Kaffee bei Frau Lindner

Als ich am Dienstag die Treppe zu Frau Lindners Wohnung hochging, hing im zweiten Stock immer noch dieser Geruch nach Bohnerwachs und kaltem Zigarettenrauch, der hier seit Jahrzehnten in den Wänden sitzt. Ich bringe ihr seit dem Herzinfarkt ihres Mannes im April mittwochs das Mittagessen, weil ihre Tochter in Freiburg wohnt und nur alle zwei Wochen hochfährt. Fünf Treppen, kein Aufzug, Nachkriegsbau in Hannover-Linden, wo die Fenster nach Norden gehen und die Heizung im Winter mehr klappert als wärmt.

Ich war an dem Tag zehn Minuten zu früh, weil die U-Bahn mal ausnahmsweise pünktlich war, und als ich vor der Tür stand, hörte ich sie. Nicht weinen. Eher so ein halblautes Vor-sich-hin-Sprechen, als hätte sie vergessen, dass man im Treppenhaus jedes Wort versteht.

„Sechsundfünfzig“, sagte sie. „Sechsundfünfzig, und was hast du jetzt eigentlich vorzuweisen?“

Ich hätte klingeln sollen. Habe ich auch. Zweimal. Beim dritten Mal machte sie auf und tat, als wäre nichts gewesen, aber ihre Brille saß schief, und auf dem Couchtisch standen zwei Tassen, beide noch fast voll, als hätte jemand gerade erst aufhören müssen zu reden.

Frau Lindner heißt mit Vornamen Hannelore, genannt Hanne, und sie ist die Art Frau, die man früher in jeder Straße hier im Viertel drei- oder viermal getroffen hätte. Sechsundfünfzig, nie verheiratet, wohnt mit der Mutter zusammen, arbeitet als Schreibkraft bei einer Versicherung in der Innenstadt. Die Mutter, Frau Lindner senior, werde ich sie nennen, weil ich ihren Vornamen nie behalten konnte – irgendwas mit E, Edelgard oder Erdmuthe, so ein alter ostpreußischer Name –, die Mutter ist über achtzig und kocht noch jeden Morgen selbst.

Ich bringe das Essen seit April, und ich kann genau sagen, an welchem Tag sich das Verhältnis der beiden verändert hat. Das war der Tag, an dem die Mutter zum ersten Mal nicht allein den Müll runterbringen konnte. Nicht wegen der Treppen – die nimmt sie noch, langsam, mit beiden Händen am Geländer, Stufe für Stufe –, sondern wegen des Gewichts. Zwei blaue Säcke, die sie sonst immer einzeln genommen hätte. An dem Tag hat sie versucht, beide auf einmal zu tragen, und ist auf dem Absatz der dritten Stufe einfach stehen geblieben. Hat den Sack wieder abgestellt. Hat so getan, als müsste sie sich nur die Schuhe richten.

Ich stand unten und habe gesehen, wie Hanne vom Küchenfenster aus zusah. Und ich habe auch gesehen, was sie mit ihren Händen machte: Sie hatte den Küchenschwamm in der Faust und drückte ihn so fest, dass das Spülwasser in ihren Ärmel lief. Dann ging sie nach draußen, nahm ihrer Mutter die Säcke ab und trug sie selbst runter. Ohne ein Wort. Die Mutter hat auch nichts gesagt.

Das ist das, was ich über die beiden weiß: Sie reden nicht viel. Aber sie reden jeden Tag. Über den Wetterbericht, über den Preis vom Weißkohl auf dem Wochenmarkt am Lindener Marktplatz, über die Frage, ob die neue Nachbarin aus der Parterrewohnung wirklich beim Ordnungsamt arbeitet oder nur so tut. Ihre Gespräche sind wie Brausepulver, das zu lange offen gestanden hat. Es zischt noch, wenn man es anrührt, aber es ist zäh geworden.

Letzte Woche, am Mittwoch, habe ich ihr das Essen gebracht wie immer – Erbsensuppe, die hatte ich bei mir um die Ecke bei dem Vietnamesen geholt, den sie nicht mag, weil er „zu viel Koriander“ an alles macht, aber an dem Tag war mir egal. Sie saß am Fenster, und das Licht fiel so, dass man jeden einzelnen grauen Ansatz in ihrem Haar sehen konnte.

„Frau Lindner, soll ich Ihnen die Suppe auf den Balkon stellen?“

„Der Balkon geht nach Norden, da sitzt man nur, wenn man Buße tun will.“

„Dann eben hier auf den Tisch.“

Ich stellte die Tüte ab, und dabei fiel mir ein, was sie am Telefon gesagt hatte, als ich den Termin ausgemacht hatte: „Bringen Sie nichts Süßes mit, ich werde sechsundfünfzig, und mit sechsundfünfzig macht man keine Wünsche mehr frei.“

Ich hatte ihr eine Packung Pfefferminztee mitgebracht und eine Zitrone.

Sie hat die Zitrone genommen und in zwei Hälften geschnitten. Eine Hälfte auf die Untertasse, eine Hälfte ins Glas. Dann hat sie angefangen zu erzählen, und ich habe mich an den Küchentisch gesetzt und zugehört, weil man bei solchen Sätzen nicht einfach wieder geht.

„Meine Mutter ist heute Morgen um sechs aufgestanden und hat mir Tee ans Bett gebracht. Sie hat gesungen. Wirklich gesungen. Nicht laut, so ein altes Kinderlied, das sie früher immer gesungen hat, wenn ich Fieber hatte. Und dann hat sie gesagt: Herzlichen Glückwunsch, mein Kind. Und ich habe mir gedacht: Sechsundfünfzig, und meine Mutter bringt mir Tee ans Bett, als wäre ich zwölf. Und eigentlich ist das ja schön. Aber eigentlich ist es auch das Traurigste, was ich über mein Leben sagen kann.“

Sie hat den Tee umgerührt, obwohl kein Zucker drin war. Immer wieder, so mechanisch, wie man in einer alten Bank die Kugelschreiber an der Kette dreht.

„Ich hatte mal eine Freundin, wissen Sie. Die hieß Renate. Wir haben zusammen in der Berufsschule gelernt, Steno und Maschinenschreiben, damals noch in den Achtzigern. Renate ist nach der Wende nach Melbourne gegangen. Ihre Tochter hat da geheiratet, einen Australier, der irgendwas mit Windkraft macht. Wir schreiben uns noch. Zu Weihnachten, manchmal zum Geburtstag. Sie schreibt immer: Liebe Hanne, ich denke oft an dich. Und ich schreibe immer: Liebe Renate, ich denke auch oft an dich. Aber wenn ich ehrlich bin, denke ich gar nicht oft an sie. Ich denke an sie, wenn ich den Briefumschlag sehe. Das ist etwas anderes.“

Ich habe nichts gesagt. Ich habe auf die Zitronenhälfte auf der Untertasse geschaut, die schon ganz ausgelaugt aussah, obwohl sie gerade erst hineingetan worden war.

„Kinder habe ich keine. Das war nicht geplant, das war einfach so. Und wissen Sie, was komisch ist? Früher hat mich das umgetrieben, nächtelang. Heute nicht mehr. Heute ist es eher so, dass ich froh bin, dass mein Leben so leer ist, wenn ich an die Leben denke, die ich hätte haben können. Das ist eine Art von Freiheit, verstehen Sie? Wenn niemand da ist, kann auch niemand enttäuscht werden.“

Sie trank einen Schluck, zuckte mit den Schultern, stellte das Glas wieder ab.

„Meine Mutter sagt immer: Wenn ich nicht mehr bin, vermietest du das Zimmer und hast endlich Platz für dich. Und ich sage dann immer: Wenn du nicht mehr bist, ziehe ich in die einen Quadratmeter in deinem Kopf und wohne da für immer. Das ist so ein Satz, den man als Kind schon sagt, und als Erwachsene hat man es dann einfach nie wieder abgelegt.“

Ich bin dann gegangen, weil die Zeit um war und weil die Erbsensuppe kalt wurde. Im Treppenhaus roch es wieder nach Bohnerwachs, aber es war etwas anderes in der Luft. Es roch auch nach Zitrone, obwohl das gar nicht sein konnte, weil die Zitrone ja im Glas war.

Am nächsten Mittwoch habe ich das Essen gebracht, und die Mutter hat in der Küche gestanden und gesagt, sie mache jetzt Blaukraut nach dem Rezept ihrer eigenen Mutter, mit Nelken und Apfelstücken und einem Schuss Rotwein. Und die Tochter, Hanne, saß am Tisch und strickte an einem Schal, bei dem sie schon dreimal zurückstricken musste, weil sie immer wieder Maschen verlor.

„Der Schal ist für meine Mutter“, sagte sie, „aber wenn ich so weitermache, wird er fertig, wenn sie neunzig ist.“

„Dann wird er ein Geschenk zum Neunzigsten“, sagte die Mutter, ohne sich umzudrehen.

„Du wirst den Schal gar nicht mögen. Er ist aus Schurwolle, und Schurwolle kratzt an deinem Hals.“

„Dann trage ich ihn eben anders“, sagte die Mutter.

Und dann passierte es. Der Topfdeckel fiel von selbst vom Topf – oder vielleicht hatte ihn jemand schief aufgelegt, keine Ahnung –, und beide zuckten zusammen, und dann prusteten beide los. Nicht so ein langes Lachen. Nur so ein kurzes, überraschtes Prusten, das man nicht zurückhalten kann.

Ich habe den Topflappen aufgehoben, der auf den Boden gefallen war, und da habe ich gesehen, dass die alte Frau zitterte. Nicht viel. Nur an den Händen. Und ich habe auch gesehen, dass Hanne es gesehen hat. Und dass sie den Topflappen von mir entgegengenommen hat, als wäre es der wichtigste Gegenstand der Welt.

Ich habe dann die Erbsensuppe vom Vietnamesen wieder mitgenommen, weil die beiden an dem Tag schon gekocht hatten. Das war das erste Mal, dass ich das Essen wieder mitgebracht habe. An der Tür hat Hanne mir die Tüte in die Hand gedrückt und gesagt: „Bis nächste Woche. Und bringen Sie diesmal keine Zitrone mit. Meine Mutter hat was gegen Zitronen, seit sie in den Fünfzigern mal eine ganze Zitrone gegessen hat, weil sie dachte, es wäre eine Orange.“

Ich bin die Treppe runtergegangen, und auf der Höhe des zweiten Stocks habe ich die Tüte geöffnet, einfach so, weil mir irgendwie danach war. Die Suppe war noch warm. Der Geruch von Koriander stieg mir in die Nase, und ich dachte: Das ist das Leben, das die beiden führen. Es schmeckt manchmal nach Koriander, obwohl man sich das nicht bestellt hat.

Heute bin ich wieder vorbeigegangen, obwohl Mittwoch gar nicht ist, weil ich in der Straße war wegen einer Sache mit meiner Krankenkasse. Ich habe von unten zu dem Fenster hochgeschaut. Es stand offen, ein Spalt nur, und ich konnte sehen, wie sich der Vorhang bewegte.

Und dann hörte ich sie singen. Beide. Die alte Frau mit ihrer brüchigen Stimme, und darunter die jüngere, fester, aber auch schon mit einem kleinen Zittern an den Rändern. Sie sangen dieses Kinderlied, das ich nicht kannte, von einem Lämmchen, das über die Wiese springt. Oder vielleicht war es auch ein Pferd. Die Worte konnte ich nicht verstehen.

Ich stand da, unten auf dem Gehweg, in meiner Jacke, die ich im Januar auf dem Flohmarkt in der Fösse gekauft habe, sieben Euro, und ich habe mir das angehört. Nicht lange. Drei, vier Strophen vielleicht.

Dann bin ich zum Kiosk gegangen und habe zwei Postkarten gekauft. Nicht für Frau Lindner. Für mich. Eine mit dem Neuen Rathaus, eine mit der Herrenhäuser Allee. Ich habe sie eingesteckt, und ich habe sie bis heute Abend nicht beschrieben. Aber ich weiß schon, was draufkommen wird. Ich werde meiner Schwester schreiben. Wir haben seit dem Begräbnis von Tante Inge nicht mehr richtig miteinander gesprochen. Das ist sechs Jahre her. Und ich werde ihr schreiben: Ich denke oft an dich. Und es wird das erste Mal sein, dass es stimmt.

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