Die letzte Bretzel

Torsten stand vor meiner Wohnungstür in der Heidelberger Weststadt, eine abgewetzte Reisetasche in der Hand. Durch das offene Treppenhausfenster zog der Geruch von Lindenblüten und warmer Straßenbahnluft herein. Er trug neue, hellblaue Segeltuchschuhe, die noch so unschuldig aussahen, dass sie bestimmt ein Geschenk seiner Neuen waren. Sein Gesichtsausdruck war diese Mischung aus falschem Bedauern und kaum verhohlener Genugtuung, die ich in den letzten zwei Jahren zu gut kennengelernt hatte.

„Hier, dein Kram. Silke hat beim Ausmisten den Schrank auf der Galerie gefunden. Lauter alte Sachen von dir.“ Er wuchtete die Tasche auf den Dielenboden. Ein Staubkörnertanz wirbelte im Flurlicht.

Damals, vor dem Aus, hatte ich nicht geschrien. Kein Streit, keine Szene, keine tränennassen Anrufe bei seiner Mutter. Nur einen einzigen Koffer und meine Aktenmappe mit den Grafikdesign-Aufträgen. Die Altbauwohnung mit den Stuckdecken und dem Balkon zum Innenhof hatte ich Torsten überlassen. Nicht aus Großmut. Sondern weil ich wusste: Nichts würde ihn mehr wurmen, als wenn ich einfach ohne ein Drama verschwand. Wie jemand, der ein langweiliges Buch zuklappt und ins Regal zurückstellt.

Ich nahm die Tasche wortlos entgegen und drückte die Tür zu. Kein „Danke“, kein „Tschüss“. Nur das leise Schnappen des Schlosses.

Auf der Treppe begegnete ich Robert, der von oben herunterkam, eine Thermoskanne in der Hand. Er hatte Sägespäne im Haar und roch nach Schellack und Bienenwachs. Robert betrieb eine kleine Werkstatt für Möbelrestaurierung in der Dachkammer über meiner Wohnung. Abends hörte ich oft das rhythmische Surren seiner Exzenterschleife durch die Decke. Ein Geräusch, das so gleichmäßig und beruhigend war wie ein Herzschlag.

„Schwere Tasche?“, fragte er. Es war weniger eine Frage als eine Feststellung.

„Nur Altlasten. Komme klar.“ Meine Stimme klang belegter als beabsichtigt.

Er zögerte, als wolle er noch etwas sagen, nickte dann aber nur und ging weiter nach unten. Sein Werkzeugkasten hinterließ winzige Holzspäne auf den Treppenstufen.

Oben in meiner Dreizimmerwohnung öffnete ich den Reißverschluss. Zuoberst lag das Hochzeitsfotoalbum mit dem geprägten Leineneinband. Darunter fand ich vergilbte Spitzendeckchen, ein paar verstaubte Pastellkreiden aus meiner Studienzeit, eine halb leere Flasche Moselriesling aus dem Jahr, in dem wir uns kennengelernt hatten. Alles Dinge, die man einfach hätte wegwerfen können. Aber Torsten wollte sie mir persönlich bringen. Er brauchte einen Vorwand, um wieder vor mir zu stehen. Das war seine Art von Kontrolle: immer wieder aufzutauchen und zu prüfen, ob die Verlassene auch schön allein und unglücklich blieb.

Ich trug die Tasche hinunter zum Mülltonnenhäuschen im Hof und stellte sie neben dem grauen Restmüllcontainer ab. Eine Amsel hüpfte auf dem Deckel und schaute mich schief an. Ich ließ sie dort stehen, ohne mich umzusehen.

Später am Abend machte ich es, wie ich es immer tat, wenn die Gedanken zu schwer wurden: Ich tanzte. Barfuß auf dem abgetretenen Parkett, die Balkontür offen, sodass die Abendluft und das ferne Bimmeln der Straßenbahnlinie 5 hereinströmten. Keine besondere Choreografie. Einfach Augen zu und den Körper machen lassen, bis die Anspannung aus den Schultern wich.

Über mir begann Roberts Schleifgerät zu summen. Ein tiefer, gleichmäßiger Ton, der durch die alten Balken drang und sich mit dem Bass der Musik mischte.

In dieser Nacht hatte ich schon fast wieder Frieden gefunden.

Dann kam die Nachricht von meiner Freundin Nadine.

„Du wirkst in letzter Zeit so gelöst. Triffst du dich mit jemandem? Komm, du kannst es mir doch sagen. Ich bin doch deine beste Freundin!“

Ein Smiley mit Herzaugen. Ein Kuss-Emoji. Die scheinbare Unschuld eines harmlosen Small Talks.

Ich tippte, leicht lächelnd: „Vielleicht. Aber noch ganz früh. Er ist eher so der Typ, der einem beim dritten Date die Bohrmaschine leiht. Frag mich in einem Monat noch mal, okay?“

Dabei gab es gar keinen Mann. Ich hatte nur das vage Gefühl, dass Nadines Interesse an meinem Gefühlsleben nicht ganz selbstlos war. Ein Bauchgefühl, das aus der Art kam, wie sie manchmal bei Treffen fragte: „Und, date jemand Neues?“ und dann für einen Sekundenbruchteil zu lange auf die Antwort wartete.

Nur eine Probe. Ein kleiner Köder.

Zwei Tage später schrieb Torsten mir zum ersten Mal seit Monaten. Über einen Messenger, den ich längst hätte blockieren sollen.

„Einen mit Bohrmaschine? Bisschen handwerklich unter deinem Niveau, oder? Dachte immer, du brauchst einen mit Porsche und Segeljacht. Viel Glück, Kleines. Haha. Aber beeil dich, die biologische Uhr tickt ja auch nicht mehr langsam bei dir, oder?“

Meine Kaffeetasse klirrte auf der Untertasse. Ich starrte auf das Display, dann aus dem Fenster, wo über dem Neckartal die ersten Gewitterwolken aufzogen. Jemand hatte meine erfundene Geschichte eins zu eins an meinen Exmann weitergegeben. Und zwar so detailliert, dass sogar die Bohrmaschinen-Anekdote darin vorkam.

Es gab nur eine Person, der ich das erzählt hatte. Ein einziger Chat.

Ich stand auf, stellte das Radio lauter und tanzte. Bewegung war besser als Grübeln. Meine nackten Füße schlugen hart auf dem Parkett, bis das Klopfen sich mit dem Pochen in meinem Kopf zu einem einzigen Schmerz verband.

Der große Test kam auf dem Sommerfest bei Johanna. Sie feierte ihren vierzigsten Geburtstag draußen am Thingstätter See, auf einer Holzterrasse mit weißen Lichterketten und einem langen Tisch, der unter Schüsseln mit Kartoffelsalat, Grillgemüse und kalten Platten bog. Torsten und Silke waren eingeladen, und natürlich auch Nadine. Alle aus dem alten Freundeskreis, der sich nie ganz lösen ließ.

Silke trug ein fliederfarbenes Leinenkleid, das im warmen Wind flatterte. Ihre weiße Zahnspange blitzte beim Lachen. Torsten hatte einen rotbraunen Teint, der so gleichmäßig war wie Farbe aus der Sprühdose. Er war immer noch eitel genug für ein Solarium. Seine teuren Schuhe bohrten kleine Löcher in den weichen Holzboden, als er zu mir herüberschlenderte.

Nadine saß ein paar Plätze weiter, ihre makellos lackierten Fingernägel tippten auf das Tischtuch, während sie so tat, als würde sie der Geschichte einer anderen Bekannten lauschen. Ihr Handy lag mit dem Display nach unten neben ihrem Teller – eine Gewohnheit, die mir früher nie aufgefallen war.

Torsten beugte sich zu mir herüber, als Silke kurz zum Nachtischbuffet gegangen war. Sein Atem roch nach Grillrauch und demselben Weißwein, den wir damals immer getrunken hatten.

„Na, Leonie? Immer noch solo unterwegs? Wird langsam peinlich, oder? Wenn du willst, stell ich dir Silkes Bruder vor. Der hat auch 'ne schwierige Phase hinter sich. Nicht mehr ganz taufrisch, aber für so jemanden wie dich reicht's allemal. Sag bloß, du willst für immer allein alt werden?“

Er meinte das nicht boshaft, nicht einmal gehässig. Er sagte es so, wie man über eine Zimmerpflanze spricht, die dringend umgetopft gehört. Nicht „was dir guttäte“, sondern „was noch zu machen wäre mit dir“. Restposten. Sonderposten. So jemand wie du.

Ich spürte, wie sich die Muskeln in meinem Kiefer anspannten, und löste die Zähne bewusst wieder. Kein Wort.

Dann ging alles sehr schnell.

Nadine stand auf, um zur Toilette zu gehen, und ließ ihr Handy liegen. Sekunden später summten drei von uns gleichzeitig. Johanna, unsere andere Freundin Mia und ich. Wir hatten einen gemeinsamen Chat – nur wir drei. Keine Männer, keine Neuen. Ein sicherer Ort, wie ich immer dachte. Offenbar hatte Nadine beim Antworten zwei Chats verwechselt.

„Und? Sitzt sie immer noch allein rum? Pass auf, dass keiner sie anquatscht. Ich will nicht, dass sie auf dumme Gedanken kommt und sich plötzlich doch einen sucht.“

„Ganz ruhig, Süßer. Kümmere dich um deine Silke. Leonie sitzt wie bestellt und nicht abgeholt da. Keine Sorge, bei der tut sich heute Abend nix. Dein Eigentum ist gesichert. ;) Hab alles im Blick.“

Mia saß mir gegenüber und hatte die Nachrichten im selben Moment gelesen wie ich. Ihre Augen wurden groß, dann schmal. Sie schob ihr Weinglas langsam von sich weg, als müsse sie Platz schaffen für das, was jetzt kam.

Ich stand auf. Das Stuhlbein kratzte über die Holzplanken. Meine Finger tasteten nach der kleinen Porzellanschale, die neben meinem Teller stand, eine handbemalte aus einer Hafnerei in der Altstadt, die ich Torsten zu unserer Verlobung geschenkt hatte. Warum er sie ausgerechnet zu Johannas Fest mitgebracht hatte, konnte ich nur ahnen. Ich hob sie hoch, leicht, zerbrechlich, und stellte sie vor Torstens Teller. Zentral. Wie ein Ausrufezeichen.

„Da ihr beide es offenbar für nötig haltet, über mein Leben in Kenntnis gesetzt zu werden, können wir die nächste Runde auch gleich öffentlich machen.“ Meine Stimme war leise, aber sie trug. Der Tisch verstummte. Sogar das Klappern vom Buffett drüben verebbte.

„Diese Nachrichten“, ich deutete auf die drei Handys, die noch immer im Chatfenster leuchteten, „stammen von Nadine, meiner langjährigen besten Freundin. Sie hat Torsten, meinem Exmann, fast ein Jahr lang jede Kleinigkeit aus meinem Leben berichtet. Wann ich geweint habe, wen ich getroffen habe, ob ich vielleicht jemanden kennenlernen könnte. Torsten wiederum hat sich hier gerade erboten, mich an Silkes geschiedenen Bruder weiterzureichen – Zitat – ,für so jemanden wie mich reiche es ja wohl‘. Man könnte fast sagen, ich stehe hier unter freundschaftlicher Verwaltung und unter ehemännlicher Beobachtung, ohne davon zu wissen. Guten Appetit euch allen. Danke, Johanna, für das schöne Fest. Die Porzellanschale kannst du behalten, Torsten. Passt nicht mehr zu mir. So wenig wie die Wohnung. Oder du.“

Torsten sagte nichts. Sein Blick irrte zwischen mir, der Schale und Silke hin und her, die mit einem Stück Erdbeerkuchen in der Hand zurückgekommen war und nun reglos dastand. Nadine kam aus der Toilette zurück, das Gesicht noch ahnungslos, bis sie die Stille spürte. Dann sah sie ihr Handy, sah die offenen Chats, und alle Farbe wich aus ihren Wangen.

Ich nahm meine Tasche und ging die Stufen vom Seeufer hinauf. Das Holz knarrte unter meinen Sandalen. Das Plätschern des Wassers wurde leiser, während hinter mir jemand leise zu fluchen begann und eine Tür zuschlug.

Die nächsten Wochen waren ruhig. Ich beantwortete keine Nachrichten mehr von Nadine, auch keine von Torsten, die jetzt plötzlich kamen. „Ich wollte dich doch nur beschützen.“ „Du verstehst das falsch.“ „Du warst mir nie egal.“ Alles Worthülsen, die im Display verblassten, während ich neue Aufträge akquirierte und abends tanzte. Diesmal nicht mehr gegen den Kummer. Diesmal, weil die Musik allein genug war.

Eines Morgens stand ein Korb mit frischen Milchbrötchen und einer kleinen Flasche Birnensenf vor meiner Tür. Daneben ein Zettel mit eckiger, ungeübter Handschrift, auf dem nur ein halber Satz stand: „Tanz ruhig weiter. Klingt gut von unten. – Dein Robert, Dachgeschoss, Tür rechts neben der Hobelbank. Keine Katze, aber manchmal backe ich zu viel Frühstück. Falls du mal probieren magst. Oder so.“

Kein Druck. Kein Gelaber. Nur ein Korb und eine offene Tür.

Ich stand lange barfuß auf den kühlen Fliesen, das Papier in der Hand, und roch den warmen Hefeteig und das Holz von oben. Aus der Werkstatt drang gedämpft das Summen der Schleifmaschine. Kein Heiratsantrag. Kein „für so jemanden wie dich“. Nur jemand, der zu viel backte und nicht zu viel redete.

Ein paar Tage später rief eine gemeinsame Bekannte an und erzählte, dass Silke ausgezogen sei. Sie habe auf Torstens altem Tablet die Chat-Verläufe mit Nadine gefunden. Die ständigen Fragen, ob ich mit jemandem gesehen worden sei. Die Fotos von mir auf dem Wochenmarkt, die Nadine heimlich gemacht und verschickt hatte. Das sei ihr zu viel gewesen, hatte sie zu Freunden gesagt. Sie wolle nicht mit einem Mann zusammenleben, der seine Exfrau bespitzle, als hätte er ein Anrecht darauf. An dem Tag, an dem ich die Tanzeinlage zum ersten Mal seit Jahren ohne den leisesten Gedanken an gestern beendete, unterschrieb ich den Mietvertrag für einen kleinen Gewerberaum im Bahnhofsviertel, direkt gegenüber dem Café, das immer nach Zimt roch – mein erstes eigenes Büro als selbstständige Grafikdesignerin. Keine fremden Teller, keine fremden Schlüssel, keine Männer, die meinen Marktwert schätzten. Nur ein Fenster zum Hof und eine Wand für meine Ideen.

Und darüber, im dritten Stock des Wohnhauses, eine Tür rechts neben der Hobelbank, die offen stand, falls ich jemals Lust auf ein Milchbrötchen und ein Gespräch ohne Fangfragen hatte.

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