Im großen Spiegelsaal von Schloss Arnsberg funkelten an diesem Dezemberabend dreißig Kristalllüster um die Wette. Jeder einzelne von ihnen schien barocke Engel und vergoldete Stuckranken an die hohen Decken zu malen, während unter ihnen die feinste Gesellschaft Bayerns stand, Sektkelche in behandschuhten Händen und milde Langeweile im Gesicht. Die Standuhr auf dem Treppenabsatz zeigte zwanzig Minuten vor neun, und der alljährliche Wohltätigkeitsball der Baronin, bei dem man Spenden in Höhe von vierzigtausend Mark für das städtische Krankenhaus erhoffte, galt als langweilig, aber unvermeidlich – ein Pflichttermin für alle, die etwas auf sich hielten.
Baronin Charlotte von Arnsberg saß in ihrem Rollstuhl, einem grauen Meyra-Modell mit abgewetzten Armlehnen, am Kopfende des Saales, wo einst der Kamin geprangt hatte, den man längst durch eine dezente Heizungsanlage ersetzt hatte. Ihr smaragdgrünes Abendkleid raschelte leise, als sie sich zurechtsetzte, und die Perlenkette um ihren Hals reflektierte das Licht wie Perlen, in die Regen gefallen war. Zehn Jahre waren es nun, dass sie diesen verdammten Stuhl nicht mehr verlassen konnte. Zehn Winter mit toten Zehen, die sie unter der Seidendecke verbarg.
Die Gäste plauderten über die neuesten Münchner Skandale und die plötzlichen Kursschwankungen an der Frankfurter Börse. Niemand bemerkte, wie um fünf Minuten vor neun die schwere Eichentür am hinteren Ende des Saales einen Spaltbreit aufging.
Dann erstarb die Musik.
Es roch nach nasser Wolle und feuchtem Laub, noch bevor man den Eindringling sah. Ein kleines Mädchen, vielleicht acht oder neun, barfuß, in einem zerschlissenen Kleid, das einmal blau gewesen sein mochte und nun schmutziggrau an ihren dünnen Schultern hing. Ihre Haare waren verfilzt, die Wangen gerötet von der Kälte, die draußen über dem zugefrorenen Schlosspark lag. Sie stand einfach da, die Tür hinter ihr schwang langsam ins Schloss. Niemand wusste, wie sie durch den Park und an der Wache vorbeigekommen war; der Küchenjunge gestand später, er habe den Hintereingang beim Schneeschippen offen gelassen.
„Was soll denn das?“, rief Kommerzienrat Bruckner, als Erster gefasst. „Wer hat das Kind reingelassen?“
Ein halbes Dutzend Kellner in weißen Handschuhen bewegten sich gleichzeitig auf die Kleine zu. „Raus mit dir“, zischte einer. „Das hier ist kein Wärmesaal vom Roten Kreuz!“
Das Mädchen sah ihn nicht an. Es sah überhaupt niemanden an außer der Frau im Rollstuhl ganz hinten im Raum. Mit leisen, tapsenden Schritten – Füße, die auf dem Parkett kaum ein Geräusch machten – ging sie los. Jeder Schritt, der sie tiefer in den Saal führte, ließ die Lachen lauter und die Stimmen schriller werden.
„Unglaublich!“
„Wo bleibt die Security?“
„Die arme Seele, einfach nur verwahrlost…“
„Arm? Die stiehlt doch bloß!“
Alles prallte an ihr ab. Sie ging, ohne zu zögern, zwischen Austerntürmen und Champagnerkühlern hindurch, vorbei an Perlohrringen und goldenen Manschettenknöpfen, an Lachen, die sich hinter Fächern versteckten, und an Gesichtern, die in ihrer Starre gefroren waren wie die Gipsengel an der Decke.
Baronin Charlotte hob den Kopf. Ihre Finger krallten sich um die Armlehnen des Rollstuhls, so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. Das Mädchen sah sie an, und Charlotte spürte einen Stich in der Brust. Die Augen waren dunkel, ruhig, vollkommen ernst.
Jetzt stand die Kleine direkt vor ihr. Sie war so winzig, dass ihr Kopf nur knapp über die Höhe des Sitzpolsters ragte. Einen Moment lang schwiegen sie sich an. Dann kniete das Mädchen nieder. Zwei schmutzige Hände legten sich ganz behutsam auf die leblose Seidenhülle, die Charlottes linken Oberschenkel und Unterschenkel verbarg. Die Baronin spürte kaum einen Druck, nur eine Wärme, die nicht von außen zu kommen schien.
„Bitte… lassen Sie’s mich versuchen“, flüsterte das Mädchen.
Der Saal tobte vor Gelächter. „Jetzt wird’s wirklich grotesk!“ brüllte jemand. „Heilung durch Handauflegen, das hat man ja seit dem Mittelalter nicht mehr gesehen!“
Aber Charlottes Aufmerksamkeit war ganz auf die kleinen Hände gerichtet. Unter dem Stoff ihres Kleides spürte sie plötzlich ein Kribbeln, als erwachten dort lange vergessene Nerven. Ein heftiger, fast schmerzhafter Impuls schoss durch ihr Bein. Sie keuchte. Dann zuckte ihr großer Zeh – ein winziges, aber deutliches Zucken unter der Seide.
Es wurde totenstill. Charlotte starrte auf ihre Füße, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. Zehn Jahre. Zehn Jahre hatte sie auf diesen Moment gewartet.
Das Mädchen ließ die Hände sinken und sah sie an, ohne etwas zu sagen. Charlotte packte die Lehnen und stemmte sich hoch. Das rechte Bein trug sie sofort, aber das linke zitterte heftig, als hätte es vergessen, wie es sich anfühlte, Gewicht zu tragen. Sie taumelte. Ein Raunen ging durch den Saal, und Kommerzienrat Bruckner, der vorhin noch Witze gerissen hatte, fasste sich mit offenem Mund an die eigene Krawatte.
Da griff die kleine schmutzige Hand nach der der Baronin. So standen sie, Charlotte in ihrem smaragdgrünen Kleid und das barfüßige Mädchen im Lumpenrock, die eine Stufe trennte sie noch vom Parkettboden, doch der erste Schritt gelang. Und der zweite.
Niemand wagte zu atmen. Ein Kellner, der ein Tablett mit leeren Gläsern trug, verharrte wie angewurzelt. Nach fünf Schritten – die Hand des Mädchens immer noch fest umklammernd – blieb Charlotte stehen. Der Spiegel an der Stirnwand warf ein Doppelbild zurück: eine aufrecht gehende Frau, gestützt von einem Kind, das selbst kaum etwas hatte, auf das es sich stützen konnte.
„Wie heißt du?“, fragte Charlotte mit belegter Stimme.
„Mia.“ Es war nur ein Hauch.
„Und wo kommst du her, Mia?“
Das Mädchen zuckte mit den Achseln. „Nirgendwo“, murmelte es.
Charlotte presste die Lippen aufeinander, dann zog sie das Mädchen sanft näher an sich heran. Sie richtete sich so gerade auf, wie sie nur konnte. Der Schmerz im Bein war noch da, dumpf und nagend, aber sie spürte ihn. Und dieses Gefühl gab ihr mehr Halt als jeder Mahagoni-Gehstock.
„Meine Damen und Herren“, sagte sie, und ihre Stimme zitterte kaum. „Dieses Kind bleibt bei mir. Wer damit nicht einverstanden ist, möge jetzt gehen – ich werde niemanden aufhalten.“ Sie wandte sich an das Mädchen und strich ihm eine verfilzte Strähne aus dem Gesicht. „Komm, wir gehen in die Bibliothek, dort ist es wärmer. Du musst hungrig sein.“
Keiner rührte sich. Mia sah zu der Frau auf, die noch vor wenigen Minuten im Rollstuhl gesessen hatte. Ein winziges, kaum sichtbares Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Draußen vor den hohen Fenstern war es zu schneien begonnen, dicke Flocken, die sacht gegen die Scheiben tanzten und alles Geräusch verschluckten. Und so standen sie lange, die Baronin und das Mädchen, zwei verrückte Figuren im Licht der dreißig Lüster, während der Flügelspieler nach einer langen Pause zaghaft einen neuen Walzer anstimmte.











