Ein nasser Scheck über Bord

Ich arbeite seit neun Jahren als Skipper am Chiemsee. In der Zeit habe ich einiges gesehen — Ehestreite, heimliche Tränen, Geschäftsleute, die beim Sektfrühstück Verträge unterschreiben, die am Abend nichts mehr wert sind. Aber was sich an einem Julinachmittag vor zwei Jahren auf meinem Deck abspielte, vergesse ich nicht.

Die Buchung kam über das Büro in Prien. Eine vierstündige Charter, ein Verlobungsausflug, sechs Personen. Der junge Mann, der anrief, klang nach Geld und nach dem Bedürfnis, dass alles perfekt aussieht. Felix Lindner. Die Werft in Bernau am Chiemsee, das wusste ich von einem Bekannten, gehört seinem Vater. Oder gehörte — darüber sprach man damals schon leiser.

Als sie am Steg in Gstadt auftauchten, war sofort die Temperatur da. Dreißig Grad im Schatten, aber die Kälte kam von den Menschen. Der Vater, Klaus Lindner, ging mit den blanken Segelschuhen über den Steg, als gehöre ihm auch der. Die Mutter, Silvia, trug ein Kleid, das bei uns am See niemand trägt — irgendwas Seidenes, das nach Mallorca aussah. Felix, der Bräutigam, hielt sein Telefon in der Hand und lächelte nicht, sondern überprüfte etwas. Und dann war da noch Hanna.

Hanna Weber. Sie stand ein wenig abseits, trug ein einfaches Leinenhemd, keine Marken, aber es sass. Sie hielt sich mit einer Hand an der Reling fest, als wäre sie noch nie auf einem Boot gewesen, aber ihre Augen wanderten über den Rumpf, über die Wanten, über die Winschen, und ich dachte: Die prüft das Schiff. Nicht wie eine Frau, die Angst vor Wasser hat. Sondern wie jemand, der weiss, wonach er schaut.

Ich half ihr an Bord. Ihre Hand war kalt, trotz der Hitze. „Danke“, sagte sie, weiter nichts, und stellte sich an die Reling achtern.

Wir legten ab. Kurs auf die Fraueninsel, ruhiges Wetter, kaum Wellengang. Ich stand am Ruder, die Gesellschaft sass im Cockpit, es gab Prosecco und kleine Häppchen von einem Catering aus Übersee. Die Stimmung war, nun ja, höflich vergiftet. Die Mutter sprach über die Hochzeit, als würde sie eine Firmenübernahme planen. Der Vater schwieg und starrte aufs Wasser. Felix nickte zu allem, aber seine Finger tippten auf dem Telefon, als wäre die Verlobte neben ihm Luft.

Hanna versuchte zweimal, etwas zu sagen. Einmal bot sie an, Gläser nachzufüllen — die Mutter winkte ab, ohne sie anzusehen. Einmal wollte sie wissen, ob jemand die Giesela-Bucht von der Wasserseite kennt. „Das ist nichts für dich, Kindchen“, sagte der Vater, als spräche er mit dem Zeitungsboten.

Was dann geschah, lief so schnell ab, dass meine Hände am Ruder lagen, bevor ich überhaupt verstand.

Die Mutter stand auf, das Glas in der Hand, und plötzlich kippte der Inhalt über Hannas Ärmel. Ein langsamer, roter Fleck breitete sich auf dem Leinen aus. Nicht aus Versehen. Sie hielt das Glas schräg, sah Hanna an und wartete.

„Oh — ich bin so ungeschickt“, sagte sie und lächelte nicht.

Hanna stand auf. Nahm eine Serviette vom Tisch, tupfte den Ärmel ab und sagte ganz ruhig: „Das geht raus. Machen Sie sich keine Gedanken.“

„Weisst du was“, die Mutter stellte das Glas ab, „du könntest die Planken da vorn mal abwischen. Dafür bist du doch zuständig, oder nicht?“

Mein Blick ging zu Felix. Der junge Mann rührte sich nicht. Schaute auf sein Handy, als stünde da etwas, das seine Aufmerksamkeit mehr verdiente als das, was auf seinem eigenen Deck passierte. Hanna wandte sich halb zu ihm um — eine winzige Bewegung, als wartete sie. Nichts.

„Ich habe für die Fahrt bezahlt“, sagte sie. „Nicht für die Bedienung.“

Die Mutter lachte auf. Kurz, scharf, in einer Tonlage, die bei mir Alarm auslöste. Sie trat einen Schritt vor, Hanna wich aus — und dann gab es einen Laut. Einen dumpfen Schlag. Stoff auf Haut.

Hanna taumelte.

Ich sah ihre Hände ins Leere greifen, hörte den Körper aufs Wasser schlagen, bevor mein Gehirn den Befehl an die Beine gegeben hatte. Der Vater stand auf, trat an die Reling und sah hinunter. Lachte. Wirklich, er lachte. Und der Sohn — der Sohn zog seine Sonnenbrille hoch, lehnte sich zurück und schaute aufs Wasser, als beobachtete er eine Möwe.

Ich riss das Gas raus, warf die Rettungsboje und brüllte etwas, das ich hier nicht wiederholen möchte. Aber eigentlich war es jemand von der Segelschule, der zwanzig Meter entfernt kreuzte, der sie herauszog. Ich sah nur noch, wie Hanna, tropfnass, auf das Dollbord gezogen wurde und wie ihre Hände zitterten, während sie nach ihrem Telefon tastete, das sie um den Hals trug, in einer wasserdichten Hülle.

Das Telefon funktionierte noch.

Ich fuhr die Lindners zurück an den Steg. Sie sprachen nicht mehr. Nur der Vater fragte irgendwann: „Können Sie das nicht schneller?“ Ich habe nicht geantwortet.

Am Steg warteten sie zwanzig Minuten auf ein Taxi. Hanna war schon da. Sie sass auf der Bank unter der Linde am Anleger, trug ein trockenes Handtuch, das ich ihr gegeben hatte, und sprach leise in ihr Telefon. Ihre Stimme war völlig ruhig. Ich fing nur ein paar Worte auf: „… die gesamte Tranche. Nein, nicht stückeln. Alles. Bis Freitag Mitternacht soll das durch sein.“ Dann legte sie auf, sah auf den See hinaus und wartete.

Als das Taxa der Lindners vorfuhr, stand sie auf. Sie ging nicht auf sie zu, sie blieb einfach stehen, das Handtuch um die Schultern, das nasse Haar im Nacken, und wartete, bis sie ausstiegen.

Die Mutter erblickte sie zuerst. Ihr Gesicht zog sich zusammen. „Hast du uns noch was zu sagen?“

Hanna trat einen Schritt vor und griff in die Tasche ihrer Shorts. Sie zog ein zusammengefaltetes Papier hervor — nass, die Tinte verlaufen, aber ich erkannte den Briefkopf. Das war kein Brief, das war ein Scheck. Sie entfaltete ihn, hielt ihn mit zwei Fingern in die Höhe und zeigte ihn dem Vater.

Er kniff die Augen zusammen. Las. Wurde blass.

„Sie wissen, was das ist, Herr Lindner“, sagte Hanna. Ihre Stimme war so leise, dass ich näher treten musste, um sie zu verstehen. „Eine Brückenfinanzierung. Eine Million vierhunderttausend Euro. Für Ihre Halle drei. Läuft über meine Gesellschaft. War meine Idee, übrigens. Ich dachte, eine Werft, die seit drei Generationen in Familienbesitz ist, verdient eine Zukunft. Ich dachte — Familie versteht man.“

Sie riss den Scheck einmal in der Mitte durch.

Der Vater machte einen Schritt vor. Seine Hand, ich sah es genau, griff ins Leere, als könnte er die Papierschnipsel noch auffangen.

„Der zweite Teil kommt nächste Woche“, sagte Hanna. „Ich muss nur einen Anruf machen, dann ist auch der storniert. Wissen Sie, ich hatte mich so gefreut, dass Felix jemanden gefunden hat, dem er vertrauen kann. Aber er hat mir heute gezeigt, wem er vertraut. Und Sie auch.“

Sie wandte sich zu Felix um. Er hatte die Sonnenbrille jetzt abgenommen und starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal.

„Du hast mich gefragt, warum ich nie über meine Arbeit spreche“, sagte sie zu ihm. „Ich spreche nicht drüber. Ich mach sie einfach. Heute habe ich sie für dich gemacht. Und weisst du, was du gemacht hast? Du hast zugesehen. Du hast am Handy gespielt, während deine Mutter mich ins Wasser gestossen hat. Ich bin geschwommen, Felix. Ich bin geschwommen, während du dir den Prosecco nachschenken lassen hast. Das ist deine Entscheidung gewesen. Steh dazu.“

Er öffnete den Mund. Schloss ihn wieder.

Hanna wandte sich ab, ging zu ihrem Wagen, einem alten Volvo, der hinter dem Bootshaus parkte, und legte das Handtuch ordentlich gefaltet auf die Bank zurück. Zu mir sagte sie: „Danke für den Tee vorhin. Und das Handtuch. Schicken Sie mir die Rechnung für die Reinigung, ja?“

Ich nickte nur. Sie stieg ein und fuhr los, Richtung Gstadt, und ich sah ihr nach, bis der Volvo hinter den Bäumen verschwand.

Die Lindners standen noch eine Weile am Steg. Der Vater sagte kein Wort. Die Mutter telefonierte, hörte zu, legte auf, telefonierte wieder. Felix sass auf der Bank und starrte auf die Stelle, wo Hannas Wagen gestanden hatte.

Ich machte das Boot klar und dachte an die nächste Charter, einen Junggesellenabschied, den ich am Abend fahren sollte. Der Motor musste noch geprüft werden, das Logbuch war nachzutragen. Der Tag war noch nicht zu Ende. Die Lindners bestellten ein neues Taxi, und als es kam, stiegen sie ein, einer nach dem anderen, ohne einander anzusehen.

Ich weiss nicht, was aus der Werft in Bernau geworden ist. Aber vor ein paar Monaten fuhr ich an einem Freitagabend die letzte Runde über den See und sah am Ufer ein neues Bootshaus. Davor stand ein Volvo. Und auf der Terrasse sass Hanna, allein, mit einem Becher Kaffee in der Hand und einem Stapel Papiere auf dem Tisch. Sie winkte kurz, als ich vorbeifuhr, und vertiefte sich wieder in ihre Unterlagen.

Der See war still. Die Lichter von Prien spiegelten sich auf dem Wasser, ein paar Enten schnatterten im Schilf. Ich drosselte den Motor und schaute noch einmal zurück. Sie sass immer noch da, ruhig, konzentriert, und strich mit dem Finger über eine Zahlenkolonne. Am Himmel zog eine einsame Möwe ihre Kreise. Ich gab wieder Gas und liess das Ufer hinter mir.

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