Die Turnhalle der Grundschule an der Elbstraße roch nach Bohnerwachs, Schweiß und frisch gebackenen Waffeln vom Stand der Elternvertretung. Überall wuselten aufgeregte Erstklässler mit viel zu großen Schultüten herum, während ihre Eltern versuchten, mit ihren Handys das perfekte Einschulungsfoto zu schießen. Thomas Weber stand mit dem Rücken zur Wand, eine halbvolle Flasche Apfelschorle in der Hand, und starrte auf den Fleck, wo eben noch seine Tochter gestanden hatte.
„Lina?“, rief er, erst leise, dann lauter. „Lina!“
Nichts. Nur ein Meer aus bunten Rucksäcken und leuchtend gelben Namensschildern. Seine Hände, die vor fünf Minuten noch den Knoten an Linas Zopfspange festgezogen hatten, wurden feucht. Er stellte die Flasche ab und begann, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Mit jedem Schritt wurde sein Atem flacher.
„Entschuldigung, haben Sie ein kleines Mädchen gesehen? Rote Haare, blauer Rucksack mit Einhörnern?“ Er sprach eine Frau an, die ein weinendes Kind tröstete. Sie schüttelte nur abwesend den Kopf. Die Musik aus den Lautsprechern, irgendein Kinderlied, dröhnte plötzlich viel zu laut in seinen Ohren.
Er entdeckte eine junge Frau mit einem Klemmbrett, die eine Horde Kinder zu einer Bühne dirigierte. Frau Hofmann, Linas neue Klassenlehrerin. Sie hatten sich letzte Woche beim Elternabend kurz gesehen. Thomas stürzte auf sie zu.
„Frau Hofmann! Wo ist meine Tochter? Die mit dem Einhorn-Rucksack!“
Katharina Hofmann, Anfang zwanzig und an ihrem ersten eigenen Arbeitstag ohnehin schon nervös, zuckte zusammen. „Herr… Weber, richtig? Beruhigen Sie sich bitte. Welches Kind vermissen Sie?“
„Lina! Lina Weber! Sie war gerade noch hier, ich bin nur kurz zum Stand da drüben, um eine Schorle zu holen, sie hatte Durst, und jetzt ist sie weg!“ Seine Stimme überschlug sich fast.
„Einen Moment.“ Sie ließ ihren Blick über die Kinder schweifen, zählte leise durch. „Alle meine 1c-Kinder, die da sind, sind vollzählig. Sind Sie sicher, dass sie nicht bei Ihrer Frau ist?“
„Ich bin alleinerziehend. Es gibt keine Frau“, presste Thomas hervor. Der Satz saß immer noch tief, auch nach drei Jahren.
„Das tut mir leid, ich…“ Katharina wurde rot. „Ich wollte nicht… Also, wie war Lina angezogen? Ich habe heute dreißig neue Gesichter gesehen, entschuldigen Sie bitte, ich kann sie noch nicht alle auseinanderhalten. Es ist mein erster Tag und bei dem Trubel…“
„Ein blauer Rucksack mit Einhörnern. Sie hat rote Haare, zwei Zöpfe mit diesen… grünen Dingern dran. Und ein hellblaues Kleid mit weißen Punkten. Größe, na ja, so groß ist sie halt, sieben Jahre halt!“ Thomas merkte selbst, wie wenig hilfreich er klang. „Gott, ich weiß es nicht mehr genau! Ich hab ihr heute Morgen die Zöpfe gemacht, aber ich kann Ihnen nicht mal sagen, ob die Strumpfhose weiß oder blau war!“
„Okay, okay, durchatmen“, sagte Katharina, obwohl sie selbst das Gefühl hatte, ein Kloß im Hals würde sie ersticken. Ein vermisstes Kind. An ihrem ersten Tag. Das konnte nicht wahr sein. „Ein Einhorn-Rucksack, rote Haare. Das ist doch ein guter Anfang. Sie ist bestimmt hier. Das Schulgelände ist eingezäunt, der Hausmeister steht am Tor. Sie kann nicht weit sein.“ Sie hielt einen vorbeigehenden Kollegen am Arm fest, einen älteren Lehrer mit Brille. „Herr Schäfer, könnten Sie kurz meine Klasse übernehmen? Nur fünf Minuten. Ein Kind hat sich verlaufen.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sie sich wieder an Thomas.
„Wir suchen gemeinsam. Sie gehen links um das Gebäude, ich gehe rechts. Wir treffen uns in zehn Minuten wieder hier am Haupteingang. Und schauen Sie unter jede Bank!“ Sie drückte ihm fast befehlend ihre Nummer auf einem zerknitterten Zettel in die Hand.
Thomas rannte los, so schnell er konnte, vorbei an der Kletterspinne, der Rutsche, einem umgekippten Tretauto. Nichts. Kein Einhorn-Rucksack. Das mulmige Gefühl in seiner Brust wurde zu blanker Panik. War sie über die Mauer geklettert? Hatte sie jemand mitgenommen? Erinnerungen an die Nachrichten, die man jeden Abend sah, schossen ihm durch den Kopf. Seine Hände zitterten. Er fummelte an seinem Handy herum – verdammt, natürlich, in Linas Rucksack lag das alte Klapphandy, das er ihr für Notfälle mitgegeben hatte. Aber ausgeschaltet, sie wusste noch nicht, wie man es anmachte. Warum hatte er ihr kein richtiges gekauft? Warum war er nur diese eine Minute nicht aufmerksam gewesen?
Auf der anderen Seite des Gebäudes, hinter der Turnhalle, hatte Katharina mehr Glück. Nein, nicht wirklich Glück – eher einen Schrecken, der sich in Fassungslosigkeit verwandelte. Auf dem kleinen, etwas verwilderten Hügel, der zu einem alten Ahornbaum führte, stand eine kleine Gestalt mit einem blauen Einhorn-Rucksack und redete mit einer Statue. Nein, keine Statue, ein kleines, zitterndes Bündel, das hoch oben im Geäst kauerte und jämmerlich miaute.
„Na los, trau dich. Ich fang dich auch ganz bestimmt. Mein Papa sagt immer, man muss nur mutig sein, dann geht alles. Und ich bin auch mutig!“
Katharina rief nicht. Sie ging langsam näher, um das Kind nicht zu erschrecken. „Lina?“
Das Mädchen wirbelte herum. Blaue Strumpfhose, stellte Katharina beiläufig fest. Sommersprossen, rote Zöpfe mit grünen Froschspangen. Und eine große, schorfige Stelle am Knie. „Oh, hallo. Sind Sie meine Lehrerin?“
„Ja, ich bin Frau Hofmann. Dein Papa sucht dich schon überall. Er macht sich große Sorgen. Was machst du denn hier hinten ganz allein?“
„Ich hab ihn gehört“, sagte Lina, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, und deutete mit dem Finger nach oben. „Er sitzt da schon ganz lang und traut sich nicht runter. Erst hat ein großer Hund ihn angebellt, aber den hab ich verscheucht. Und jetzt ist der Kater allein und hat solche Angst.“
In dem Moment bog Thomas um die Ecke der Turnhalle. Seine Lunge brannte, sein Hemd war durchgeschwitzt. Als er Lina sah, blieb er wie angewurzelt stehen. Für eine Sekunde schwankte die Welt vor Erleichterung und Zorn gleichermaßen. „Lina! Verdammt noch mal, Lina!“
Er rannte auf sie zu und riss sie in seine Arme, viel zu fest, aber er konnte nicht anders. „Was fällt dir ein, einfach so abzuhauen? Ich dachte, du wärst entführt! Ich dachte… ich dachte…“ Die Worte versagten ihm.
Lina drückte sich kurz an ihn, dann wand sie sich aus der Umarmung und sah mit einem fast vorwurfsvollen Blick zu ihm auf. „Papa, schimpf später, ja? Wir haben jetzt keine Zeit. Opi Kätzchen braucht Hilfe. Du musst ihn da runterholen.“ Sie zeigte auf das erbärmlich schreiende, schwarz-weiße Etwas im Baum.
„Opi Kätzchen?“, wiederholte Thomas perplex und wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Ihm war nicht klar, ob die Feuchtigkeit Schweiß oder Tränen waren.
„So heißt er jetzt“, erklärte Lina ungeduldig. „Bis er herunterkommt und seinen richtigen Namen kriegt. Nun mach schon!“
Thomas schätzte die Situation ab. Ein dicker, alter Ahorn, die unterste stabile Astgabel in gut zweieinhalb Metern Höhe. Er selbst brachte seine neunzig Kilo auf die Waage – das gab die dünne Rinde des Ahorns niemals her. „Ich bin zu schwer dafür, Schatz. Ich brech den Ast ab und dann fall ich runter und der Kater auch. Das ist keine gute Idee.“ Er sah sich hilflos um. Sein Blick blieb an Katharina hängen. Eins-fünfundsechzig, sportliche Statur, praktische Stoffhose.
Katharina bemerkte seinen Blick und hob sofort abwehrend die Hände. „Oh nein. Kommen Sie gar nicht auf die Idee. Ich bin Lehrerin, nicht die Feuerwehr. Ich bin für die Bildung zuständig, nicht für die Tierrettung auf Bäumen!“
„Bitte, Frau Hofmann“, bettelte Lina und ihre großen, grünen Augen füllten sich mit Tränen, die absolut echt waren. Auch wenn sie sie meisterhaft einzusetzen wusste. „Ich hab schon meine Mama verloren. Ich will nicht, dass Opi Kätzchen auch noch seine verliert. Und der kommt doch da oben nie wieder runter!“
Der Satz traf Katharina mit voller Wucht. Sie sah Thomas an, der nur entschuldigend und gleichermaßen flehend die Schultern hob. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. Ein fehlender Elternteil, ein kleines Mädchen, ein hilfloses Tier – das war zu viel für einen ersten Arbeitstag. „Also gut. Also, ich meine… gut. Aber wehe, Sie lassen mich fallen“, sagte sie streng zu Thomas.
Keine fünf Minuten später hatte sich ein skurriles Bild auf dem Hügel hinter der Turnhalle geboten. Thomas stand breitbeinig wie ein Baum da, und Katharina Hofmann, die Klassenlehrerin der 1c, balancierte auf seinen Schultern, wobei sie mit einer Hand den Stamm umklammerte und mit der anderen nach dem zitternden Bündel Fell griff. Ihre Finger näherten sich dem Kater, der ein letztes Mal warnend fauchte, dann aber, völlig entkräftet, den Widerstand aufgab. Sie packte ihn vorsichtig im Nacken.
„Ich hab ihn! Langsam runter! Langsam!“, rief sie.
Als ihre Füße wieder auf dem Boden standen, drückte Lina ihr das Fellbündel sofort in die Hand. Das Tier war ein erbärmlicher Anblick: ein Gerippe mit Fell, einem halb abgerissenen Ohr und Augen, die vor Angst und Entzündung fast zuschwollen. Es zitterte am ganzen Körper und verkroch sich sofort in Katharinas Armbeuge.
„Opi Kätzchen“, flüsterte Lina ehrfürchtig und streichelte es mit einem Finger. „Wir nehmen ihn mit, oder, Papa? Bitte, bitte, bitte! Er hat doch sonst niemanden. So wie… na ja, du weißt schon. Wir brauchen ihn doch, damit das Haus nicht mehr so still ist, wenn du abends arbeitest und ich im Bett bin und die Schritte auf dem Flur höre. Die sind manchmal gruselig. Aber mit Opi Kätzchen wär das nicht mehr gruselig, dann wär das nur er, und ich wüsste, dass es kein Monster ist, sondern nur unser Kater, der auf dem Flur spielt und wir hätten ein zu Hause mit Herz, so wie die Oma immer sagt, und ich versprech auch…“
Thomas unterbrach den Redeschwall, indem er sich neben seine Tochter hockte und ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Er sah den Kater an. Dann Katharina, die den verschreckten Findling immer noch hielt. „Ich glaube, nach so einer Rettungsaktion können wir ihn schlecht wieder aussetzen“, seufzte er und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Zumal die Klassenlehrerin ja jetzt quasi auch mit drinsteckt und uns sicher verpetzen würde, wenn wir herzlos wären, oder, Frau Hofmann?“
Katharina musste lachen, ein erleichtertes, helles Lachen. „Ich sage nichts, wenn Sie nichts sagen. Meine Schulter wird tagelang blau sein von Ihren Schuhen, Herr Weber.“ Sie reichte ihm sanft das kleine, zerzauste Etwas. Ihre Finger streiften seine Hand dabei, und für einen kurzen Moment hingen ihre Blicke aneinander.
„Abgemacht“, sagte Thomas und nahm den Kater entgegen, der sofort anfing, wie ein kleiner Motor zu schnurren. „Dann müssen wir jetzt aber zurück. Die Feier ist bestimmt bald vorbei, und so ein Findelkind will auch mit der Realität in Form eines Tierarztes bekannt gemacht werden. Und du“, er wandte sich streng an Lina, „gehst heute an eine kurze Leine. Auch wenn du mich nur retten wolltest vor einem stillen Haus. Ich war noch nie in meinem Leben so panisch wie in den letzten zwanzig Minuten. Renn nie wieder einfach so weg, ja?“
Lina nickte, nahm seine Hand und sah zu Katharina auf. „Sie können uns ja beim Tierarzt helfen, Frau Hofmann. Und dann vielleicht auf einen Kakao mitkommen. Und mir dann sagen, was wir heute gelernt haben, was ich verpasst habe. Und Sie können uns auch sagen, wie man so einen kleinen Kater richtig füttert. Papa hat nämlich keine Ahnung von Tieren. Und ich hab auch keine Ahnung. Wir haben eigentlich beide keine Ahnung von irgendwas, sagt Oma immer. Aber jetzt haben wir ja Sie und Sie sind Lehrerin und wissen bestimmt alles, und weil Sie jetzt dabei waren, ist das ja quasi auch ein bisschen Ihr Kater, und da finde ich es nur gerecht, wenn Sie…“
„Lina!“, unterbrach Thomas lachend. „Atmen!“
Katharina sah von dem kleinen Mädchen mit der großen Klappe und den grünen Augen zu dem großen, etwas verloren wirkenden Mann, der einen winzigen, schmutzigen Kater an seine Brust drückte und eine Tochter hatte, die kein Monster unter dem Bett fürchtete, sondern die Stille. Eine Stille, die sie beide nur zu gut kannte. In der Ferne begann die Schulband zu spielen, ein schiefes, aber enthusiastisches Stück.
„Wissen Sie was“, sagte Katharina leise und lächelte, während sie ihnen den Weg zurück bahnte, „ich glaube, es wird Zeit, dass wir dieses zu Hause mit Herz gemeinsam in Angriff nehmen. Für heute reicht aber erstmal der Kakao. Und danach sehen wir weiter.“ Sie zwinkerte Lina zu, die sofort loskicherte, und ging voran, vorbei an der Turnhalle, dem Schwimmbad, zurück in die Welt, die vor einer halben Stunde noch ganz anders ausgesehen hatte.











