Der Regenmantel-Trick

Dienstagmorgen, halb zehn. Der Regen prasselte so stark auf das Kopfsteinpflaster der Düsseldorfer Königsallee, dass die Schaufenster der Nobelboutiquen aussahen wie Aquarien. Ich stand vor dem Laden, den ich vor vier Wochen gekauft hatte, drückte meine Handtasche an die Brust und spürte, wie das alte Lampenfieber zurückkroch. Legendäre Boutique *Elégance*, zwei Etagen Champagnerteppich und ein Name, für den Frauen ihre Ehemänner anlügen – und jetzt gehörte er einer Frau im abgetragenen Jeansrock und einem zwanzig Euro Regenmantel vom C&A.

Meine Frisur hatte der Regen natürlich auch ruiniert. Das Haar hing in Strähnen auf die Schultern, der Lidstrich war verwischt. Perfekt für den Undercover-Auftritt. Ich wollte sehen, was die Belegschaft unter meinem Geschäftsführer Herrn Wieland so trieb, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. Ich drückte die Glastür auf. Eine Welle aus Jasmin und Sandelholz schlug mir entgegen, darunter das leise Knistern von Vivaldi aus unsichtbaren Lautsprechern.

Hinter dem Tresen stand eine Frau, Mitte fünfzig, hellblondes Haar zu einem scharfen Knoten gefroren, die Lippen ein schmaler Strich in pudrigem Altrosa. Brigitte Voss, stand auf dem goldenen Schildchen an ihrer Seidenbluse. Ihr Blick glitt über meinen Regenmantel, blieb kurz an den nassen Turnschuhen hängen und wanderte dann mit der Langsamkeit eines Rettungsbootes wieder hoch. Sie lächelte nicht.

„Guten Morgen“, sagte ich und gab mir Mühe, nicht zu bibbern. „Ich würde mir gern ein paar Sommerkleider ansehen. Für einen Empfang am Wochenende.“ Ich deutete auf die Seidenpuppe im Schaufenster.

Frau Voss zog eine Augenbraue hoch. „Die aktuellen Kollektionen beginnen bei knapp achthundert Euro, wir führen leider keine… hm… Übergrößen oder Budget-Linien.“ Sie sagte das Wort Budget so, als hätte es vier Buchstaben.

Ich zuckte nicht einmal. „Achthundert ist okay. Ich hatte eher an das cremefarbene Kleid mit den Stickereien gedacht, das Sie da hinten auf der Stange haben.“

Sie seufzte leise und kam mit dem Kleid, hielt es aber so in der Hand, als müsste sie befürchten, ich würde es mit meinen nassen Fingern beflecken. „Passen könnte es eventuell. Aber wie gesagt, der Preis liegt bei neunhundertfünfzig. Möchten Sie lieber vorher einen Katalog mitnehmen und in Ruhe… schauen?“

In mir kochte eine Mischung aus Wut und einer fast kindlichen Boshaftigkeit. Das hier war mein Laden. Jede einzelne Naht, jede Perle, jede dämliche Orchidee auf dem Verkaufstisch hatte ich mit meinem letzten Geld erworben. Und diese Voss behandelte mich wie einen Bittsteller vom Sozialamt.

Eine junge Verkäuferin mit Kurzhaarfrisur lugte aus der Umkleidekabine, hörte den Tonfall und verschwand sofort wieder. Kluges Mädchen.

„Nein, ich möchte es anprobieren“, sagte ich ruhig. „Gibt es ein Problem mit meiner Anfrage?“

Frau Voss hängte das Kleid betont lässig über den Tresen und legte die Fingerspitzen aneinander, als gäbe sie einem Schulkind die letzte Verwarnung. „Meine Liebe, ich bin seit siebzehn Jahren in diesem Haus und habe hunderte Kundinnen bedient. Sie kommen herein, triefend nass, und wollen ein Kleid für tausend Euro. Ich sehe das täglich. Danach ist der Stoff nass, die Borte verschmutzt und Sie sagen, Sie müssten ‚nochmal überlegen‘. Wir sind hier kein öffentliches Museum.“ Sie atmete hörbar aus und beugte sich vor. „Wenn Sie wirklich etwas kaufen wollen, kommen Sie wieder in angemessener Kleidung – und bitte trocken. Ansonsten führt der nächste H&M fünf Minuten die Straße runter einen schönen Sale für Regenausrüstung, da sind Sie besser aufgehoben.“

Das war der Moment. Das Blut rauschte in meinen Ohren, aber ich musste mich fast zurückhalten, nicht zu grinsen. Irgendwie bewunderte ich ihre Arroganz fast. So unwissend und gleichzeitig so sicher. Sie hatte keine Ahnung, dass sie gerade ihrer eigenen Chefin die Tür wies.

Ich steckte die Hände in die Taschen und holte gemächlich einen Schlüsselbund heraus. Ein dicker, schwarzer Sicherheitsschlüssel mit gravierter Plakette: *Elégance, Haupteingang*. Ich legte ihn auf den Tresen, neben die Orchidee. Dann zog ich mein Handy aus der Manteltasche, tippte auf das Display und hielt ihr das Foto des Handelsregisterauszugs entgegen, auf dem mein Name deutlich lesbar war.

„Wissen Sie, Frau Voss, was mich an Ihnen am meisten fasziniert?“, sagte ich und mein Lächeln war so echt wie die Perlen am Kleid. „Sie tun Ihren Job mit Leidenschaft. Nur leider nicht für die richtige Person.“ Ich tippte auf den Namen im Register. „Katharina Bauer. Das bin ich. Seit dem 15. Mai. Daher auch der Schlüssel – und das Wissen, was ein cremefarbenes Kleid tatsächlich kostet, weil ich den Einkaufspreis selbst verhandelt habe, am Telefon mit Mailand, während Sie Ihren freien Tag genossen haben. Jetzt können Sie mich natürlich weiterhin duzen oder rauswerfen, aber ich würde vorschlagen, wir klären das kurz mit Ihrem Vorgesetzten. Rufen Sie Herrn Wieland an, er weiß Bescheid. Oder möchten Sie vielleicht selbst kündigen?“

Die Stille im Raum war so dick, dass man den Regen draußen nicht mehr hörte. Vivaldi spielte irgendein Allegro, das jetzt klang wie ein Hohn. Frau Voss‘ Gesicht durchlief mehrere Stadien, die ich von meinen BWL-Lehrbüchern kannte: Überraschung, Leugnen, lähmender Schock. Ihre Finger krallten sich um den Tresen, die Knöchel wurden weiß. Sie öffnete den Mund, aber es kam kein Ton.

Die junge Verkäuferin war aus der Kabine gekrochen und stand jetzt mit großen Augen an der Wand, als wolle sie mit dem Mobiliar verschmelzen.

Frau Voss stammelte: „Frau… Frau Bauer, ich wusste nicht… Das war ein Missverständnis, ich… bitte entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Ich hatte gerade eine schwierige Kundin, die mich –“

„Frau Voss“, unterbrach ich, „es gab keine andere Kundin. Sie und ich wissen beide, dass ich Ihre erste und einzige war. Die Art, wie Sie mit Menschen reden, die Sie für nicht würdig halten, passt nicht in ein Haus, das ich mit diesem Team führen will. Sie haben eine Katastrophe verhindert, indem Sie bewiesen haben, dass Sie nicht teamfähig sind. Packen Sie Ihre persönlichen Sachen zusammen. Ihr letztes Gehalt und eine angemessene Abfindung werden angewiesen. Aber Sie arbeiten hier keine einzige Sekunde länger unter meinem Dach. Ist das klar?“

Sie sah aus, als hätte ich sie mit dem Kleid erschlagen. Ihre Lippen bebten, und mit einem Schlag brach die ganze arktische Kühle aus ihr heraus. Tränen rollten über das Puder, das plötzlich ganz schrecklich fleckig aussah. „Ich bin siebzehn Jahre hier… Ich kenne jeden Kunden… Was soll ich denn jetzt tun?“

Ich wusste, in diesem Moment – ich konnte nachgeben, eine Lektion erteilen und sie dann rehabilitieren, wie es die Filme beibringen. Aber ich hatte über fünfzehn Jahre gebraucht, um mir diesen Laden aus eigener Kraft zu finanzieren, und ich hatte mir geschworen, niemanden in meiner Umgebung zu dulden, der andere grundlos demütigt. Nicht in meinem Tempel.

„Das hätten Sie sich früher überlegen müssen“, sagte ich und schob ihr ein Papiertaschentuch hin, das neben der Kasse lag. „Heute Nachmittag haben Sie Zeit, Ihre Sachen zu holen. Den Dienstplan für die nächste Woche mache ich jetzt mit Ihrer Kollegin.“ Ich nickte zu der jungen Frau hinüber, die aussah, als stünde sie unter Strom. „Wie heißen Sie?“ „L… Lena Kerner“, flüsterte sie. „Lena, Sie wirken auf mich, als hätten Sie mehr Anstand in der Stimme als manche seidene Bluse. Holen Sie mir bitte einen Kaffee aus dem Pausenraum und bringen Sie das Kleid. Ich möchte es in Ruhe anprobieren, ich habe es mir verdient. Und zeigen Sie mir, welche Kundentermine heute noch anstehen, wir müssen unsere Strategie ändern – jetzt, wo der H&M-Vergleich nicht mehr unser Hausschmuck ist.“

Frau Voss zog keuchend die Luft ein, riss sich das Namensschild von der Bluse und stürmte in Richtung des Hinterzimmers. Ich hörte, wie eine Schublade zuknallte, ein Schlüssel schepperte. Während ihre Schritte verhallten, tippte ich Wielands Nummer. Er meldete sich beim zweiten Klingeln. „Herr Wieland, Bauer. Kommen Sie bitte in einer Stunde vorbei, wir müssen über Ihre Personalpolitik sprechen.“ Sein kurzes, erschrockenes Schweigen genügte mir als Antwort. Ich steckte das Handy ein und atmete tief durch. Mein Spiegelbild in der großen Fensterscheibe: die zerzauste Frau im Regenmantel, die aussah wie eine frisch geschiedene Sozialhilfeempfängerin – und die jetzt alleinige Herrin über einen Laden war, von dem sie immer geträumt hatte.

Lena kam mit dem Kaffee, stellte ihn auf ein silbernes Tablett und lächelte vorsichtig. „Hier, Frau Bauer. Und das ist eine Liste der Termine. Aber es tut mir leid, was passiert ist… also, was sie Ihnen angetan hat. Sie war schon immer so zu Leuten, die nicht ihrem Typ entsprachen. Aber keiner traute sich, was zu sagen.“ Sie senkte die Stimme. „Heute ist ein guter Tag.“

Da standen wir, während der Regen nachließ und die erste fahle Sonne auf den nassen Asphalt vor dem Fenster fiel. Draußen heulte eine Alarmanlage in einem anderen Laden auf, irgendwo klingelte ein Fahrrad. Drinnen rauschte die Heizung, und Lena holte einen feuchten Lappen, um den Tresen abzuwischen. Ich griff nach dem cremefarbenen Kleid. Es passte perfekt.

Rate article
Der Regenmantel-Trick