Opa Karlheinz und die fünf Worte am Abschlussball in Rosenheim

Ich hieß Lena Brettschneider, und mit siebzehn gab es für mich auf dieser Welt genau einen Menschen, der zählte: meinen Großvater Karlheinz.

Als ich ein Jahr alt war, starben meine Eltern bei einem Hausbrand in der Nähe von Rosenheim. Er selbst hat mich aus dem brennenden Haus geholt, barfuß, mit versengten Haaren, während die Feuerwehr noch anrückte. Er hat an diesem Abend seine einzige Tochter und seinen Schwiegersohn verloren. Mich hat er gerettet.

Seitdem war er alles, was ich hatte. Karlheinz war damals schon über sechzig, Werkzeugmacher im Ruhestand, ein Mann mit schwieligen Händen und einer Stimme wie Schmirgelpapier. Er hat mir morgens Haferbrei gekocht, bevor ich zur Grundschule bin. Er saß bei jedem Elternabend in der zweiten Reihe, auch wenn ihm die Knie wehtaten. Er hat mir das Radfahren beigebracht, auf einem viel zu großen Hollandrad, das er von einem Nachbarn geschenkt bekommen hatte, und er ist neben mir hergelaufen, bis ich allein weiterfahren konnte.

Ich erinnere mich an einen Abend, ich war zehn, wir saßen vor dem Fernseher und sahen eine Abschlussballreportage aus München.

„Wenn dein Abiball kommt, bin ich dabei", hat er gesagt und dabei gegrinst. „Und wenn ich im Rollstuhl anrücken muss."

Wir haben beide gelacht. Es klang damals wie ein Witz.

Vier Jahre später hatte er einen Schlaganfall. Die Ärzte im Klinikum Rosenheim haben drei Tage um sein Leben gekämpft. Er hat überlebt, aber seine rechte Körperhälfte war von da an gelähmt. Er konnte nicht mehr allein gehen.

Er hat sich nie beklagt. Nicht einmal, als er lernen musste, mit links zu schreiben, die Buchstaben am Anfang krumm wie Drahtreste, die Zunge dabei zwischen den Zähnen. Er hat trotzdem jeden Tag gefragt, wie die Schule war, welche Note ich in Mathe geschrieben hatte, ob mich jemand ärgert.

Als der Abiball näher rückte, redeten alle in meiner Klasse nur noch darüber, wen sie als Begleitung mitnehmen würden. Die einen luden Fußballer aus der Kreisliga ein, andere luden Musiker aus der Band-AG ein, wieder andere ihre Freunde.

Ich musste nicht lange nachdenken. Ich wollte das Versprechen einlösen, das mein Großvater mir vor Jahren gegeben hatte.

Als ich ihn gefragt habe, ob er mit mir kommt, hat er zuerst abgelehnt.

„Die Leute werden mich anstarren, nicht dich", hat er gesagt und mit dem gesunden Daumen über die Armlehne seines Rollstuhls gerieben, immer wieder, bis die Lederauflage dort fettig schimmerte.

„Du hast mir immer gesagt, Familie muss da sein, egal was kommt", habe ich gesagt. „Jetzt bin ich an der Reihe, dir das zu zeigen."

Am Abend des Balls habe ich ihm seinen blauen Anzug angezogen, denselben, den er bei der Hochzeit meiner Mutter getragen hatte, fast dreißig Jahre alt, aber noch makellos gebügelt, nur am Ärmel ein Knopf, den ich am Vorabend mit grobem Zwirn notdürftig festgenäht hatte, weil der Laden um sechs schon zugemacht hatte. Als wir den geschmückten Saal im Kultur- und Kongresszentrum betraten, haben einige Mitschüler applaudiert. Manche haben uns mit dem Handy gefilmt. Einen Moment lang dachte ich, das wird der schönste Abend meines Lebens.

Dann kam Jolina.

Jolina Wieshuber war die Tochter eines Zahnarztes aus der Innenstadt, und sie hat sich seit der siebten Klasse für etwas Besseres gehalten als den Rest von uns. Sie suchte sich immer irgendeinen Grund, mich vor den anderen klein zu machen.

Sie blieb vor uns stehen, musterte den Rollstuhl, und fing an zu lachen.

„Keine Sorge, Lena. Hat das Altenheim einen Ausflug organisiert?"

Ihre Freundinnen kicherten mit. Im Saal wurde es still.

Ich fühlte, wie sich mein Magen zusammenzog, als hätte jemand eine Faust darin gemacht.

Jolina hörte nicht auf. „Der Abiball ist eigentlich für normale Begleitungen gedacht. Nicht für Pflegefälle."

Ein paar Mitschüler drehten sich weg, sichtlich unangenehm berührt, aber niemand sagte etwas.

Ich wollte schon den Rollstuhl wenden und den Saal verlassen. Da hob mein Großvater die linke Hand.

Dann rollte er, mit dem gesunden Arm an den Rädern drehend, selbst Richtung Bühne, wo der DJ gerade die Musik leiser stellte, weil er die Spannung im Raum spürte. Jemand aus der Schülervertretung half ihm die letzte Stufe hinauf. Er nahm das Mikrofon, hielt es verkehrt herum, drehte es um, und das Rückkoppeln kreischte kurz durch die Boxen.

Der Saal wartete. Jolina lachte noch, aber schon etwas unsicherer.

Karlheinz räusperte sich, seine Stimme kratzig vom Mikrofon, und sagte nur fünf Worte:

„Ich bin ihr ganzes Zuhause."

Dann sagte er nichts mehr. Er ließ das Mikrofon sinken, und es stieß dumpf gegen sein Knie, bevor es jemand von der Schülervertretung auffing.

Im Saal war es für einen Moment völlig still. Dann fing jemand an zu klatschen, ein Mädchen aus meiner Parallelklasse, Fenja, die ich kaum kannte. Dann noch jemand. Dann stand der halbe Saal, und der Applaus wurde so laut, dass der DJ die Boxen übersteuerte.

Jolina stand mit rotem Gesicht zwischen ihren Freundinnen, die auf einmal nicht mehr neben ihr lachten, sondern von ihr wegrückten wie von etwas Peinlichem.

Ich habe nicht geweint, obwohl ich wollte. Ich bin zur Bühne gegangen, habe die Bremse an seinem Rollstuhl gelöst und ihn selbst vom Podest herunter zu unserem Tisch geschoben.

Was danach kam, war keine große Abrechnung, kein Streit, keine Szene. Am Montag darauf, in der Pause auf dem Schulhof, kam Jolina zu mir, ohne ihre Freundinnen, und sagte knapp: „Das mit dem Abiball. War nicht in Ordnung." Ich habe nichts gesagt, nur die Schultasche fester geschultert und bin weitergegangen. Ich brauchte keine Entschuldigung, die sich wie eine Pflichtübung anhörte.

Was ich wirklich brauchte, lag in einer braunen Mappe in der Küchenschublade bei uns zuhause: die Vorsorgevollmacht, die Karlheinz zwei Jahre vorher beim Notar in der Kufsteiner Straße hatte aufsetzen lassen. Darin stand mein Name als Bevollmächtigte, nicht der seines Bruders, der sich seit dem Schlaganfall nie gemeldet hatte.

Am Montag nach dem Ball sind wir zur Sparkasse gefahren, er in seinem Rollstuhl, ich mit der Mappe unter dem Arm, und es roch in der Filiale wie immer nach Kaffee aus dem Automaten und frisch gewischtem Boden. Eine Frau Huttner rief uns an den Schalter, Namensschild schief am Blazer, und schob uns das Formular für die Zweitunterschrift hin. Karlheinz klemmte sich den Stift zwischen die drei Finger, die ihm noch gehorchten, und schrieb seinen Namen, die Buchstaben eckig und zu groß, weit über die Linie hinausgerutscht. Frau Huttner sagte nur: „Passt schon so", und stempelte das Blatt, ohne aufzusehen. Zwölftausendeinhundert Euro standen auf dem Kontoauszug, zusammengespart aus seiner Rente, über siebzehn Jahre, Cent für Cent.

Zuhause hängt das Foto vom Abiball im Flur, Karlheinz im blauen Anzug, der fehlende Knopf notdürftig mit dunklem Zwirn geflickt. Gestern Abend habe ich ihm Haferbrei gekocht, dieselbe Sorte, die er mir morgens vor der Grundschule gemacht hat, nur dass ich ihm jetzt den Löffel an die Lippen halte, weil die rechte Hand nicht mehr hält. Er hat zum Foto an der Wand geschaut und gebrummt: „Sitzt schief, der Anzug." Dann hat er den Mund wieder geöffnet für den nächsten Löffel.

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