Der Zaun der Nachbarin

Ich habe nie verstanden, warum manche Menschen erst glücklich sind, wenn jemand anderes Ärger hat. Bis vor zwei Jahren dachte ich, das sei nur eine Redewendung. Dann zog Claudia Petersen nebenan ein, und ich lernte, dass es Menschen gibt, die morgens aufstehen und als Erstes überlegen, wem sie heute das Leben schwer machen können.

Dabei fing alles ganz harmlos an. Sie kam mit einem Gugelhupf rüber, stellte sich als Claudia vor, sagte, sie freue sich auf eine gute Nachbarschaft. Ich bot ihr Kaffee an, wir saßen auf der Terrasse, sie erzählte von ihrem Mann, der oft auf Montage ist, von den zwei Kindern, die schon ausgezogen sind. Ein netter Nachmittag. Dachte ich.

Vier Tage später lag der erste Brief im Briefkasten. Kein Absender, handschriftlich, in Druckbuchstaben. Dass meine Hecke an der Grundstücksgrenze zu ungepflegt sei. Dass sich das nicht gehöre, wenn man in einer schönen Wohngegend lebe.

Ich stand da mit dem Zettel in der Hand und wusste nicht, ob ich lachen oder mich ärgern sollte. Die Hecke war gepflegt. Ich schneide sie zweimal im Jahr, seit ich das Haus vor fünf Jahren gekauft habe. Aber gut, dachte ich, vielleicht ist sie einfach ein Mensch, der Ordnung braucht. Ich schnitt die Hecke. Machte sie ein bisschen akkurater.

Dann kamen die Mülltonnen. Die stünden so, dass man sie von ihrer Küche aus sehen könne. Das verschandele die Aussicht. Also stellte ich die Tonnen an die andere Seite des Carports.

Dann war es die Beleuchtung am Gartenweg. Zu grell. Dann die Markise. Dann der Kompost.

Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen.

Ich erzählte meiner Frau davon. Sie sagte nur: „Lass sie reden. Solche Leute hören von allein auf.“ Ich habe ihr geglaubt. Das war mein Fehler.

Der eigentliche Zirkus fing an einem Dienstagmorgen an. Es war kurz vor sieben, ich wollte gerade zur Arbeit, da stand sie schon an meiner Grundstücksgrenze. Im Morgenmantel, mit einer Tasse Tee in der Hand, und deutete auf den Zaun zwischen unseren Gärten.

„Der ist aber ziemlich hoch“, sagte sie. Nicht „Guten Morgen“, nicht „Entschuldigung“. Nur das.

Ich schloss die Haustür ab, ging ruhig zu ihr, schaute auf den Zaun. Ein normaler Holzzaun, klassische Sichtschutzelemente. „Der steht seit fünf Jahren“, sagte ich. „Gehört zum Haus, als ich es übernommen habe.“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Fünf Jahre hin oder her. Wenn er nicht den Vorschriften entspricht, muss er weg.“

Ich glaubte zu träumen. Aber ich habe gelernt, mit solchen Menschen nicht zu diskutieren. Also nickte ich nur, setzte mich ins Auto und fuhr. Im Rückspiegel sah ich, wie sie noch immer an der Grenze stand, die Tasse an die Lippen hob, mir nachsah.

Eine Woche später kam ich von der Arbeit und sah es schon beim Einfahren: ein leuchtend gelber Zettel, in Klarsichtfolie, direkt neben meinem Briefkasten an den Zaun geheftet. Ordnungsamt, hieß es. Hinweis auf eine mögliche Überhöhung der Einfriedung. Kontrolltermin am Donnerstag.

Ich musste nicht raten, wer das gemeldet hatte.

Am Donnerstag, pünktlich um 9 Uhr, fuhr der Wagen vom Bauamt vor. Ein junger Mann mit Messgerät und Klemmbrett, vielleicht Mitte dreißig, die Dienstjacke zu groß. Er stellte sich vor, sagte, er müsse nur kurz nachmessen, das dauere nicht lange.

Claudia stand natürlich schon an ihrer Terrasse. Kaffee in der einen Hand, das Handy in der anderen. Sie tat so, als würde sie telefonieren, aber ich sah, wie sie jeden Schritt des Kontrolleurs verfolgte.

Der Mann ging meinen Zaun Stück für Stück ab. Maß an drei, vier Punkten, notierte etwas, maß nach. Claudia schleuderte mir Blicke zu, die ich nicht ernst nehmen konnte. Ich stand auf der Treppe, die Arme verschränkt, und wartete.

Nach einer Viertelstunde klappte er sein Notizbuch zu. Er zog die Folie ab, wischte über die Messlatte, packte sie in den Kofferraum.

Claudia trat an die Grenze. „Und?“, rief sie. „Wie hoch ist er jetzt wirklich? Haben Sie den Verstoß festgestellt?“

Der Kontrolleur kam zurück, blieb vor mir stehen. „Der Zaun entspricht der Ortsbausatzung“, sagte er. „Höhenbegrenzung von 1,80 Metern wird exakt eingehalten. Kein Verstoß, keine Beanstandung.“

Ich sah Claudias Gesicht. Einen Moment war es still. Nur der Nachbarshund, ein alter Schäferhund, der im Garten zwei Häuser weiter anschlug. Dann drehte sich der Kontrolleur um.

„Aber“, sagte er und kratzte sich an der Schläfe, „was ich bei der Anfahrt gesehen habe, muss ich mir noch ansehen.“

Er ging langsam an Claudias Hausecke vorbei, blieb vor ihrem Carport stehen, bückte sich. Sie hinterher. Ich, der gerade wieder durchatmen wollte, folgte den beiden.

Vor ihrem Carport lag ein Stapel Terrassenplatten. Seit einer Ewigkeit, wie mir jetzt erst auffiel. Graue, verwitterte Betonplatten, die sie vor Monaten für eine geplante Terrasse bestellt hatte, der Bau war dann eingeschlafen. Daneben ein Haufen Bauschutt, verdeckt unter einer halb geöffneten Plane.

Der Kontrolleur zog sein Handy, fotografierte. Claudia redete sofort los: „Das ist nur vorübergehend, das gehört zu einem geplanten Projekt, mein Mann wollte das im Frühjahr fertig machen.“

Er sah sie an. „Nach § 11 der Abfallwirtschaftssatzung ist die Lagerung von Bauschutt und Baumaterial außerhalb eines genehmigten Bauvorhabens nicht zulässig.“ Er blätterte in seinem Klemmbrett. „Das hier wurde bereits im April von Ihrer Mietpartei angemerkt. Wir haben die Frist bis zum 31. Oktober gesetzt. Heute ist der 27. Oktober. Soll ich den Bescheid nochmal vorbeibringen?“

Claudia sah mich an. Ich sagte nichts. Ich hätte gelogen, wenn ich behauptet hätte, dass mir diese Stille nicht gefiel.

Ich erfuhr später, dass das Ordnungsamt nicht locker gelassen hat. Claudia bekam einen Beseitigungsbescheid. Die Platten mussten weg, der Schutt abgefahren werden. Die Entsorgungskosten lagen bei über 1.400 Euro, hat der Kontrolleur mir nebenbei gesagt, als er mir die Abschrift der Einstellung meines Verfahrens in die Hand drückte. Ihr Mann kam für ein Wochenende nach Hause und hat dann tatsächlich die Platten abtransportiert. Claudia stand daneben und schrieb dem Bauamt eine E-Mail, in der sie sich beschwerte, dass die Frist zu kurz gewesen sei.

Ich hätte jubeln können. Der Gedanke war da, ein warmes, gemeines Kribbeln im Bauch. Ich habe dann doch nichts gesagt. Nicht aus Großmut. Sondern weil ich wusste: Der Moment, in dem der Kontrolleur ihr Gesicht sah, war stärker als alles, was ich hätte sagen können.

Zwei Tage später stand sie wieder an meiner Tür. Diesmal mit einem Korb. „Ich dachte, wir könnten nochmal von vorn anfangen“, sagte sie. Ich nahm den Korb nicht an. „Ich bin dir ehrlich“, sagte ich, „ich möchte nicht darüber streiten, wer bei wem zuerst aufgeräumt hat. Aber wenn du in mein Leben trittst, ohne zu klopfen, dann kann ich dir nicht versprechen, dass ich wieder aufmache.“

Sie stand noch einen Moment da, den Korb in beiden Händen, die Finger weiß um den Henkel gespannt. Dann drehte sie sich um und ging über den Kies weg, langsam, den Blick auf ihre eigenen Füße gerichtet.

Ich schloss die Tür. Im Flur hörte ich den Kuckucksfalter im Schlafzimmer ticken, die Heizung gluckern. Ich ging in die Küche, setzte Wasser auf, machte mir einen Kamillentee. Vier Minuten ziehen lassen. So lange hatte ich Zeit, aus dem Fenster zu sehen und zu wissen, dass mein Zaun jetzt um einen Zettel ärmer war – und die Nachbarin um eine Illusion.

Am Montag hängte ich an die Innenseite der Haustür einen kleinen Zettel, nur für mich, mit einem Satz aus dem Nachbarschaftsrecht, den ich bei der Verbraucherzentrale am Marktplatz gehört hatte: „Die Einfriedung muss die Grenze schützen, nicht den Frieden brechen.“

Claudias Korb stand übrigens noch bis zum Ende der Woche vor meiner Tür. Am Freitag hat ihn die Müllabfuhr mitgenommen. Als Sperriges Gut.

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