Die zehntausend Euro auf dem Tisch

Corinna drückte die Klinke zum Konferenzraum „Löwenbräu“ im Hotel Bayerischer Hof und blieb kurz auf der Schwelle stehen. Sieben Uhr morgens, der Duft von Kaffee und frischem Gebäck hing schon in der Luft. Vor ihr der Raum – weiß gedeckt, Kristallgläser, Messinglampen. Alles, wie sie es mit Jürgen vor drei Stunden besprochen hatte.

Und dann sah sie die Frau.

Grauer Hosenanzug, flache Schuhe, eine Aktentasche mit abgestoßenen Ecken. Mitte fünfzig schätzte Corinna. Das Haar streng nach hinten genommen, die Brille mit dem dünnen Goldrand saß schief. Die Frau stand unbeholfen zwischen den Stuhlreihen, als wüsste sie nicht genau, ob sie sich setzen durfte.

Corinna zog die Augenbrauen hoch. Jürgen hätte sie warnen können.

Sie selbst trug das marineblaue Seidenkleid, für das sie am Samstag fast vierhundert Euro hingelegt hatte. High Heels, dezent geschminkt, die Fingernägel frisch gemacht. Das war kein Eitelkeit – das war Kalkül. Heute kam Dr. Al-Hassan aus Riad, der Mann, der über den Zuschlag für die Elektrochips entschied. Siebenundachtzig Millionen Projektvolumen. Und sie, Corinna Reimers, sechsundzwanzig, würde dolmetschen.

Wenn diese Frau ihr nicht in die Quere kam.

„Guten Morgen“, sagte Corinna knapp und ging ohne ein weiteres Wort an ihr vorbei. Die Frau öffnete den Mund, als wollte sie etwas erwidern, aber Corinna war schon am Kopfende des Tisches, zog die Mappe mit den Vertragsentwürfen heraus und begann, die Sitzkarten zu kontrollieren. Dr. Al-Hassan, dann sein Finanzberater, dann der technische Direktor. Ihre eigene Karte – *Corinna Reimers, Dolmetscherin* – lag griffbereit auf der rechten Seite des Chefsessels.

Die ältere Frau beobachtete sie. Corinna spürte den Blick im Nacken.

Was Jürgen sich dachte, war ihr schleierhaft. Ja, die Personalabteilung bestand auf einer „Ersatzdolmetscherin“, weil der Vertrag mit den Saudis das so vorschrieb. Aber irgendeine Freiberuflerin für lächerliche zehntausend Euro Honorar anzuheuern – das war rausgeschmissenes Geld. Corinna hatte Arabistik und BWL in Leipzig studiert, sie kannte die Fachbegriffe für Halbleitertechnik und islamisches Finanzmanagement, sie war zwei Jahre in Dubai gewesen. Sie brauchte keine Hilfe.

Dann kam Jürgen.

Er schob sich durch die Tür, das Handy am Ohr, die Stirn gerunzelt. Wie immer. Das Sakko spannte über dem Bauch, und er roch leicht nach Schweiß, obwohl es noch nicht einmal halb acht war.

„Corinna, die Namensschilder an der Garderobe fehlen noch.“ Er deutete mit dem Kinn Richtung Foyer. „Kümmerst du dich? Und sag der Küche, dass einer der Herren keine Meeresfrüchte isst. Die Tageskarte vom Bankett muss geändert werden.“

Corinna nickte und griff nach ihrem Tablet. Im Vorbeigehen warf sie der anderen Frau einen kurzen Blick zu. Die saß jetzt auf einem der hinteren Stühle und blätterte in einem abgegriffenen Buch. Was war das überhaupt – arabische Kalligrafie? Lyrik?

Zehn Minuten später kam Jürgen zu ihr in die Anrichte, während sie den Küchenchef anwies, die Garnelen durch Lammrücken zu ersetzen.

„Das ist doch lächerlich“, sagte sie leise und wies mit dem Kinn in den Saal. „Die sitzt da und liest Gedichte. Und ich soll neben dem Scheich die Vertragsklauseln übersetzen. Wozu die Alte?“

Jürgen wedelte abwehrend mit der Hand. „Vorschrift. Solange sie da ist, passt das. Dein Auftritt heute, Corinna. Verkauf dich gut, dann redet man auf den nächsten Konferenzen nur noch von dir. Chef hat’s auch schon gespürt – die Sache mit dem London-Projekt. Wenn das klappt, bist du seine erste Wahl bei internationalen Partnern.“

Die Sache mit dem London-Projekt. Corinna wusste, was er meinte. Im November, beim Termin mit den Briten, war Jürgens übliche Dolmetscherin krank gewesen, und Corinna war eingesprungen. Danach hatte der Chef gesagt: *Die Reimers hat etwas, das uns noch fehlt.* So genau wusste sie nicht, was er meinte. Vielleicht, dass sie jung war. Vielleicht, dass sie lächelte, wenn es nötig war, und schwieg, wenn es nötiger war.

Der Konvoi aus der saudi-arabischen Botschaft in Berlin traf um Punkt neun ein.

Dr. Al-Hassan betrat den Saal mit vier Männern im Gefolge. Ein unscheinbarer Mann, älter als auf den Fotos, das Gesicht schmal, der Bart fast weiß. Keine protzige Rolex am Handgelenk, keine Krawatte mit Goldnadel. Nur die maßgeschneiderte Thawb und der wache Blick, der den Raum abtastete, als hätte er jede Person schon katalogisiert, bevor er guten Tag sagte.

Corinna straffte die Schultern und gab die Hand. Ihr Arabisch war perfekt. „Einen angenehmen Aufenthalt in München, Doktor. Darf ich Ihnen unseren Besprechungsraum zeigen?“

Al-Hassan nickte höflich. Sein Blick glitt über die Tische, blieb kurz an der Frau im grauen Anzug hängen, dann bei seinem eigenen Fahrer – einem jungen, breitschultrigen Mann mit akkuratem Bart, der bereits mit verschränkten Armen an der Tür stand.

Die Verhandlungen begannen pünktlich um Viertel nach neun.

Corinna saß links von Dr. Al-Hassan, der Firmenchef rechts. Jürgen stand am anderen Ende des Tisches und bediente den Beamer mit den Charts. Die ersten Minuten liefen glatt. Begrüßungen, Dankesworte, der Wettervergleich München–Riad. Corinna übersetzte zweisprachig und schnell, mit der Routine von jemandem, der das schon dutzende Male getan hatte.

Dann ging es ins Detail.

„Die Sharia-Konformität der Finanzierung“, begann Al-Hassans Finanzberater auf Arabisch, „erfordert eine klare Trennung von Risiko und Ertragskapital. Wir schlagen eine Struktur vor, die auf dem Prinzip der abnehmenden Teilhaberschaft basiert – musharaka mutanaqisa.“

Corinna öffnete den Mund – und stockte.

Musharaka mutanaqisa. Der Begriff klang vage vertraut, aber sie konnte ihn nicht packen. Etwas mit Teilhabe, ja. Aber was war das, abnehmende Teilhaberschaft? Sie hatte das Wort im Glossar überflogen, das Jürgen ihr vor zwei Tagen geschickt hatte. Doch im Stress, unter den Blicken der Araber und des Chefs, blieb die Übersetzung stecken.

„Das ist eine… spezielle Form der Partnerschaft“, setzte sie an und wusste schon beim Aussprechen, dass es nicht genügte.

Der Finanzberater runzelte die Stirn. Al-Hassans Miene blieb unverändert, aber er legte die Fingerspitzen aneinander – eine Geste, die sie aus ihrer Zeit in Dubai kannte. Sie bedeutete Ungeduld.

Jürgen am Beamer schoss ihr einen giftigen Blick zu. Der Chef räusperte sich.

Corinna spürte, wie die Röte in ihr aufstieg. Sie öffnete den Mund für einen zweiten Versuch.

Da sprach die Frau aus dem Hintergrund.

Zwei Sätze auf Arabisch, klar und mühelos, im Dialekt der Golfstaaten. Ihre Stimme war nicht laut, aber sie trug. Und was sie sagte, war eine präzise Definition: abnehmende Teilhaberschaft – ein Finanzierungsmodell, bei dem der Investor seinen Anteil schrittweise an den Geschäftspartner verkauft.

Al-Hassan wandte den Kopf. Seine Brauen hoben sich einen Millimeter, nicht mehr. Aber Corinna sah, wie seine Augen zum ersten Mal an diesem Morgen wirklich interessiert aufleuchteten.

Er sagte noch etwas – leise, mit einem Unterton, den Corinna nicht sofort deuten konnte.

Die Frau antwortete. Wieder dieses reine, klassische Arabisch, das in jeder Silbe nach Bildung klang. Und dann, plötzlich, lächelte Al-Hassan. Kein höfliches, geschäftsmäßiges Lächeln. Es war die Art von Lächeln, die man für jemanden aufhebt, den man erkannt hat.

Dann sprach er Deutsch.

„Sie… Sie sind Frau Sommer? Die Frau Sommer?“

Corinna fuhr herum. Der Chef setzte seine Brille ab, als könnte er dann besser sehen, was vor sich ging. Jürgen wurde blass.

Die Frau im grauen Anzug – Sommer, offenbar – stand auf und ging mit ruhigen Schritten zum Haupttisch. Sie war nicht die Frau, die man in dem abgetragenen Kostüm vermutete. Sie war jemand, den ein saudischer Wirtschaftsboss mit seinem persönlichen Respekt bedachte.

Und Corinna? Corinna sah an sich herab auf das Seidenkleid, die High Heels, das iPad, das plötzlich kalt in ihrer schwitzenden Hand lag. Etwas in ihr zog sich zusammen, hart und unangenehm, als hätte sie auf Glas gebissen.

Jürgen versuchte noch zu retten. Er eilte um den Tisch herum, das falsche Lächeln auf den Lippen. „Doktor Al-Hassan, darf ich vorstellen – Frau Sommer ist zur Unterstützung hier. Als zweite Dolmetscherin. Für das Protokoll sozusagen.“

Aber Dr. Al-Hassan winkte ab. Er blickte nicht einmal in Jürgens Richtung.

„Frau Sommer hat vor zwanzig Jahren den Vertrag zwischen der Bundesregierung und der Königlichen Kommission in Riad übersetzt“, sagte er. „Ohne sie wäre das Abkommen nie zustande gekommen. Man erzählt sich in meinem Ministerium noch heute, dass sie einem jungen Attaché das Leben gerettet hat, indem sie einen simplen Übersetzungsfehler korrigierte, bevor er zum Skandal wurde.“ Er lächelte wieder, diesmal fast schelmisch. „Dieser Attaché war mein erster Vorgesetzter. Ich hatte gehofft, sie irgendwann kennenzulernen, aber ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass sie hier in München an einem Nebentisch sitzt. Wie geht es Ihnen?“

„Gut, Doktor. Ich danke Ihnen.“ Frau Sommers Stimme war trocken, aber nicht unfreundlich. Sie nahm Al-Hassans angebotenen Stuhl neben sich. Nicht den für die Dolmetscherin – den für den Gast.

Corinna stand mit hängenden Armen daneben. Sie existierte nicht mehr in dieser Runde. Sie war unsichtbar.

Die Verhandlungen gingen weiter, aber die Sitzordnung war auf den Kopf gestellt. Frau Sommer übersetzte nicht – dazu kam es gar nicht. Sie sprach mit Al-Hassan wie mit einem alten Bekannten, wechselte von Hocharabisch zu Golf-Dialekt, zitierte einen vergessenen saudischen Poeten und brachte Al-Hassan zum Lachen. Der Vertrag, um den sich Corinna so bemüht hatte, wurde in dieser Atmosphäre fast nebensächlich. Die Eckpunkte waren in einer Stunde besprochen, weil plötzlich Vertrauen im Raum stand, nicht Paragrafen.

Als die Saudis zur Mittagspause aufbrachen – Al-Hassan bestand darauf, dass Frau Sommer mit ihnen im kleinen Kreis im Restaurant „Tian“ aß –, schnappte sich Jürgen Corinnas Arm und zog sie in die Anrichte.

„Du hast mir gesagt, du schaffst das“, zischte er. Sein Atem roch nach Kaffee und alten Zwiebeln. „Du hast mir gesagt, du brauchst die Alte nicht als Backup, du wärst auf dem Stand, du kannst die Begriffe. Und was war das eben? Du stotterst bei musharaka mutanaqisa, während die Graumaus da drüben den Scheich mit Gedichten aus seiner Jugendzeit beeindruckt!“

„Du hast mir das Glossar erst Montag geschickt“, gab Corinna zurück. Ihre Stimme klang schrill in ihren eigenen Ohren. „Du hast gesagt, das wird eine einfache Runde. Dass die nur Standardbegriffe wollen. Woher sollte ich wissen, dass die mit islamischen Spezialfinanzierungen ankommen?“

Jürgen schüttelte sie am Arm, grob. „Du weißt, was das für mich heißt? Der Chef hat mich heute Morgen gefragt, ob ich sicher bin mit dir. Ich habe Ja gesagt. Und dann das. Vor der gesamten saudischen Delegation.“ Er ließ sie los. „Im siebten Stock ist die Buchhaltung. Peters hat da ein exzellentes Team. Die suchen jemanden für das Übersetzen von Rechnungen. Vielleicht ist das ja dein Level.“

Er stapfte aus der Anrichte, die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

Corinna blieb zurück. Ihre Beine trugen sie zu einem Hocker am kleinen Tisch der Küchenzeile. Sie starrte auf die Edelstahlarbeitsplatte und sah ihr eigenes Spiegelbild verzerrt darin.

Es war nicht nur die Blamage. Es war die Art, wie Frau Sommer sie angesehen hatte, bevor sie zu Al-Hassans Tisch ging. Kein Triumph, kein Spott. Eher so, wie man eine junge Kellnerin ansieht, die Rotwein auf die weiße Tischdecke geschüttet hat – es tut einem schon leid, aber was will man machen, es fehlt halt an Erfahrung.

Das Schlimmste daran: Corinna wusste, dass es stimmte.

Sie dachte an ihr Studium in Leipzig, das sie mit guten Noten abgeschlossen hatte. Sie dachte an den Sommer in Dubai, wo sie Dolmetschaufträge für mittelständische deutsche Firmen angenommen hatte, die in die Golfregion expandieren wollten – und die sie mit Charme und Routine über Wasser hielt. Aber hatte sie je einen Vertrag gelesen, nur weil er sie interessierte? Hatte sie je al-Mutanabbi gelesen, wie diese Frau das offenbar getan hatte? Oder war sie einfach davon ausgegangen, dass ihre Jugend und ihr Auftreten genügten?

Die Antwort darauf lag in dem abgegriffenen Band arabischer Poesie, den Frau Sommer während der Vertragsstille aufgeschlagen hatte. Corinna kannte nicht einmal den Namen des Dichters.

Am Nachmittag, als die Saudis nach dem Essen für den zweiten Teil der Verhandlungen zurückkehrten, war Corinna nicht mehr am Haupttisch.

Sie hatte ihre Sachen gepackt und war auf die Damentoilette in der Hotellobby gegangen, um sich das Gesicht zu waschen. Das kalte Wasser im Waschbecken rann ihre Wangen hinunter, vermischte sich mit einem Rest Mascara. Sie stützte sich mit beiden Händen auf den Marmorrand und zwang sich, in den Spiegel zu sehen.

Irgendwann hörte sie Schritte. Es war Frau Sommer.

Die ältere Frau hielt einen Pappbecher mit Tee in der Hand und lehnte sich an den Türrahmen.

„Sie gehen?“

Corinna zuckte mit den Schultern und wandte sich ab. „Sie haben ja wohl gesehen, dass ich hier nichts mehr zu suchen habe. Da können Sie sich die Fragen sparen.“

Frau Sommer zögerte. Dann sagte sie leise: „Ich wollte Ihnen nur sagen: Vor zwölf Jahren, bei einem Termin im Kanzleramt, habe ich denselben Fehler gemacht. Hab’ einen Fachbegriff verwechselt, weil ich mir zu sicher war. Hat mich fast den Job gekostet. Und der Mann, der mich damals korrigierte, war ein Dolmetscher, der fast achtzig war. Er saß im selben Hinterzimmer, in das man mich gesteckt hatte. Der Unterschied zu Ihnen war nur: er war da, weil er nicht genug Geld für den Ruhestand hatte. Nicht, weil man ihn auf die Reservebank schob, während ein junger Kollege den großen Auftritt kriegte.“ Sie trank einen Schluck Tee. „Ich weiß, wie es sich anfühlt, Corinna. Wenn die zehntausend Euro Honorar auf dem Tisch liegen, aber der Preis dafür ist, dass man unsichtbar wird, während irgendein Jürgen seinen Job nicht richtig macht. Ich bin nicht Ihre Feindin. Das hier… das ist einfach blöd gelaufen. Kommen Sie, ich setze mich mit Ihnen noch eine halbe Stunde hin und wir gehen die Vertragsentwürfe für den Nachmittag durch. Es gibt noch eine echte Chance für Sie, wenn Sie jetzt nicht aufgeben.“

Corinna schloss die Augen. Sie schluckte gegen den Kloß im Hals an. Einen Moment lang wünschte sie, sie könnte einfach an Jürgens hässlichem Gesicht vorbei aus dem Hotel spazieren und nie wiederkommen. Das Seidenkleid in die Altkleidersammlung geben, das Studium vergessen, vielleicht im Bioladen um die Ecke an der Kasse anfangen. Die Stelle in der Buchhaltung klang nach Kapitulation.

Aber Frau Sommer stand da, mit ihrem ausgeleierten Blazer und den ruhigen Augen, und bot etwas an, das Jürgen mit all seinen Machtspielchen nie angeboten hatte: einen Weg zurück.

„Also gut“, sagte Corinna heiser. „Aber nur die halbe Stunde. Und Sie müssen mir al-Mutanabbi erklären. Ich weiß nicht mal, wer das ist.“ Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Nasenspitze. „Und Sie nennen mich bitte nicht mehr ‘die Alte’.“ Frau Sommers Mundwinkel zuckten. Fast ein Lächeln. „Abgemacht. Ich bin übrigens Greta. Und der Dichter, den Sie meinen, hat vor tausend Jahren gesagt: ‘Wenn das Schicksal dich trifft, sei nicht betäubt – der beste Pfeil in deinem Köcher ist die nächste Tat.’ Also. Wir fangen mit Seite vierzehn des Finanzierungsvertrags an.“

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