Margot Fischer stieg aus dem Taxi und zog ihren Mantel enger. Der Wind von der Elbe her roch nach Herbst und dem Ende einer langen Reise. Sie war extra aus dem kleinen Dorf bei Husum nach Hamburg gekommen, um ihren Sohn Jonas zu überraschen. Er hatte gesagt, er müsse zu einem wichtigen Geschäftsessen in einer Villa in Blankenese, aber danach könnten sie gemeinsam essen gehen. Margot sollte eigentlich in seinem Hotelzimmer warten, doch sie war zu früh und dachte, sie könne wenigstens vor der Villa auf ihn warten – um ihn dann in den Arm zu nehmen, bevor er in diese Welt der Reichen eintauchte.
Die Villa der Familie von Lahnstein war ein beleuchtetes Märchen aus Stein und Glas. Kurz nach acht drückte Margot auf die Klingel. Die Zugfahrt hatte 34,70 Euro gekostet, das wusste sie noch genau, weil sie den Fahrschein in ihrer Manteltasche zerknüllt hatte. Eine junge Frau in schwarzem Kleid und mit Headset öffnete, musterte sie kurz und fragte streng: „Sie sind neu? Wir haben doch schon alle Aushilfen für den Abend eingeteilt.“ Margot stammelte: „Ich bin nicht… ich bin Frau Fischer, Jonas Fischers Mutter. Ich möchte nur warten, bis…“
Die Frau unterbrach sie mit einem abfälligen Blick auf Margots abgetragenes Kostüm und ihre geflochtenen grauen Haare. „Egal, Sie sehen fit aus. Gehen Sie in die Küche, da wird jede Hand gebraucht. Ziehen Sie sich eine Schürze an.“ Sie deutete mit dem Daumen hinter sich und verschwand in einem Nebenzimmer.
Margot stand da, ihr Herz klopfte. Sie mochte keine Konflikte. Also ging sie durch einen langen, mit Teppich ausgelegten Flur in die Küche, wo es nach Bratenfett und Rosenkohl roch. Ein Koch reichte ihr wortlos eine weiße Schürze, nicht mal sauber, irgendwas Klebriges am Bund. „Da, nehmen Sie. Später tragen Sie bitte das Dessert in den Speisesaal. Wir haben zu wenig Leute.“ Margot band die Schürze um und konzentrierte sich darauf, die kleinen Mousse-Au-Chocolat-Gläser auf ein riesiges Tablett zu stellen. Ihre Hände, gewohnt an schwere Töpfe und den eisigen Nordseewind beim Austernpulen im Husumer Hafen, zitterten nur leicht.
Eine Stunde verging. Die Küchenuhr tickte. Dann wurde die Tür zum Speisesaal aufgestoßen und der Koch rief: „Jetzt! Das Dessert!“ Margot ergriff das Tablett und folgte ihm.
Der Saal war überwältigend. Goldene Kerzen brannten, das Licht spiegelte sich in hundert Kristallgläsern. An einer langen Tafel saßen Frauen in Seide und Männer in Smokings. Ganz am Ende, auf einem fast thronartigen Stuhl, saß Theresa von Lahnstein in einem emeraldgrünen Kleid und lächelte, wie eine Katze vor dem Sahnetopf. Ihre Stimme klang schrill über das leise Geplauder hinweg: „Ah, endlich das Dessert! Stellen Sie es dort hin!“
Margot trat vorsichtig vor, doch ihre flachen Schuhe blieben an der Kante des dicken Teppichs hängen. Sie stolperte. Das Tablett kippte, und eine der kleinen Glasschalen rutschte ab und explodierte auf dem Marmorfußboden. Schokoladensoße spritzte auf den Saum von Theresas Kleid und auf die umstehenden Damen.
Einen Herzschlag lang herrschte absolute Stille. Dann schrie Theresa auf: „Mein Kleid! Das war Seide!“
Margots Hände krallten sich in die Schürze. Ihre Finger waren weiß an den Knöcheln, der Stoff knitterte, als sie hörte, wie die Scherben unter ihren Knien knirschten. Sie sah die braune Soße auf dem Marmor, sah Theresas Absätze, die zurückzuckten. „Es tut mir so leid, ich…“
Theresa stand auf. Ihr Gesicht war rot, die Stimme überschlug sich fast. Sie baute sich vor der alten Frau auf. „Sie elende Tolpatschin! Wissen Sie, was dieses Kleid gekostet hat? Tausend Euro! Und Sie ruinieren alles! Machen Sie das sofort weg!“ Sie zeigte auf den Boden.
„Bitte… ich arbeite hier nicht…“, flüsterte Margot. Sie starrte auf den Scherbenhaufen, auf das Schokoladenmousse, das aussah wie Schlamm aus dem Wattenmeer bei Ebbe. Die feinen Leute starrten sie an wie ein Insekt.
Theresa lachte kalt. „Nicht arbeiten? Sie tragen eine Schürze! Wie eine gute Putzfrau. Also putzen Sie, das ist der einzige Zweck, den Sie hier haben!“
Ein leises Wimmern entrang sich Margots Kehle. Sie presste die Hand auf den Mund, aber die Tränen liefen schon. So hatte man sie noch nie behandelt. Sie dachte an Jonas, ihren Stolz, der das nie erfahren durfte. Aber nun war es zu spät.
Da wurde die große Eichentür zum Saal aufgerissen.
Jonas Fischer trat ein. Sein grauer Maßanzug saß perfekt, sein kräftiges Gesicht war wie aus Stein gemeißelt. Zwei Sekunden lang sah er sich um, nahm das Bild in sich auf. Ein leises Knistern schien durch den Raum zu gehen.
Jonas ging nicht schnell. Er beugte sich zu Margot hinunter, nahm ihre zitternden Hände. „Mama“, sagte er, und seine Stimme war ganz ruhig, fast leise. „Steh auf.“ Mehr nicht.
Margot schluchzte auf, ließ sich von ihm hochziehen. Jonas zupfte einen Fussel Schokolade von ihrer Wange. Dann küsste er ihre Stirn.
Theresa war einen Schritt zurückgewichen. Ihr Mund öffnete und schloss sich. „Herr Fischer… das ist… ist das Ihre Mutter? Ich wusste nicht…“
Jonas richtete sich auf. Er war über einsneunzig, und jetzt, wo er so dastand, wirkten die Kronleuchter irgendwie kleiner. Sein Blick huschte über die Gäste, dann blieb er an Theresa haften. Er sagte nichts. Eine volle Sekunde lang. Dann holte er Luft. „Meine Mutter hat ihr Leben lang geputzt und geschuftet, damit ich heute hier stehen kann. Und Sie nennen sie Tolpatschin.“ Seine Stimme war nicht laut, aber sie trug bis in die letzte Ecke. „Ich zieh den Vertrag zurück. Das war’s. Die Gala auch.“ Er machte eine Pause, schüttelte kaum merklich den Kopf. „Suchen Sie sich neue Investoren. Ich wünsch Ihnen viel Glück.“ Er sagte das letzte Wort so, dass jeder wusste, er meinte das Gegenteil.
Die Gäste starrten auf ihre Teller. Ein Mann hustete. Theresa von Lahnstein stand wie versteinert, ihre Lippen waren schmal wie ein Strich.
Jonas legte den Arm um seine Mutter. Sie zitterte noch, aber ihre Hand lag jetzt auf seinem Ärmel, ganz ruhig. Er führte sie langsam durch den Saal, vorbei an den stummen Zeugen. An der Tür, ohne sich umzudrehen, sagte er: „Guten Abend. Genießen Sie den Kakao. Ist der letzte auf meine Rechnung.“
Die Tür fiel ins Schloss.
Auf dem Kiesweg draußen rauschte der Regen. Jonas half Margot in seinen dunklen Mercedes, dessen Ledersitze noch neu rochen. Er stieg ein, ließ den Motor an. Einen Moment saß er nur da, die Hände am Lenkrad, dann ballte er kurz die rechte Faust, einmal, ganz fest, dann atmete er aus. Er griff nach ihrer Hand.
„Es tut mir so leid, Jonas“, flüsterte sie. „Ich wollte dir keine Schwierigkeiten machen. Ich wollte nur… dich sehen.“
Jonas drückte ihre Hand. Die Falten an seinen Augen vertieften sich, aber er lachte nicht. „Schon gut, Mama. Schon gut.“ Er warf einen Blick in den Rückspiegel, als die erleuchtete Villa hinter ihnen kleiner wurde. „Gibt’s noch das Café am Hafen, das ‚Ebbe & Flut‘? Die hatten doch diesen Kakao für drei achtzig, mit echter Sahne obendrauf. Nicht so ein Mousse-Zeugs, sondern richtig, mit Haut.“
Margot wischte sich mit dem Handrücken über die Wange. „Vielleicht nur eine heiße Schokolade. Irgendwo, wo’s zieht und nach Fisch riecht. Ich hab genug von feinen Leuten für heute.“
Jonas nickte und legte den Gang ein. Der Regen trommelte auf das Autodach. Margot lehnte den Kopf an die kühle Scheibe und schloss die Augen. Das Nächste, was sie hörte, war seine Stimme, ganz leise: „Der Kakao da, der schmeckt übrigens wie der, den du früher gemacht hast. Nur deiner war besser.“











