Clara starrte auf die Terrasse und bekam keine Luft. Die Platten aus portugiesischem Naturschiefer, die sie eigenhändig mit Thomas an vierzehn Wochenenden verlegt hatte, waren nicht mehr anthrazit. Sie waren weiß. Nicht einmal gestrichen wie ein Möbelstück, sondern ertränkt unter einer dicken, glänzenden Schicht Billigfarbe, die schon Blasen warf. Die Kante zur Hauswand hin, die Clara mit einem Winkelprofil so sauber versiegelt hatte, war völlig zugekleistert. Und mittendrin, im Zentrum der zehn Quadratmeter teuren Natursteinfläche, hatte jemand mit einem rostigen Winkelschleifer einen tiefen, krummen Kratzer gezogen – als hätte eine überdimensionale Kralle über den Stein gerissen.
Auf dem Terrassentisch stand ein geöffneter Eimer Weißlack, daneben eine durchgeweichte Farbrolle. Der Gestank von Lösungsmitteln und säuerlicher Dispersionsfarbe hing so penetrant über dem Garten, dass Clara die Augen tränen. Sie hatte noch nicht einmal die Handtasche abgestellt.
Sie waren kaum drei Stunden fort gewesen. Nur kurz zu IKEA, eine neue Kommode aussuchen für den Flur. Thomas parkte noch den Wagen in der Einfahrt und rief ihr irgendetwas Belangloses hinterher, während Clara schon den abgestellten Lieferwagen eines Handwerkers registrierte, der nicht bestellt war.
Es war der Fiat Doblo ihrer Schwiegermutter.
Nicht das erste Mal, dass Margot unangemeldet auftauchte. Sie besaß einen Schlüssel zu ihrem neuen Altbau in der Gustav-Adolf-Straße, eigentlich nur für Notfälle – für den Fall eines Wasserrohrbruchs oder wenn sie im Urlaub die Kakteen gießen sollte. Niemals für das, was Clara jetzt vor sich sah.
„Herrje, Clara, da bist du ja wieder!“
Margot drückte sich aus der Terrassentür. Sie trug eine verbeulte Leinenhose und über ihrer teuren Bluse eine Schürze mit Erdbeermuster, die völlig mit Farbspritzern übersät war. In der Hand baumelte eine Spachtel, an deren Kante getrocknete weiße Farbe klebte. Im Haar, das sie sonst streng zum Dutt frisierte, hingen kleine hellgraue Putzreste. Sie strahlte. Nicht das Strahlen eines Menschen, der einen Fehler wiedergutmachen will, sondern das triumphierende Glühen einer Generalfeldmarschallin nach gewonnener Schlacht.
„Ich hab mir gedacht, das bisschen Hilfe könnt ihr gut gebrauchen. Der Stein, Clara, wirklich – ich weiß nicht, was der Architekt sich dabei gedacht hat. Du sitzt hier draußen, und das Zeug schluckt jedes Licht. Wie eine Grabplatte. Das hat mich die ganze Zeit gewurmt, wenn ich euch beim Bauen zugesehen habe. Ich lag hier morgens um fünf schon wach und habe überlegt, was ich tun kann. Dann bin ich eben los. Im Bauhaus hab ich die schönste Außenfarbe gefunden, die sie hatten. Kreideweiß. Jetzt hat man gleich das Gefühl, Urlaub in Griechenland zu machen! Die Stelle da hinten mit dem Riss hab ich noch ein bisschen ausgeglichen, das war eine richtige Stolperfalle. Und der Kratzer, ja, das war ein Versehen mit der Flex, aber den siehst du unter der neuen Schicht gar nicht mehr. Ich glaube, wir nehmen einfach noch eine zweite Runde Weiß, dann ist alles deckend. Thomas! Thomas, Junge, mein Kreuz! Sag deiner Mutter mal, sie soll das Lob nicht vergessen, ich hab mich hier fast mit dem Bandscheibenvorfall auf die Platten gelegt!“
Claras Finger krallten sich um die Schnur ihrer Tasche. Der portugiesische Schiefer hatte zweihundertdreißig Euro pro Quadratmeter gekostet, ohne Verlegung. Fast fünftausend Euro Material, das sie sich vom Mund abgespart hatten, Monat für Monat, während Thomas im Schichtdienst auf der Kinderintensivstation Überstunden schob und sie ihre ganze Abfindung aus dem Architekturbüro in dieses Haus gesteckt hatte. Sie hatten den Stein zusammen ausgesucht, in einem kleinen Importladen in Bornheim, der Besitzer hatte extra für sie Platten in der Größe zuschneiden lassen. Und dann hatten sie den Sommer über jeden freien Samstag auf den Knien verbracht, mit Schlauchwasserwaage und Gummihammer, bis der letzte Spalt saß.
Und jetzt stand Margot – die nicht einen einzigen Cent zu diesem Haus beigetragen, aber jede einzelne ihrer Entscheidungen von den Fensterbänken bis zur Küchenleiste kritisiert hatte – und besaß die Dreistigkeit, das Endergebnis mit einer Dose Weißlack zu übergießen.
„Du hast ihn mit der Flex zerkratzt“, sagte Clara leise. Ihr Atem ging flach.
„Ach, zerkratzt. Dein Großvater hat immer gesagt, ein Haus muss leben. Ein bisschen Patina. Jetzt ist es wenigstens hell, Mädchen. Das war doch vorher so ein düsteres, schweres Ding. Kein Wunder, dass du immer so blass aussiehst. Der Arzt hat sicher was von Vitamin-D-Mangel gesagt? Ja, bei dem ewigen Schatten hier. Jetzt reflektiert die Fläche. Wird dein Gemüt heben, glaub an mich. Und deinen Blutdruck auch. Ich hab sogar den Tisch noch abgeklebt, siehst du? Da fallen höchstens ein paar Spritzer runter, aber die bekommen wir mit Terpentin wieder weg. Hat mir der nette junge Mann im Baumarkt extra mitgegeben, kostenlos. Ich kann immer gut mit den Leuten, weil ich nicht so hochnäsig bin wie manche Architektengattinnen. Ich hab dem gesagt, für die Schwiegertochter, die mag es modern, aber so ganz ohne Helligkeit, wissen Sie, das macht die Seele kaputt. Der Mann hat mir sofort Recht gegeben. Grau ist ja schon lange gar nicht mehr modern, sagen die Experten, der Trend geht zu natürlichen, hellen Tönen. Mediterraner Lifestyle. Weiß wie auf Santorin. Das hab ich dir alles recherchiert, beim Zahnarzt im Wartezimmer in der Zeitschrift. Du willst ja immer auf dem neuesten Stand sein, also bitte: Jetzt seid ihr es!“
Das Wort „Architektengattin“ brach ihr fast das Genick. Clara hatte fünf Jahre lang studiert, sie hatte zwei Wettbewerbe gewonnen, sie kannte den Mörtel, den sie für diesen Schiefer verwendet hatten, von der chemischen Formel her. Sie war nicht die Gattin von irgendwem, die sich einen schwarzen Stein in den Garten setzen ließ, weil er im Katalog schick aussah.
Thomas bog um die Hausecke, den Autoschlüssel noch in der Hand. Er blieb stehen, als wäre er gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen. Der Lackgeruch schlug ihm entgegen, er sah den Winkelschleifer, der noch auf der untersten Stufe lag, das Kabel provisorisch durch das offene Wohnzimmerfenster gezogen.
„Was ist das für ein Gestank? Geht es um das Abwasser?“
Margot lief ihrem Sohn mit ausgebreiteten Armen entgegen. „Du brauchst dich nicht zu bedanken, mein Junge. Die Terrasse hat mich einfach nicht schlafen lassen. Du arbeitest sechzig Stunden die Woche, da muss doch jemand den Blick fürs Schöne behalten. Ich bin heute extra früh nach Bad Soden gefahren, um bei Öhlmann den teuren Lack zu kaufen, bevor das Angebot abläuft. Die hatten nur noch zwei Eimer. Ich hab die Verkäuferin angefleht, den einen für mich zu reservieren. Für meinen Sohn, der hat so eine schrecklich düstere Terrasse, der weiß gar nicht, wie sehr ihn das belastet. Ich sage dir, in ein paar Wochen habe ich das Haus umgedreht und ihr lebt in einer Wohlfühloase, die eure Nachbarn grün vor Neid macht. Die Zimmertür oben in eurem Schlafzimmer, die quietscht auch. Das habe ich schon geölt, aber das Öl war zu dünn. Ich bringe am Mittwoch dickeres mit. Und eure Farne da vorne, die muss ich auch mal machen. So viel Braun und dunkles Grün, das wirkt wie November. Ich habe bei Aldi Hortensien in Weiß gesehen, drei Stück für acht Euro. Ich stell sie dir in die Einfahrt, wenn du nicht selbst hingehst. Helle Blumen, weißer Boden, das wird ein Paradies fürs Gemüt. Dein Chef wird Augen machen, wenn du nach dem Frühstück aus dem Haus gehst und nicht mehr so einen bedrückten Eindruck hinterlässt, den man auf so einer schwarzen Grabplatte bekommt. Das strahlt man dann aus, weißt du? Das habe ich in einem Vortrag über positives Denken gehört. Die Umgebung beeinflusst das Unterbewusstsein direkt. Direkt!“
Da geschah das, womit Clara nicht gerechnet hatte.
Thomas ging nicht zu seiner Mutter. Er trat auf die Terrasse, direkt in die noch feuchte Farbe. Seine hellen Segeltuchschuhe versanken sofort in der weißen Masse, die zwischen den Steinfugen hervorquoll und die Sohle umschloss, aber das schien er nicht zu bemerken. Er hielt die Luft an, kniete sich hin und fuhr mit dem Finger über die Stelle, wo die Flex über den Schiefer gerissen war. Der Stein war nicht nur zerkratzt. Ein daumenlanges Stück der Oberfläche fehlte komplett, als hätte jemand mit einem Meißel hineingeschlagen.
Dann sah er den Kratzer quer über die Platte. Und noch einen, parallel dazu, dreißig Zentimeter lang. Margot hatte offensichtlich versucht, die ganze beschädigte Zone „auszugleichen“, wie sie es nannte, und dabei den halben Stein zerfurcht.
„Mama. Das ist portugiesischer Schiefer. Wetterfester Naturschiefer. Weißt du, wie lange so ein Stein hält, wenn man ihn nicht mit einer Flex traktiert? Fünfzig, sechzig Jahre, wenn er vernünftig verlegt ist. Clara hat jede Platte einzeln ausgesucht. Die fertige Oberfläche sollte so dicht sein, dass kein Regen eindringt. Wenn du da einmal durch die Versiegelung gehst, saugt der Stein Wasser wie ein Schwamm. Beim ersten Frost platzt er. Das heißt: Die Platte ist tot. Die drei hier, die du geschliffen hast, sind tot. Das ist Steinschutt. Nasser Steinschutt, der im Winter zersplittert und den Estrich darunter aufreißt. Du hast den gesamten Terrassenaufbau ruiniert. Wir können das alles rausreißen, neu versiegeln, neu verlegen. Nur damit du die Dimensionen einmal hörst: Wir sprechen jetzt über einen Schaden zwischen sieben- und achttausend Euro, je nachdem, ob der Estrich betroffen ist. Und über dreißig Quadratmeter Müll, den wir abtransportieren müssen. Hast du irgendeine Vorstellung davon, was hier gerade passiert ist?“
Margot lachte. Es war kein Lachen, das Mitgefühl ausdrückte, sondern etwas, das wie ein kurzes, bellendes Husten klang. Sie packte den Eimer mit der übrig gebliebenen Farbe und hob ihn in Richtung Thomas, als wollte sie ihm den Inhalt zeigen, den er nicht erkennen könne.
„Ach, das bisschen Kratzer. Ein bisschen Steinöl drauf, morgen siehst du nichts mehr. Außerdem hast du doch auf dem Konto noch die Rücklagen von deinem Bausparer. Siebentausend Euro, Papperlapapp. Bleib mal auf dem Teppich. Und überhaupt: Der Stein war schwarz und öde und mit jeder Woche ist mir die Kälte von dem Ding nähergerückt. Das ist mein Ernst! Kalt und unnahbar und abweisend. Weiß ist warm, das ist Familie! Was meinst du, warum wir auf dem Dorf früher die Steine vor der Tür geweißelt haben? Das hat Tradition. Das hat Sinn. Nicht dass irgendwo ein portugiesischer Tourist auf die Terrasse kommt und seine heimischen Steine wiederfinden will! Also echt, Thomas, jetzt mach aus der Mücke keinen Elefanten, du weißt doch, das ist deine ewige Schwäche, immer dieses Kleinklein. Dein Vater war genauso. Immer rechnen, rechnen, rechnen. Ich hab mich kaputtgemacht heute, das Kreuz tut weh, ich habe nicht gefrühstückt, und jetzt stehe ich hier und werde angefeindet. Wo ich euch doch nur das Leben schöner machen will, ich deppate Nuss. Also wirklich, Clara, jetzt sag doch mal ein gutes Wort, stehst du da wieder wie das steinerne Gastmahl. Das ist doch deine Terrasse! Willst du noch zehn Jahre im Dunkeln sitzen wie in einem Mausoleum?“
Clara bückte sich langsam. Sie griff sich eine der abgeplatzten Schieferscherben vom Boden, etwa so groß wie eine Spielkarte, und hielt sie gegen das Licht. Die eine Seite des Steins war noch original, Anthrazit mit den feinen, goldenen Glimmereinschlüssen, die sie dazu gebracht hatten, genau dieses Material zu wählen. Die andere Seite war von der Flex blank poliert, als hätte man die Haut vom Fleisch geschält. Es sah aus wie eine Wunde.
Sie drehte sich zu Margot um und zeigte ihr den Stein.
„Das hier, Margot, hat keinen Preis mehr. Das ist kein Baumarktstein aus dem Grabbellager. Den bekommst du in Deutschland nicht nach, und wenn du den ganzen Westerwald umgräbst. Das ist kein Fehler in meiner Auswahl. Das war mein Material, mein Geld, mein Rücken, meine Hände, mein Entwurf, meine Vision für unser Zuhause. Und du hast ihn mit einer Flex und einem Eimer Lack zerstört. Ich werde dich jetzt bitten, den Schlüssel zu diesem Haus auf den Gartentisch zu legen. Deinen Wohnungsschlüssel, nicht den Autoschlüssel. Nicht später, nicht nachher, sondern jetzt. Und dann gehst du. Thomas bringt dich nicht zur Tür, du bringst dich selbst. Ich will nichts mehr sehen von dir, Margot, nicht dein Gesicht, nicht deine Schürze, nicht deine vermaledeite Hortensien-Fröhlichkeit. Du hast heute keinen Freundschaftsdienst geleistet. Du hast uns beklaut. Du hast unsere Arbeit zerstört. Du hast deinen Sohn mit einem finanziellen Trümmerhaufen zurückgelassen, für den du nicht einmal aufkommen wirst, weil du es nie tust. Und wenn du jetzt noch einmal den Mund aufmachst, dann rufe ich die Polizei wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch und wir regeln das über die Rechtsschutzversicherung, die wir seit zwei Monaten extra bezahlen, weil ich wusste, dass dieser Tag kommt. Ich wusste es einfach. Jetzt leg den Schlüssel hin und geh mir aus den Augen bei Gott sofort aus den Augen, Margot. Sofort!“
Die Schwiegermutter starrte Clara an, als hätte sie einen Geist gesehen. Ihre Kinnlade sackte nach unten, die Farbe wich aus ihrem Gesicht, sie schien kleiner zu werden, eingefallen unter dem Gewicht einer Anklage, die sie nicht verstehen konnte. Sie sah zu Thomas, erwartete Beistand, aber Thomas stand nur da, die nassen Schuhe im Lack, die Hände in den Taschen vergraben, und er sagte nichts. Das war sein Ja. Das war seine Entscheidung, und er hatte sie in der Sekunde getroffen, als er den Kratzer im Schiefer angefasst hatte.
Der Schlüsselbund landete klirrend auf dem Gartentisch, neben dem Farbeimer. Margot riss sich die Schürze über den Kopf, schleuderte sie in die weiße Farblache, und für einen Moment sah es aus, als wolle sie noch etwas sagen – etwas Furchtbares, Endgültiges, einen letzten Fluch über die Schwiegertochter, die ihr den Sohn gestohlen hatte. Aber Thomas hob nur leicht die Hand, ganz ruhig, eine kleine, endgültige Geste der Abwehr. Margot zuckte zusammen, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte durch den Vorgarten die Einfahrt hinunter, vorbei an den frisch gestutzten Rosen, die sie letzte Woche noch gelobt hatte, an dem weißen Fiat Doblo, an allem, was sie für einen Augenblick für ihren Besitz gehalten hatte.
Clara wartete, bis der Wagen an der Ecke verschwunden war. Dann stellte sie den Farbeimer vorsichtig auf den Rasen, ging ins Wohnzimmer und kam mit zwei Spachteln, einem Schwamm und einer Flasche Aceton zurück, die noch vom Küchenbau im Schrank stand. Thomas stand noch immer reglos auf der Terrasse. Sie sah ihn an, dieses Gesicht, das plötzlich fünf Jahre gealtert war, und dann sagte sie: „Die Farbe ist noch nass genug, dass wir sie runterholen, wenn wir sofort anfangen. Der Stein unter dem Lack ist tot, sobald wir ihn mit Wasser abspülen, aber vielleicht kriegen wir den Estrich noch gerettet, wenn wir das Aceton nur auf die Fugen geben. Ich brauche deine Hände, keine Tränen. Können wir das schaffen bis Sonnenuntergang? Ja oder nein?“
Thomas nickte. Er zog die verdorbenen Schuhe aus, stellte sie in den Müllbeutel, den Clara ihm reichte, krempelte die Ärmel hoch und kniete sich neben sie auf die Platten. Die nächsten vier Stunden sprachen sie kein Wort miteinander, während sie eine Handvoll nach der anderen den weißen Schleim von dem portugiesischen Schiefer kratzten, der einmal ihre Terrasse gewesen war. Am Ende war die Sonne weg, ihre Hände waren wund, aber der zwanzigste Stein, den Clara unter der Lackschicht freigelegt hatte, war – bis auf einen oberflächlichen Kratzer – vollkommen unversehrt. Sie fasste ihn an, fühlte die ursprüngliche Struktur unter ihren Fingerspitzen, und zum ersten Mal an diesem Tag lief eine Träne über ihr Gesicht, die sie nicht schnell genug mit dem Handrücken wegwischen konnte.











