Ich sag's geradeheraus: Vor Weihnachten hatte ich Angst. Nicht so eine, die nach einem Glas Eierlikör wieder weggeht. Eine, die sich im Rückgrat festsetzt und bleibt, selbst wenn man im Gasthaus am Marktplatz direkt neben der Heizung sitzt. Ich war im siebten Monat, und die ganze Schwangerschaft kam mir vor wie eine endlose Busfahrt, bei der jemand ständig die kaputte Heizung aufdreht und man nicht aussteigen kann. Als mir die Frauenärztin in der Praxis in Freiburg sagte, ich hätte eine Risikoschwangerschaft und müsse liegen, glaubte ich ihr nicht. Dann versuchte ich, den Müll runterzubringen, und wäre im Treppenhaus neben dem Schuhregal fast zusammengeklappt.
Thomas, mein Freund, nahm das anders. Er kaufte Gutscheine für ein Kurhotel im Schwarzwald, in Bad Krozingen. Er fragte nicht. Er legte sie am Donnerstag einfach auf den Tisch, legte die Autoschlüssel noch obendrauf und sagte: „Wir fahren morgen früh um sechs los. Und lass das Handy daheim." Ich lag schon die dritte Woche flach und hörte, wie die Nachbarin über uns ihre Möbel umstellte. Was blieb mir übrig. Ich quetschte mich in den Golf und wir fuhren los.
Die Fahrt war die Hölle. Jede Bodenwelle spürte ich wie einen Tritt ins Kreuz. Thomas fuhr, ich hielt die Mineralwasserflasche und starrte auf die matschigen Felder vor dem Fenster. „Halt durch", sagte er, als ich an der Ampel in Offenburg leise zu fluchen anfing. „Ich kann das nicht durchhalten, Thomas. Ich hab das Gefühl, da schneidet mir jemand von innen mit einem Löffel rum." Statt einer Antwort hielt er an einem Imbiss an und kaufte mir ein versalzenes Schnitzel im Brötchen. Das ist typisch für ihn. Er denkt, Essen repariert ein paar Zentimeter Haut, die gespannt sind wie eine Trommel.
In der Klinik war es still, aber ich konnte diese Stille nicht ertragen. Ich lag auf der Liege am Pool in einem Badeanzug, den mir meine Schwester geliehen hatte, und fühlte mich wie ein Wal im Aquarium. Das Wasser roch nach Chlor, und am ersten Tag saß ich dort mit versteinertem Gesicht und hörte, wie mein Bauch Schluckauf hatte. Thomas brachte mir Pfirsichsaft, ich sagte ihm, er solle verschwinden. Nicht, dass er etwas falsch gemacht hätte. Ich hielt es nur nicht aus, wie er mich mit diesem Mitleid ansah. Als wäre ich schon Patientin und nicht mehr seine Freundin.
Er setzte sich neben mich und zog die Badeschlappen aus. Sagte nichts. Holte die Zeitung aus der Tasche und las den Sportteil. In dem Moment fiel mir auf, dass er es eigentlich gut mit mir meint, nur kann er es anders nicht zeigen als mit Schnitzeln und Schweigen. Wir saßen so eine Stunde da. Ich starrte ins Wasser, er las. Irgendwann sagte er: „Wenn du noch nicht gebären willst, warten wir. Das Kind läuft uns nicht weg." Er sagte es so selbstverständlich, dass es mich wütend machte. Weil ich Angst hatte, dass es doch weglaufen könnte. Dass alles früher endet, als es angefangen hat, und ich daran schuld wäre.
Die Nacht im Hotel war am schlimmsten. Um drei Uhr morgens stand ich am Fenster und starrte auf den Innenhof, wo eine einzige Straßenlaterne brannte. Ich spürte, wie sich mein Bauch zusammenzog. Keine Wehen, aber so ein leises, anhaltendes Ziehen, das einen überzeugt, dass etwas schiefgelaufen ist. Thomas schlief. Ich deckte ihn zu und ging unter die Dusche. Ließ heißes Wasser über meinen Rücken laufen und weinte. Nicht laut, nicht so, dass er es hören konnte. Ich stand nur unter der Dusche und ließ die Tränen in den Abfluss laufen, damit er sie nicht sehen musste.
Morgens kam die Ärztin, mit der die Klinik eine Beratung vereinbart hatte. Freundlich, Anfang vierzig, Brille an der Kordel, Stimme wie eine Musiklehrerin. Sie bat Thomas, draußen zu warten, und er nahm wortlos die Zeitung und ging zum Tischchen am Fenster. Die Ärztin maß meinen Blutdruck, machte einen Ultraschall, untersuchte mich. „Dem Baby geht es gut", sagte sie. „Aber Sie brauchen Ruhe. Echte Ruhe. Kein Handy checken, keine Nachrichten von der Arbeit. Haben Sie schon einmal einen Tag ohne Telefon ausprobiert?"
„Ich habe einen Online-Shop für Keramik", antwortete ich. „Wenn ich nicht antworte, verliere ich Kunden."
Die Ärztin nahm die Brille ab. Nicht so, wie Thomas mich ansieht. Nur ganz sachlich, professionell. „Die Kunden warten. Das Herz des Babys wartet nicht. Und wenn Sie das nächste Mal zum Handy greifen wollen, legen Sie es mit dem Display nach unten. Damit es nicht blinkt, damit es Sie nicht zurückruft." Ich wusste, dass sie recht hatte, wollte ihr aber trotzdem widersprechen. Stattdessen biss ich mir auf die Lippe und nickte.
Am Nachmittag saßen wir wieder am Pool. Ich zwang mich endlich ins Wasser zu gehen. Toll war es nicht, es war, als würde man einen weinenden Wal in lauwarmen Tee tauchen. Aber nach zehn Minuten spürte ich, wie sich die Spannung im Rücken löste. Thomas setzte sich zu mir an den Rand und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die nassen Haare. Er roch nach Sonnencreme und nach diesen billigen Kaugummis von der Tankstelle.
Abends kam eine Nachricht von meiner Mutter. Die Nachbarin habe ihr gesagt, eine Kur bei einer Risikoschwangerschaft sei unverantwortlich, rausgeworfenes Geld. Ich schaute aufs Handy und las es ein zweites und ein drittes Mal. Dann legte ich es auf den Nachttisch, Display nach unten, wie die Ärztin es mir geraten hatte, und ließ es dort bis zum Morgen liegen. Meine Mutter wird nicht beleidigt sein. Meine Mutter ist seit neun Jahren nicht beleidigt, seit sie mich mit Ratschlägen versorgt, die niemand wollte.
Am nächsten Tag regelte Thomas an der Rezeption die Verlängerung um vier Nächte. Ich stand beim Postkartenständer und hörte, wie er sagte: „Sie gehört zu mir, wissen Sie. Ich kann sie nicht verlieren." Das sagte er zu der Frau am Empfang, die gerade einen Stempel suchte. Ich drehte mich zum Fenster und tat, als würde mich eine Taube auf dem Fensterbrett interessieren. Ich wollte ihm sagen, dass ich nirgendwohin verschwinde. Aber ich konnte nicht. Mir schnürte sich die Kehle zu, und stattdessen kaufte ich eine Postkarte mit dem Kurpark, obwohl ich sie niemandem schicken würde.
Zu Hause, drei Tage später, bat ich meine Schwester, mir alte Romane von Hera Lind zu bringen. Ich lag im Wohnzimmer, die Füße auf dem Kissen, und las. Ich schaltete den Online-Shop ab. Schrieb auf die Startseite: „Vorübergehend geschlossen. Zurück in sieben Wochen. Danke für Ihre Geduld." Als mein Geschäftspartner anrief und fragte, was mir einfalle, wiederholte ich ihm genau dasselbe. „Ich bin in sieben Wochen zurück." Es war mir egal, was er dazu sagte. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr erlaubte ich mir das.
Das Kind kam sechs Wochen später zur Welt, in der Uniklinik in Freiburg, wohin mich Thomas keine Stunde gebracht hatte, nachdem mir über der Küchenspüle die Fruchtblase geplatzt war. Ein Mädchen. Mia. Sie legten sie mir auf die Brust, und sie suchte sofort nach der Brustwarze. Thomas stand neben dem Bett und hielt meine Hand, bis seine Fingerknöchel weiß wurden. Als ich ihn bat, etwas zu essen zu holen, ging er nicht. Er blieb. Sagte, für Essen sei jetzt keine Zeit, wir würden jetzt sowieso die nächsten dreihundert Jahre nirgendwohin fahren.
Ich ließ es gut sein. Das Erste, was ich nach der Geburt tat, war, die Nachricht meiner Mutter über die Kur vom Handy zu löschen. Nicht aus Wut. Ich löschte sie einfach, weil sie nicht mehr in meinem Kopf sitzen musste. Dann stellte ich die Postkarte mit dem Kurpark auf den Nachttisch und betrachtete sie lange. Zu Hause warteten sieben Treppenstufen ins Schlafzimmer auf mich, die ich am Tag vor der Abfahrt zur Kur fast nicht mehr hochgekommen war. Jetzt gehe ich sie langsam hinauf, Mia im Arm, und unten wartet der Kinderwagen auf mich.
Thomas sagte gestern, wir sollten wieder irgendwohin fahren, wenn Mia ein halbes Jahr alt ist. „Irgendwohin ans Wasser", sagte er. Ich antwortete, Wasser gebe es auch im Eimer unter der Dachrinne. Aber innerlich freute ich mich schon darauf.












