An diesem Abend kam ich vom Supermarkt zurück. Der Kofferraum von unserem alten Opel Zafira war voll bis unter die Decke. Ich hatte drei verschiedene Einkaufszettel dabei: einen für uns, einen für meine Mutter und einen für Tante Gerlind. Die Kassiererin bei Rewe in Leipzig-Gohlis zog die Augenbrauen hoch, als ich den dritten Wagen vollpackte. 187 Euro und ein paar Cent. Ich hab die Quittung noch.
Das Handy summte, während ich die Tüten die Treppe in den dritten Stock schleppte. Kein Aufzug, Altbau, fünfzig Stufen, die ich im Schlaf kenne. Sprachnachricht von Tante Gerlind. „Marika? Ich hab da was aufgeschrieben. Komm morgen vorbei, ja? Wichtig.“ Ihre Stimme klang nicht besorgt. Sie klang wie immer, wenn sie etwas wollte. So ein bisschen höher als sonst, fast singend.
Robert, mein Mann, war zu dem Zeitpunkt schon ein halbes Jahr in Singapur. Er ist Ingenieur für Klimatechnik, die Firma hat ihn für achtzehn Monate auf eine Großbaustelle geschickt. Zahlt gut, keine Frage, aber ich saß hier mit zwei Kindern in der Wohnung, die wir gerade erst gekauft hatten, und einer Hypothek, die jeden Monat pünktlich etwas von meinem Konto abzwackte. Leonie war zehn, Ben sieben. Morgens Schule, mittags Hort, abends waren wir alle drei durch, und dann rief Robert um zehn an, wenn bei uns der Tag zu Ende und bei ihm die Nacht noch jung war.
Tante Gerlind ist nicht wirklich meine Tante. Sie ist die Schwester von Roberts Mutter, die vor zwanzig Jahren an Krebs gestorben ist. Roberts Vater hat danach das Weite gesucht, und Gerlind hat Robert quasi aufgezogen. Zumindest sagt sie das immer. In Wahrheit hat Roberts Oma den Großteil gemacht, aber Gerlind hat das Haus in Connewitz geerbt, und da Robert irgendwann einzog, weil er in Leipzig studierte, rechnet sie ihm das bis heute vor. „Ich hab dich unter meine Fittiche genommen“, sagt sie, und Robert nickt dann und schweigt.
Früher hat mir das leidgetan. Eine Frau von sechsundsiebzig, allein in diesem riesigen Altbauhaus mit knarrenden Dielen und den hohen Stuckdecken, die im Winter ein Vermögen an Heizkosten fressen. Ihre eigene Tochter, Nicole, lebt seit Jahren in Berlin, hat mal dies studiert, mal jenes gearbeitet und ist jetzt auf irgendeiner spirituellen Schiene unterwegs. Macht eine Ausbildung zur Yogalehrerin und postet auf Instagram Fotos von sich im Handstand am Müggelsee. Von finanzieller Unterstützung für die Mutter keine Rede. „Nicole muss ihren Weg finden“, sagt Gerlind dann. Nur dass dieser Weg nie nach Leipzig führt.
Am nächsten Tag also fuhr ich hin. Es war ein Samstag im März, die Luft roch nach nassem Asphalt und der ersten Wärme, die nicht gleich wieder verschwindet. Der Flieder vor Gerlinds Haus hatte schon Knospen. Ich hatte zwei Tüten dabei: Kaffee von der guten Rösterei aus der Innenstadt, das glutenfreie Brot vom Bioladen, das sie neuerdings verträgt, frische Pflaumen, die sie so gern in ihren Kuchen tut, und den griechischen Joghurt, den sie in keinem Supermarkt findet, weil sie partout nicht in den großen Markt am Stadtrand fahren will. „Da ist es so anonym“, sagt sie immer.
Ihre Haustür war nur angelehnt. „Marika? Ich bin auf der Terrasse!“, rief sie durch den Flur.
Ich fand sie in einem Liegestuhl, mit einer Wolldecke über den Knien und einem Sonnenhut auf dem Kopf, obwohl es höchstens fünfzehn Grad hatte. Neben ihr stand eine leere Kaffeetasse, die sie mir entgegenhielt, als wäre ich das Zimmermädchen.
„Ach, wie lieb von dir. Stell die Sachen einfach in die Küche. Und dann komm her, ich muss mit dir reden.“
Ich tat, was sie sagte, weil ich das immer tue. Auf dem Weg durch den Flur fiel mir auf, dass die Tapete an der Treppe sich löste. Das Haus atmete Feuchtigkeit aus jeder Ritze. Im dritten Stock war das Dach undicht, das wusste ich von Robert – ein Kostenvoranschlag über zwanzigtausend Euro lag irgendwo in Gerlinds Sekretär. Aber sie sprach nie darüber, nicht mit mir jedenfalls.
Als ich zurückkam, hatte sie einen Zettel aus der Tasche ihrer Strickjacke gezogen. Ein liniertes Blatt, aus einem Schulheft gerissen, mit ihrer krakeligen Handschrift beschrieben. Die Schrift war größer als früher, der Druck auf dem Papier fester, als müsse sie sich jetzt mehr Mühe geben, die Buchstaben zu formen.
„Ich hab mir mal Gedanken gemacht“, begann sie. „Du weißt ja, dass ich nicht mehr die Jüngste bin. Und du, du bist jung und stark. Robert ist nicht da, die Kinder sind tagsüber im Hort. Du könntest mir doch ein bisschen unter die Arme greifen, oder? Ich dachte an Folgendes. Zweimal die Woche saugen und wischen – du weißt ja, die Böden hier, das ist alles Echtholz, das muss gepflegt werden. Einmal die Woche Wäsche waschen und bügeln. Und dann, na ja, die Einkäufe bringst du ja sowieso, da müsstest du nur ein bisschen mehr System reinbringen. Obst und Gemüse am Dienstag, den Rest am Freitag, und Brot hole ich selbst, aber der Weg zum Weinhändler ist mir zu weit, das könntest du auch übernehmen. Ach, und die Fenster – einmal im Monat. Ich hab sieben große Fenster hier unten, das ist keine Kleinigkeit. Aber du bist ja so handwerklich begabt, Robert hat immer gesagt, du hast Gold in den Fingern. Hier, ich hab alles aufgeschrieben, damit du nichts vergisst.“
Ich nahm den Zettel. Meine Finger zitterten nicht, aber ich spürte, wie meine Kehle eng wurde. Nicht vor Wut, noch nicht. Eher vor dieser Art von ungläubigem Staunen, das einen überkommt, wenn die Realität einen so unverblümt anspringt, dass man kurz vergisst zu atmen.
Auf dem Zettel standen die Punkte, säuberlich nummeriert von eins bis sieben, mit Unterpunkten und einer kleinen Skizze am Rand, die erklärte, in welcher Reihenfolge die Räume zu putzen seien: Wohnzimmer, Esszimmer, Küche, Bad oben, Bad unten, und bei Punkt sechs der Zusatz: „Spinnweben an der Decke nicht vergessen, der Staubsauger hat eine lange Düse im Schrank unter der Treppe.“ Darunter stand eine letzte Zeile, in Kugelschreiber, rot unterstrichen: „Bezahlung: Verbleib der Immobilie im Familienbesitz zugunsten von Leonie und Ben nach meinem Ableben. Wird notariell geprüft, wenn die Leistungen über sechs Monate zufriedenstellend erbracht wurden. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. LG G.“
Ich las den letzten Satz dreimal. LG G. Als wäre das eine Mail an die Putzfrau.
„Tante Gerlind“, sagte ich. Meine Stimme war ruhiger, als ich mich fühlte. „Ich helfe Ihnen gern, wirklich. Aber ich kann nicht neben meiner Arbeit, den Kindern und der eigenen Wohnung noch Ihr halbes Haus führen. Das schaffe ich einfach nicht. Ich komme, wenn was anfällt, ich bringe Ihnen die Einkäufe, ich kann am Wochenende mal staubsaugen, aber das hier“ – ich wedelte mit dem Zettel – „das ist ein Arbeitsvertrag. Nur ohne Gehalt und mit einer Erbschaftsprämie, die Sie vielleicht in sechs Monaten prüfen lassen.“
Gerlind nahm ihren Sonnenhut ab und fächelte sich Luft zu. Ihr Gesicht veränderte sich nur minimal, aber ich sah es. Der Mund wurde schmaler. Die Falten um die Augen vertieften sich.
„Ach, Kind. Du verstehst das falsch. Ich will doch nur, dass das Haus in guten Händen bleibt. Für wen soll ich es denn sonst aufheben? Nicole braucht es nicht, die hat ihr Leben in Berlin. Robert ist kein materieller Mensch, der hat sein Gehalt und ist zufrieden. Aber deine Kinder, die haben hier Wurzeln. Denk doch an die Immobilienpreise in Leipzig-Connewitz. Das hier ist eine Goldgrube. Und ich verlange doch nichts Unmögliches, nur ein bisschen Einsatz. Du bist doch eine tüchtige Frau. Das bisschen Putzen und Waschen ist doch keine Arbeit für jemanden wie dich. Du jonglierst doch deinen Alltag mit links, das sehe ich doch.“
Es war grotesk, und das Schlimmste war: Ich glaube, sie meinte es ernst. Sie sah wirklich nicht, was sie da verlangte. Für sie war ich die Frau, die alles schaffte, weil ich es immer schaffte. Weil ich nie vor ihr zusammenbrach, nie über Müdigkeit klagte, nie sagte, dass ich manchmal abends auf der Couch saß und einfach weinte, nicht lange, nur drei Minuten, bis ich aufstand und das Abendbrot richtete. Sie sah die Oberfläche und dachte, das sei der ganze Ozean.
„Und wenn ich das so nicht leisten kann?“, fragte ich. „Was dann?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Dann muss ich mir das mit dem Haus eben noch mal überlegen. Vielleicht verkaufe ich es. Nicole hat auch noch ein Wörtchen mitzureden, das ist ihre Mutter hier, nicht meine. Aber wenn du dich so anstellst…“ Sie ließ den Satz in der Luft hängen wie ein offenes Messer.
Ich stand auf. Der Liegestuhl quietschte, als ich mich am Gestell abstützte.
„Ich rede mit Robert“, sagte ich.
„Mach das. Grüß ihn von mir. Und sag ihm, er soll mehr an seine Familie denken.“ Damit setzte sie den Sonnenhut wieder auf und schloss die Augen, als sei das Gespräch beendet.
Auf der Fahrt nach Hause rief ich Robert an. Er ging nicht ran, schrieb aber eine Nachricht: „Sitze in einem Meeting. Später.“ Ich fuhr zu einem Parkplatz an der Weißen Elster, stieg aus und lief eine Weile am Wasser entlang.
Gegen neun am Abend klingelte mein Handy. Videoanruf. Robert saß in seinem Hotelzimmer, ich sah die Skyline von Singapur im Fenster hinter ihm, dieses grelle Grün der Tropen, das so gar nicht zu dem hier passte. Ich erzählte ihm alles. Die Liste, die Forderung, das Haus, das uns gehören sollte, wenn ich sechs Monate lang die Putzfrau spiele.
Robert hörte zu, ohne mich zu unterbrechen. Dann kratzte er sich am Kinn und atmete tief durch.
„Marika… dieses Haus ist nicht für uns. Oder für die Kinder. Gerlind hat schon vor drei Jahren ein Testament gemacht. Ich weiß es von Nicole, die hat es mir mal gesagt, an Weihnachten, als sie zu viel Glühwein getrunken hatte. Alles geht an Nicole. Das Haus, das Grundstück, die kleine Eigentumswohnung in Markkleeberg, die Gerlind noch von ihrem Vater hat. Das ist alles schon geregelt. Gerlind hat Nicole nur versprechen lassen, nichts zu verkaufen, solange sie lebt. Aber danach gehört das alles Nicole. Wir stehen da nirgendwo drin. Ich dachte, du weißt das. Ich dachte, das ist dir klar gewesen, dass sie das Haus nur benutzt, um… na ja, um dich bei Laune zu halten. Tut mir leid, ich hätte es dir sagen sollen. Ich dachte, du durchschaust sie längst.“
Mir wurde kalt. Nicht die Kälte eines Schocks, sondern die tiefe, stille Kälte, die kommt, wenn ein Verdacht, den man nicht wahrhaben wollte, auf einmal einen Namen bekommt.
„Sie hat also vor, mich sechs Monate lang umsonst arbeiten zu lassen, und danach fällt sie entweder tot um und Nicole erbt, oder sie sagt einfach: Hat doch nicht geklappt, dann kriegste halt nichts. Und ich hab kein Recht, irgendwas einzufordern, weil es nie irgendeine schriftliche Vereinbarung gab. Nur diesen lächerlichen Zettel mit LG G. drauf. Robert, das ist das Respektloseste, was mir je passiert ist. Und ich hab ihr noch Pflaumen gekauft. Ich hab ihr verdammte Pflaumen mitgebracht, und sie saß da und hat mir diesen Zettel gegeben und mich angelächelt und LG G. druntergeschrieben. Weißt du, was mir jetzt am meisten wehtut? Nicht, dass sie mich verarscht. Sondern dass sie mich für so dumm hält, dass ich es nicht merke. Dass sie denkt, ich springe für sechs Monate unbezahlte Arbeit, weil sie mit einem Haus wedelt, das mir nie gehört hat und nie gehören wird. Dass sie mich so wenig achtet, dass sie mir nicht mal zutraut, nachzufragen. Sie dachte wirklich, ich mache das einfach. Sie saß da in ihrem Liegestuhl, mit dem Sonnenhut auf dem Kopf, und hat mich angesehen wie eine, die nicht nein sagt. Und ich hab doch nie nein gesagt zu ihr. Ich hab immer gemacht, was sie wollte. Weil ich dachte, sie ist eine alte Frau, die allein ist und deren Tochter nichts von ihr wissen will. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist: Sie ist ein Mensch, der anderen Menschen Listen schreibt. Und ich. Reagiere. Darauf. Nicht mehr. Verstehst du? Ich reagiere nicht mehr darauf. Sag mir bitte, dass das okay ist. Sag mir, dass ich nicht die Böse bin, wenn ich da nicht mehr mitmache. Bitte. Sag es einfach.“
Robert schwieg einen Moment. Dann nickte er, und seine Stimme war sehr leise.
„Marika, du musst das nicht machen. Du musst überhaupt nichts machen. Wir brauchen das Haus nicht. Wir haben eine Wohnung. Wir haben einander, auch wenn ich gerade am Arsch der Welt sitze. Ich will nicht, dass du dich kaputtmachst für ein Erbe, das es nicht gibt. Wir regeln das anders, ja? Wenn ich zurück bin, suchen wir was Eigenes, ohne solche Bedingungen. Und jetzt schlaf erst mal. Es ist spät bei euch. Und Marika… danke, dass du das alles aushältst. Ich weiß, ich bin zu weit weg. Aber ich komme wieder, und dann reden wir. Mit ihr. Gemeinsam. Bis dahin… du weißt ja. Nur das Nötigste. Mehr nicht. Versprochen?“
„Versprochen“, sagte ich.
Zwei Tage später saß ich im Auto, wieder vor Gerlinds Haus. Der Flieder hatte inzwischen Blüten bekommen, das sah schön aus, aber es machte nichts besser. Ich hatte eine Tüte dabei – Kaffee, Brot, Joghurt. Keine Pflaumen. Und einen Zettel, von mir geschrieben.
Ich klingelte. Sie machte auf, im Morgenmantel, mit Lockenwicklern im Haar, die ich noch nie an ihr gesehen hatte. Ich drückte ihr die Tüte in die Hand und meinen Zettel obenauf.
„Die Einkäufe für diese Woche. Und das ist meine Antwort. Lesen Sie es, wann Sie wollen. Ich komme nächste Woche wieder. Aber nur mit Lebensmitteln. Alles Weitere klären wir, wenn Robert da ist. Bis dahin: Alles Gute, Tante Gerlind. Und grüßen Sie Nicole von mir. Vielleicht kann sie Ihnen ja zeigen, wie man im Handstand putzt. Soll ja den Rücken schonen.“
Ich ging, bevor sie antworten konnte. Auf dem Zettel stand nur ein Satz. Kein LG. Keine Anrede. Nur: „Vertrauen ist gut – also schlage ich vor, Sie setzen ein Testament auf, das ich sehen darf. Sonst bleibt das hier für immer eine Einbahnstraße. Sie wissen, wo Sie mich finden. Marika – ohne G.“
Am Abend hörte ich eine Amsel vor dem Fenster, die nicht aufhören wollte zu singen. Es klang wie eine Frage, auf die es keine Antwort brauchte.











