Der Schlüssel im Halsband

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und das Geräusch hallte noch eine Sekunde länger nach, als es sollte. In dem kahlen Besucherraum der JVA Wolfenbüttel roch es nach Bohnerwachs und Desinfektionsmittel, dieser unverwechselbare Geruch, der sich in jede Faser der Kleidung frisst. Kai Großmann setzte sich auf den wackligen Holzstuhl. Seine Hände, gefesselt vor dem Bauch, tasteten unwillkürlich nach einer Stelle am linken Handgelenk, eine alte Angewohnheit aus elf Jahren Haft. Morgen früh um sechs sollte er verlegt werden, in die JVA Bremen-Oslebshausen, in den Trakt für Langstrafer ohne Aussicht auf Lockerungen. Danach, hatte seine Anwältin gesagt, würde es Jahre dauern, überhaupt wieder einen Besuchstermin für den Hund zu bekommen, wenn es ihn dann noch gäbe. Das Urteil wegen Totschlags war rechtskräftig, verhängt nach einem missglückten Überfall, bei dem ein Wachmann ums Leben gekommen war. Kai hatte nie geleugnet, dabei gewesen zu sein. Er hatte nur immer gesagt, dass der Schuss nicht von ihm kam. Es half nichts.

Der Wunsch, seinen Hund noch einmal zu sehen, war ein Zugeständnis gewesen, das selbst den erfahrenen Anstaltsleiter Scholz überrascht hatte. Aber der Antrag war durchgegangen, vielleicht aus einem letzten Rest Menschlichkeit, vielleicht aus purer Bürokratielogik, weil eine Verlegung ohnehin einen Abschlussbesuch vorsah. Kai saß da, den Blick auf die graue Wand gegenüber gerichtet. Die Neonröhre flackerte im Sekundentakt. Seine Anwältin hatte gesagt, es gäbe noch einen letzten Versuch, ein Wiederaufnahmeverfahren, aber das war Theorie ohne neue Fakten. Für ihn war die Realität dieser Raum, dieser Stuhl, und eine feuchte Stelle an der Decke, die wie eine Landkarte aussah, die nirgendwo hinführt.

Dann öffnete sich die Seitentür, und alles, was Kai an mühsam errichteter Mauer um sich herum aufgebaut hatte, bekam Risse. Zuerst kamen die Pfoten, dann das graue Maul, dann der ganze Hund. Arko. Ein Belgischer Schäferhund, elf Jahre alt, mit stumpfem Fell und einem leichten Zittern in den Hinterläufen. Das Tier blieb im Türrahmen stehen, die Nase in der Luft, als müsste es das Bild mit dem Geruch abgleichen, den es von früher kannte. Dann, ohne Bellen, ohne Hast, lief er auf ihn zu. Nicht auf den Häftling in der orangefarbenen Kleidung. Auf Kai. Einfach auf Kai.

„Hey, alter Junge“, brachte Kai heraus. Seine Stimme brach sofort. Arko legte den Kopf schief, stupste mit der Schnauze gegen Kais gefesselte Hände und begann, aufgeregt mit der Rute zu wedeln, dass sein ganzer Hinterkörper in Bewegung geriet. Kai rutschte vom Stuhl auf den blanken Betonboden, und der Hund kroch ihm fast in den Schoß, drückte seinen großen Kopf gegen Kais Brust und atmete tief aus. Die Wachen, zwei stämmige Männer aus der Niedersachsen-Auswahl, sahen zu. Der eine kaute auf der Innenseite seiner Wange, der andere fixierte einen Punkt an der Decke.

„Du hast mich also nicht vergessen“, murmelte Kai in Arkos Fell. Es roch immer noch gleich, nach altem Teppich und warmem Staub, der Geruch von Zuhause, an das er sich kaum noch erinnerte. Er spürte, wie der Hund an seinem Overall zerrte, ganz sacht, als wolle er ihn vom Boden hochziehen. Es war diese sture, zärtliche Art, die nur alte Hunde haben, die ganz genau wissen, was ihr Mensch braucht. Ein Schluchzen entkam Kai, ein roher, unverstellter Laut, den dieser Raum noch nicht gehört hatte. Einer der Wächter räusperte sich und trat einen halben Schritt zurück.

Die Zeit verging unmerklich. Fünf Minuten, vielleicht zehn. Arko hatte sich halb auf Kais Beine gelegt und stieß immer wieder leise Fiepstöne aus, während Kai mit den Fingerknöcheln den Hals des Hundes kraulte, dort, wo das Fell schon ganz weiß war. Seine Finger ertasteten das dicke Lederhalsband mit der eingenähten Dose. Er kannte jede Kerbe, jeden Kratzer an dem alten Ding. Etwas stimmte nicht. Die Naht an der Innenseite des Halsbands war frisch, anders als der Rest, mit einem helleren Faden. Mit einem Fingernagel, der in elf Jahren Haft hart wie Horn geworden war, trennte er den Faden auf. Ein kleiner, zusammengefalteter Zettel rutschte heraus, nicht größer als ein Einkaufszettel. Das Papier war weich vom Fell des Hundes.

Kais Augen flogen über die Schrift. Es war keine vertraute Handschrift, sondern die eines Unbekannten, präzise und klein. Aber die Worte brannten sich sofort in sein Gehirn. Ein Name: Viktor Ehmke. Der Mann aus dem Waffengeschäft. Der Mann, der die Pistole besorgt hatte. Der Mann, dessen Aussage Kai damals am schwersten belastet hatte. Unter dem Namen stand nur ein Satz: „Er war es. Hat vor zwei Wochen im Pauliner Eck damit geprahlt.“ Keine Unterschrift. Nur dieser Satz, geschrieben auf einen dünnen Streifen Papier, der nach Hund roch. Wer ihn eingenäht hatte, wusste Kai nicht. Vielleicht der Nachbar, der Arko all die Jahre gefüttert hatte. Vielleicht jemand, der Angst hatte, seinen Namen herzugeben, aber nicht schweigen konnte.

Mechanisch faltete Kai den Zettel wieder zusammen und schob ihn in den Ärmel seines Overalls. Sein Herz schlug so hart, dass er sicher war, die Überwachungskamera müsste es aufzeichnen können. Ihm wurde heiß im Gesicht, ein ganz anderes Gefühl als die Resignation der letzten Stunden. Er musste sofort etwas unternehmen, denn wenn er morgen früh nach Bremen verlegt wurde, würde die Spur kalt sein, bevor sie überhaupt jemand verfolgte. Der Hinweis selbst würde vor Gericht nichts wert sein, ein anonymer Zettel ohne Herkunft. Aber ein Name war ein Anfang. Ein Name, den man einer Zeugin, einem Wirt, einer Ermittlerin vorlegen konnte.

„Wache?“, sagte Kai, und seine Stimme war ruhig und klar wie lange nicht. „Ich muss sofort meine Anwältin sprechen. Ich habe einen Hinweis auf einen möglichen Zeugen im Pauliner Eck. Es ist dringend, wegen der Verlegung morgen.“ Der Wächter, der an der Decke vorbeigeschaut hatte, zuckte zusammen. Der andere runzelte die Stirn. Aber Kai sah ihn an, und zum ersten Mal seit Tagen sah er jemanden aus der Anstalt nicht von unten nach oben an. Der Mann nickte nur und hob den Telefonhörer.

Arko, der die ganze Zeit ruhig dagelegen hatte, hob den Kopf und sah Kai mit seinen milchigen, alten Augen an, als wüsste er, dass seine Arbeit getan war.

Die Anwältin kam noch am selben Abend, ließ die Verlegung um zwei Tage aufschieben und schickte einen Ermittler ins Pauliner Eck. Dort, an der Theke, erinnerte sich der Wirt tatsächlich an einen Abend im Februar, an dem Viktor Ehmke betrunken erzählt hatte, er habe „damals die Kugel verkauft, die den Wachmann umgelegt hat, und keiner habe je gefragt, wer sie abgefeuert hatte“. Zwei weitere Gäste bestätigten Teile der Aussage, unabhängig voneinander. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig nahm daraufhin Ermittlungen gegen Ehmke auf, und ein Ballistiker überprüfte auf Antrag der Verteidigung erneut das alte Gutachten zur Schussrichtung. Der Widerspruch, den niemand vor elf Jahren hatte klären wollen, war plötzlich nicht mehr zu übersehen. Die Tatwaffe war nie gefunden worden, aber die neue Zeugenaussage und der Gutachterfehler reichten aus, um das Verfahren neu aufzurollen.

Die Wiederaufnahme wurde zugelassen. Acht Monate später, an einem regnerischen Dienstag im November, wurde Kai Großmann freigesprochen. Er ging aus dem Gerichtsgebäude am Straßburger Platz in Braunschweig mit nichts als seinen persönlichen Habseligkeiten in einem Stoffbeutel und dem Geschmack von Freiheit, der für ihn nach nassem Asphalt und Benzin schmeckte. Vor der Tür stand seine Schwester, ein alter Ford Transit mit laufendem Motor, und ein grauer Schäferhund, der beim Anblick seiner Silhouette aufgeregt zu bellen anfing, bis die ganze Straße davon erfüllt war.

Kai kniete sich hin, das nasse Fell in den Händen, das Gewicht des Hundes an seiner Brust. Er zog das alte Halsband aus der Manteltasche. Die Stelle, wo er es aufgetrennt hatte, war noch da, notdürftig mit einem Bindfaden zusammengehalten. Er kaufte Arko in der nächsten Zoohandlung ein neues, weicheres Halsband, gepolstert, für die alten Knochen. Das alte behielt er.

Viertausend Tage hatte er gesessen, hatte er später ausgerechnet, als das Landgericht die Entschädigung für die erlittene Haft festsetzte, fünfundsiebzig Euro pro Tag, das Finanzamt zog noch seinen Teil ab. Es war eine lächerliche Summe für das, was er verloren hatte, aber Kai unterschrieb ohne zu zögern.

Zu Hause, in der kleinen Wohnung seiner Schwester, in der er vorerst unterkam, legte er das alte Halsband ins Handschuhfach des Transporters, zwischen Straßenkarte und Scheibenkratzer. Arko sprang auf den Beifahrersitz, drehte sich zweimal im Kreis und legte den Kopf auf Kais Knie, genau dort, wo elf Jahre Haft eine Delle in seinem Leben hinterlassen hatten. Kai klappte das Handschuhfach zu und ließ den Motor an.

Rate article
Der Schlüssel im Halsband