Das Kreideporträt

Es war ein Samstag im Juli, kurz vor Mittag, und der Markt auf dem Winterfeldtplatz dampfte vor Hitze. Über die Stände mit marokkanischen Oliven und ofenfrischem Fladenbrot flirrte die Luft wie über einem Grill. Ich lehnte an meinem Streifenwagen und trank einen lauwarmen Kaffee aus dem Pappbecher, während die Touristen sich um die Würstchenbude drängten und ein Straßenmusiker zum dritten Mal dasselbe Lied von Rio Reiser anstimmte.

Neben dem Brunnen kniete ein Mädchen auf dem Pflaster. Vielleicht acht oder neun, blonde Zöpfe mit lila Spängchen, das rechte Knie mit einem Pflaster verziert. Sie malte mit Straßenkreide. Erst sah es nach dem üblichen Kinderkram aus – eine Sonne, ein Haus, ein Baum. Aber je länger ich hinsah, desto deutlicher erkannte ich, dass sie kein Haus und keinen Baum malte, sondern ein Gesicht.

Großformatig. Porträt.

Die Umrisse einer Frau mit halblangem Haar, der Schatten eines Kragens, der Ausschnitt eines Kleides. Und dann, mit einer Präzision, die mir den Kaffee fast aus der Hand gleiten ließ, zeichnete sie einen Anhänger um den Hals der Frau. Einen filigranen Schmetterling mit ausgebreiteten Flügeln, in dessen Mitte ein winziger Edelstein saß, den sie mit einem Stückchen hellblauer Kreide füllte und dann mit dem Finger verwischte, sodass es fast wie ein Aquamarin leuchtete.

Ein paar Leute blieben stehen, schmunzelten, machten ein Foto. Ich stellte den Becher auf die Motorhaube und ging näher ran. Nicht aus Pflichtbewusstsein, sondern weil mich plötzlich etwas fröstelte, mitten in der Bullenhitze, ohne erkennbaren Grund.

Das Mädchen sprach nicht. Sie summte leise vor sich hin, eine Melodie ohne erkennbaren Refrain, und tupfte mit rosa Kreide die Lippen der Frau nach. Ihre Zunge klemmte zwischen den Zähnen, wie das Kinder beim Malen tun. Aber ihre Augen waren nicht bei der Sache. Sie starrte irgendwohin, knapp neben mein linkes Knie, als sähe sie dort jemanden, der hinter mir stand.

Ich drehte mich um. Niemand da. Nur die Obstkisten vom Stand von Mehmets Sohn, der gerade einen Kunden bediente.

„Na, Kleine, wen malst du denn da?“, fragte ich und ging in die Hocke.

Sie hob den Kopf kaum. „Die Frau mit dem Schmetterling“, sagte sie. Ihre Stimme war ein bisschen heiser, als hätte sie stundenlang nicht gesprochen.

Ich wollte gerade etwas Lustiges erwidern – vielleicht, dass der Schmetterling ja wie ein Logo von einem Juwelier aussähe – als eine ältere Dame an den Rand des Kreidebildes trat. Sie trug ein schlichtes weißes Baumwollkleid, Leinenschuhe und eine Sonnenbrille mit runden Gläsern. Ihre Hand zitterte leicht, als sie die Brille abnahm.

„Herrgott“, flüsterte sie.

Die Marktgeräusche sackten plötzlich ab, als hätte jemand den Ton leiser gedreht.

Die Frau bückte sich mit steifen Knien, starrte auf den Schmetterling, dann auf das Gesicht, das das Mädchen mit erstaunlich ruhigem Strich in den Asphalt gefügt hatte.

„Der Anhänger … das ist unmöglich.“ Ihre Lippen bewegten sich, als würde sie ein Gebet aufsagen, aber es kam kein Laut mehr. Sie presste die Fingerspitzen auf ihre Brust, genau auf die Stelle, wo unter dem Stoff ihres Kleides eine dünne Narbe saß, von einer Operation vor Jahren. Ich kannte die Frau flüchtig. Sie hieß Irene Köller und wohnte ein paar Straßen weiter, eine ehemalige Lehrerin, die seit fast einem Jahrzehnt jeden Monat einen Brief an die Pressestelle des LKA schrieb, weil ihre Tochter Clara nie nach Hause gekommen war.

Clara Köller, 27, verschwunden im August vor neun Jahren, nach einem Betriebsfest in der alten Seifenfabrik an der Panke. Die Akte kannte ich aus dem Fortbildungsunterricht. Cold Case. Ungeklärt. Kein Körper, keine Spur.

Der Schmetterling war das Einzige, was die Familie den Ermittlern damals verschwiegen hatte. Ein Erbstück von der Urgroßmutter, mit einem echten Aquamarin, im Familienkrebs nur der „Blaue Falter“ genannt. Die Presse hatte nie ein Foto davon bekommen.

„Fräulein“, sagte Irene Köller mit einer Stimme, die fast brach, „woher weißt du von dem Anhänger? Wer hat dir das gesagt?“

Das Mädchen hörte auf zu summen. Sie legte die lila Kreide ab, wischte sich die Hände an ihrem Rock ab und sah Irene direkt in die Augen. Es war kein kindlicher Blick, nicht einmal ein trauriger. Es war der Blick eines Menschen, der etwas aufbewahrt, das ihn nachts wach hält.

„Die Frau hat gesagt, sie konnte ihn noch kurz bevor sie eingeschlafen ist festhalten. Er war kalt, aber sie hat ihn nicht losgelassen. Dann hat sie mir die Tür gezeigt mit der blauen Farbe und dem kaputten Klingelschild.“

Die Leute um uns herum, die bis dahin nur neugierig gegafft hatten, verstummten komplett. Die Hitze stand im Kreis wie eine Wand. Ich spürte, wie meine Hand zum Funkgerät am Gürtel wanderte, aber ich drückte nicht.

„Welche Tür?“, fragte ich.

Die Kleine deutete mit dem Kinn die Prager Straße hinunter, Richtung Kanal.

Ich schluckte. Dort hinten gab es drei vier leerstehende Häuser, eins davon mit einer verwitterten blauen Tür, seit die alte Möbelfabrik pleitegegangen war. Ein Drogenumschlagplatz, über den wir nie richtig sprachen, weil die Besitzverhältnisse verwickelt waren und die Nachbarn keine Aussagen machten.

Irene Köller griff nach meinem Ärmel. Ihre Knöchel waren weiß, als sie flüsterte: „Herr Wachtmeister, bitte. Tun Sie etwas. Bitte.“

Der Straßenmusiker hatte aufgehört zu spielen.

Ich schickte eine Durchsage an die Zentrale, nicht mit dem Funk, sondern mit dem Handy, weil ich nicht wollte, dass halb Kreuzberg mithörte. Dann fragte ich das Mädchen nach ihrem Namen. Sie hieß Lina, war neun, wohnte bei ihrer Tante in der Frobenstraße und war zum Malen hergekommen, weil der Asphalt hier so schön glatt war.

„Und die Frau?“, fragte ich. „Hast du sie schon öfter gesehen?“

Lina nickte, als wäre die Frage so normal wie die nach dem Wetter. „Immer samstags. Sie steht an der blauen Tür und wartet, dass jemand aufmacht. Aber keiner macht auf. Heute hat sie gesagt, ich soll sie malen, damit die Leute nicht vergessen, dass sie noch da ist. Sie riecht nach Seife und Lavendel.“

Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Irene Köller sackte auf die Knie, mitten in das Bild, aber sie berührte die Kreide nicht. Sie weinte lautlos, die Hände vor dem Mund.

Innerhalb von zwanzig Minuten war der Platz geräumt. Die Kollegen vom Kriminaldauerdienst sperrten das Gebäude an der Prager Straße ab, ein buckliges Fachwerkhaus mit toten Fenstern und einer blauen Tür, die tatsächlich ein verblichenes Schild ohne Namenszug trug. Ein Spürhund schlug im Kellergeschoss an, in einem Verschlag hinter der alten Heizungsanlage.

Ich blieb oben, während sie gruben. Irene Köller saß auf einer klapprigen Bank vor der Tür, eine Aludecke um die Schultern, obwohl die Hitze jetzt unerträglich war. Lina hockte neben ihr und malte mit einem Rest blauer Kreide kleine Schmetterlinge auf die Armlehne. Keiner sagte ein Wort.

Das Erste, was sie fanden, war der Anhänger. Der Aquamarin hatte einen Sprung, aber der Schmetterling war intakt. Er lag unter einer zerrissenen Plastikplane, in einem flachen Grab aus Bauschutt. Darunter, in ein verblichenes Sommerkleid gewickelt, das, was von Clara Köller übrig war.

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Die Boulevardzeitungen titelten am Montag: „Das Kreidewunder vom Winterfeldtplatz“. Der zuständige Kommissar Harms, ein alter Hase, der seit dreißig Jahren Fälle mit kalter Aktenluft löste, ließ den damaligen Kollegen von der Betriebsfeier befragen, den unscheinbaren Buchhalter, der Clara nach Hause gefahren haben wollte. Konfrontiert mit dem Fundort, den Lina ihnen gezeigt hatte, brach er noch in derselben Nacht zusammen und legte ein Geständnis ab. Es war eine banale Geschichte von verschmähter Zuneigung, zu viel Sekt und einem versehentlichen Stoß auf der Kellertreppe. Die blaue Tür gehörte seinem Onkel.

Ich besuchte Lina eine Woche später, an einem verregneten Dienstag. Ihre Tante öffnete, eine Frau Mitte fünfzig mit müden Augen, die mir sofort einen Tee anbot. Lina saß am Küchentisch und malte. Nicht mit Kreide, sondern mit Buntstiften in ein Schulheft. Diesmal eine lächelnde Frau mit Schmetterling, die eine kleinere Figur an der Hand hielt – ein Mädchen mit Zöpfen und lila Spängchen. Im Hintergrund stand eine blaue Tür, aber sie war offen. Dahinter war nichts als helles Gelb.

„Warum hast du mich angelogen?“, fragte ich leise, während ihre Tante am Herd hantierte. „Du hast die Frau nicht gesehen. Du hast die Zeitungen von damals durchstöbert, nicht wahr? Du hast irgendwo ein altes Familienfoto mit dem Schmetterling gefunden und die Geschichte deiner Tante gehört, die früher in der Fabrik gearbeitet hat. Du wusstest von der Tür, weil dein Vater dort seinen Treffpunkt hatte. Du hast dir alles zusammengereimt, um Gerechtigkeit zu kriegen, ohne zu wissen, ob wir je ein Grab finden würden. Stimmt’s?“

Lina kaute auf ihrem Stift und schüttelte den Kopf, ohne aufzublicken. „Sie war wirklich da. Sie sagt, Sie sollen sich keine Sorgen machen. Der Buchhalter hat ihr den Anhänger nicht weggenommen, weil er so schön funkelte, und sie hat ihn die ganze Zeit festgehalten. Sie bedankt sich bei Ihnen, dass Sie gekommen sind.“

Dann malte sie weiter, summte leise vor sich hin, und ich starrte auf das Bild, bis die Regentropfen an der Scheibe runterliefen und mir die kalte Nässe durch die Uniformjacke kroch.

Irene Köller ließ Clara auf dem Friedhof an der Bergmannstraße beisetzen, unter einer Birke. Auf den Stein ließ sie einen kleinen blauen Falter meißeln. Lina war bei der Beerdigung und warf keine Blumen, sondern eine Handvoll bunter Kreidestücke in die Grube.

Als wir zurück zum Markt gingen, lag der Platz verlassen im Nachmittagslicht. Aber auf dem Asphalt, genau an der Stelle, wo Wochen zuvor das Porträt gewesen war, schimmerte noch ein blasser blauer Fleck. Lina blieb stehen, schaute mich an und lächelte.

„Die Frau sagt, jetzt können Sie Ihren Kaffee in Ruhe trinken, Herr Wachtmeister. Sie muss nicht mehr warten.“

Dann rannte sie zu ihrer Tante, die am Brunnen wartete, und ich stand da, der leere Pappbecher immer noch irgendwo im Streifenwagen, und versuchte, den Schmetterling nicht mehr zu sehen, den sie mir auf den Handrücken gemalt hatte, als ich mich verabschiedete. Es gelang mir nicht.

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Das Kreideporträt