haben würde. Dreißig Jahre Krankenpflege bringen einem bei, wann man kämpfen muss und wann nicht. Diesmal musste ich.

Auf meinem Platz lag ein Junge, vielleicht acht Jahre alt, ein Tablet gegen die Brust gedrückt, die Schuhe noch an. Seine Mutter stand daneben, Handy am Ohr, und sagte, ohne mich richtig anzusehen: „Mein Sohn ist müde. Sie können doch oben schlafen, Sie sind doch noch fit genug."

Ich hieß Renate Bosch, war zweiundsechzig, kinderlos – das erwähnte sie in den nächsten zehn Minuten noch dreimal, als wäre das ein Gegenargument. „Sie verstehen das nicht, Sie haben ja keine Kinder", sagte die Frau, die sich als Katja Lindner vorstellte, als der Zugbegleiter kam. Ich hatte in meinem Leben genug Elternteile in der Notaufnahme erlebt, um zu wissen: Das Argument „ich bin Mutter" ersetzt kein Ticket.

Ich rief den Schaffner. Ein junger Mann namens Thomas kam, kannte mich aus früheren Fahrten – ich pendelte oft zwischen Freiburg und Frankfurt, wegen meiner Schwester. Katja witterte sofort Verschwörung. „Sie kennen die also! Deshalb hält er zu ihr!" Ich sagte nur, ich sei jetzt Fahrgast, kein Personal, und wolle, dass mein Gepäck und mein Platz respektiert werden.

Der Junge, Paul hieß er, saß still da, das Tablet fest umklammert. Er wirkte nicht gelangweilt mehr, sondern ängstlich. Dann sah ich den Koffer neben ihrem Sitz – groß, dunkelblau, mit einem frischen Aufkleber: „DIENSTGEPÄCK – NICHT ÖFFNEN." Der Klebstoff glänzte noch, als wäre er erst vor Kurzem angebracht worden.

„Ist das Ihr Koffer?", fragte ich.

„Natürlich."

„Und was ist drin?"

„Private Sachen." Ihre Finger schlossen sich fester um den Griff, die Knöchel weiß.

Thomas prüfte die Gepäcketikette, runzelte die Stirn. „Die Nummer stimmt nicht mit den Fahrgastdaten überein." Katja riss den Koffer zu sich heran, als wollte sie ihn vor uns beiden verbergen. „Fassen Sie meine Sachen nicht an!"

Er rief den Zugchef und den Zugsicherheitsbegleiter – den Ablauf kannte ich gut genug aus meinen Pendelfahrten. Katja zeigte Ausweis, Ticket, wischte lange über ihr Handy auf der Suche nach einer Gepäckquittung. Nichts. „Verloren", sagte sie schließlich.

Dann, ganz leise, sagte Paul: „Mama, der Mann hat doch gesagt, wir müssen den Koffer an der Station abgeben." Katja fuhr herum. „Paul!" Der Junge presste die Lippen zusammen und sagte kein Wort mehr.

Der Zugsicherheitsbegleiter bekam nach einem Anruf die Bestätigung: Die Gepäcketikette war tatsächlich registriert – aber auf einen Fahrgast aus einem anderen Wagen, der bereits den Verlust seines Koffers gemeldet hatte. Katja sank auf ihren Sitz, die Hände ineinander verschränkt im Schoß, das Gesicht kreidebleich.

Sie gab es dann zu, im Servicebereich des Wagens, während Paul mit einer Mitarbeiterin nebenan Kakao trank: Ein Mann hatte sie an der vorherigen Station angesprochen, ihr fünfzig Euro geboten, damit sie „einem Bekannten" den Koffer bis Freiburg mitbringt. Sie habe nicht gewusst, was drin sei. Als der Ärger losging, habe sie aus Angst gelogen.

„Und warum haben Sie zuerst behauptet, der Koffer gehöre Ihnen?", fragte der Zugchef.

Darauf hatte sie keine Antwort.

Ich saß später wieder auf meinem Platz, wischte Chipskrümel vom Laken. Thomas kam vorbei, entschuldigte sich. Ich sagte ihm, er habe nichts falsch gemacht.

Kurz vor Freiburg kam Katja noch einmal zu mir, ohne Paul. „Ich hatte unrecht", sagte sie. „Womit genau?", fragte ich. „Mit dem Platz. Mit dem Schreien. Mit allem." Ich sagte nichts dazu, nahm nur meine Tasse vom kleinen Klapptisch und stellte sie zurück ins Fach.

Was ich ihr nicht sagte, weil es nicht meine Aufgabe war, es ihr zu erklären: Der Koffer enthielt, wie ich später über einen Bekannten bei der Bundespolizei erfuhr, gefälschte Ausweispapiere und mehrere tausend Euro in bar – ein Fall, der noch am selben Abend an die Kripo Mannheim überging. Katja bekam eine Anzeige wegen Beihilfe, kam mit einer Geldstrafe davon, weil sie glaubhaft machen konnte, den Inhalt tatsächlich nicht gekannt zu haben.

Ich habe am nächsten Morgen, zurück in Freiburg, meine Nichte angerufen, die bei der Bahn im Kundenservice arbeitet, und mir schriftlich bestätigen lassen, dass der Vorfall dokumentiert und mein Platz für künftige Buchungen mit einem Vermerk versehen wird. Die Mail liegt noch heute in meinem Postfach, mit Datum und Fallnummer.

Paul kam noch einmal an meinem Abteil vorbei, bevor sie in Freiburg ausstiegen, den Tabletbildschirm dunkel unter dem Arm. „Frau Bosch? Darf ich mal oben schlafen, wenn wir wieder fahren?"

„Klar", sagte ich. „Wenn es dein Platz ist."

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