Die leere Tasse

Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, als Klaus an diesem Freitagabend nicht wie sonst seine Aktentasche in den Flur warf und „Ich bin’s“ rief. Stattdessen stand er einfach da, im Mantel, einen kleinen Koffer neben sich auf den Kacheln. Er schaute mich kaum an.

Achtundzwanzig Jahre. Drei Kinder, zwei Umzüge, ein Haus in Freiburg, das wir gemeinsam abbezahlt hatten. Und dann das.

„Greta, ich kann das nicht mehr“, sagte er, und seine Stimme war ruhig, fast beiläufig. „Du hast dich gehen lassen. Immer nur Jogginghosen, immer am Meckern. Ich hab das Gefühl, ich ersticke neben dir. Ich will noch leben.“ Er zog die Augenbrauen hoch, als warte er auf eine Antwort, die ich nicht geben konnte. Dann drehte er sich um, nahm den Koffer und ging.

Die Tür fiel ins Schloss. Nicht besonders laut. Eher so ein leises Klicken, wie bei einer Uhr, die man aufzieht.

Ich blieb im Flur stehen, die Hände an der Schürze. In der Küche brutzelte noch das Hähnchen im Ofen, für ihn. Ich hatte extra seine Lieblingskruste gemacht, mit Rosmarin und Zitrone. Der Duft zog durchs ganze Erdgeschoss, und plötzlich wurde mir davon schlecht.

In den nächsten Tagen tat ich, was man so tut. Ich räumte seine Klamotten aus dem Schrank, stapelte die Hemden, die er nie selbst gebügelt hatte, in zwei blaue Müllsäcke. Ich stellte seine Lieblingstasse ganz nach hinten ins Regal, die mit dem kleinen Sprung am Henkel. Ich schlief auf meiner Seite des Bettes, ohne die Beine auszustrecken. Und ich ertappte mich dabei, wie ich morgens auf den Wecker starrte und eine ganze Minute brauchte, um mich zu erinnern, dass mich niemand mehr aus dem Bad scheuchen würde, weil sein Zug in einer Viertelstunde fuhr.

Schlimmer als die Stille war der Nachgeschmack seiner Worte. Nicht, dass er ging – sondern *wie* er ging. Er hatte mich nicht als Mensch verlassen, sondern als Inventar, das nicht mehr ins neue Wohnzimmer passt. Einundsechzig Jahre war er alt, und die Frau, mit der er jetzt zusammenlebte, war zweiunddreißig. Ich hatte das Foto auf seinem Handy gesehen, bevor er es löschen konnte. Sie trug ein türkisfarbenes Kleid und Sandalen, und ihr Lächeln sah aus, als hätte sie nie eine schlaflose Nacht an einem Kinderbett verbracht.

Auf dem Bild stand: „Endlich angekommen.“ Das war eine Woche nach seinem Auszug.

Ich fühlte mich wie ein Bahnhof, der plötzlich nicht mehr angefahren wird. Die Uhr ging noch, die Bänke waren noch da, aber kein Zug hielt mehr.

Etwa drei Wochen später grub ich im Keller nach den Weihnachtskisten. Die Kinder waren längst ausgezogen – nach Berlin, München, einer sogar nach Wien – und ich überlegte, ob ich den ganzen alten Kram endlich ausmisten sollte. Dabei stieß ich auf einen kleinen Karton, den ich seit Jahren nicht mehr angerührt hatte. Auf dem Deckel stand in krakeliger Schrift: *Greta, 19 – nicht wegwerfen*.

Innen lagen ein paar vergilbte Konzertkarten, ein getrocknetes Gänseblümchen und ein dicker, hellblauer Briefumschlag, zugeklebt und ohne Adresse. Nur ein Datum: *Mai 1986*.

Ich riss ihn auf. Ein langer Brief, geschrieben mit meiner jungen, noch unfertigen Handschrift, damals, kurz nach dem Abitur.

*„Liebe Greta in der Zukunft“,* fing er an. *„Ich weiß nicht, wie alt du jetzt bist. Aber ich hoffe, du hast dir dieses Zuhause bewahrt, das wir uns immer erträumt haben. Eines, in dem man leise sein darf, ohne dass es peinlich wird. Eines, in dem man lacht, bis der Tee kalt wird. Ich hoffe, du bist eine Frau geworden, die ihre Hände nicht schämt, auch wenn sie vom Arbeiten rau sind. Dass du jemanden gefunden hast, der deine Augenbrauen nachzeichnet, wenn du alt bist und die Striche nicht mehr hinkriegst. Und falls du das nicht hast – versprich mir, dass du wenigstens deine eigenen Augenbrauen nachziehst. Dass du nie aufhörst, dich selbst in den Spiegel anzuschauen und zu sagen: Du bist noch lange nicht fertig.“*

Irgendwo in der Mitte des Briefes fing ich an zu weinen. Nicht wegen Klaus. Sondern wegen des Mädchens, das ich gewesen war – dieses Mädchens, das so viel Vertrauen in mich gesetzt hatte. Das an mich geglaubt hatte.

Ich hatte ihre Erwartungen nicht erfüllt. Ich hatte mein Leben an einen Mann gehängt, der es für selbstverständlich hielt, dass meine Existenz nur die Kulisse seiner eigenen war. Ich hatte mir die Freude abtrainiert, morgens ein Hörspiel im Radio anzumachen, nur weil es ihm zu laut war. Ich hatte vergessen, wie ich selbst rieche, ohne sein Rasierwasser auf der Haut.

An diesem Nachmittag zog ich meine Jogginghose aus. Nicht für jemanden – einfach so. Ich duschte lange, föhnte meine Haare und zog ein Kleid an, das ich vor zwei Jahren im Schlussverkauf gekauft und noch nie getragen hatte, weil es mir zu schick erschien für einen Einkauf bei Aldi. Ich lief zur Bäckerei am Marktplatz, kaufte ein Croissant mit Mandelcreme und aß es auf einer Parkbank, ohne Eile, während die Sonne mein Gesicht wärmte.

In den nächsten Wochen veränderte sich das Haus kaum. Es waren nur Kleinigkeiten. Ich stellte frische Blumen auf den Tisch, auch wenn niemand kam, der sie bestaunte. Ich hörte abends Chopin und tanzte barfuß auf dem Teppich, den Klaus so hässlich fand. Ich begann, wieder mit Buntstiften zu kritzeln, nur so, ohne Ziel, wie eine Studentin in der Vorlesung.

Einmal schrieb ich dem Mädchen von damals zurück. Nur einen Satz auf eine Postkarte, die ich an die Innenseite der Küchenschranktür klebte: *Du hattest recht. Ich bin noch nicht fertig.*

Vier Monate nach seinem Auszug stand er plötzlich vor der Tür. Ich hatte gerade den Teekessel aufgesetzt. Ein Dienstag, kurz vor achtzehn Uhr.

Im Türrahmen sah er kleiner aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Vielleicht lag es am Licht, vielleicht daran, dass ich ihn das erste Mal nicht aus der Froschperspektive betrachtete.

„Greta“, sagte er, und seine Stimme war jetzt anders. Weich. Fast flehend. „Ich hab einen Riesenfehler gemacht. Sie … es ist alles Fassade. Sie kann nicht kochen, sie kann nicht zuhören, sie kann nicht mal streiten, ohne gleich die Koffer zu packen. Ich dachte, ich will ein neues Leben. Aber ich will nur mein altes zurück. Bitte. Lass mich wieder nach Hause kommen.“

Ich sah ihn an. Das Hemd war leicht zerknittert, das Kinn schlecht rasiert. Er hatte denselben Blick, den unser Sohn damals hatte, als er nach der ersten Trennung auf der Schwelle stand und sich in sein Kinderzimmer zurückwünschte. Nur war Klaus kein Zwanzigjähriger mehr.

Einen Moment lang war ich versucht, ihn in den Arm zu nehmen. Einfach, weil es zwanzig Jahre Reflex waren. Aber dann dachte ich an den Brief im Keller, an die Kleiderstange in meinem Schrank, die jetzt Platz hatte, und an den Geruch von Chopin im Wohnzimmer.

„Klaus“, sagte ich leise. „Du hast hier nie ein Zuhause gehabt. Du hattest eine Dienstleistung. Jemand, der bügelt und kocht und den Rücken hinhält, während du die Welt vermisst. Aber ein Zuhause ist kein Ort, den man verlassen kann, nur weil die Tapete nicht mehr glänzt. Du bist gegangen. Du hast die Tür selbst zugemacht. Und jetzt stehst du da und willst, dass ich sie wieder aufschließe, weil es draußen kalt geworden ist?“

Seine Hand fuhr zum Türrahmen, als wolle er sich festhalten. „Du warst doch immer so eine Kämpferin“, murmelte er. „Für uns. Für die Kinder. Warum hörst du jetzt auf?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich kämpfe noch. Nur nicht mehr für dich. Ich kämpfe für die, die ich mit neunzehn sein wollte. Und die war keine Auffangstation für Männer, die Angst vorm Altwerden haben.“

Er öffnete den Mund, aber es kam kein Ton. Ich trat einen Schritt zurück, griff nach der Türklinke.

„Deine Tasse steht noch im Schrank“, sagte ich. „Aber ich glaube, du weißt nicht mal, welche es ist. Geh nach Hause, Klaus. Das hier ist meins geworden.“

Ich zog die Tür zu. Diesmal war es kein leises Klicken. Es war ein fester, satter Laut. Wie das letzte Wort eines Kapitels.

Ich ging zurück in die Küche. Der Kessel summte und schaltete sich ab. Ich goss das heiße Wasser in meine eigene Tasse – die große, gelbe, mit dem lächerlichen Entenmotiv, die Klaus nie hatte leiden können. Dann setzte ich mich ans Fenster, sah zu, wie draußen die ersten dicken Schneeflocken in den Hof taumelten, und nahm einen Schluck.

Der Tee schmeckte nach nichts Besonderem. Nur nach Wärme. Und nach einem Dienstag, der mir ganz allein gehörte.

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