Ich bin Hausmeister in einem Mehrfamilienhaus in Marzahn, seit elf Jahren, und man glaubt gar nicht, wie viel man von den Leuten mitbekommt, wenn man einfach nur die Heizung repariert und die Mülltonnen rausstellt. Von Frau Renate Kolbeck und ihrem Schwiegersohn Denny wusste ich lange nichts Besonderes, außer dass sie im dritten Stock eine Küche hatte, aus der es im Herbst immer nach Essig roch. Eingelegter Knoblauch, hat sie mir mal erklärt, als ich den tropfenden Wasserhahn richtete. Zwei Ein-Liter-Gläser, Knoblauchknollen, junge, kleine, so an die anderthalb Kilo, mit Zucker und Dillzweigen eingekocht. Sie hat mir sogar ein Glas dagelassen, auf der Fußmatte, mit einem Zettel: "Für die Mühe." Es schmeckte süßsauer, so wie sie es beschrieben hatte, gar nicht scharf, richtig gut zu Bratkartoffeln.
Ich erzähle das nur, weil dieses Glas Knoblauch der Grund war, warum ich überhaupt öfter bei ihr geklingelt habe, um ihr zu sagen, dass der Fahrstuhl wieder kaputt ist oder dass die Post im falschen Kasten liegt. Und dabei habe ich mitbekommen, wie es bei denen zu Hause zuging.
Frau Kolbeck war Anfang siebzig, Witwe, hatte früher in einer Änderungsschneiderei am Alexanderplatz gearbeitet. Ihre Tochter Steffi war vor vier Jahren gestorben, an einem Aneurysma, mit neununddreißig, völlig unerwartet. Und Denny, der Schwiegersohn, ist mit den beiden Kindern einfach in ihrer Wohnung geblieben. Sie hatte gesagt, sie will die Enkel nicht verlieren, das war ihr wichtiger als alles andere. Die Wohnung, eine Dreieinhalbzimmerwohnung mit Balkon zur Kastanienallee hin, gehörte eigentlich ihr – sie hatte sie 2003 nach dem Tod ihres Mannes gekauft, mit dessen Lebensversicherung. Aber sie hatte Denny und den Kindern dort ein Zuhause gelassen, ist selbst ins Hinterzimmer gezogen, das kleinste im ganzen Bau, kaum neun Quadratmeter.
Am Anfang lief es, so gut es eben lief nach so einem Verlust. Denny arbeitete als Kfz-Mechatroniker in einer Werkstatt in Hellersdorf, kam abends müde heim, roch nach Motoröl, die Kinder – Mia und Lukas, sieben und neun – liefen ihm entgegen, und Frau Kolbeck kochte für alle. Ich habe sie oft auf dem Hof gesehen, wie sie die Kinder von der Schule abholte, mit dem Trolley voller Einkäufe von Netto, weil Denny gesagt hatte, sein Gehalt reiche kaum für die Werkstatt-Raten für seinen alten Opel Astra.
Was sich dann veränderte, habe ich erst spät gemerkt, weil es schleichend kam. Es fing damit an, dass Denny eine neue Frau kennenlernte, eine Kollegin aus der Buchhaltung der Werkstatt, Corinna hieß sie. Erst kam sie nur ab und zu vorbei, dann blieb sie über Nacht, dann zog sie richtig ein – mit Koffern, mit einer Katze, die Frau Kolbeck nicht mochte, weil das Tier ständig auf den Balkon wollte, wo die Einmachgläser standen zum Auskühlen. Ich hab das gesehen, wie die Katze mal ein Glas mit den fertigen Gurken vom Sims gefegt hat. Ein Scherbenhaufen auf den Fliesen, und Frau Kolbeck stand nur da mit dem Handfeger und hat nichts gesagt.
Ab da hat sich der Ton im Haus geändert, das habe ich an den Wänden gemerkt, ehrlich gesagt, weil die Nachbarn unten sich beschwert haben über Geschrei. Corinna fand wohl, dass eine siebzig Jahre alte Frau in einer Familienwohnung mit zwei Kindern und einem Paar irgendwie fehl am Platz ist. Ich hab’s einmal mitbekommen, als ich im Treppenhaus das Geländer festgeschraubt habe: Corinna sagte, die Oma solle doch "in eine schöne Seniorenresidenz" ziehen, es gebe da eine in Hoppegarten, mit Garten und allem. Frau Kolbeck hat geantwortet, das sei ihre Wohnung, sie sei auf dem Grundbuchblatt eingetragen. Und Denny – das habe ich nie vergessen – hat gesagt: "Mama, sei doch nicht so stur, die Kinder brauchen ihren Frieden."
Mama hat er sie genannt, obwohl sie nicht seine Mutter war, sondern die Mutter seiner toten Frau. Das fand ich schon merkwürdig.
Im Frühling dann – ich glaube es war März, weil gerade die Forsythien am Zaun blühten – kam die Sache mit dem Notar. Ich hab’s zufällig erfahren, weil Frau Kolbeck mich fragte, ob ich als Zeuge irgendwas unterschreiben könnte, ich hab abgelehnt, das ist nicht meine Aufgabe, hab ich ihr gesagt, aber gefragt, worum's geht. Denny hatte, mithilfe eines befreundeten Anwalts, versucht, eine Vollmacht zu konstruieren – angeblich zur "Verwaltungsvereinfachung", weil Frau Kolbeck ja "nicht mehr die Jüngste" sei. Damit hätte er über die Wohnung verfügen können, quasi als hätte sie sie ihm überschrieben. Sie hat's zum Glück nicht unterschrieben, ihre Nichte aus Cottbus, eine gewisse Bettina, hatte sie gewarnt, per Telefon, "Tante Renate, lass das bloß von einem eigenen Anwalt prüfen."
Und dann kam der Abend, an dem alles kippte. Ich saß gerade im Hausmeisterbüro im Keller, es war ein Donnerstag Ende April, gegen halb zehn abends, ich wollte eigentlich schon Feierabend machen, da hörte ich von oben, aus dem dritten Stock, Türenschlagen und dann Frau Kolbecks Stimme, so laut, wie ich sie noch nie gehört hatte. Ich bin hoch, nicht um mich einzumischen, das ist nicht meine Sache, aber weil ich dachte, vielleicht ist was mit dem Rauchmelder oder so. Die Wohnungstür stand einen Spalt offen.
Corinna hatte, wie ich später von der Nachbarin gegenüber erfuhr, Frau Kolbecks Einmachgläser aus dem Vorratsschrank geräumt und in Kartons gepackt, für den Sperrmüll, weil "die alten Gläser eh Motten anziehen" und weil im Vorratsschrank jetzt Platz für Corinnas Thermomix-Zubehör sein sollte. Darunter auch die beiden letzten Gläser mit dem Knoblauch, den sie extra für die Kinder eingelegt hatte, weil Lukas den so gerne zu den Frikadellen aß. Frau Kolbeck stand in der Küche, mit einem der Gläser in der Hand, das sie aus dem Karton gefischt hatte, und sagte zu Denny: "Das reicht jetzt."
Ich stand im Flur, hab durch den Spalt gesehen, wie Denny mit verschränkten Armen dastand und meinte, sie mache "aus jeder Kleinigkeit ein Drama", und Corinna im Hintergrund mit dem Handy in der Hand stand, als würde sie schon die nächste Wohnungsanzeige für "die Oma" durchgehen. Die Kinder saßen still auf dem Sofa im Wohnzimmer, Mia hatte die Fernbedienung in der Hand, aber der Fernseher lief gar nicht.
Ich hab nichts gesagt, bin wieder runter. Aber am nächsten Morgen, als ich die Mülltonnen rausstellte, kam Frau Kolbeck raus, im Mantel, mit einer Aktenmappe unterm Arm, festen Schrittes zur Bushaltestelle, Richtung S-Bahnhof. Ich hab gefragt, ob alles in Ordnung ist. Sie hat gesagt: "Ich fahr zum Notar. Der Termin steht schon seit drei Wochen, ich hab nur gewartet, ob's noch anders wird." Es wurde nicht anders.
Was dann geschah, hab ich stückweise mitbekommen, teils von ihr selbst, teils von Bettina, die extra aus Cottbus kam und bei mir kurz im Hausmeisterbüro auf den Handwerker wartete, teils vom Kfz-Meister, der zufällig mal Reifen bei uns in der Tiefgarage wechselte und über Denny redete.
Frau Kolbeck hatte über einen Fachanwalt für Erbrecht klären lassen, dass die Wohnung tatsächlich vollständig ihr gehörte, im Grundbuch, ohne jede Einschränkung. Sie kündigte Denny das seit vier Jahren stillschweigend geduldete, unentgeltliche Wohnrecht offiziell, mit einer Frist von drei Monaten, wie es das Anwaltsschreiben vorsah. Zusätzlich – und das war der Teil, der im Haus für Gesprächsstoff sorgte – zog sie sich aus der Bürgschaft zurück, die sie vor zwei Jahren für Dennys Autokredit bei der Berliner Sparkasse übernommen hatte, achttausendzweihundert Euro Restschuld für den Opel, den er gerade fuhr. Ohne ihre Bürgschaft musste die Bank die Finanzierung neu bewerten; Denny bekam einen Brief, dass die Raten ab sofort ohne Bürgen neu verhandelt werden müssten oder die Restsumme in einer Summe fällig sei.
Ich hab Denny danach nur noch selten gesehen. Er kam einmal ins Hausmeisterbüro, fragte, ob ich wüsste, wo Frau Kolbeck jetzt wohnt, weil sie ihr Handy nicht abnahm. Ich hab ehrlich gesagt, ich wisse es nicht – was auch stimmte, damals. Er stand da, in der Werkstattjacke, mit dem Kündigungsschreiben in der Hand, als könne er es immer noch nicht glauben, dass ein Blatt Papier das alles wirklich verändert.
Drei Monate später, Ende Juli, zogen Denny, Corinna und die Kinder aus. Ich hab beim Möbelwagen geholfen, das Geländer war ja schon kaputt genug ohne dass noch ein Sofa dagegen kracht. Die Wohnung steht jetzt für Mia und Lukas als spätes Erbe im Testament fest – so hat's mir Bettina erzählt, mit einem Nießbrauchvermerk, dass die Enkel sie erst mit einundzwanzig übernehmen können, verwaltet von einem Betreuer, nicht von Denny.
Frau Kolbeck selbst wohnt jetzt in einer Zweizimmerwohnung in Hellersdorf, die sie sich vom Verkauf ihres alten Schmucks und einem Teil ihrer Rente leisten kann. Ich war letzten Monat noch mal bei ihr, wegen eines Rohrschadens, den sie mir gemeldet hatte, obwohl das eigentlich nicht mehr meine Zuständigkeit ist, aber sie hatte einfach meine Nummer noch gespeichert. Auf ihrem neuen Balkon standen sechs Gläser Knoblauch zum Auskühlen, in der Herbstsonne, fein säuberlich aufgereiht auf einem alten Zeitungsblatt. Sie hat mir wieder eins mitgegeben. Auf dem Zettel stand diesmal nur: "Danke fürs Kommen."












