An einem regnerischen Dienstag im März holte ich Bruno aus dem Tierheim in Rosenheim ab. Sechs Jahre alt, ein Mischling mit grauem Fell um die Schnauze, seit vierzehn Monaten im Zwinger. Die Betreuerin öffnete das Gitter, und er kam heraus, den Kopf gesenkt, ohne mich anzusehen.
Etwas an ihm fiel mir sofort auf. Zwischen den Zähnen trug er einen Stoffbären, so verwaschen und ausgefranst, dass man die Ohren kaum noch erkennen konnte. Er trug ihn wie eine Monstranz. Kein Spielzeug, das man wirft und wieder holt — eher wie das Einzige, das ihm aus einem anderen Leben geblieben war.
Im Auto lag er auf der Rückbank, den Bären fest zwischen den Pfoten, und schnupperte an der heruntergekurbelten Scheibe die Luft der Autobahn bei München. Auf dem Beifahrersitz stand mein Kaffeebecher vom Tankstellenshop, kalt geworden, weil ich ihn ganz vergaß.
Zu Hause, in meiner Zweizimmerwohnung in einem Altbau in der Au, wich er drei Tage lang keinen Meter von der Tür zur Küche. Er fraß nur, wenn ich den Raum verließ. Nachts, wenn der Nachbar über uns die Dielen knarren ließ, zuckte er zusammen wie bei einem Schuss.
Was ihm passiert war, weiß ich nicht genau. Die Betreuerin sprach von einem Fall aus dem Chiemgau, ein Grundstück, auf dem mehrere Hunde angekettet gefunden wurden. Genaueres wollte sie nicht sagen. Manche Dinge liest man besser nicht in der Akte nach.
In der zweiten Woche fing er an, sich abends leise zu winseln, während er schlief, die Pfoten zuckend, als würde er vor etwas weglaufen. Ich setzte mich dann neben ihn auf den Boden, ohne ihn zu berühren, nur da sein. Irgendwann rückte er näher, drückte die Flanke gegen mein Knie. Vorsichtig. Als müsste er sich vergewissern, dass ich noch da bin und nicht wieder verschwinde wie alles davor.
Ich beugte mich zu ihm herunter, kraulte ihn hinter den Ohren und sagte: Ja, du Dickkopf. Das hier ist jetzt dein Zuhause.
Der Bär blieb bei ihm, so lange er ihn brauchte — auf dem Sofa, im Körbchen, einmal sogar beim Tierarzt in der Hans-Sachs-Straße, wo die Assistentin sagte, das sei der schäbigste Patient-Begleiter, den sie je gesehen habe.
Anfang April kam der Rückschlag, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Ein Handwerker klingelte kurz nach acht Uhr morgens wegen der Heizung im Treppenhaus, sein Werkzeugkoffer schlug gegen das Geländer, ein einzelner, harter Metallschlag. Bruno schoss vom Küchenboden hoch, presste sich in die Ecke zwischen Kühlschrank und Wand, den Bären fallen gelassen, und urinierte vor Schreck auf die Fliesen. Er zitterte so heftig, dass sein ganzer Körper gegen die Wand schlug. Ich kniete mich hin, sprach kein Wort, hielt nur meine Hand offen auf den Boden, eine Armlänge von ihm entfernt, zwanzig Minuten lang, bis sein Atem sich beruhigte und er selbst den letzten Schritt zu meiner Hand machte.
Danach dauerte es drei Wochen, bis er wieder ruhig blieb, wenn im Haus etwas polterte.
Im Mai passierte etwas, das ich nicht erwartet hatte. Ein Gewitter zog über die Isar, der erste richtige Sommerregen des Jahres, mit einem Donnerschlag, der die Fenster klirren ließ. Früher wäre Bruno unter das Bett geflüchtet und dort geblieben, für Stunden. Diesmal blieb er auf dem Teppich liegen, hob nur kurz den Kopf, sah zu mir hinüber und legte ihn wieder ab. Der Bär lag neben ihm, unberührt.
Ich blieb sitzen, das Buch aufgeschlagen auf den Knien, und beobachtete, wie sein Atem gleichmäßiger wurde, die Pfoten still auf dem Teppich liegen blieben.
Als der Regen nachließ, stand Bruno auf, tapste zu mir herüber und legte den Kopf auf mein Knie, den Stoffbären dabei zum ersten Mal einfach auf dem Boden liegen lassend, mitten im Zimmer, ohne ihn zu bewachen. Draußen tropfte es noch von der Dachrinne. Ich strich ihm über den Nacken und ließ das Buch zuklappen, ungelesen.












