Torerb statt Antwort: Der Bielefelder Testamentstreit

Der Werkstattvertrag

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal aus meiner eigenen Perspektive erklären muss, warum ich meiner Schwester die Autowerkstatt meines Vaters weggenommen habe. So sieht sie das nämlich. Ich sehe das anders, aber fangen wir von vorn an.

Mein Name ist Jonas Brenner, ich bin vierundvierzig, wohne in Bielefeld, verheiratet, zwei Kinder. Meine Schwester Katrin ist zwei Jahre älter. Unser Vater hatte eine kleine Kfz-Werkstatt in der Herforder Straße, drei Hebebühnen, ein Reifenlager, ein Büro mit einem Kalender von 2019, den keiner abgehängt hat. Er ist im März gestorben, an einem Dienstag, um kurz vor sechs Uhr morgens, im Klinikum Mitte. Ich war dabei. Katrin nicht — sie wohnt in Hannover und kam erst zur Beerdigung.

Das muss man wissen, um zu verstehen, was danach kam.

Die letzten drei Jahre habe ich mich um ihn gekümmert. Nicht sie. Ich habe die Werkstatt am Laufen gehalten, während er immer schwächer wurde, ich habe seine Physiotherapie-Termine gefahren, ich habe nachts um zwei den Krankenwagen gerufen, zweimal. Katrin hat angerufen. Sonntags, meistens, für zwanzig Minuten. Das ist keine Anklage, das ist einfach so gewesen. Sie hatte ihren Job in der Versicherung, ihre eigene Familie, eine Erklärung dafür gibt's immer.

Als der Notar das Testament vorlas, stand da: Die Werkstatt geht an Jonas. Das Sparbuch mit siebenunddreißigtausend Euro wird geteilt. Vater hatte das schon zwei Jahre vorher so festgelegt, mit vollem Bewusstsein, das steht auch im Protokoll.

Katrin hat im Notarbüro nichts gesagt. Sie hat genickt, die Kopie eingesteckt, ist rausgegangen. Ich dachte, gut, sie ist enttäuscht, das verstehe ich, aber sie sieht die Logik. Zwei Wochen später kam der Brief von ihrem Anwalt. Anfechtung des Testaments wegen angeblicher "unzulässiger Beeinflussung". Als hätte ich unserem sterbenden Vater die Hand geführt.

Ich saß an dem Abend in der Werkstatt, allein, die Neonröhre über der zweiten Bühne flackert seit Jahren und niemand hat sie ausgetauscht, das war so ein Vaterding, "die geht schon noch". Der Nachbarhund von der Reinigung gegenüber bellte wie jeden Abend gegen halb acht, irgendwas mit dem Müllwagen. Ich zog mir einen Kaffee aus dem Automaten, kalt schon fast, und las den Brief noch mal. Dann faltete ich ihn zusammen und steckte ihn in die Innentasche meiner Jacke, als könnte ich ihn dort irgendwie unschädlich machen.

Was Katrin nicht sieht — oder nicht sehen will —, ist, dass ich in diesen drei Jahren nicht nur Krankenwagen gerufen habe. Ich habe fünfzehntausend Euro aus eigener Tasche in die Werkstatt gesteckt, damit sie überhaupt weiterlaufen konnte, während Vater im Krankenhaus lag und kein Geld reinkam. Ich habe meinen eigenen Job auf vier Tage reduziert. Meine Frau Sabine hat monatelang gesagt, ich solle Katrin doch mal fragen, ob sie nicht wenigstens am Wochenende einspringen könnte. Ich hab's gefragt. Zweimal. Sie hatte "wirklich viel um die Ohren gerade".

Für mich war die Werkstatt nie Beute. Sie war die einzige Sache, die noch nach ihm gerochen hat — Öl, kalter Kaffee, das Radio, das immer auf WDR 2 stand. Dass Katrin jetzt sagt, ich hätte mir das erschlichen, tut mir tatsächlich weh.

Die Anfechtung landete vor Gericht, Amtsgericht Bielefeld, Termin im Juni. Katrins Anwalt argumentierte mit "psychischer Abhängigkeit" des Erblassers von mir. Der Notar, der das Testament beurkundet hatte, saß im Zeugenstand und sagte einen Satz, den ich nie vergessen werde: "Herr Brenner senior hat mir gegenüber ausdrücklich erklärt, dass seine Tochter die Werkstatt nicht will und auch nicht könnte." Katrin, drei Reihen vor mir, verschränkte die Hände auf dem Tisch und löste sie nicht mehr.

Die Klage wurde abgewiesen. Kosten trägt die Klägerin.

Danach im Flur des Gerichts kam sie auf mich zu. Ich dachte, jetzt kommt der nächste Schlag. Stattdessen sagte sie: "Ich wollte nicht die Werkstatt. Ich wollte, dass irgendwer sagt, ich war auch da." Das war ehrlicher als alles, was ihr Anwalt in vier Monaten geschrieben hatte.

Ich hab ihr an dem Nachmittag noch keine Antwort gegeben. Bin nach Hause gefahren, hab Sabine alles erzählt, die Kinder haben nebenan ferngesehen, irgendeine Quizsendung, ich hör die Stimme des Moderators noch durch die Wand.

Drei Tage später bin ich zum Notar. Ließ einen Zusatz aufsetzen: Katrin bekommt aus meinem Anteil am Sparbuch weitere zehntausend Euro, unabhängig vom Urteil, als das, was Vater ihr laut Notar eigentlich noch zugedacht hatte, bevor die Krankheit alles beschleunigte. Kein Werkstattanteil, keine Mitsprache im Betrieb — das bleibt meins, das habe ich mir verdient, in Nachtschichten und Krankenhausfluren. Aber die zehntausend, die überweise ich ihr am ersten des Monats, das steht jetzt schriftlich fest.

Ich hab ihr die Kopie der Vereinbarung geschickt, per Post, mit einem Zettel dabei: "Das hier ist kein Schuldeingeständnis. Das ist, weil du seine Tochter bist, auch wenn du nicht da warst, als er dich gebraucht hätte."

Sie hat nicht angerufen. Aber letzten Sonntag kam eine SMS: Sie fährt am Wochenende zum Grab, ob ich mitkommen will.

Ich habe geschrieben: "Ja. Ich bring den Kaffee mit, den er immer aus der Werkstatt mitgenommen hat, wenn er zum Friedhof ist."

Sie hat nicht sofort geantwortet. Erst zwei Stunden später kam: "Den kalten?" Ich musste lachen, allein in der Küche, mit dem Handy in der Hand. "Genau den."

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