„Ich habe ja auch ein Recht auf diese Wohnung." Rita stellte die zwei karierten Reisetaschen mit einem dumpfen Schlag im Flur ab, direkt auf dem frisch verlegten Eichenparkett. Die Rollen hinterließen eine feine Kratzspur, die sich bis zur Küchentür zog.
Bettina sah auf die Furche im Holz. Sagte nichts.
„Ich zieh die Schuhe nicht aus", verkündete Rita und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich bin hier jetzt auch Miteigentümerin. Ein Viertel gehört mir. Steht im Grundbuch."
Es war Anfang September, in Dortmund schon merklich kühler als noch vor zwei Wochen, und aus dem Treppenhaus zog der Geruch von nassem Beton herein, weil unten jemand den Hausflur wischte. Bettina trat einen Schritt zur Seite und ließ ihre Schwägerin passieren. Streiten wollte sie nicht. Das Thema war seit einem halben Jahr durch: Rita hatte den Erbanteil ihres verstorbenen Bruders Frank angetreten, ein Viertel der Dreizimmerwohnung in der Brackeler Straße, und sich strikt geweigert, ihn zu verkaufen. Sie brauche, hatte sie am Telefon gesagt, „einen eigenen Fuß in der Stadt".
„Meinetwegen", sagte Bettina ruhig. „Komm rein."
Rita hatte offenbar auf einen Krach gewartet. Sie zog den Kragen ihrer Jacke gerade, stapfte mit den Stiefeln direkt in die Küche und rief von dort: „Ich nehm mir das Wohnzimmer. Du bleibst im Schlafzimmer, ist ja unter Familie kein Problem."
Bettina schlüpfte aus ihren Schuhen, stellte sie ordentlich ins Regal und folgte ihr. Rita hatte bereits die Hängeschränke geöffnet und klapperte ungeniert mit dem Geschirr.
„Wo ist der Wasserkocher? Ich bin ganz ausgetrocknet von der Fahrt." Sie drehte sich um, die Hände in die Seiten gestemmt. „Und was gibt's zu essen? Seit dem Bahnhof in Hagen hab ich nichts mehr angerührt."
„Der Wasserkocher steht neben dem Herd." Bettina setzte sich auf einen der Küchenstühle. „Was das Essen angeht — du bist ja nicht zu Besuch. Du hast selbst gesagt, du bist hier jetzt Miteigentümerin. Der Supermarkt ist um die Ecke."
Rita schnaubte empört. „Aha, so ist das also. Die Schwester deines toten Mannes darfst du also nicht mal mit einer Suppe versorgen?"
„Ich versorge dich nicht schlechter", entgegnete Bettina gleichmäßig, „ich stelle nur klar. Der Kühlschrank ist heute leer, ich esse in der Kantine." Das war gelogen. Im Kühlschrank standen ein Topf Gulaschsuppe, eine Packung geräucherter Lachs und ein Stück Allgäuer Emmentaler. Aber Bettina kannte Ritas Appetit zur Genüge — fing man einmal an, sie durchzufüttern, saß sie einem morgen auf der Tasche.
Rita verzog den Mund, sagte aber nichts mehr. Offenbar entschied sie, den ersten Tag noch zu ertragen. Sie kramte aus ihrer Reisetasche eine Stange billige Fleischwurst, schnitt sich eine dicke Scheibe ab und kaute trocken.
„Ich bin überhaupt hergekommen, weil in Lünen nichts mehr läuft mit der Arbeit", begann sie mit vollem Mund. „Hier ist Großstadt, hier gibt's Perspektiven. Meine eigene Wohnung hab ich vermietet, die Miete kommt jeden Monat pünktlich. Also bleib ich erstmal hier. Ein Viertel gehört mir, das ist mein gutes Recht."
Vermieten, kassieren, und selbst kostenlos bei der pflegeleichten Schwägerin unterkommen — ein alter Trick. Nur war Bettina längst nicht mehr pflegeleicht. Die letzten Jahre mit Frank hatten sie das gelehrt.
„Wohn hier", nickte Bettina. „Da du ja ein Recht hast. Die Nebenkosten teilen wir nach Anteilen."
„Was für Nebenkosten?" Rita verschluckte sich fast. „Ich bin hier Gast! Also — Quatsch, ich bin hier Eigentümerin! Ich zahl für meine eigene Wohnung Miete und soll hier auch noch was berappen?"
„Klar." Bettina zuckte mit den Schultern. „Strom, Wasser, Heizung. Du nutzt es ja mit. Die Abrechnung kommt zum Fünfzehnten. Dein Anteil sind exakt fünfundzwanzig Prozent."
Rita legte die angebissene Wurst zur Seite. „Du bist ja ein richtiger Erbsenzähler, Bettina. Kein Wunder, dass mein Bruder mit dir gelitten hat."
Bettina antwortete nicht. Sie stand auf, spülte sich die Finger ab, trocknete sie am Küchentuch und ging ins Schlafzimmer. Im Flurschrank musste noch Platz für Ritas Sachen geschaffen werden.
Der nächste Morgen begann mit Lärm aus der Küche. Um kurz nach sechs schepperten Pfannen so laut, dass Bettina hochschreckte. Sie warf sich eine Strickjacke über und ging hinaus.
Rita stand im geblümten Morgenmantel am Herd und briet Rührei. Es roch, als würde jemand Autoreifen verbrennen.
„Guten Morgen", sagte Bettina tonlos.
„Ah, du bist schon wach? Ich geh gleich Arbeit suchen. Der frühe Vogel und so." Rita drehte sich um, den Pfannenwender in der Hand. „Willst du Rührei? Ich hab deine Eier genommen, meine sind unterwegs kaputtgegangen."
„Nein danke." Bettina riss das Küchenfenster auf, um den Brandgeruch rauszulassen. „Schreib die Eier auf. Zehn Stück kosten vier Euro neunzig. Du hast vier genommen. Macht ein Euro sechsundneunzig."
Rita hätte fast den Pfannenwender fallen lassen. „Hast du sie noch alle? Für vier Eier stellst du mir eine Rechnung?"
„Wir hatten das doch besprochen." Bettina holte gelassen das Kaffeepulver aus dem Schrank. „Wir sind zwei Eigentümerinnen, die zusammen wohnen. Jede hat ihr eigenes Budget. Du vermietest deine Wohnung, du hast Einnahmen. Warum sollte ich dich von meinem Bäckereigehalt mit durchfüttern?"
„Dann iss deine Eier doch selber auf!" fauchte Rita. „Ich geb dir das Geld heute Abend, den Rest kannst du behalten!"
„Abgemacht."
Die erste Woche des Zusammenlebens glich einem zähen Stellungskrieg. Rita begriff schnell, dass es Bettina ernst meinte. Keine gemeinsamen Abendessen, kein Kaffeekränzchen mit selbstgebackenem Streuselkuchen. Bettina kochte exakt eine Portion, aß, spülte sofort ab.
Rita versuchte es mit kleinen Tricks. Mal war „aus Versehen" der Joghurt weg, mal fehlte etwas Sonnenblumenöl, mal „lieh" sie sich eine Handvoll Waschpulver. Bettina reagierte, indem sie eines Abends wortlos ein kariertes Schulheft auf den Küchentisch legte.
„Was soll das?" Rita kam gerade von einem gescheiterten Vorstellungsgespräch als Empfangsdame zurück und musterte das Heft misstrauisch.
„Ein Schuldenheft." Bettina schlug die erste Seite auf. „Waschpulver — ein Messbecher. Kirschjoghurt — ein Stück. Sonnenblumenöl — etwa fünfzig Gramm. Mein Shampoo, mit dem du heute Morgen geduscht hast — einmal."
Rita wurde puterrot. „Beobachtest du mich etwa?!"
Von diesem Punkt an lief die Geschichte in ihrem eigenen, zähen Rhythmus weiter — ein Herbst wie ein Belagerungszustand, in dem jede Kleinigkeit zur Verhandlungsmasse wurde.
Rita hielt es viereinhalb Wochen aus. Sie fand keine Arbeit — die drei Vorstellungsgespräche, zu denen sie überhaupt eingeladen wurde, verliefen im Sand, weil sie zu spät kam oder, wie sie es selbst nannte, „nicht katzbuckeln" wollte. Ihre Mietereinnahmen aus Lünen schmolzen dahin, kaum dass sie ankamen: erst zweihundertfünfzig Euro für ein neues Handy, weil das alte „so hässlich" war, dann hundertachtzig für einen Friseurtermin in der Innenstadt. Der Rest ging für Fleischwurst und Zigaretten drauf, während das Schuldenheft in der Küche unaufhaltsam wuchs. Ende Oktober, als draußen der erste nasse Schnee auf den Bürgersteig der Brackeler Straße fiel und im Treppenhaus schon die Weihnachtsbeleuchtung des Nachbarn im dritten Stock blinkte, kam die Nebenkostenabrechnung.
Elfhundertzwanzig Euro. Ritas Anteil: zweihundertachtzig.
Sie hatte das Geld nicht. Nicht ansatzweise.
„Ich zahl das nicht", erklärte Rita an einem Dienstagabend, die Arme vor der Brust verschränkt, während Bettina am Küchentisch saß und die Rechnung glattstrich. „Du hast doch selber gesagt, ich hab ein Recht auf die Wohnung. Rechte kosten aber offenbar bei dir Geld."
„Rechte kommen mit Pflichten", sagte Bettina. „So funktioniert Miteigentum. Wenn du nicht zahlen kannst — verkauf deinen Anteil. Ich biete dir einen fairen Preis. Fünfundvierzigtausend Euro für dein Viertel, ausgezahlt binnen zwei Wochen nach Notartermin."
Rita lachte auf, schrill und ohne Freude. „Fünfundvierzig? Die Wohnung ist locker das Doppelte wert! Ich verkauf für keinen Cent unter zweihunderttausend fürs Ganze — mein Viertel macht fünfzig!"
„Dann lass es taxieren", sagte Bettina ruhig. „Ich hab schon einen Gutachter beauftragt. Er kommt Freitag um zehn." Sie schob ein Blatt Papier über den Tisch — der Termin des Sachverständigenbüros aus der Münsterstraße, schwarz auf weiß.
Rita starrte auf das Papier, als hätte es sie geohrfeigt. „Du hast das schon längst geplant. Die ganze Zeit."
„Ich hab abgewartet", korrigierte Bettina. „Ob du hier ein Zuhause aufbaust oder dich nur bedienst. Du hast dich entschieden."
Am Freitag kam der Gutachter, ein schmaler Mann mit Klemmbrett und Laserentfernungsmesser, vermaß Wohnzimmer, Küche, Bad, machte Fotos von der Parkettkratzspur im Flur, die inzwischen niemand mehr übersah. Der Marktwert der Wohnung: einhundertsechzigtausend Euro. Ritas Viertel: vierzig.
Fünf Tausender weniger, als Bettina geboten hatte — ein Detail, das Rita eine Woche lang wortlos schluckte.
Anfang November, an einem Mittwoch, saßen sie sich in der Kanzlei von Notarin Frau Dr. Ohlmann in der City gegenüber. Rita in ihrer besten Jacke, die Fleischwurstzeit längst vergessen, unterschrieb mit zitternder Hand den Übertragungsvertrag. Bettina überwies noch am selben Nachmittag die fünfundvierzigtausend Euro — sie hatte am ursprünglichen Angebot festgehalten, trotz des niedrigeren Gutachterwerts, „damit hier keiner sagt, ich hätte sie über den Tisch gezogen", wie sie der Notarin erklärte.
Zwei Tage später stand Rita mit ihren zwei karierten Reisetaschen wieder im selben Flur, auf demselben Parkett, über derselben Kratzspur. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, und irgendwo im Haus bellte kurz ein Hund und verstummte wieder.
„Ich hätte mir denken können, dass du irgendwann so eine wirst", sagte Rita an der Tür, mit einer Bitterkeit, die keine Antwort mehr erwartete.
„Kann sein", sagte Bettina und hielt ihr den Schlüsselbund hin, den Rita ihr im September gegeben hatte. „Der ist übrigens deiner nicht mehr."
Rita nahm die Taschen, drehte sich um und ging die Treppe hinunter, ohne sich noch einmal umzudrehen. Bettina schloss die Wohnungstür, drehte den neuen Schließzylinder zweimal um — den hatte sie sich am Tag der Überweisung einbauen lassen — und ging in die Küche, wo auf dem Tisch noch das karierte Schuldenheft lag. Sie schlug es auf, strich mit dem Kugelschreiber die letzte offene Zeile durch und legte das Heft ganz unten in die Schublade, unter die Handtücher.












