— Ich habe mich entschieden. Nadine ist schwanger, sie braucht jetzt Ruhe und vernünftige Verhältnisse. — Also soll ausgerechnet ich ausziehen? — Wer denn sonst? Nadine kann doch jetzt nicht auf Wohnungssuche gehen. Thorsten blieb mitten in der Küche stehen und sah seine Frau von oben herab an, als hätte er gerade im Vorstand einen Beschluss durchgewinkt. Zehn Minuten lang war er vorher schon durch die Wohnung gelaufen, hatte Schränke geöffnet, in Regale geschaut, als würde er eine Inventur seines Eigentums machen.
Birgit warf den feuchten Lappen ins Becken und spülte sich die Hände unter kaltem Wasser ab. Sie antwortete nicht sofort. Der Satz saß, aber es kamen keine Tränen, keine Szene. Nur ein ruhiges, schweres Begreifen: Darauf hatte das alles die letzten Monate zugesteuert. Die endlosen Überstunden, das neue Passwort auf seinem Handy, die plötzlichen Wochenendbesuche bei seiner Mutter — jetzt fügte sich alles zu einem Bild.
— Birgit, lass uns das ohne Theater machen. Ich bitte dich, sei vernünftig. — Vernünftig? — Genau. Ich wohne seit fünf Jahren in dieser Wohnung. Habe selbst renoviert. Die Tapeten im Schlafzimmer hab ich eigenhändig geklebt. Also hab ich wohl das Recht, hierzubleiben. Du ziehst am besten erst mal zu deiner Schwester. Die hat doch die Dreizimmerwohnung in Harburg, da passt ihr schon rein.
Birgit lehnte sich an die Küchenzeile. Lust zu streiten kam keine. Auch die Empörung war irgendwo verschwunden. Thorstens Selbstsicherheit war ihr so vertraut, dass sie nicht einmal mehr überraschte. Fünf Jahre Ehe waren an ihr vorbeigezogen wie ein einziger, sich endlos wiederholender Sonntag. Thorsten liebte Komfort und war fest davon überzeugt, dass der sich von selbst einstellte. Wenn Einkaufen dran war, hatte sein Golf plötzlich einen Platten. Wenn die Nebenkosten fällig wurden, kam ausgerechnet dann sein Gehalt später. Und die berühmte Renovierung, auf die er so stolz war, bestand aus einer einzigen Rolle Tapete. Drei Tage hatte er daran geklebt, einen ganzen Eimer Kleister verbraucht, die Fußleiste ruiniert — und erzählte seitdem jedem, wie er die Wohnung eigenhändig umgestaltet hatte. Während er sich danach beim Angeln an der Elbe von seiner „Heldentat" erholte, hatte Birgit in Ruhe einen Handwerker bestellt, der alles noch einmal richtig machte. Und jetzt wollte dieser Mann eine andere Frau hierher bringen und einfach so weiterleben, als sei nichts gewesen.
— Gut, Thorsten. Deine Sachen sind gleich fertig.
Er war sichtlich verblüfft. Offenbar hatte er mit etwas anderem gerechnet — Tränen, Vorwürfe, zerschlagenes Geschirr. Auf seinem Gesicht blitzte Enttäuschung auf: die vorbereitete Inszenierung fiel aus.
— Na… umso besser, — sagte er unsicher. — Gut, dass du das so ruhig nimmst. Ohne dieses… weibliche Drama.
Er trat von einem Fuß auf den anderen, als hoffte er immer noch, sie würde gleich in Tränen ausbrechen und ihn bitten zu bleiben. Doch Birgit sah ihn nur an, so aufmerksam, als stünde ein völlig Fremder vor ihr.
— Ich geh dann mal ins Schlafzimmer, — gähnte er. — Mich ein bisschen hinlegen. War ein harter Tag. Diese ganzen Gespräche… Nadine ist fertig mit den Nerven, ich auch.
— Klar. Leg dich hin. Du wirst deine Kräfte noch brauchen.
Thorsten schöpfte keinen Verdacht. Er drehte sich um und verschwand im Zimmer. Wenig später war leise der Fernseher zu hören. Jeden freien Tag verbrachte er liegend auf der Couch, und selbst die Scheidung hatte daran nichts geändert.
Birgit ging in den Flur und holte drei große karierte Schlabbertaschen vom obersten Regal der Abstellkammer — die stabilen, in denen man alles Mögliche transportieren konnte. Sie ließ sich Zeit, keine Hektik. Öffnete den Kleiderschrank und begann, Thorstens Sachen einzupacken. Pullover, Jeans, Hemden, T-Shirts — alles wanderte in die erste Tasche, dazwischen Socken und Unterwäsche. Dann folgten die Winterstiefel, die Köderboxen, eine alte Kabelrolle, die Thorsten jahrelang „für alle Fälle" aufgehoben hatte, und die restliche Angelausrüstung. Danach ging Birgit ins Bad. In die Tasche kamen der Rasierer, Rasierschaum, Duschgel und drei Flakons teures Parfüm, die sie selbst ihm mal zu Weihnachten geschenkt hatte.
Als alle Taschen bis zum Rand gefüllt waren, kehrte Birgit in die Küche zurück. Sie goss sich ein Glas Wasser ein, trank es langsam in kleinen Schlucken, nahm dann das Handy und wählte eine vertraute Nummer.
— Frau Lindemann, guten Tag, — sagte sie ruhig. — Was willst du denn? — meldete sich die Schwiegermutter unwillig. Im Hintergrund lief laut der Fernseher. — Was ist jetzt wieder los? Mein Blutdruck spielt heute schon verrückt, also mach's kurz. — Thorsten zieht heute zu Ihnen. Sie können sich auf den Empfang vorbereiten. Am anderen Ende blieb es still. Sogar der Fernseher verstummte — offenbar hatte Frau Lindemann leiser gestellt. — Was soll das heißen, zu mir? — rief sie empört. — Habt ihr euch zerstritten? Ich wollte morgen in den Garten nach Lüneburg, die Setzlinge pflanzen! Und wieso soll er ausgerechnet zu mir? — Thorsten wird Ihnen das sicher selbst genau erklären, — antwortete Birgit ruhig. — Über Nadine, die ein Kind erwartet. Darüber, dass sie Ruhe braucht. Und über das neue glückliche Leben, das er aufbauen will. Also machen Sie sich bereit, der Sohn kommt gleich mit Gepäck. — Was für eine Nadine?! Birgit, was redest du da? Ich kann ihn nicht aufnehmen! Mein Sofa ist hinüber! Lasst ihn doch bei dir, bis ihr euch versöhnt habt! Ihr seid doch eine Familie! — Legen Sie ihm eine Matratze auf den Boden, — schlug Birgit gelassen vor. — Er ist ja nicht wählerisch. Solange der Fernseher läuft und jeden Tag ein Dreigänger auf dem Tisch steht. Sie haben mir ja immer vorgeworfen, ich würde ihn schlecht ernähren. Jetzt können Sie es selbst besser machen. — Weißt du überhaupt, wie du mit deiner Schwiegermutter sprichst?! Birgit! Warte! Was für eine Nadine?!
Ohne die weiteren Empörungen abzuwarten, legte Birgit auf. Frau Lindemann war schon immer überzeugt gewesen, ihre Schwiegertochter sei ihres kostbaren Sohnes nicht würdig. Kochte schlecht, sorgte sich zu wenig um ihn. Jetzt bot sich die wunderbare Gelegenheit, den geliebten Jungen persönlich mit all der Fürsorge zu umgeben, die ihm angeblich immer gefehlt hatte.
Die Taschen waren schwer geworden. Drei riesige karierte Baulen blockierten den ganzen Flur vor der Wohnungstür. Birgit trug sie nacheinander auf den Treppenabsatz, vorsichtig, um den Türrahmen nicht zu streifen. Dann ging sie zurück, warf einen Blick in den Spiegel und strich sich die Haare glatt.
— Thorsten! — rief sie laut.
Nach etwa fünf Minuten erschien er aus dem Schlafzimmer. Streckte sich, gähnte ausgiebig, kratzte sich träge am Bauch. Die Jogginghose hing an ihm, das Gesicht war verschlafen und völlig zufrieden.
— Schon fertig? — fragte er und ging zum Kühlschrank. — Dachte, du brauchst bis zum Abend. — Fertig. — Dann leg die Schlüssel aufs Fach beim Spiegel. — Liegen schon da. Birgit nickte in Richtung Flur. — Da drüben. Deine.
Thorsten grinste zufrieden, holte eine Saftpackung heraus und trank direkt aus der Tüte. Dann ging er zur Tür, schaute auf den Treppenabsatz hinaus und pfiff überrascht.
— Was hast du denn alles zusammengerafft! Gleich drei Baulen. Wie willst du das schleppen? Bestell dir einen Umzugsservice. Ich reiß mir sicher nicht den Rücken auf. Ich muss noch Nadine holen, die hat auch einen Haufen Zeug.
— Die sind nicht für mich zu tragen, Thorsten. — Für wen dann? — Für dich.
Er blieb mit der Saftpackung in der Hand stehen. Ein paar Sekunden lang verstand er die Worte einfach nicht.
— Wie meinst du das? Wohin soll ich denn gehen? — Ganz einfach. In der ersten Tasche ist deine Kleidung. In der zweiten Angelzeug, Werkzeug und der ganze Krempel. In der dritten die Schuhe und alles aus dem Bad. Sogar deine Lieblingstassen hab ich eingepackt. In Pullover gewickelt, damit nichts kaputtgeht. — Bist du völlig wahnsinnig?! — schrie Thorsten und verschüttete Saft auf dem Boden. — Ich hab doch gesagt: Du ziehst aus! Das ist mein Zuhause! Wir haben hier zusammengelebt! Wir sind eine Familie! — Wieso soll das auf einmal dein Zuhause sein? — Weil wir fünf Jahre verheiratet waren! Alles gehört uns gemeinsam!
Birgit verschränkte ruhig die Arme. — Hast du vergessen? Die Wohnung habe ich von meiner Großmutter geschenkt bekommen, mit notariellem Übergabevertrag. Das war lange bevor du mit deinen Angelruten in mein Leben kamst. Laut Grundbuch bist du hier niemand. Und wohnen wirst du hier ab jetzt auch nicht mehr.
Thorsten blinzelte verwirrt. Offenbar hatte er sich in den sorglosen Jahren so sehr eingewöhnt, die Wohnung als seine eigene zu betrachten, dass er völlig vergessen hatte, wem sie tatsächlich gehörte.
— Aber ich hab doch renoviert! Die Tapeten geklebt! Die Armatur im Bad gewechselt! — Die Tapeten hast du tatsächlich geklebt. Birgit nickte. — Wenn du willst, kannst du sie jetzt von der Wand holen, ordentlich zusammenrollen und in eine vierte Tasche packen. Die Armatur kannst du auch gern mitnehmen. Morgen bestelle ich einen Installateur und lasse eine neue einbauen. — Du… das kannst du nicht machen! Ich bin dein Mann! Seine Stimme kippte plötzlich. — Fast-Ex-Mann. Übrigens, Frau Lindemann weiß schon, dass du heute zu ihr ziehst. — Warum hast du meine Mutter angerufen?! Er warf die Saftpackung wütend aufs Sideboard. — Sie wollte doch morgen in den Garten! Ihr ist jetzt bestimmt nicht nach mir! — Umso besser. Du kannst ihr gleich helfen. Die Setzlinge pflanzen sich nicht von selbst. Und das Sofa reparierst du auch — sie hat sich doch immer beschwert, dass es durchhängt.
Thorsten öffnete den Mund, fand aber keine Worte. Seine ganze vorherige Sicherheit war in einem Augenblick verflogen. Jetzt begriff er endlich, dass die Taschen vor der Tür keine Geste waren, kein Charakterbeweis. Das war seine nahe Zukunft.
— Birg… komm, warum machst du das… Er trat vorsichtig einen Schritt vor. — Ich hab's übertrieben. Mit dieser Nadine… war ein Fehler. Kommt vor. Ich hab mich verrannt. Lass uns ruhig reden. Ich bin doch noch gar nicht weg.
— Solche Gespräche hättest du früher führen müssen. Birgit ließ ihn nicht einmal fertig sprechen. — Jetzt ist es zu spät. Nimm deine Sachen und verlass die Wohnung. — Ich hab doch nirgends einen Platz! Zu meiner Mutter geh ich nicht! Die würde mich mit ihren Predigten lebendig auffressen! — Dann geh zu deiner schwangeren Nadine. Du hast doch gesagt, sie braucht Ruhe. Verschafft ihr die. Mietet euch eine größere Wohnung. Du bist ja jetzt der Hauptverdiener. — Sie… sie hat nur ein Zimmer gemietet… mit einer Freundin zusammen…
Thorsten platzte das heraus und verstummte sofort. Birgit lachte leise auf. — Ach, so sieht's aus… Nur ein Zimmer. Sie schüttelte den Kopf. — Klar, warum woanders wohnen, wenn es eine fertig renovierte Wohnung gibt, mit bezahlten Nebenkosten und einer Ex-Frau, die man ohne Mühe vor die Tür setzen kann, dachtest du. Zu weit vorgegriffen, Thorsten.
Er lief nervös zur Tür hin und her. Zog das Handy aus der Jogginghose und wählte hastig eine Nummer.
— Nadine… hey. Hier ist ein Problem. Birgit stellt sich quer. Sagt, die Wohnung gehört ihr. Stell dir vor, die Oma hat damals offenbar schon einen Schenkungsvertrag gemacht…
Birgit beobachtete das Ganze schweigend. Es tat ihr nicht mehr weh. Nur unangenehm war es noch.
— Was heißt, „siehst du selbst zu"? — schrie Thorsten fast. — Nadine, und wo soll ich mit den Taschen hin? Kann ich zu dir? Ihr beide mit Katja kommt doch irgendwie zurecht, wenigstens für kurz…
Aus dem Telefon drang eine hohe, gereizte Frauenstimme. Die Worte waren nicht zu verstehen, aber der Sinn war klar: Niemand hatte vor, für Thorsten Platz zu schaffen.
— Was soll das heißen, „wohin ich will"?! Du erwartest doch ein Kind! Wir brauchen einen Ort zum Leben! Wir wollten doch eine Familie aufbauen! Jetzt flehte er fast. — Was hat meine Mutter damit zu tun? Zu der geh ich nicht! Die nervt mich ständig! Nadine… Hallo! Nadine!
Langsam senkte er das Handy. Der Bildschirm war dunkel geworden.
— Sie… hat mich blockiert. — Wie vorhersehbar, — sagte Birgit ruhig. — Kaum war die kostenlose Wohnung weg, verschwand gleich die große Liebe mit. Erstaunliches Mädchen. Wenn das Kind kommt, würde ich dir einen Vaterschaftstest empfehlen. — Birg… Er trat noch einen Schritt näher. — Verzeih mir. Ehrenwort, ich hab Mist gebaut. Weiß selbst nicht, was in mich gefahren ist. Männer machen eben manchmal Fehler… — Der einzige Fehler war, dass du dachtest, du könntest über eine fremde Wohnung verfügen.
Mit der Spitze ihres Hausschuhs schob sie seine alten Latschen über die Türschwelle — dieselben, in denen er jeden Tag die Strecke Couch–Kühlschrank zurücklegte.
— Schlange, — presste er hervor, als er endlich begriff, dass Mitleid nichts nützen würde. Die Reue war im selben Moment verflogen. — Du hast überhaupt kein Gewissen! Ich hab dir meine besten Jahre geschenkt! — Komm gut an. Grüß deine Mutter.
Birgit schloss ruhig die Tür und drehte den Schlüssel zweimal um. Das Klicken des Schlosses klang für sie überraschend angenehm. Noch fast zwanzig Minuten lang hörte man schwere Schritte im Treppenhaus, gereiztes Schimpfen und das Schleifen der Taschen über die Stufen. Thorsten rief seine Mutter an, verlangte, sie solle die Fahrt absagen und ihm Abendessen machen. Dann rief er bei Taxiunternehmen an, stritt mit den Disponenten über den Preis und bat um einen Wagen mit genug Kofferraum. Schließlich schlug unten laut die Haustür zu.
Birgit ging zurück in die Küche. Nahm einen Lappen und wischte den verschütteten Saft auf. In der Wohnung lag eine ungewohnte Stille. Kein Fernseher lief, niemand verlangte Abendessen, niemand erzählte von großartigen Plänen, die sich merkwürdigerweise immer auf fremde Kosten verwirklichen sollten.
Ein paar Tage später erzählten gemeinsame Bekannte ihr, wie die Geschichte weiterging. Nadine war tatsächlich schwanger, wollte Thorsten aber ohne eigene Wohnung keinesfalls aufnehmen. So landete er endgültig bei Frau Lindemann. Die Mutter hielt ihm täglich Vorträge, verlangte, er solle sich endlich eine feste Arbeit suchen und sich um das alte Sofa kümmern. Thorsten selbst beklagte sich bei Freunden über sein ungerechtes Schicksal, über berechnende Frauen und beteuerte, man habe ihn äußerst unfair behandelt.
Birgit bestellte an jenem Tag noch einen Schlüsseldienst. Ein schweigsamer Mann mit Werkzeugkoffer brauchte knapp vierzig Minuten, um das Türschloss auszutauschen. Er entfernte den alten Zylinder, setzte einen neuen, zuverlässigen Mechanismus ein und reichte ihr am Ende einen Bund glänzender Schlüssel.
— Hier, bitte. Er lächelte. — Jetzt funktioniert alles einwandfrei. Von außen lässt sich nichts mehr öffnen.
Birgit bezahlte den Handwerker, schloss hinter ihm die Tür und drehte den neuen Schlüssel um. Seitdem lagen im Flur keine fremden, abgetretenen Hausschuhe mehr, und durch die Wohnung zog nur noch der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und einer lange ersehnten Ruhe.










