Der rote Schlips

An diesem Morgen hatte mir Felix noch eine Nachricht geschickt: „Konferenz in Wien, bis morgen Abend.“ Ich las sie im Bad, während ich mir die Haare zum Knoten steckte. Kurz lächelte ich über das Display. Wien.

Sechs Stunden später stand ich am Einstieg von Flug LH 442 nach Ibiza, in der marineblauen Uniform, die ich seit elf Jahren trage. Ich lächelte genauso, wie ich es gelernt hatte – für Turbulenzen, für Notfälle, für Passagiere, die vor dem Abflug schon drei Gin Tonic intus hatten.

Und dann blieb mein Mann vor mir stehen, als wäre er gegen eine Glasscheibe gelaufen.

An seinem Arm hing eine Frau, die ich vorher nur von einem einzigen verschwommenen Foto kannte. Isabel. Weißer Leinenanzug, goldene Ohrstecker, das Haar zu einem lockeren Zopf geflochten. Sie musterte meine Uniform, dann mein Namensschild.

„Können wir gleich nach dem Start einen Champagner bekommen?“, fragte sie.

Nicht: „Guten Tag.“ Nicht: „Entschuldigung.“ Sondern das. Sie wusste genau, wer ich war.

Felix tat mir fast leid. Neun Jahre Ehe, und ich kannte jedes Gesicht, das er machen konnte. Das charmante für die Geschäftsleitung. Das müde, wenn er nicht über die Werkstatt reden wollte. Das zerknirschte nach einem teuren Impulskauf. Aber dieses Gesicht – kreidebleich, die Lippen leicht geöffnet, die Hand am Trolley-Griff so verkrampft, dass die Knöchel weiß hervortraten – dieses Gesicht war neu.

„Willkommen an Bord“, sagte ich. „Ihre Plätze sind 2A und 2B. Gleich hier entlang, bitte.“

Das Wort „bitte“ traf ihn schlimmer, als es eine Ohrfeige getan hätte.

Er ging an mir vorbei. Isabel hakte sich bei ihm unter. Der Mann hinter ihnen schimpfte leise, ein Kind quengelte, ein Rollkoffer quietschte über den Fingergang. Ganz normaler Samstagnachmittag auf dem Flughafen Berlin-Brandenburg.

Ich führte sie in die First Class.

Isabel beugte sich zu Felix hinüber und flüsterte etwas. Ich stand in der Bordküche und sah ihr Spiegelbild in der dunklen Trennwand aus Plexiglas. Sie lächelte dabei.

Später erfuhr ich, was sie gesagt hatte: „Die muss doch längst Bescheid gewusst haben. Peinlich für sie.“

Das war ihr erster Fehler. Zu glauben, ich würde mich schämen.

Ihr zweiter: Sie dachte, ich hätte die Affäre erst entdeckt, als die beiden die Gangway betraten.

Drei Nächte zuvor hatte ich Felix’ versteckten Koffer gefunden. Er stand hinter der angelehnten Tür seines Homeoffice. Felix hatte gesagt, er müsse nach Wien, nur mit Laptoptasche. In dem Koffer lagen drei neue Leinenhemden, sein Lieblingsparfum, eine Schachtel mit Manschettenknöpfen, die ich noch nie gesehen hatte, und Unterwäsche, die keine Geschäftsreise braucht.

Ich stellte den Koffer nicht zur Rede. Ich weinte nicht.

Ich packte seinen burgunderroten Seidenschlips dazu, den mit den kleinen silbernen Punkten, den er immer trug, wenn er jemanden beeindrucken wollte. Dann schloss ich den Koffer genau so, wie ich ihn vorgefunden hatte.

Jetzt, zehntausend Meter über Frankreich, balancierte ich zwei Gläser Champagner zu den Plätzen 2A und 2B.

Isabel hob ihres sofort.

„Auf Ibiza“, sagte sie.

Felix bekam sein Glas kaum in die Hand. Ich stellte es auf dem kleinen Klapptisch ab, beugte mich ein winziges Stück zu ihm hinunter und sagte so leise, dass nur er es hörte:

„Ich habe dir deinen roten Schlips eingepackt.“

Sein Gesicht verlor auch die letzte Farbe. Er starrte mich an, als hätte ich ihm gerade gesagt, dass der linke Motor brennt.

Ich ging.

Eine halbe Stunde später setzte Isabel eine Schlafmaske aus Seide auf. Felix starrte geradeaus, ohne etwas zu sehen. Ich stoppte neben ihm.

„Herr Weber“, sagte ich, so professionell, dass die Geschäftsfrau auf 1F garantiert nichts ahnte, „hätten Sie kurz Zeit für ein Gespräch vorne an der Galley?“

Er folgte mir sofort. Der Vorhang war kaum zugezogen, da flüsterte er:

„Klara, ich kann das erklären –“

Ich sah ihn an, diesen Mann, den ich mit dreiundzwanzig geheiratet hatte.

„Du konntest immer erklären“, sagte ich. „Das war deine große Gabe.“

Sein Mund wurde schmal.

„Ich wollte es dir sagen –“

„Nein. Du wolltest aus Ibiza zurückkommen und mich das Hotelparfum aus deinen Hemden waschen lassen.“

Er senkte die Stimme noch mehr. „Bitte. Nicht hier.“

Fast hätte ich gelacht. Nicht hier. Ausgerechnet. Nicht auf dem Flug, den seine Geliebte gebucht hatte, auf meiner Maschine, vor meiner Crew, vor den Passagieren, den Pursern, den Leuten aus der Zentrale, die manchmal inkognito mitflogen.

Ich griff in die Tasche meiner Uniformjacke und zog einen gefalteten Ausdruck mit dem Logo der Airline heraus. Das Schreiben war am Vortag in meinem Crew-Postfach gelandet.

Zwei Plätze First Class.

Felix Weber.

Isabel Krause.

Bezahlt mit der Firmenkreditkarte der Weber Maschinenbau GmbH.

Und unter der Buchung stand eine Notiz:

„Unser Geheimnis. Mach es unvergesslich. I.“

Felix las die Zeilen zweimal.

„Das habe ich nicht geschrieben“, sagte er.

„Weiß ich.“

Er hob den Kopf. „Was?“

„Du hast die Notiz nicht geschrieben.“

Hinter ihm raschelte der Vorhang.

Isabel stand da. Die Schlafmaske saß ihr im Haar. Ihre Haltung war immer noch aufrecht, aber die Sicherheit von vorhin war weg.

Ich schaute Felix an.

„Frag sie, warum sie diesen Flug ausgesucht hat. Von allen Flügen nach Ibiza, die es heute gibt. Frag sie, warum genau meine Maschine, genau meine Schicht, genau das Datum, an dem du angeblich in Wien bist.“

Felix drehte sich zu ihr um. Isabel sagte nichts. Kein empörtes „Wie kannst du es wagen?“, kein gespieltes Unverständnis.

Nichts.

Diese Stille erzählte ihm mehr als jedes Geständnis.

Dann griff ich ein zweites Mal in meine Tasche. Diesmal zog ich einen verschlossenen Umschlag heraus, den ich seit Berlin in der Brusttasche getragen hatte.

Isabel sah das kleine Logo in der Ecke des Kuverts, bevor Felix es tat. Die Buchhaltung der Weber Maschinenbau GmbH.

Ihre Gesichtszüge entgleisten.

Ich sagte: „Am Tag nachdem ich den Koffer gefunden hatte, habe ich nicht meinen Mann angerufen. Ich habe die Buchungsdaten kopiert. Ich habe die Abbuchung der Firmenkarte gesichert. Und ich habe eine E-Mail verschickt, mit der Felix nie gerechnet hätte – an seine Geschäftsleitung, mit freundlichem Dank für die Aufmerksamkeit und der Bitte um Prüfung, ob es üblich sei, private First-Class-Trips für Externe über die Firmenkarte abzurechnen. Es sei mir beim Dienstplan aufgefallen, ich wolle nur Missverständnisse vermeiden. Liebe Grüße, Klara Weber, Purserette, Mitarbeiterin des Konzerns, seit elf Jahren ohne einen einzigen Krankheitstag. Man kannte mich in der Verwaltung.“

Ich hielt den Umschlag zwischen die beiden.

„Klara“, flüsterte Felix, „was hast du getan?“

Ich schob den Daumen unter die Lasche.

Isabel wich einen Schritt zurück.

Ich öffnete das Kuvert.

Das Schreiben war kurz. Kein Anwaltston, nur drei Absätze. Die Geschäftsleitung habe die Transaktion geprüft und als privat eingestuft. Die Karte werde mit sofortiger Wirkung gesperrt. Über arbeitsrechtliche Schritte werde man Herrn Weber nach seiner Rückkehr persönlich informieren. Kopie an die interne Revision.

Ich legte das Blatt auf den Klapptisch neben den Gläsern.

Felix las es. Er atmete flach durch die Nase. Draußen schob sich eine Wolkenbank unter die Tragfläche.

Isabel griff nach seiner Hand. Er zog sie weg.

„Das war dein Plan?“, fragte er sie. Seine Stimme war so leise, dass man sie kaum über das Triebwerksgeräusch hörte. „Du wolltest vor ihrer Nase in der First Class sitzen und Champagner trinken, damit sie es sieht? Damit sie sich vor ihrer ganzen Crew lächerlich macht?“

Isabel presste die Lippen aufeinander. Dann: „Du hast gesagt, sie ahnt nichts. Du hast gesagt, sie würde nie –“

„Genau“, sagte ich. „Das ist der Punkt. Ich ahne doch. Und ich lasse mich nicht lächerlich machen. Keiner von euch beiden wird das noch einmal versuchen. Du nicht, Isabel, weil der Vorfall jetzt in deiner Personalakte steht – ach ja, du arbeitest doch bei derselben Firma, stimmt’s? Die Revision fand deine Namenskombination auf der Buchung nämlich sehr interessant. Und du, Felix, wirst heute Abend in Ibiza kein Hotel mit Meerblick buchen, sondern den Rückflug bezahlen. In der Holzklasse. Wenn du Glück hast, kriegst du Platz 36B, da klemmt die Lehne. Ich empfehle dir, den roten Schlips vorher abzunehmen, sonst sieht man die Flecken zu gut, wenn du schwitzt.“

Ich steckte das Schreiben zurück in den Umschlag, strich die Lasche glatt und schob ihn in die Jackentasche.

Dann drehte ich mich um und ging durch den Vorhang zurück in die Kabine. Eine ältere Dame auf 3D winkte mir. Sie hatte Durst.

„Einen Tomatensaft, gern mit Pfeffer“, sagte sie.

Ich schenkte ein, ganz ruhig. Der Champagner auf 2A und 2B stand noch immer unberührt. Die Gläser beschlugen langsam von außen, weil keiner der beiden den Mut fand, sie anzufassen.

Über die Bordlautsprecher bat der Kapitän um Aufmerksamkeit. Wir hätten die Reiseflughöhe erreicht, ETA in Ibiza zwei Stunden zwanzig Minuten.

Ich lehnte mich gegen den Tresen in der Galley und sah nach draußen. Unter uns trieb eine geschlossene Wolkendecke, blendend weiß. Darüber der Himmel, endlos und leer.

In meiner Uniformjacke steckte das Schreiben, das ich nicht mehr brauchte. Ich würde es gleich nach der Landung im Crew-Raum einscannen und an meine private Cloud schicken, Referenznummer notieren, abhaken. Ordnung musste sein.

Dann stellte ich den Tomatensaft auf das Tablett, zwei Servietten, einen kleinen Rührstab, und brachte ihn der Dame in Reihe drei.

Sie lächelte. „Sie sind aber eine freundliche Stewardess. Immer so gelassen, das bewundere ich.“

Ich lächelte zurück.

„Danke, das ist lieb. Wir sind ja auch für Ihr Wohl zuständig. Noch einen Pfefferstreuer, vielleicht?“

„Gern“, sagte sie.

Ich holte den Streuer.

Zwei Reihen vor mir saß Felix mit gesenktem Kopf und las den Brief zum dritten Mal. Isabel hatte ihren Zopf gelöst und starrte aus dem Fenster, ohne etwas zu sehen. Die Eiskübelchen im Champagnerkühler waren längst geschmolzen.

Ich streute Pfeffer in den Tomatensaft, langsam, mit kleinen, präzisen Bewegungen. Der Geruch von schwarzem Pfeffer mischte sich mit dem ständigen leisen Zischen der Klimaanlage.

Dann klappte ich die kleine Lasche des Streuers zu und legte ihn zurück ins Fach.

Einundzwanzig Minuten bis zum Beginn des ersten Servicegangs.

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Der rote Schlips