Der Tag, an dem er mein Paket nicht abholte, aber ohne Hemd von der Nachbarin zurückkam

Johanna hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte, kurz vor Mitternacht. Sie saß am Küchentisch, vor sich eine kalte Tasse Tee, das Handy mit dem Display nach unten. Sie hatte nicht auf ihn gewartet. Nicht mehr wirklich. Sie hatte nur den Moment hinausgezögert, in dem sie die Worte aussprechen musste, die sie seit drei Tagen in sich trug.

Robert trat ein. Hemdlos. Sein Pullover fehlte ebenfalls. Auf seiner linken Schulter klebte ein feuchtes Stück Küchenpapier, darunter schimmerte eine rote Brandblase.

„Kochendes Wasser“, sagte er, bevor sie fragen konnte. „Bei Luisa ist ein Topf übergelaufen. Sie hat sich total erschrocken, der Kleine hat geschrien, ich musste schnell helfen. Hab mich verbrüht, als ich den Topf aufgefangen habe. Sie hat mir dann gleich eine Salbe draufgemacht und mein Hemd zum Auswaschen in die Wanne gelegt. Wirklich, Johanna, du hättest das Chaos sehen sollen. Sie war völlig überfordert.“

Luisa. Die Frau aus der Dachgeschosswohnung. Die neue Mieterin mit dem vierjährigen Sohn und den großen, verängstigten Augen, die immer ein bisschen zu lange auf Robert ruhten, wenn er den Müll runterbrachte. Johanna kannte diesen Tonfall jetzt. Diese Mischung aus Aufregung und schlechtem Gewissen. Robert klang immer so, wenn er von Luisa kam.

„Heute Morgen“, sagte Johanna leise, „habe ich dich gebeten, eine Pflanze für mich abzuholen. Weißt du noch? Die Orchidee. Die Lieferung aus dem Gartencenter in Wandsbek. Ich habe drei Wochen darauf gewartet, sie war ein Geschenk für meine Mutter zum Geburtstag. Du sagtest, du hättest keine Zeit, weil der Verkehr in der Innenstadt um die Zeit die Hölle sei. Du hast gesagt, ich solle das doch selber machen, du wärst nicht mein Bote. Aber für Luisa fängst du kochendes Wasser auf?“

Robert seufzte. Es war ein schwerer, martyrerhafter Seufzer. „Bitte fang nicht wieder damit an. Luisa ist alleinerziehend. Ihr Ex-Mann sitzt in Hannover und zahlt keinen Unterhalt. Sie hat niemanden. Der Kleine ist hyperaktiv, die Heizung ist schon wieder kaputt, und sie weint fast jeden Abend. Ich kann doch nicht einfach zusehen, wenn jemand so hilflos ist. Das ist doch keine große Sache. Du hast doch mich. Du brauchst mich doch gar nicht so dringend. Immer machst du ein Drama, wo keines ist. Immer musst du alles so hochkochen. Das ist echt anstrengend, weißt du das? Konkurrierst du jetzt mit einer Frau in Not? Wie klein willst du dich noch machen?“

Johanna schwieg einen Moment. Sie dachte an den vergangenen Freitag, ihren Hochzeitstag. Zehn Jahre. Sie hatte einen Tisch im Restaurant im Elbtunnel reserviert, Kerzenlicht, seinen Lieblingswein. Robert kam drei Stunden zu spät. Ohne Jacke, mit aufgeknöpftem Hemd, das Haar noch nass vom Schweiz. Der Kellner hatte die Vorspeise längst abgeräumt. Robert hatte gesagt, bei Luisa sei der Boiler explodiert, er habe den Notdienst rufen müssen und dann noch die Wohnung trockengelegt, sie sei ja so verzweifelt gewesen. Johanna hatte allein am Tisch gesessen, die Kerze heruntergebrannt, und der Ober hatte sie mitleidig angesehen.

Am nächsten Morgen hatte Robert ihr ein Croissant mitgebracht. Vom Bäcker unten. Nicht einmal von dem besonderen, wo sie die Mandelhörnchen mochte. Ein einfaches Croissant, als wäre das eine Entschuldigung für einen verlorenen Hochzeitstag. Er hatte nicht einmal gemerkt, dass sie nicht mehr mit ihm reden wollte.

Und genau diese Wunde riss jetzt wieder auf.

Johanna stand auf, ging zum Garderobenschrank im Flur und holte seinen dicken Wintermantel heraus, die hellblaue Wollmütze und seine gefütterten Hausschuhe, die er immer trug, wenn er „nur kurz rüberhalf, weil Luisas Flur so kalt und der Boden so hart ist, das Kind tritt sich ja die Füße wund“. Sie legte alles auf den kleinen Beistelltisch an der Tür.

„Was machst du?“, fragte Robert. Seine Stimme klang jetzt weniger siegessicher.

„Ich sortiere deine Sachen. Für den Umzug. Der ist nämlich nicht weit. Nur zwei Stockwerke höher. Die blaue Mütze, der Mantel, die Schuhe. Deine Werkzeugkiste ist ja schon oben. Dein zweites Ladegerät auch. Die Zahnbürste hast du letzte Woche mitgenommen, weil ihre verstopft war und du ihr deine geliehen hast. Die Zahnpasta, das Duschgel, das gute Olivenöl, weil ihres ranzig geworden war. Die Heizdecke, weil das Kind friert. Deine Zeit. Deine Schultern. Deine Hände und dein Rücken, der abends nicht mehr für mich da war, weil du ihn dir bei ihr verhoben hast. Ich habe sehr genau Buch geführt, Robert. Nicht aus Eifersucht. Aus Respekt vor der Wahrheit. Ich glaube, du passt inzwischen besser in ihre Wohnung als in unsere. Also geh jetzt. Oben klingelt es gleich. Ich wette, sie braucht dich. Es ist fast Mitternacht, da fällt einem alleinerziehenden Engel immer etwas ein, wobei ein fremder Ehemann helfen kann.“

In diesem Moment geschah, was sie erwartet hatte. Die Türklingel des Hauses summte. Ein kleiner Rempler an der Gegensprechanlage. Luisas Stimme, dünn und zittrig, drang aus dem kleinen Lautsprecher. „Hallo? Robert? Bist du noch wach? Es tut mir so leid, aber in der Küche riecht es so komisch, so verbrannt, und das Licht im Bad flackert die ganze Zeit, ich hab solche Angst mit dem Kleinen hier, kannst du bitte nur ganz kurz… bitte, bitte, nur einen Moment, ich bin so verzweifelt, ich weiß nicht mehr weiter…“

Robert sah Johanna an. Ein Anflug von Unsicherheit huschte über sein Gesicht. Dann siegte die Gewohnheit. Siegten zehn Monate, in denen sie immer, immer, immer nachgegeben und ihn gewähren lassen hatte.

„Ich bin nur kurz oben, ich muss wirklich nach dem Rechten sehen. Es könnte ein Kabelbrand sein. Wir reden später, das wird alles wieder gut, du wirst schon sehen, das ist doch lächerlich. Bitte, Johanna. Streit doch jetzt nicht so rum.“ Seine Stimme war fast flehend. Er griff nach dem Mantel, der Mütze, den Schuhen, stopfte sie sich unter den Arm.

„Nein, Robert. Du gehst gar nicht kurz irgendwohin. Du ziehst da ein. Heute.“ Johanna deutete mit dem Kinn zur Tür. „Los. Deine Sachen hast du ja. Was noch hier ist, lasse ich dir morgen vor die Tür stellen. Heute war mein letzter Funken Geduld. Die Not einer anderen Frau ist keine Entschuldigung dafür, deine eigene Frau in den Abgrund zu treten. Zwei Jahre warst du nicht für mich da. Warst nicht für mich da, als mein Vater starb, weil Luisa einen Nervenzusammenbruch hatte. Warst nicht da, als mir morgens das Auto nicht ansprang und ich den großen Pitch in der Bank hatte, weil Luisas Kind Bauchweh hatte und du es vorher in die Kita getragen hast. Warst nicht da, als sie mich bei der Arbeit angerufen hat, weil du bei ihr das Treppenhaus gestrichen hast und einen Hitzschlag hattest. Ich habe dich zweimal aus ihrer Wohnung ins Krankenhaus gefahren, Robert. Sie saß weinend daneben und hat deine Hand gehalten. Von der Notaufnahme aus musste ich dann den Klempner für unser verstopftes Waschbecken anrufen. Ich habe kein Mitleid übrig für Leute, die meine Güte mit Schwäche verwechseln. Und ich habe keinen Platz mehr für einen Mann, der meinen leeren Stuhl am Hochzeitstag nicht einmal bemerkt hat. Raus. Jetzt. Du hast mich vor zehn Monaten verloren. Du hast es nur noch nicht gemerkt. Heute merke ich es für dich mit. Mein Anwalt heißt übrigens Andreas Kraft. Du wirst bald von ihm hören. Ich lasse mich nicht mit einem Stück Küchenpapier und einer fremden Salbe auf der Schulter abspeisen. Nicht mehr. Nicht eine weitere Minute. Das ist kein Drama. Das ist das Ende eines Trauerspiels, in dem ich nicht länger die Statistin bin, die deinem Heldenkomplex applaudiert. Raus. Raus. Raus!“

Sie schrie das letzte Wort nicht. Sie sagte es so leise, dass es schlimmer war als jeder Schrei.

Robert wich zurück, stolperte fast über seine eigenen Füße, stammelte etwas von Missverständnissen, von klärenden Gesprächen am nächsten Morgen, von ihrer notorischen Überspanntheit. Aber er ging. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Im Treppenhaus hörte sie, wie Luisa die Tür aufriss und ihren Namen rief, so bedürftig, so zart. „Robert! Gott sei Dank! Komm schnell, es riecht wirklich komisch!“ Die Tür oben fiel zu. Stille.

Johanna atmete aus. Sie ging zurück in die Küche und goss die kalte Teetasse in den Ausguss. Erst da bemerkte sie, dass ihre Hände nicht zitterten. Nicht das kleinste bisschen. Sie gingen präzise, sauberen, geübten Bewegungen nach. Eine gewaltige Ruhe hatte von ihr Besitz ergriffen. Eine Ruhe, die sie seit Monaten nicht mehr gespürt hatte.

Ihr Handy summte. Eine Nachricht ihrer Tante Margarete aus Flottbek. Morgen zum Frühstück? Bring Croissants mit. Sie hatte in der vergangenen Woche drei Stunden mit ihr telefoniert und alles gebeichtet. Tante Margarete hatte nur einen einzigen Satz gesagt: „Dein Großvater hat sich auch nicht um seine Rosen gekümmert, weil die Nachbarin einen rostigen Zaun hatte. Am Ende waren die Rosen tot und der Zaun immer noch rostig. Du weißt, was du tun musst. Du hast die Kraft deiner Mutter, und deine Mutter hat einen betrunkenen Maurer mit einem Nudelholz aus dem Haus gejagt, da warst du noch nicht geboren. Du schaffst das, mein Kind. Ruf an, wenn es so weit ist. Egal wann. Ich backe dir einen Apfelkuchen. Mit dem guten Zimt. Deinem Lieblingszimt. Von dem, der so nach Weihnachten riecht.“ Damals hatte Johanna geweint. Heute nickte sie nur und antwortete: „Ich bringe auch Orangensaft mit. Den mit Fruchtfleisch. Und ich erzähle dir alles. Aber erst essen wir Kuchen. Einen ganzen Berg Kuchen. Und dann kaufe ich meiner Mutter eine neue Orchidee. Eine noch schönere. Eine, die nicht an mir hängen bleibt, nur weil ein Mann kein Paket abholen kann. Ich habe verstanden. Ich bin angekommen. Es ist vorbei. Es fängt an. Danke, Tante Margarete. Bis morgen. Um zehn. Mit allem, was dazugehört. Pünktlich. Versprochen. Ich bin so weit. Endlich. Endlich. Endlich. Endlich. Endlich. Gut. So. Jetzt. Ja.“

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Der Tag, an dem er mein Paket nicht abholte, aber ohne Hemd von der Nachbarin zurückkam