Der Junge mit den Veilchen

Die Hochzeit von Laura Wagner war eine dieser Feiern, bei denen selbst das Besteck nach altem Geld roch. Das Hotel „Schlossgarten“ draußen in Baden-Baden hatte dafür den großen Festsaal mit Blick auf den Herbstpark geöffnet, und überall steckten weiße Rosen neben goldenen Kerzen. Felix, zehn Jahre alt, stand in viel zu großen Turnschuhen am Rande der Tanzfläche und presste seinen Korb mit Veilchensträußen gegen die Brust. Seine Mutter putzte Zimmer in diesem Hotel, und die Chefin hatte ihm erlaubt, während der Veranstaltung Blumen zu verkaufen – solange er niemanden ansprach, der es eilig hatte. Seine kleine Schwester Emma, sieben, durfte gar nicht rein. Sie saß auf einer Bank im Foyer, lutschte an einem Sahnebonbon von Bahlsen und wartete. Durch die Glastür hatte sie vorhin den Hoteldirektor mit einem Techniker reden hören, etwas von einer neuen Kamera, wegen der Versicherung, „die nimmt den ganzen Saal auf, auch das Foyer hier“. Emma hatte sich die Stelle gemerkt, wo das rote Lämpchen über der Tür blinkte, während sie wartete.

Felix reichte einer älteren Dame im Perlencollier einen Strauß. Sie gab ihm fünf Euro, ohne hinzusehen. Ein paar Gäste lächelten mitleidig über den Jungen in der abgewetzten Cordjacke. Andere schoben ihre Stühle weiter von ihm weg. Es war genau 16 Uhr 20, Felix wusste es, weil er vor zehn Minuten auf die Uhr an der Wand geschielt hatte, eine Junghans mit römischen Ziffern.

Dann durchschnitt ein Schrei das Klimpern der Gläser.

Frau Wagner, die Mutter der Braut, fuhr mit der Hand an ihren Ausschnitt und wurde weiß wie die Tischtücher. Ihre Stimme überschlug sich: „Meine Brosche! Die Smaragdbrosche meiner Großmutter – sie ist weg!“

Ein Ruck ging durch den Saal. Der Bräutigam hörte auf zu lächeln. Herr Wagner, ein Bauunternehmer mit einem Gesicht wie Granit, baute sich vor der Gästemenge auf. Sein Blick schoss suchend durch den Raum – und blieb an Felix hängen.

„Wer war das Kind?“, fragte er laut. Niemand antwortete.

Alle sahen jetzt den Jungen mit dem Blumenkorb. Einer von denen, dachte der Raum.

Felix spürte Blicke wie Nadelstiche. Er wollte etwas sagen, doch Herr Wagner war schon mit vier Schritten bei ihm, packte ihn an der Schulter. Der Korb kippte, Veilchen fielen aufs Parkett.

„Mach deine Taschen leer“, befahl Wagner.

„Ich hab nichts genommen“, flüsterte Felix. Seine Hände zitterten, die Finger klamm und kalt. Draußen, das war Emma, und wenn sie das hier sah, dann würde sie wieder diesen Blick kriegen, den Blick von neulich, als der Betrunkene im Hausflur die Mutter angeschrien hatte. Felix’ Mund war auf einmal wie aus Staub.

„Na los, mach schon!“

Wagner wartete nicht. Er griff in die rechte Jackentasche des Jungen und zog etwas heraus. Es war die Brosche, grün und schwer und voller kleiner Diamanten. Sie baumelte an seinem Finger wie ein Beweisstück auf der Anklagebank.

Jemand keuchte. Eine Serviererin rief nach dem Sicherheitsdienst. Ein Gast mit randloser Brille sagte laut: „Unglaublich, auf einer Hochzeit.“

Felix schüttelte den Kopf, immer wieder. Seine Lippen waren trocken. „Das war ich nicht. Jemand hat mir das reingesteckt.“

In diesem Moment wurde die Tür zum Festsaal aufgedrückt. Emma quetschte sich an einem Kellner vorbei und rannte zu ihrem Bruder. Dicke Tränen rollten über ihre Wangen, aber sie stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor ihn, so als könnte ihr Körper ihn vor all den Erwachsenen schützen.

Wagner zückte bereits sein Handy, ein iPhone in einer dicken schwarzen Hülle. „Ich rufe die Polizei. Die sollen das klären.“

Felix sah Richtung Küchentür. Dort lehnte Lukas, der Neffe des Bräutigams, neunzehn, mit hochgestecktem Einstecktuch und einem schiefen Grinsen. Zwischen seinen Fingern drehte er einen der Veilchenstängel, den er sich einfach aus dem Korb genommen hatte. Er zwinkerte Felix zu und biss in einen Lachs-Canapé.

Felix ballte die Fäuste. Er wusste, Lukas hatte die Gelegenheit genutzt, als Wagner gerade eine Rede hielt und alle Gäste aufstanden. Ein rascher Griff in die Jackentasche, während er so tat, als wolle er Blumen kaufen. Aber das würde kein Mensch einem Zehnjährigen mit einer abgetragenen Jacke von C&A abnehmen – nicht gegen den Neffen einer Familie mit eigenem Golfplatz. Vor allem nicht, nachdem Wagner Lukas gestern in der Hotellobby vor allen Leuten zusammengestaucht hatte, weil er mit dem Audi seines Vaters eine Delle in den Poller gefahren hatte. „Du versaust mir noch das ganze Geschäft“, hatte Wagner gebrüllt. Das hatte Felix’ Mutter beim Putzen der Lobby gehört und zuhause am Küchentisch erzählt.

„Bitte“, sagte Felix leise. „Ich schwöre, ich war es nicht. Sehen Sie doch die …“

„Ruhe!“, bellte Wagner. Die ersten Uniformierten erschienen am Eingang, der Sicherheitsdienst des Hotels. Einer berührte bereits den Arm des Jungen.

Da riss Emma sich los. Sie lief mitten in den Saal, direkt unter den großen Kronleuchter, und streckte den Arm aus. Ihre Hand zitterte, aber sie zeigte auf die Stelle über der Eingangstür. „Wartet!“, rief sie mit ihrer hellen Stimme, die sich überschlug. „Da oben! Die Kamera!“

Die Gäste folgten ihrem ausgestreckten Finger. Über dem Stuckfries, direkt über dem Türrahmen, hing eine kleine weiße Überwachungskamera. Ihr rotes Lämpchen blinkte ruhig vor sich hin.

Lukas’ Grinsen erstarrte. Seine Kiefer hörten auf zu kauen.

„Die Kamera“, keuchte Emma. „Die hat doch alles aufgenommen. Die ganze Zeit! Ich hab den Direktor heute Nachmittag drüber reden hören, die filmt den ganzen Saal. Da muss man doch sehen, wer's war!“

Ein Raunen ging durch den Saal. Herr Wagner senkte sein Handy, runzelte die Stirn und sah erst die Kamera an, dann seine Frau, dann wieder den Jungen. Der Hoteldirektor, der aus einem Nebenraum herbeigeeilt war, hüstelte betreten. „Die Aufzeichnung … die läuft tatsächlich rund um die Uhr. Wir haben sie erst letzte Woche einrichten lassen, wegen der neuen Versicherungsauflagen für den gesamten Veranstaltungsbereich. Ich kann die Bilder holen, aber das ist ein privater Bereich, der Zugriff ist rechtlich …“

„Holen Sie das Band“, sagte Wagner. Er sprach jetzt nicht mehr laut, sondern leise und gefährlich. „Auf der Stelle. Oder besser: einen Laptop. Ich will sehen, was dieses Ding gesehen hat, bevor hier irgendwer das Gelände verlässt.“ Sein Blick glitt dabei zu Lukas, der das Canapé ins Stofftaschentuch fallen ließ und zurückwich.

Emma rannte zu Felix und drückte ihr Gesicht an seinen Arm. Er legte die Hand auf ihren Kopf, spürte ihren Herzschlag, schnell wie ein kleiner Ventilator.

Es dauerte keine zehn Minuten, bis der Hoteldirektor mit einem Tablet zurück war, einem grauen iPad, auf dem das Band der letzten Stunde lief. Ein Kellner kurbelte die große Leinwand herunter, auf der zuvor Hochzeitsfotos gezeigt worden waren. Das Bild knackte, dann erschien schwarz-weiß der Festsaal von oben. Die Gäste starrten auf ihre eigenen winzigen Gestalten.

„Hier durchsuchen Sie“, sagte der Direktor und tippte auf die Zeitleiste.

Alle sahen, wie Felix am Rand stand und einem Mann einen Strauß gab. Dann stand er einen Moment allein, beobachtete die Rednerbühne. Man sah Lukas sich langsam von der Küche heranschieben, in der Hand einen Veilchenstängel. Er klopfte Felix auf die Schulter, sagte etwas, lachte, und während der Junge nach einem heruntergefallenen Strauß griff – eine flinke Bewegung. Lukas’ Hand huschte in die Jackentasche des Jungen, so schnell, dass es fast nicht zu erkennen war. Dann glitt er zurück, und das Silber der Brosche blitzte kurz auf, bevor es im Stoff verschwand.

Der Saal war stiller als eine Kirche um Mitternacht.

Lukas stand an der Tür, die Schultern hochgezogen. Sein Onkel, der frischgebackene Ehemann, trat einen Schritt vor, starrte ihn an, als hätte er ein giftiges Tier entdeckt. „Lukas? Du? Warum?“

Der Neffe öffnete den Mund, aber da packte bereits einer der Sicherheitsleute seinen Arm. Seine Stimme klang auf einmal piepsig. „Ich … das war nicht so gemeint. Ihr habt doch alle gesehen, wie Onkel Georg mich gestern vor der ganzen Lobby fertiggemacht hat. Wegen dem blöden Poller. Ich dachte, wenn ich dem kleinen Blumenjungen was anhänge, dann sieht die Familie endlich mal, dass er auch nicht perfekt ist, dass andere viel schlimmer sind als ich. Ich hätte die Brosche ja zurückgelegt …“

Herr Wagner ging langsam zu ihm hin. Seine Schuhe knirschten auf dem Parkett. Er beugte sich vor, bis sein Gesicht eine Handbreit vor Lukas’ schweißnassem Gesicht war. Sekundenlang sagte er nichts. Sein Kiefer mahlte. Dann holte er Luft, als müsste er einen ganzen Sack Zement stemmen. „Du hast den Sohn einer unserer Angestellten fast ins Gefängnis gebracht. Wegen einem Veilchen, das er dir nicht geschenkt hat. Wegen einer Delle in einem Auto.“ Seine Stimme war rau, als schämte er sich für jeden Buchstaben. „Du rufst jetzt deine Eltern an. Aber vorher wirst du diesen Jungen um Entschuldigung bitten. Und dann gehen wir zusammen zur Polizei, die draußen wartet. Ob eine Anzeige rauskommt, entscheidet der Junge. Und seine kleine Schwester.“ Er deutete mit dem Daumen hinter sich. Seine Frau, die ganze Zeit starr vor Schreck, legte ihm eine Hand auf den Rücken. Wagner zuckte kurz, als hätte er einen Stromschlag bekommen, dann atmete er aus.

Lukas sah zu Felix, der immer noch Emma im Arm hielt. Allerdings war der Junge jetzt nicht mehr der zerdrückte Blumenverkäufer. Sein Rücken war gerade. Er sah dem reichen Neffen direkt in die Augen und sagte mit einer Ruhe, die niemand erwartet hatte: „Ich will keine Entschuldigung. Ich will, dass er nie wieder jemandem so etwas antut. Und dass meine Mutter heute Feierabend machen darf, ohne dass jemand bei der Chefin über sie lästert. Und“ – er warf einen kurzen Blick auf Emma – „meine Schwester möchte ein Stück von der Hochzeitstorte. Wir haben sie von draußen gesehen, mit dem Springbrunnen und den kleinen Marzipantürmen drauf. Bekommt sie ein Stück?“

Ein paar Gäste mussten gegen ihren Willen lachen. Die Braut selbst, Laura, die die ganze Zeit fassungslos dagesessen hatte, stand auf, strich ihr Kleid glatt und ging zur Anrichte. Sie schnitt zwei dicke Stücke von der mehrstöckigen Torte, Sacher mit Buttercreme, und brachte sie den Kindern höchstpersönlich auf Porzellantellern mit Goldrand. Emma lächelte und griff sofort nach der Gabel.

Später, als die Polizei die Personalien aufnahm und Lukas mit hochrotem Kopf draußen auf der Terrasse mit seinen Eltern telefonierte, saßen die Geschwister auf den Stufen der Personaltreppe. Die Brosche lag wieder an Frau Wagners Hals, und Wagner stand ein paar Meter entfernt und stopfte einen Umschlag in die Kitteltasche der Mutter, die soeben aus dem dritten Stock heruntergeeilt kam. Es waren zwanzig Hunderter, das sah Felix von weitem an den Scheinen. Die Frau wollte protestieren, aber Wagner sagte nur: „Für die Zahnspange des Jungen. Oder Bücher. Was auch immer. Sie haben eine sehr mutige Tochter, Frau Keller. Und einen Sohn, der für seine Familie einsteht.“ Er hielt kurz inne, rieb sich mit der Hand über den Nacken. „So Leute suche ich auf meinen Baustellen, wenn er älter ist.“ Dann nickte er knapp und ging zurück in den Saal.

Am Ende trug die Nachtluft den Geruch von nassem Laub und kaltem Zigarettenrauch von der Terrasse herein. Felix betrachtete den letzten Veilchenstängel, den jemand aufgehoben und ihm zurückgegeben hatte. Er steckte ihn Emma ins Haar, direkt über ihr linkes Ohr. Die Blüte war ein bisschen geknickt, aber sie hielt. Emma kaute noch immer an einem Klacks Buttercreme, die ihr am Mundwinkel klebte, und sah ihren Bruder mit diesem Blick an, den sie immer hatte, kurz bevor sie einschlief.

Hinter ihnen summte der große Saal wieder von Musik und Gläserklirren. Eine der Terrassentüren stand einen Spalt offen, und von irgendwoher hörte man Frau Wagner lachen, zum ersten Mal an diesem Abend.

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