Der Luchs auf der Felskante bei Bad Harzburg

Jonas Brenneke war seit siebenundzwanzig Jahren Revierförster im Nationalpark Harz, Abschnitt bei Bad Harzburg. Seine Frau Marlene war vor vier Jahren gestorben, die Tochter wohnte in Hannover und rief sonntags an, mehr nicht. Übrig blieben ihm das Forsthaus am Waldrand, ein alter VW Caddy mit zweihunderttausend Kilometern auf dem Tacho und die Reviere, die er besser kannte als jede Straße in der Stadt.

Jeden Morgen um halb sechs das gleiche Ritual. Stiefel, Jacke, das Gewehr mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit, falls er Wilderern begegnete. Dann raus, kontrollieren, ob irgendwo illegal Holz geschlagen wurde, ob Wanderer ihre Feuerstellen nicht gelöscht hatten, ob nach dem Regen der letzten Woche irgendwo ein Hang abgerutscht war. Der Wald war seine Verantwortung, und er nahm das ernst, auch mit sechzig Jahren noch.

An diesem Vormittag im März war es kalt, aber klar. Raureif auf den Fichten, ein paar Krähen in den Baumkronen. Sein Hund Bruno, ein alter Schäferhund-Mischling, lief voraus, kam immer wieder zurück, als wollte er nachsehen, ob der Alte noch mitkam.

Als Jonas an die Felskante über dem Steinbachtal kam, blieb er stehen. Diese Stelle war schon immer gefährlich gewesen. Der Fels bröckelte, nach starkem Regen rutschten manchmal Steine ab. Er wollte nur kurz nachsehen, ob sich seit dem letzten Unwetter etwas verändert hatte.

Dann hörte er es.

Zuerst dachte er, es sei der Wind. Dann wieder, leiser, ein klagendes Fauchen, fast wie ein Hilferuf.

Das Geräusch kam direkt von der Kante. Jonas kroch näher, legte sich flach auf den gefrorenen Boden und schob den Kopf über den Rand.

Auf einem schmalen Felsvorsprung, kaum einen Meter unter der Kante, hing ein Luchs.

Die große Wildkatze krallte sich mit den Vorderpfoten am bröckelnden Gestein fest, der hintere Teil des Körpers hing bereits frei in der Tiefe. Eine Hinterpfote war verdreht und bewegte sich kaum. An der Flanke klebte getrocknetes Blut, vermutlich von einem Sturz aus größerer Höhe.

Das Tier versuchte sich hochzuziehen, aber die Kraft reichte nicht. Unter den Pfoten lösten sich immer wieder kleine Steine, und jedes Mal rutschte der Luchs ein Stück weiter ab.

Dann sah der Luchs den Mann.

Sofort zog er die Lefzen hoch, fauchte heiser, schlug mit einer Pfote in die Luft. In den gelben Augen lag weniger Wut als Panik.

Jonas wusste sofort: Wenn er jetzt umkehrte, würde das Tier abstürzen und in der Schlucht verenden.

Er streckte beide Arme über die Kante nach unten, die Schultern schon im Leeren.

„Ruhig… ruhig jetzt…", murmelte er.

Der Luchs zuckte, aber die Pfoten rutschten bereits auf dem glatten Stein. Jonas packte beide Vorderpfoten gleichzeitig und merkte sofort, wie schwer das werden würde.

Das Tier war ausgewachsen, kräftig, und sein eigener Körper lag gefährlich weit über der Kante. Unter seiner Brust knirschten die Steine, Schnee rutschte in die Tiefe. Ein heftiger Ruck des Luchses, und beide wären abgestürzt.

Der Luchs wehrte sich, fauchte, schlug mit der freien Hinterpfote gegen den Fels. Mehrmals hing das Tier plötzlich wieder fast frei, und Jonas musste mit letzter Kraft dagegenhalten, damit es nicht abrutschte.

Zentimeter für Zentimeter zog er ihn hoch.

Die Ellbogen rutschten auf dem Eis, die Finger wurden taub, der Atem ging stoßweise. Mehrmals dachte er, die Kraft würde nicht mehr reichen.

Der Luchs rutschte noch einmal ein paar Zentimeter ab, Jonas hielt ihn mit letzter Kraft.

Er stemmte die Stiefel gegen einen Felsblock, biss die Zähne zusammen und zog ein letztes Mal mit aller Kraft.

Der schwere Körper kam über die Kante. Der Luchs rollte sich auf den Schnee und versuchte sofort, sich zur Seite zu schleppen. Er atmete schwer, die verletzte Pfote bewegte sich kaum.

Jonas robbte von der Kante weg, setzte sich auf einen Stein und atmete durch. Er rechnete damit, dass der Luchs entweder fliehen oder ihn angreifen würde.

Aber was dann geschah, hatte er nicht erwartet.

Der Luchs blieb liegen, keine drei Meter entfernt, und bewegte sich nicht mehr fort. Er hob den Kopf, sah Jonas direkt an, und das Fauchen hörte auf. Bruno kam angelaufen, blieb aber knurrend stehen — der Hund spürte, dass hier etwas nicht stimmte.

Jonas blieb reglos sitzen. Er kannte die Regeln: Abstand halten, kein wildes Tier anfassen, das Veterinäramt in Goslar verständigen. Aber der Luchs lag da, die Atmung flach, die Pfote in einem Winkel, der nicht gut aussah, und etwas in Jonas, das vierzig Jahre mit Tieren im Wald gewachsen war, sagte ihm: Dieser hier bleibt nicht liegen, weil er ihm vertraut. Er bleibt liegen, weil er nicht mehr weiterkann.

Jonas zog sein Handy aus der Jackentasche, Empfang gab es hier oben kaum, zwei Balken reichten. Er rief die Nummer der Wildtierhilfe Harz an, die er seit Jahren im Kontaktverzeichnis hatte, schilderte knapp die Lage. Verletzte Hinterpfote, vermutlich gebrochen, Tier erschöpft, keine unmittelbare Fluchtbereitschaft. Man sagte ihm, ein Fahrzeug sei in vierzig Minuten da, er solle Abstand halten und beobachten.

Vierzig Minuten saß er auf dem Stein, und der Luchs bewegte sich kaum. Einmal schloss er die Augen, als wäre die Erschöpfung größer als die Angst vor dem Mann. Einmal hob er den Kopf, als Bruno zu nah kam, und Jonas pfiff den Hund leise zurück.

Als der Geländewagen der Wildtierhilfe über den Forstweg kam, zwei Tierärztinnen mit einer Transportbox und einem Betäubungsgewehr, stand Jonas auf und trat zurück. Der Luchs wurde betäubt, die Pfote abgetastet — ein glatter Bruch, kein Trümmerbruch, operierbar. Man lud ihn in die Box, dankte Jonas kurz und knapp, wie es unter Leuten üblich ist, die beide wissen, was ihre Arbeit wert ist.

Acht Wochen später rief die Wildtierhilfe wieder an. Die Pfote war verheilt, der Luchs hatte in der Auswilderungsstation in Bad Lauterberg wieder Kraft und Gewicht zugelegt, und man plane die Freilassung — genau an der Stelle, von der aus er geholt worden war, weil das Revier sein angestammtes Territorium sei.

An einem Vormittag im Mai stand Jonas wieder an der Felskante über dem Steinbachtal, dieses Mal mit zwei Tierärztinnen und der offenen Transportbox. Der Luchs zögerte einen Moment auf der Schwelle, witterte die Luft, den Fels, den Mann, der dort stand und nichts tat außer zusehen. Dann sprang er heraus, verschwand mit zwei, drei Sprüngen zwischen den Fichten, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Jonas blieb stehen, bis das Rascheln im Unterholz verklungen war. Dann pfiff er Bruno, der die ganze Zeit angeleint neben ihm gesessen hatte, und ging zurück zum Forsthaus, um Kaffee zu kochen, bevor der nächste Rundgang anstand.

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