Der Kuchen, den keiner anschnitt

Ich arbeite seit vierzehn Jahren als Konditorin in Rosenheim, direkt am Marktplatz, gleich neben der Apotheke mit dem grünen Leuchtschild. An diesem Dienstag im August war ich mit der Lieferung dran – ein Geburtstagskuchen, drei Etagen, Sahne-Buttercreme, "Alles Gute zum 91." in dunkler Schokoladenschrift. Um kurz nach vier sollte ich ihn in die Rosenheimer Straße bringen, zu einem Herrn Brenner. Ich war spät dran, meine Schicht endete eigentlich um halb vier, aber die Chefin hatte mich gebeten, das noch zu übernehmen, weil der Azubi krank war.

Das Haus war eines von diesen sanierten Altbauten mit Balkonen zur Straße, Geranien in Kästen, ein Fahrrad mit Kindersitz stand im Hof angekettet. Im dritten Stock öffnete mir eine Frau, Ende vierzig vielleicht, mit einem Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt. Sie nahm mir den Kuchen fast aus der Hand, bezahlte mit Karte, sagte danke, tschüss, und wollte die Tür schon wieder zumachen.

Da rief von drinnen eine Kinderstimme: "Ist das für Opa?"

Die Frau drehte sich kurz um, sagte irgendwas von wegen sie hätten keine Zeit, die Feier sei streng genommen erst am Wochenende, heute müsse nur schnell was Süßes für ihn dasein, weil er sonst wieder fragt, ob ihn keiner mag. Das sagte sie so nebenbei, während sie den Kuchen auf die Anrichte im Flur stellte, zwischen Schlüsselschale und einen Stapel Werbeprospekte.

Ich hätte eigentlich gleich wieder gehen sollen. Aber der Fahrstuhl im Haus war kaputt, ein Schild klebte dran, "außer Betrieb, Techniker informiert", und ich musste die drei Stockwerke zu Fuß runter. Auf dem Treppenabsatz zwischen zweitem und erstem Stock saß ein alter Mann auf einem Klappstuhl, den jemand offenbar extra dort hingestellt hatte, mit einer Wolldecke über den Knien, obwohl es draußen sechsundzwanzig Grad hatte. Neben ihm auf der Fensterbank ein Kofferradio, aus dem leise Bayern 1 lief, die Verkehrsmeldungen für die A8.

"Sie sind bestimmt wegen dem Kuchen da gewesen", sagte er, als ich vorbeikam. Nicht als Frage. Er wusste es einfach.

Ich blieb stehen, weil man in dem Moment nicht anders kann. Er erzählte, ohne dass ich ihn danach gefragt hätte, dass er heute Geburtstag habe, den einundneunzigsten, und dass seine Tochter ihn gebeten habe, hier unten zu warten, "damit er nicht im Weg steht", während sie oben mit den Enkeln irgendwas vorbereite, was er nicht genau wisse. Er hatte ein Sonntagshemd an, an einem Dienstag, mit einer Anstecknadel vom Schützenverein dran. Als hätte er sich extra zurechtgemacht für etwas, von dem er nicht sicher war, ob es stattfindet.

Ich hatte eigentlich keine Zeit mehr, mein Auto stand im Halteverbot, aber ich setzte mich auf die Treppenstufe gegenüber, weil mir nichts anderes einfiel. Er erzählte, dass sein Sohn, der Vater von der Frau oben, schon mit fünfzig gestorben sei, Herzinfarkt, beim Skifahren in Reit im Winkl, und dass er selbst danach eingesprungen sei für die Enkelin, als die noch klein war – Hausaufgaben, Fahrdienst zum Handballtraining, alles. "Man macht das eben", sagte er, "man fragt nicht, ob man Zeit hat."

Von oben hörte man Stimmen, Gelächter, das Klappern von Geschirr. Niemand rief nach ihm.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort saß. Vielleicht zwanzig Minuten. Irgendwann kam die Enkelin die Treppe runter gerannt, ein Mädchen, vielleicht neun, mit einem selbstgemalten Bild in der Hand, ein Herz mit "Für Opa" drauf. Sie blieb stehen, sah ihn an, sah mich an, und fragte ganz direkt: "Warum sitzt du hier unten, Opa? Der Kuchen ist doch schon oben."

Der alte Mann lächelte nicht – er nahm nur ihre Hand und drückte sie, so fest, dass seine Fingerknöchel weiß wurden, und sagte nichts.

Ich musste dann wirklich gehen, wegen dem Auto. Als ich unten aus dem Hauseingang trat, kam mir die Mutter vom Mädchen entgegen, offenbar unterwegs, um ihre Tochter zu holen, mit dem Telefon schon wieder am Ohr. Sie fragte mich im Vorbeigehen, ob ich den Kuchen gut abgestellt hätte. Ich sagte ja. Mehr nicht. Es war nicht meine Sache, ihr zu sagen, dass ihr Vater unten auf einem Klappstuhl in der Sonntagskleidung saß, während oben jemand anderes seinen Kuchen anschnitt.

Drei Wochen später kam ich wieder in die Straße, wegen einer anderen Lieferung, im Nachbarhaus. Vor der Hausnummer 14 stand ein Umzugswagen von einer Spedition aus Bad Aibling, und der alte Mann selbst trug, mit Hilfe von zwei jüngeren Männern in Blaumann, eine Kommode aus dem Eingang. Er sah anders aus – kein Sonntagshemd, ein einfaches kariertes, die Ärmel hochgekrempelt. Ich fragte ihn, ob er umzieht.

"In eine betreute Wohnanlage, drüben in Kolbermoor", sagte er. "Hab meine Rente selbst verwaltet, hab mein Sparbuch, hab mit meinem Anwalt gesprochen. Steht mir zu, seit vierzig Jahren zahl ich da ein. Die Wohnung hier hab ich meiner Tochter überschrieben gehabt, vor Jahren, als Vorsorge. Hab sie jetzt zurückgefordert, notariell, wie sich das gehört – die Übertragung war an eine Bedingung geknüpft gewesen, die nicht eingehalten wurde. Steht so im Vertrag, den kaum einer liest, wenn er ihn unterschreibt."

Er sagte das ohne Bitterkeit, fast beiläufig, während er die Kommode auf die Ladefläche schob. Von einem Balkon im dritten Stock, dem mit den Geranien, stand die Tochter und sah runter, die Arme verschränkt, das Telefon diesmal nicht am Ohr, sondern nur in der Hand, stumm.

Ich half nicht mit, das war nicht mein Job, ich hatte nur einen Kuchen für Hausnummer 16 auszuliefern. Aber ich sah noch, wie der alte Mann sich kurz umdrehte, zum Balkon hoch, und die freie Hand hob – kein Winken, eher ein knappes Zeichen, dass er sie gesehen hat. Dann stieg er vorne beim Fahrer ein, und der Wagen fuhr Richtung Kolbermoor los.

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Der Kuchen, den keiner anschnitt