# Der Fremde im Flur

Ich arbeite seit elf Jahren im Standesamt Ludwigsburg. Ich habe Tausende Eheurkunden ausgestellt und Hunderte Bräute gesehen. Normalerweise bin ich diejenige, die Taschentücher reicht, den Schleier zurechtzupft und sagt: „Atmen Sie tief durch." Aber an jenem Freitag im Juli war es nicht die Braut, die Hilfe brauchte. Ich musste mich in der Teeküche auf einen Stuhl setzen und fünf Minuten lang aus dem Fenster auf die Bushaltestelle schauen, um mich wieder zu fassen.

Es fing ganz normal an. Acht Uhr morgens, schon seit dem frühen Sonnenaufgang heiß, der Ventilator in der Ecke schob den Staub von einem Regal aufs andere. Sie kam als Erste, pünktlich um zehn nach acht. Jung, vielleicht dreiundzwanzig, in einem einfachen geblümten Leinenkleid. Das Haar zu einem lockeren Knoten hochgesteckt, aus dem helle Strähnen entwichen. Sie sah aus wie eine Studentin, die aus Versehen statt in den Hörsaal ins Amt geraten war.

„Guten Morgen, ich habe einen Termin zur Antragstellung", sagte sie leise.

Sie reichte mir ihren Ausweis. Klara Bergmann. Adresse aus einer Siedlung am Stadtrand, den Plattenbauten an der Ulmer Straße. Ich sah sie noch einmal an. Sie hielt ein Bund Schlüssel in den Fingern und drehte es nervös, wie einen Rosenkranz. Kein Ring am Finger, die Nägel bis ins Fleisch abgekaut. Bei Brautpaaren ist es unterschiedlich, aber meistens deutet wenigstens etwas auf die bevorstehende Hochzeit hin. Sie sah aus wie jemand, der eine Erbschaftsangelegenheit regeln wollte, nicht eine neue Familie gründen.

„Und der Bräutigam?", fragte ich und zog das Formular heraus.

„Kommt gleich. Ich bin etwas früher da."

Ich füllte meine Zeilen aus. Wir warteten. Der Ventilator ratterte, jemand im Flur kopierte Unterlagen, aus dem Radio im Sekretariat lief eine alte Ballade aus den Neunzigern. Etwas lief mir da über den Rücken, genau die Wirbelsäule entlang – dabei war es doch nicht meine Sache, nicht meine Hochzeit, nicht mein Leben. Ich sitze am Schreibtisch, nehme den Antrag entgegen, prüfe die Unterlagen. Mehr nicht.

Er kam eine Viertelstunde nach acht. Er trat ein, wie Leute eintreten, die überzeugt sind, die ganze Welt solle auf sie warten. Groß, gut gebaut, in einem dunklen, am Hals offenen Hemd. Er setzte sich neben Klara, und sie rührte sich nicht. Keine Umdrehung, kein Lächeln, keine Begrüßungsgeste. Beide starrten geradeaus.

„Ausweis bitte", sagte ich.

Er reichte ihn mir so, als wollte er zeigen, dass das eine reine Formalität sei. Markus Weller. Zehn Jahre älter. Dieselbe Adresse – eine Wohnung in der Ulmer Straße. Beruf: Fahrer bei einer Spedition.

Ich begann, die Daten ins Protokoll aufzunehmen. Ich fragte nach dem Mädchennamen der Mutter, nach Ausweisnummern, die üblichen Dinge. In einem Moment öffnete Klara ihre Handtasche, um etwas aus dem Seitenfach zu holen. Der Reißverschluss klemmte. Er half nicht, warf nicht mal einen Blick hin. Er saß mit dem Handy da, checkte irgendein Spiel, und jedes Mal, wenn ich aufschaute, wischte sein Daumen über den Bildschirm.

„Könnte ich um etwas Aufmerksamkeit bitten?", hielt ich es nicht mehr aus.

Er hob die Augen. Lange, unbeweglich. Aber er sah nicht mich an, sondern irgendwo über meine Schulter hinweg, an die Wand, an der ein Foto des Amtsgebäudes aus den Fünfzigern hängt. Er hatte sehr grüne Augen, solche, die einen erweichen können, aber diesmal blickten sie wie zwei Glasmurmeln.

„Entschuldigung", sagte er ohne die Spur von Reue und legte das Handy auf sein Knie.

Ich kehrte zu den Fragen zurück. Wir legten das Datum fest. Ende August. Samstag, wie immer in der Saison. Ich fragte nach dem Namen des Trauzeugen.

„Ich nehme meine Cousine", antwortete Klara.

„Und ich einen Kumpel von der Arbeit", fügte Markus hinzu und kehrte zum Handy zurück.

Ich druckte den Antrag aus. Legte ihn vor sie auf den Schreibtisch. Klara nahm den Stift, zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, dann unterschrieb sie. Markus unterschrieb, ohne ein einziges Wort zu lesen. Ich legte ihre Unterlagen in die Mappe, und da geschah es. Klara stand als Erste auf, sagte sehr höflich zu mir „danke", drehte sich dann zu Markus um und fragte ihn ganz einfach:

„Willst du das wirklich machen?"

Es wurde so still im Raum, dass ich hörte, wie die Kollegin im Sekretariat ein Metalllineal auf den Tisch warf.

„Wie bitte?", löste sich Markus endlich vom Bildschirm.

„Ich frage, ob du das wirklich machen willst. Denn es sieht so aus, als wärst du zum TÜV gekommen. Abhaken und raus."

Es entstand eine Pause. Der Ventilator in der Ecke drehte sich einmal. Ich betrachtete meine eigenen Hände, als wären sie plötzlich aus fremdem Fleisch. Ich wusste nicht, ob ich gehen oder bleiben oder so tun sollte, als würde ich etwas in den Kalender eintragen.

„Ich?", lachte er gekünstelt. „Du läufst seit einer Woche rum wie vom Kreuz genommen."

„Weil Mama schon den Saal gebucht hat und die Cousine aus England ein Flugticket für die Hochzeit gekauft hat. Alle wollen dieses Fest mehr als wir selbst."

„Mach jetzt kein Drama vor einer fremden Person."

Da tat ich nicht mehr so. Ich sah sie über den Rand meiner Brille hinweg an. Klara stand da mit ihrem Schlüsselbund. Markus hielt das Handy immer noch in den Fingern, als wollte er gleich einen Anruf entgegennehmen.

„Es geht nicht um Leute", sagte sie ruhig. „Es geht darum, dass ich dich mag, und du mich nicht. Und wir fangen den Hochzeitstag nicht so an, als würde sich das noch ändern."

„Klara, was redest du da…"

„Ich rede nicht. Ich frage. Denn wenn du nicht willst, dann gibt es keinen Antrag, keinen Saal, keine Absagen. Es gibt nur uns und diesen Samstag, den wir uns nicht antun müssen."

Er schwieg. Ich spürte, wie zwischen ihnen eine schreckliche, zähe Spannung hing, so dicht, dass man das Fenster hätte öffnen wollen. Im Amt war es heiß, aber plötzlich fror ich am Nacken.

„Überleg's dir bis Mittwoch", sagte Klara. „Aber komm nicht zu mir, solange du dich nicht entschieden hast. Im Ernst, Markus. Ich will dich nicht sehen, bis du etwas Konkretes in dir hast."

Und sie ging. Ganz einfach. Schloss die Tasche, strich sich eine Strähne hinters Ohr und verschwand im Flur. Es blieb der Geruch von Puder und Automatenkaffee.

Markus saß weiter da. Er sah an die Wand, diesmal bewusst. So verharrte er eine Minute, dann stand er auf, steckte das Handy weg und warf mir zu:

„Bis Mittwoch geht mir das wahrscheinlich vorbei. Die sind alle so vor der Hochzeit."

Ich antwortete nicht. Ich reichte ihm den zusammengelegten Antrag, er raffte ihn zusammen, steckte ihn ohne zu falten in die Hosentasche, zum Zerknittern. Er ging ohne Abschied.

Ich blieb allein im Raum. Ich schaute zum Fenster hinaus. Der Gelenkbus stand an der Haltestelle. Klara stieg ein, ein heller Fleck unter dunklen Silhouetten. Er fuhr vom Amt ab, und ich tat etwas, das ich seit Jahren nicht getan hatte. Ich stand auf und ging ans Fenster, als könnte ich durch die Scheibe etwas sehen, das man so nicht sehen kann.

Am Mittwoch, wie sie es gesagt hatte, kam Klara zurück ins Amt. Wieder pünktlich, wieder allein. Diesmal in einer Bluse mit winzigen Knöpfen und mit einer Mappe voller Unterlagen.

„Guten Tag", sagte sie. „Ich möchte den Antrag auf Eheschließung zurückziehen, den ich letzten Mittwoch gestellt habe."

Sie nannte die Aktennummer und gab mir ihren Ausweis. Ich fand die Mappe im Schrank. Nahm ihr Formular heraus, auf dem beide Unterschriften nebeneinanderstanden. Markus hatte einen großen, schwungvollen Schnörkel gesetzt, sie hatte sehr sorgfältig unterschrieben, als ginge es um einen Deutschaufsatz.

„Hat er etwas gesagt?", fragte ich beiläufig, aber in meinem Beruf kommt bei beiläufig nichts heraus. Jede Frage ist konkret, auch die halblaut gestellte.

„Er kam Dienstag nach der Arbeit vorbei. Blieb in der Tür stehen. ‚Ich will das nicht so', sagte er. Das war's."

„‚Ich will das nicht so'…", wiederholte ich dümmlich.

„Ich liebe dich nicht mehr, aber ich hab mich daran gewöhnt, sagte er. Genau diese Worte. Als hätte ich den ganzen Sommer auf so etwas gewartet."

Sie nahm den Stift, den ich ihr reichte. Unterschrieb den Rückzug. Legte ihn so auf den Schreibtisch, dass er keine Spur auf der Platte hinterließ. Sie stand auf.

„Danke, dass Sie mich damals nicht auf dem Flur auf ihn haben warten lassen. Das war trotzdem besser als – ich weiß auch nicht was."

„Und die Mutter?", wollte ich wissen, obwohl in keinem amtlichen Formular so eine Zeile steht.

„Mama weiß es noch nicht. Ich sag's ihr am Samstag, im Schrebergarten. Er soll sich meinetwegen verstecken. Vielleicht fahre ich zu Tante Helga an den Baggersee, schwimmen. Das Wasser ist jetzt warm."

Sie lächelte. Kurz, kaum mit dem Mundwinkel, aber es war ein echtes, leichtes Lächeln, kein amtliches.

Sie verabschiedete sich und ging. Und ich nahm aus der Mappe den Antrag, den sie gerade storniert hatte, und schaute auf das Hochzeitsdatum. Noch vor Kurzem war das ein konkreter Samstag im Kalender gewesen. Jetzt wurde es wieder ein gewöhnlicher August.

Ich brachte das Formular zum Aktenvernichter. Die Maschine brummte, zog das Papier ein. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich noch ihre Unterschriften auf den Streifen, bevor sie im Plastikbehälter verschwanden.

Die Kollegin aus dem Sekretariat schaute zur Tür herein.

„Komm, ich hab Himbeertee gemacht, bring die Salzstangen mit."

„Gleich. Aber sag mir erst" – rief sie noch – „das beschäftigt mich schon seit heute Morgen. Warum bist du am Freitag so lange am Fenster gestanden, als der Bus wegfuhr?"

Ich überlegte. Warf einen Blick in den Aktenvernichter, wo am Boden nur noch heller Papierstaub wirbelte.

„Weil ich gesehen habe, wie eine Frau sich ihr Leben rettet. Und das passiert einmal auf tausend Anträge."

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