Der Abend, an dem Dirk mir seinen großen Plan präsentierte, war einer dieser lauen Sommerabende im Juli. Wir saßen im „Lamm“, seinem Stammrestaurant in der Stuttgarter Innenstadt, er hatte sich extra das Jackett angezogen, in dem er immer so seriös aussah. Der Weißwein war kühl, die Kerze auf dem Tisch flackerte, und ich dachte: Jetzt kommt’s. Jetzt fragt er mich endlich.
Dirk legte die Serviette beiseite, räusperte sich und lächelte dieses Lächeln, das mich vor einem Jahr so um den Verstand gebracht hatte.
„Also, Johanna. Ich habe mir in den letzten Wochen ein paar Gedanken gemacht. Auch wegen der Zinsentwicklung und so. Ich finde, du solltest zu mir ziehen. Wird Zeit, findest du nicht?“
Ich griff nach meinem Glas, nur um die Finger beschäftigt zu halten, weil ich sonst vor Glück losgeheult hätte. Ich bin siebenundfünfzig, seit elf Jahren geschieden, meine Tochter Leonie studiert in Hamburg. Dass mir das noch mal passiert – ein Mann, der mich wirklich will, nicht nur für ein paar Monate – damit hatte ich nicht mehr gerechnet.
„Das überrascht mich jetzt aber“, sagte ich und hasste mich sofort dafür, weil es so atemlos klang.
„Muss es nicht. Ich hab das Ganze nämlich durchgerechnet.“ Dirk tippte mit dem Zeigefinger auf den Tisch, als würde er einen Bauplan skizzieren. „Deine Wohnung in Feuerbach kriegen wir locker für neunhundert warm vermietet. Die Quittung vom Finanzamt für deinen Buchladen kannst du abheften, das bisschen Umsatz lohnt den Stress doch gar nicht. Zu Hause wartet eine vernünftige Aufgabe auf dich: Du kümmerst dich um meine Mutter. Der Pflegedienst kostet mich im Moment zweitausendvierhundert im Monat, das können wir uns sparen, und du hast eine sinnvolle Beschäftigung. Alle gewinnen.“
Ich starrte ihn an. Das Licht der Kerze spiegelte sich in seinen Brillengläsern, ich konnte seine Augen nicht richtig sehen.
„Deine Mutter“, wiederholte ich.
„Sie mag dich doch. Neulich hat sie gesagt, deine Maultaschen seien die besten seit zwanzig Jahren. Das ist ein Ritterschlag, glaub mir.“ Er lachte kurz und hob sein Glas. „Auf uns.“
Ich stieß mit ihm an, mechanisch, und lächelte, und während ich lächelte, arbeitete irgendwas in meinem Hinterkopf, was ich nicht greifen konnte.
In der Nacht lag ich wach. Neben mir atmete Dirk tief und gleichmäßig, und ich starrte an die Decke, wo die Straßenlaterne einen hellen Streifen auf die Tapete malte. Neunhundert Euro Mieteinnahmen, die auf sein Konto wandern sollten – oder auf unseres, was dasselbe war, weil er ja „uns“ versorgte. Die Buchhandlung, die ich seit sechzehn Jahren führte, die mich jeden Morgen aus dem Bett zog, auch an Tagen, an denen ich sonst keinen Grund gehabt hätte – ein „bisschen Umsatz“. Zweitausendvierhundert für die Pflege seiner Mutter, die ich plötzlich umsonst machen sollte.
Ich stand auf, ging in die Küche und machte mir einen Tee, den ich nicht trank. Ich wusste, dass da ein Fehler war in dieser Rechnung. Ich wusste nur noch nicht, welcher.
***
Kennen gelernt hatten wir uns auf der Vernissage einer gemeinsamen Bekannten. Dirk stand vor einem großformatigen Aquarell, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und sagte zu niemand Bestimmtem: „Die Proportionen stimmen hinten und vorne nicht.“ Ich, zwei Gläser Sekt intus und entsprechend lose im Mundwerk, antwortete: „Das ist Absicht. Steht im Katalog.“ Er drehte sich um, musterte mich über den Rand seiner Lesebrille, und dann geschah etwas in seinem Gesicht, das ich später „den Umschalter“ nannte – von sachlich auf charmant in einer Zehntelsekunde.
„Dann muss ich den Katalog lesen. Darf ich Sie auf einen Kaffee einladen, als Entschädigung für meine Ignoranz?“
Sechs Wochen später wusste ich, dass er Architekt war, zwei erwachsene Söhne in der Schweiz hatte und sich seit dem Tod seiner Frau vor fünf Jahren allein um seine Mutter Elfriede kümmerte. Elfriede war dreiundachtzig, nach einem Oberschenkelhalsbruch auf einen Rollator angewiesen und brauchte Hilfe beim Anziehen, beim Kochen und bei den meisten Wegen außer Haus. Der Pflegedienst kam zweimal täglich, die Restzeit überbrückte Dirk, so gut es ging.
„Manchmal schaffe ich es kaum ins Büro“, sagte er einmal, und ich hörte die Erschöpfung in seiner Stimme und fand das rührend. Diesen Satz, dachte ich später, hätte ich in neonfarbenen Lettern über mein Bett hängen sollen.
An dem Wochenende, an dem Dirk mit Fieber im Bett lag, fuhr ich zu ihm und machte Hühnersuppe. Ich wechselte die Bettwäsche, ging mit Elfriede in den Stadtpark, obwohl ich eigentlich den Papierkram für die Buchhandlung erledigen musste, und als ich abends erschöpft auf sein Sofa sank, sagte Dirk: „Du bist ein Geschenk des Himmels, Johanna. Meine Mutter ist ganz verliebt in dich.“
Ich fühlte mich gebraucht. Das war der Haken.
***
Eine Woche nach dem Restaurantabend traf ich mich mit Marion, meiner ältesten Freundin, auf einen Kaffee am Marktplatz. Marion kennt mich seit dem Studium, sie hat miterlebt, wie ich nach der Scheidung wieder auf die Beine kam, und sie hat ein eingebautes Radar für Männer, die mehr nehmen als geben.
Ich erzählte ihr von Dirks Plan. Wort für Wort.
Marion rührte in ihrem Milchkaffee und sagte lange gar nichts. Dann: „Weißt du, was du da für ein Geschäft abschließen sollst? Du gibst deine Wohnung auf, deine Selbstständigkeit, deine Zeit, deine Rente für später – und was kriegst du? Das Privileg, seine Mutter zu waschen, während er auf der Baustelle steht und abends die Füße hochlegt.“
„Er sagt, er versorgt mich ja.“
„Er versorgt dich mit einem Bett in seinem Haus, das ihm gehört. Wenn er dich in drei Jahren rauswirft, stehst du mit siebzig auf der Straße, ohne Wohnung, ohne Job, ohne eigene Rente, weil du zwischendurch nichts eingezahlt hast. Johanna, das ist kein Heiratsantrag. Das ist eine Stellenausschreibung für eine unbezahlte Pflegekraft mit Hotelanschluss. Die einzige Stelle, die er streichen will, ist nämlich nicht seine, sondern deine – und die der Pflegerin.“
Da machte es klick. Endlich.
Der Fehler in der Rechnung war ich.
Ich fuhr nach Hause und setzte mich an meinen Küchentisch, den alten Kiefernholztisch, an dem ich als junge Mutter mit Leonie gebastelt hatte. Ich nahm einen Stift und schrieb auf, was Dirk von mir verlangte.
Meine Wohnung: 900 Euro im Monat, die nicht mehr mir gehörten, sondern in seinen Haushaltstopf flossen. Mein Buchladen: knapp 1.800 Euro netto, die ich im Monat verdiente – weg. Die Pflege von Elfriede: 2.400 Euro, die ich ihm einsparte, indem ich sie umsonst erledigte. Haushalt, Kochen, Wäsche für drei Personen: noch mal mindestens 1.500 Euro, wenn man den Mindestlohn für eine Haushälterin ansetzte.
Unter dem Strich brachte ich in diese „Partnerschaft“ knapp siebentausend Euro an Wert im Monat ein. Und bekam dafür Kost und Logis in einem Haus, das mir nicht gehörte, mit einem Mann, der mich für meine Großzügigkeit auch noch gönnerhaft belächelte.
Am nächsten Sonntag lud ich Dirk zu mir ein. Ich kaufte ein Lammkarree, machte Rosmarinkartoffeln, stellte die guten Gläser auf den Tisch. Er kam mit einem Strauß Tulpen und guter Laune.
„Na, hast du’s dir überlegt? Soll ich nächste Woche den Transporter bestellen?“
„Ich habe tatsächlich einen Plan“, sagte ich und schenkte ihm Wein ein. „Einen besseren als deinen, finde ich. Du ziehst zu mir.“
Seine Hand mit dem Glas blieb in der Luft stehen.
„Zu dir? Nach Feuerbach? In die Dreizimmerwohnung?“
„Genau. Dein Haus in Degerloch vermieten wir, das bringt mindestens zweitausendfünfhundert. Deine Mutter bleibt in der Tagespflege, die kennen ihren Pflegegrad und machen das professionell. Du gibst dein Architekturbüro auf – mit einundsechzig kann man das mal langsam angehen – und kümmerst dich um meinen Buchladen und den Haushalt. Kochen solltest du noch üben, aber den Rest kriegst du hin.“
Dirk setzte das Glas ab, ohne getrunken zu haben. Seine Miene war, als hätte ich ihm vorgeschlagen, nackt über den Marktplatz zu laufen.
„Ich soll mein Büro aufgeben.“ Es war keine Frage.
„Wieso nicht? Du hast doch gesagt, Arbeit ist in unserem Alter kein Selbstzweck mehr. Oder gilt das nur für meine Arbeit?“
„Das ist doch lächerlich, Johanna. Ich bin Architekt, ich habe einen Ruf, ich kann nicht einfach den Hausmann machen. Das kannst du nicht vergleichen. Außerdem bin ich der Mann in dieser Beziehung, und es ist meine Aufgabe, für dich zu sorgen. Das ist doch völlig normal, dass die Frau dann den häuslichen Part übernimmt.“
„Du willst nicht für mich sorgen, Dirk. Du willst mich einspannen, damit du weniger Geld ausgibst und mehr Freizeit hast. Das ist ein Unterschied. Wenn du wirklich für mich sorgen wolltest, würdest du mir nicht vorschlagen, meine Wohnung zu vermieten und meinen Beruf an den Nagel zu hängen, während du an deinem festhältst wie an einer Rettungsboje. Du würdest sagen: Komm zu mir, behalt deine Wohnung als Sicherheit, such dir was in meiner Nähe, und wir finden eine Lösung für meine Mutter, die dich nicht zur Gratispflegerin macht. Aber das hast du nicht gesagt. Du hast mir eine Kosten-Nutzen-Analyse vorgelegt, bei der ich der Nutzen bin und du die Kosten sparst.“
Er starrte auf seinen Teller. Das Lammkarree wurde kalt, der Rosmarin duftete vergeblich. Nach einer Ewigkeit sagte er leise: „Du verstehst das falsch. Das ist ganz normal so. Meine Mutter hat das für meinen Vater auch gemacht. Das ist doch keine Ausbeutung, das ist Familie.“
„Deine Mutter hat das freiwillig gemacht, in einer Zeit, in der Frauen keine Wahl hatten. Ich habe eine Wahl, Dirk. Und ich wähle mich.“
Er blieb noch eine halbe Stunde, dann ging er. Ohne Tulpen, die ließ er auf dem Tisch liegen. Ich stellte sie ins Wasser und weinte ein bisschen, aber nicht lange.
***
Drei Monate später saß ich an einem Samstagmorgen in meinem Buchladen und sortierte neue Lyrikbände in die Auslage, als die Türglocke bimmelte und Marion hereinschneite, zwei Becher Kaffee in der Hand.
„Rate mal, wen ich gestern im Operncafé gesehen habe. Deinen Architekten. Mit einer Blondine um die fünfzig. Sie hat ihm die Serviette auf den Schoß gelegt, als wäre er drei.“
„Soll sie machen“, sagte ich und blätterte einen Gedichtband auf. Brecht. „Ich gönne ihm seine kostenlose Serviettenlegerin von Herzen. Solange sie vorher ihre eigene Wohnung verkauft und merkt, worauf sie sich einlässt, bevor die Rente futsch ist.“
„Er hat dich übrigens gesehen, wie ich reinkam. Hat den Kopf weggedreht und so getan, als würde er die Weinkarte studieren. Ganz schlechtes Schauspiel.“
Ich lachte. „Der Mann kann Häuser zeichnen, aber keine glaubwürdige Szene spielen. Habe ich auch ein Glück, dass mir das auffiel, bevor ich meine Kisten gepackt hatte.“
Marion stellte den Kaffee auf den Tresen und sah mich lange an. „Du wirkst nicht besonders gebrochen für eine frisch getrennte Frau, Johanna. Eher so, als wäre dir eine Titanplatte von den Schultern gerutscht. Dabei seid ihr doch fast anderthalb Jahre zusammen gewesen, hat es dich gar nicht getroffen?“
Ich klappte den Brecht zu und dachte an den Abend mit der Kerze im „Lamm“, an das flaue Gefühl in meinem Magen, das ich nicht zuordnen konnte, und daran, wie es verschwunden war, als ich meine eigene Rechnung aufgestellt hatte.
„Weißt du, was komisch ist“, sagte ich. „Getroffen hat es mich schon. Aber nicht die Trennung. Sondern der Moment, in dem ich kapiert habe, dass ich ein Jahr lang mit einem Mann zusammen war, der mich nicht als Partnerin sah, sondern als unbezahlte Arbeitskraft, die er auch noch von oben herab behandeln durfte. Dass ich so blind sein konnte – das war der Schlag. Die Trennung danach war nur noch Papierkram. Die eigentliche Erkenntnis saß längst wie ein Pflock in der Erde, da gab es nichts mehr zu kitten. Nur noch den Schlussstrich.“
Marion nickte langsam.
Draußen schob eine junge Mutter einen Kinderwagen vorbei, die Glocken der nahen Kirche schlugen elf, und ich trank meinen Kaffee, während die Julisonne auf den Buchrücken goldene Streifen malte.
***
Im Oktober rief mich Elfriede an. Ich hatte ihre Nummer nicht mehr eingespeichert und ging ran, ohne zu wissen, wer dran war.
„Johanna, hier ist Elfriede, die Mutter vom Dirk. Haben Sie einen Moment?“
Ich setzte mich auf den Hocker hinter der Ladentheke. „Frau Köhler. Was kann ich für Sie tun?“
„Ich wollte Ihnen danke sagen. Nicht für die Maultaschen, obwohl die wirklich gut waren. Sondern dafür, dass Sie Nein gesagt haben. Ich hab das erst später von der Pflegerin gehört, was der Dirk da eigentlich von Ihnen verlangt hat. Und dass Sie sich gewehrt haben. Das ist mehr, als ich mich je getraut habe, wissen Sie. Ich hab vierzig Jahre lang meinem Mann den Haushalt geschmissen und meine eigenen Wünsche ins oberste Küchenregal gestellt, wo ich nicht mehr rankam. Und dann saß ich im Rollstuhl, und auf einmal war ich diejenige, der andere Leute ihre Wünsche in den Schoß legten, ob ich sie wollte oder nicht. Ich versteh das jetzt, mit Ihrem Nein. Es war kein Nein gegen meinen Sohn. Es war ein Ja für Sie selbst. Und das finde ich richtig, auch wenn er drei Wochen lang am Küchentisch gesessen hat wie ein begossener Pudel. Das brauchte der mal, das war seit seiner Kindheit überfällig. Meine Schuld, habe ihn zu sehr verwöhnt. Also, Johanna. Genießen Sie Ihren Sonntag. Und grußlos brauchen Sie mich nicht behandeln, wenn Sie mich im Supermarkt sehen. Ich beiß nicht. Nur der Dirk, der guckt vielleicht weg, aber das ist seine Sache.“
„Danke, Frau Köhler. Das ist das Netteste, was mir seit Monaten jemand gesagt hat. Ihnen auch einen schönen Sonntag. Und grüßen Sie die Pflegerin. Sagen Sie ihr, sie soll bloß nie ihre Preise senken. Auch nicht bei charmanten Architekten mit guten Manieren und schlechten Absichten.“
Sie lachte, ein trockenes, rostiges Lachen, und legte auf.
Ich legte das Handy neben die Kasse und sah aus dem Fenster. Über der Königstraße hing ein blasser Oktoberhimmel, das Laub der Platanen wurde gelb. In meiner Wohnung in Feuerbach wartete niemand, der meine Anwesenheit als Rechnungsposten verbuchte. Mein Buchladen war kein Vermögen wert, aber er war meiner. Und der Tee, den ich abends trank, schmeckte nicht mehr danach, dass ich ihn mit meiner Freiheit bezahlt hatte.
Ich fand, das reichte.











