Ich war sechs, als ein Lkw-Fahrer mit 2,8 Promille meinen Eltern die Vorfahrt nahm. Von einem Tag auf den anderen war ich Vollwaise. Meine Tante Margit, damals 48 und kinderlos, zögerte keine Sekunde. Sie gab ihre Stelle als Abteilungsleiterin in der Bank auf, zog in unser kleines Haus am Stadtrand von Regensburg und wurde meine Mutter.
Sie flickte meine Hosen, lernte mit mir Mathe, fuhr mich jeden Mittwoch zum Klavierunterricht und saß bei jedem Schulfest in der ersten Reihe. Wenn andere Mädchen mit ihren Vätern Walzer übten, stellte sie die Stühle in der Küche an die Wand und tanzte mit mir – sie führte mich, immer mit einem Lachen, das tief aus dem Bauch kam. „Auf deinem Abiball“, sagte sie jedes Mal, „bin ich dein Kavalier. Und ich werde der eleganteste sein, das garantiere ich dir.“ Sie sprach mit so einer Selbstverständlichkeit davon, dass ich ihr jedes Wort glaubte.
Vor zwei Jahren kam die Diagnose: aggressive Multiple Sklerose. Innerhalb von Monaten verlor sie die Kontrolle über ihre Beine, dann über den rechten Arm. Jetzt sitzt sie in einem elektrischen Rollstuhl. Ihre Stimme ist leiser geworden, aber ihre Augen sind genauso wach und klar wie früher.
Als die Abiplanung losging, fotografierte sie sich selbst mit einem Schnurrbart-Filter und schickte mir das Bild mit der Nachricht: „Dein Kavalier ist bereit.“ Natürlich musste sie mit.
Am Abend des Balls half ich ihr in den marineblauen Hosenanzug, den wir für 56 Euro beim Änderungsschneider hatten kürzen lassen. Der Reißverschluss klemmte kurz, aber dann gab er nach. Ich trug ein langes smaragdgrünes Kleid, an dessen linkem Ärmel ein winziger Kakaofleck von heute Morgen saß, den ich nicht mehr rausbekommen hatte. Um 19:23 Uhr verließen wir das Haus. Das Taxi, ein silberner Toyota Auris, wartete bereits. Als ich sie in die festlich geschmückte Turnhalle schob – es war fast 20:15 –, hörte ich irgendwo rechts ein leises Klatschen. Ein paar Mitschüler lächelten uns an. Ich fühlte mich, als würde ich die wichtigste Person der Welt begleiten.
Dann sah uns Chiara.
Chiara und ich kämpften seit der fünften Klasse um alles: die beste Note in Deutsch, den Platz im Orchester, den Titel der Jahrgangsbesten. Sie stand mit ihrer Clique an der Saftbar und starrte uns an. Ihr Blick wanderte von meinem Kleid zu Margit im Rollstuhl, blieb an dem gelähmten Arm hängen, der in einer Schlinge lag. Sie stieß ein kurzes, helles Lachen aus, das durch die Musik schnitt, und kam mit drei Freundinnen im Schlepptau auf uns zu.
„Wow, Lina. Hast du kein Date gefunden oder ist das dein neues soziales Projekt?“, sagte sie so laut, dass es die Umstehenden hören mussten. Sie beugte sich mit gespieltem Mitleid zu Margit hinunter. „Ist das nicht ein bisschen viel für einen alten Menschen? So ein ganzer Abend mit lauter Musik und so?“ Ihre Freundin kicherte hinter vorgehaltener Hand: „Vielleicht hat sie den Altenheimbus verpasst?“
Die Röte kroch mir den Hals hinauf. Meine Finger krallten sich um die Griffe des Rollstuhls. Ich suchte fieberhaft nach einer Antwort, einer scharfen Retourkutsche, aber mein Mund war wie zugenäht. Ich wollte Chiara einfach nur wegschieben – und uns gleich mit.
„Lass gut sein, Chiara, ja?“, murmelte jemand aus der Gruppe. Aber Chiara ignorierte es und grinste mich triumphierend an. Sie war sich ihrer Sache sicher. Sie dachte, sie hätte den finalen Stich gesetzt.
In diesem Moment spürte ich, wie Margits gesunde Hand auf meine gelegt wurde – ein leichter, warmer Druck. Sie klickte den Joystick und der Rollstuhl löste sich aus meinem Griff. Margit fuhr ruhig und zielstrebig auf den DJ zu, der gerade einen Pausentitel eingelegt hatte.
Das Getuschel verebbte. Jemand drehte die Musik leiser. Margit nahm das Mikrofon, das der überraschte DJ ihr reichte, und hielt es mit der linken Hand an den Mund. Der Atem, der in das Mikro drang, rauschte kurz durch die Boxen.
Fünf Worte. Leise, aber völlig klar und deutlich.
„Dein Problem bin nicht ich.“
Chiara erstarrte. Die Saftflasche in ihrer Hand – eine 0,5-Liter-Pfanner-Eistee – senkte sich langsam. Niemand lachte. Ein kurzes, betretenes Schweigen breitete sich aus, nur das nächste Lied des DJs war leise zu hören. Dann murmelte eine der Freundinnen: „Komm, lass uns…“ und zog Chiara am Ärmel. Chiara riss sich los, starrte Margit noch einen Moment an, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und stöckelte zur Damentoilette. Ihre Clique folgte ihr zögernd. Es gab keinen Applaus, aber die Luft im Raum fühlte sich plötzlich leichter an. Einige tauschten Blicke aus, und auf ein paar Gesichtern sah ich ein angedeutetes Lächeln – nicht schadenfroh, sondern erleichtert. Die Musik setzte wieder ein.
Mir zitterten die Knie. Ich ging zu Margit, beugte mich zu ihr hinunter und umarmte sie so fest, wie ich konnte, ohne ihr wehzutun. Sie roch nach dem Jasmin-Parfüm, das sie immer trug. „Jetzt aber Schluss mit dem Theater“, flüsterte sie. „Hilf mir, den Kavalier zu spielen – das erste Lied gehört uns.“
Der Abend ging weiter. Margit bestand darauf, mit mir das erste Lied zu tanzen – ich schob den Rollstuhl in langsamen, fließenden Bewegungen über das Parkett, während sie lachend ihren funktionierenden Arm hob und mit den Fingern den Takt schnippte. Die Lichter des Discokugelzaubers tanzten auf ihrem Gesicht, und für einen Moment war sie wieder die Frau, die Stühle beiseite räumte und mit mir auf den Linoleumfliesen Walzer übte.
Später, als die Lichter gedämpft wurden und der DJ ankündigte, die letzten drei Songs zu spielen, saßen wir nebeneinander, Margit im Rollstuhl, ich auf einem Holzhocker. Sie zupfte sich ein Konfetti aus dem Haar und hielt es mir hin. „Weißt du noch, wie wir in der Küche geübt haben? Die Stühle sind immer an den Kühlschrank gerutscht.“ Sie lachte leise. Ich legte meine Hand auf ihre.
Gegen Mitternacht, als ich kurz an der Garderobe war, sah ich, wie Chiaras Vater sie an der Seitenpforte abholte. Er reichte ihr schweigend ihre Jacke, sie wirkte klein und müde. Ich wandte mich ab.
Kurz nach zwei Uhr morgens rief ich ein Taxi. Auf der Rückbank, einem durchgesessenen Opel Astra, kuschelte sich Margit an meine Schulter. Der Geruch von Jasminparfum und Konfetti hing in der Luft. Ihre Hand lag in meiner, der Griff schon schlaff. „Die Rechnung vom DJ war übrigens teurer als gedacht“, murmelte sie im Halbschlaf, „aber der Sound war gut.“ Ich lächelte und betrachtete die Anzeige des Taxameters: 23,80 Euro. Es war 2:23, als sie tief und gleichmäßig zu atmen begann. Der Fahrer summte leise „Griechischer Wein“. Ich schloss die Augen und ließ die letzten Töne des Abends in mir nachklingen.











