Die gepackte Kiste

Jan schob sich eine Gabel voll Nudeln in den Mund und sagte es so nebenbei, als würde er das Wetter kommentieren.

„Ich fahr dann nächsten Montag zu meiner Mutter. Wird so zwei, drei Monate dauern, schätze ich. Der Umzug in die kleinere Wohnung, die ganzen Möbel. Sie schafft das allein nicht, und der Bertram kann ihr auch nicht ewig helfen. Die neue Küche muss auch noch rein, und den alten Boden im Bad muss ich rausreißen."

Lara hörte auf zu kauen. Nicht abrupt, nicht dramatisch. Sie legte einfach die Gabel beiseite und schluckte den Bissen hinunter, der plötzlich nach nichts mehr schmeckte. Vom Fenster her zog ein kalter Luftzug aus dem undichten Rahmen und strich über ihre nackten Arme. Draußen war es längst dunkel, ein regnerischer Novemberabend in Hamburg-Eimsbüttel, der sich an die Scheiben presste.

„Lara? Hast du gehört?" Jan blickte auf, eine Augenbraue gehoben. In seinen Mundwinkeln klebte noch ein Rest Tomatensoße.

„Ich hab's gehört", sagte sie leise.

Er wartete auf mehr. Auf ein Nicken, auf ein knappes „Mach das, ist doch klar". Vielleicht auf eine Nachfrage, wann genau die Möbelpacker kämen und ob er dicke Handschuhe bräuchte. Stattdessen schob Lara ihren Stuhl ein Stück zurück. Die Beine quietschten kurz auf dem alten Dielenboden, dann war es still im Raum. Nur der tropfende Wasserhahn im Bad nebenan. Alle vier Sekunden ein Tropfen. Ein Geräusch, das sie seit Wochen in den Wahnsinn trieb.

„Soll ich dir sagen, woran ich mich in dieser Ehe erinnern werde?", fragte sie und sah ihn an. Nicht böse. Nicht tränenerfüllt. Nur mit einer Ruhe, die Jan nicht einordnen konnte.

„Woran denn?", fragte er irritiert und legte die Gabel auf den Tellerrand. Das Besteck klirrte leise.

„An dieses Geräusch." Lara wies mit dem Kinn zur Badezimmertür. „Der Wasserhahn. Der tropft seit acht Wochen, Jan. Weißt du, wie oft ich dich gebeten habe, die Dichtung zu tauschen? Sechsmal. In acht Wochen. Es dauert zehn Minuten, eine neue Dichtung kostet drei Euro."

Jan setzte sich gerader hin. Seine Stirn legte sich in Falten. „Was hat denn das jetzt mit dem Umzug meiner Mutter zu tun? Die Frau ist zweiundsiebzig, die kann doch nicht—"

„Du hast Recht. Es hat nichts mit dem Umzug zu tun." Lara stand auf und ging zum Fenster. Ihre bloßen Füße auf dem kühlen Holz. Sie drehte ihm den Rücken zu und sah auf die nasse Straße hinunter, auf die Lichter der Autos, die im Regen verschwammen. Zwei Straßen weiter, in einem Altbau mit knarzendem Treppenhaus, wartete ihre Schwester Nora darauf, dass dieses Theater endlich ein Ende fand. Das weiß ich seit Monaten, dachte Lara. Wusste es, ohne es zu wissen.

„Ich hab gestern mit Nora telefoniert", sagte sie, ohne sich umzudrehen.

Jan stöhnte leise. „Ach, Nora. Sag bloß."

„Sie hat mich gefragt, wann ich das letzte Mal hier glücklich war." Lara drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken gegen das kalte Glas. „Ich wusste keine Antwort. Nicht eine. Und dann hab ich überlegt, wann du das letzte Mal ein Wochenende bei mir warst. Das war im August. Seitdem jedes zweite Wochenende bei deiner Mutter. Der kaputte Wasserhahn im Bad. Die neue Küche für ihren Bungalow in Quickborn. Der Keller, der ausgeräumt werden muss. Das Dach, das neu gedeckt gehört. Am Ende des Monats bist du wieder drei Wochenenden dort. Was bleibt für uns? Der Sonntagabend?"

Jan schüttelte den Kopf, als hätte man ihm falsch ausgezahlt und er müsste jetzt den Kassenzettel kontrollieren. „Lara, das ist meine Mutter. Meine Mutter. Die hat keinen Mann mehr, keinen Sohn außer mir, die Nachbarn sind Rentner und selbst auf Hilfe angewiesen. Was soll ich denn machen? Soll ich sie im Regen stehen lassen?"

„Ich hab auch nur eine Mutter", sagte Lara. Ihre Stimme wurde leiser, nicht schwächer. „Und ich hab sie letztes Weihnachten das erste Mal seit sechs Monaten gesehen, weil du bei deiner Mutter warst und ich allein nicht fahren wollte. Das sagst du nicht, Jan. Das siehst du nicht."

Jan schluckte. Er griff nach seinem Handy, eine Reflexbewegung, die Lara nur zu gut kannte. Wenn das Gespräch unangenehm wurde, rief er Helga an. Die Instanz, die alles klärte und einordnete. Der Schiedsrichter im Hintergrund.

„Nicht", sagte Lara leise, aber bestimmt.

Jan hielt inne, das Handy bereits in der Hand. „Was, nicht?"

„Ruf sie nicht an. Nicht jetzt. Wir klären das hier, du und ich. Oder wir klären gar nichts."

Er legte das Telefon zurück auf den Tisch, aber seine Finger blieben unruhig auf dem Display liegen. Sein Blick wanderte zwischen Lara und dem Gerät hin und her, als überlegte er, ob dies der Moment war, die Regeln neu auszuhandeln.

„Ich versteh das Problem nicht", sagte er schließlich. „Drei Monate. Danach ist alles erledigt. Die Wohnung ist übergeben, die Küche funktioniert, das Bad hat einen neuen Boden. Dann bin ich wieder hier. Was sind schon drei Monate?"

Lara stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus. „Was drei Monate sind? Weißt du, wie viele Monate du in den letzten zwei Jahren bei deiner Mutter warst? Ich hab's gezählt. Dreizehn. Dreizehn Monate. Ein Jahr. Über die Hälfte der Zeit, die wir hier zusammen in dieser Wohnung verbringen sollten, hast du bei ihr auf der Leiter gestanden."

Jan wurde rot. Nicht vor Scham – vor Empörung. Er stand auf, zu schnell, und der Tisch wackelte. Sein Stuhl schrammte über die Dielen. Er war ein großer Mann, einsachtundachtzig, breite Schultern. Wenn er wütend im Raum stand, wirkte die Wohnung plötzlich zu klein.

„Das ist doch irre! Ich arbeite wie ein Verrückter, damit wir uns dieses Leben hier leisten können! Ich schufte auf Montage, ich komm heim, und dann werd ich angezählt, weil ich meiner Mutter helfe? Meinst du, ich mach das zum Spaß? Meinst du, ich steh gern bei null Grad auf einer Baustelle und schneide Rigipsplatten zurecht? Das ist kein Vergnügen, Lara, das ist Verantwortung!"

Er hatte laut geredet. Seine Stimme überschlug sich fast. Er hasste Streit, das wusste Lara. Er war keiner, der diskutierte und Lösungen fand. Er überrumpelte, er argumentierte mit schierer Lautstärke, und wenn das nicht half, wurde Helga eingeschaltet.

Aber Lara saß einfach nur da. Sie stützte ihr Kinn auf die Hand und sah ihn an, als sähe sie ein Theaterstück, das sie schon kannte. Den ersten Akt, den zweiten, den dritten.

„Ich nehm dir deine Verantwortung nicht", sagte sie, als er Luft holte. „Ich will keinen Mann, der seine Mutter im Regen stehen lässt. Aber ich will auch keinen Mann, der seine Frau im Regen stehen lässt, nur weil das eine Regen bei ihm lauter prasselt als das andere."

Jan wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er stand mit hängenden Schultern vor ihr und kämpfte mit einem unsichtbaren Gegner, den er nicht greifen konnte. Er griff erneut zum Telefon.

„Ich ruf sie jetzt an. Das müssen wir zusammen besprechen."

Lara sagte nichts mehr. Sie sah zu, wie er wählte, wie er mit Drücken auf die grüne Taste eine Entscheidung traf, die längst gefallen war. Drei kurze Töne. Dann eine Stimme, hell und klar, die aus dem kleinen Lautsprecher drang.

„Helga, Jan hier. Du, ich muss dir was sagen." Er stand auf, ging in den Flur, die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Aber das dünne Holz dämpfte kaum etwas.

„Ja… Nein, nichts Schlimmes. Also doch. Lara macht ein Drama draus. Wegen des Umzugs. Sie sagt, wenn ich jetzt für drei Monate komme, dann… nein, das ist ihr Ernst. Sie redet von Trennung."

Lara saß am Küchentisch und hörte zu, wie die Frau am anderen Ende der Leitung ihrem Sohn die Welt erklärte. Sie hörte Bruchstücke: „Undankbarkeit", „nach allem, was du für sie tust", „Familie geht vor". Worte, die sie kannte. Sätze, die sie hundertmal gehört hatte, bei Familienfeiern in Quickborn, bei Sonntagsanrufen, die bis in den Abend dauerten. Es war eine Melodie aus Loyalität und Besitzanspruch, und Jan summte sie mit, ohne es zu merken.

Eine Viertelstunde später klingelte es an der Tür. Kurz, energisch, zweimal.

Jan öffnete. Helga Thomsen stand im Treppenhaus, den Kragen ihres Regenmantels hochgeschlagen, eine Plastiktüte mit Tupperdosen in der Hand. Sie war eine schmale Frau mit wachen Augen und einer Haltung, die keinen Zweifel daran ließ, dass sie den Durchblick hatte.

„Kind, was erzählst du mir da am Telefon?", sagte sie zu Jan und trat ein, ohne gefragt zu werden. Sie stellte die Tüte auf den Schuhschrank und hängte ihren Mantel an den Haken. Ihre Schuhe waren nass, sie zog sie nicht aus.

In der Küche blieb sie stehen und sah Lara an. Es war kein warmer Blick, aber auch kein feindseliger. Es war der Blick einer Inspektorin, die eine Baustelle begutachtet.

„Jans Vater hat sich nie um seine Mutter gekümmert", sagte Helga, an Lara gewandt, ohne Einleitung. „Die Frau ist im Altersheim gestorben, allein, weil er sich nicht kümmern wollte. Jan hat mir geschworen, dass mir das nie passiert. Dass er sich um mich kümmert, wenn ich ihn brauche. Das ist kein Sohnes-Pflichtgetue, Lara. Das ist ein Versprechen."

Jan nickte heftig und stellte sich neben seine Mutter. Die beiden standen einander gegenüber wie zwei Kämpfer in einer Arena, die Schultern gestrafft, die Blicke fest auf Lara gerichtet. Ein Bollwerk aus gutem Gewissen und gegenseitiger Bestätigung.

„Ich verstehe das Versprechen", sagte Lara leise. Sie war sitzen geblieben, die Hände lose im Schoß gefaltet. „Ich verstehe, dass du deine Mutter nicht im Stich lassen willst. Aber Jan hat auch mir ein Versprechen gegeben. Vor zwei Jahren. Vor dem Standesamt. Er hat gesagt, er will mein Partner sein. Mein Alltag. Meine Familie."

Helga zog die Augenbrauen hoch. „Das ist er doch! Wer verdient denn das Geld für diese Wohnung? Wer hat dir den Urlaub auf Föhr bezahlt? Das alles hier, das hat mein Sohn aufgebaut!"

„Mit dem Gehalt, das wir beide verdienen", sagte Lara ruhig. „Ich arbeite genauso vierzig Stunden wie er. Das hier ist unsere Wohnung, nicht seine."

Jan wollte etwas sagen, aber Helga war schneller. „Weißt du, wie schwer es ist, eine Wohnung aufzulösen, in der man dreißig Jahre gelebt hat? Ich hab jeden einzelnen Teller in Zeitungspapier gewickelt, ich hab die Gardinen abgenommen, die mein Mann noch aufgehängt hat, ich hab seine Hemden aussortiert. Zwei Kartons bloß. Zwei Kartons von einem ganzen Leben." Ihre Stimme brach kurz, fing sich sofort wieder. „Ich bin allein, Lara. Ich hab sonst niemanden. Und jetzt willst du mir den letzten nehmen, der mir geblieben ist?"

Ein Satz, sorgfältig gesetzt, eine spitze Waffe, die unter die Haut gehen sollte. Lara spürte den Stich, aber sie spürte auch etwas anderes: einen Druck, der plötzlich nachließ, als hätte jemand eine Schraube gelockert.

Sie stand auf.

Ohne Eile ging sie aus der Küche, durch den Flur in die Abstellkammer. Jan und Helga sahen ihr nach, verwirrt ob des Schweigens. Lara hörte, wie Jan etwas raunte, aber sie verstand die Worte nicht. Sie kniete sich vor das unterste Regalbrett und zog eine große, unbenutzte Umzugskiste hervor. Die Kiste von IKEA, rechteckig, stabil, mit zwei Grifflöchern.

Sie trug sie in die Küche zurück. Jan starrte sie an, Helga ebenfalls. Die Kiste war leer, aber ihre Präsenz veränderte den Raum.

„Was machst du?", fragte Jan, und in seiner Stimme war zum ersten Mal keine Wut mehr, sondern etwas anderes. Etwas Unsicheres.

Lara antwortete nicht. Sie nahm die Kiste mit ins Schlafzimmer, zog den Kleiderschrank auf und holte heraus, was dort seit Monaten ordentlich gefaltet in einem eigenen Fach lag. Seine Arbeitsklamotten, die er nur bei der Mutter trug. Drei alte T-Shirts, ein dicker Pullover mit ausgebleichten Ellbogen, zwei abgewetzte Jeans, die fleckige Regenjacke. Die gefütterten Stiefel aus dem Schuhregal. Alles wanderte in die Kiste.

Sie schloss den Deckel. Keine Hast. Keine Wut. Jede Bewegung bedacht, als wäre sie Krankenschwester, die ein Besteck für die OP vorbereitete.

Zurück in der Küche stellte sie die Kiste auf den Boden, öffnete die untere Schublade des Sekretärs und nahm die Mappe heraus, in der sie ihre Papiere aufbewahrten. Sie entnahm das Familienstammbuch, blätterte zur Heiratsurkunde und legte sie oben auf die gefüllte Kiste. Ein weißes Blatt Papier in einer Klarsichthülle, das leichteste und schwerste Teil zugleich.

Jan war kreidebleich geworden. Helga neben ihm stand wie versteinert, den Mund leicht geöffnet, als wollte sie protestieren, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie hatte viel gesehen im Leben, drei Umzüge, zwei Beerdigungen, ein verkauftes Haus. Aber diese Ruhe, mit der die Frau ihres Sohnes das Ende ihrer Ehe in eine Umzugskiste packte, war selbst für sie zu viel.

Lara hob die Kiste an. Sie war schwer, aber nicht so schwer wie das Warten der letzten Jahre. Sie trug sie durch den Flur, stellte sie vor der Wohnungstür ab, öffnete die Tür und schob die Kiste hinaus auf den Treppenabsatz.

Dann nahm sie aus der Jackentasche den einzigen Schlüssel, den sie noch besaß – den Zweitschlüssel von Jans Fahrradkeller, den er irgendwann vergessen hatte – und legte ihn auf den Schuhschrank.

Sie drehte sich um. Jan stand im Türrahmen zur Küche, die Hand seiner Mutter auf seinem Arm, und starrte sie an. Sein Gesicht war leer, als hätte jemand alle Lichter in ihm ausgeknipst.

„Du kannst jetzt fahren", sagte Lara. „Deine Mutter wartet."

Sie zog die Wohnungstür zu. Das Schloss schnappte mit einem trockenen Klicken. Der Regen draußen hatte zugenommen und prasselte gegen das Treppenhausfenster.

Im kalten Licht der Neonröhre standen Jan Thomsen und seine Mutter Helga im zweiten Stock eines Hamburger Mietshauses, vor einer gepackten Kiste mit Arbeitsklamotten und einer Heiratsurkunde, und wussten nicht, in welche Richtung sie gehen sollten.

Nach Quickborn fuhr an diesem Abend kein Zug mehr vor Mitternacht. Helga rief ein Taxi; sie bezahlte bar, wie immer, und gab dem Fahrer fünf Euro Trinkgeld für das Einladen der Kiste. Während der Fahrt, vorbei an regennassen Feldern und leeren Kreisverkehren, sprachen sie wenig. Jan saß auf der Rückbank, das Kinn auf die Brust gesunken, und drehte den Ehering an seinem Finger, ohne es zu merken.

Im Bungalow seiner Mutter roch es nach kaltem Kaffee und dem Laminat, das nächste Woche rausgerissen werden sollte. Helga machte Licht in der Küche, setzte Wasser auf. Sie nestelte an der Kaffeemaschine, dann ließ sie es bleiben und setzte sich an den Tisch.

„Das mit dem Umzug. Das könnte ich allein schaffen, weißt du. Bertram hilft mir auch."

Jan sah auf. „Mama—"

„Ich mein ja nur." Sie griff nach der Zuckerdose und stellte sie wieder hin. „Falls du zurückmusst. Nach Hamburg."

Draußen trommelte der Regen gegen die Fensterbank. Jan antwortete nicht sofort. Er dachte an den tropfenden Wasserhahn in der Wohnung, dessen Geräusch er nie wirklich gehört hatte. An die Dichtung, die er nie gekauft hatte. An die Kiste im Taxi, in der seine Heiratsurkunde zwischen ausgewaschenen Pullovern lag.

„Ich glaube, es ist zu spät, um zurück zu müssen", sagte er.

Helga nickte langsam. Sie wusste nicht, ob sie das, was sie da fühlte, Erleichterung nennen sollte oder Scham. Sie schenkte Tee ein, holte eine Packung Printen aus dem Schrank und legte ihrem Sohn schweigend ein Stück auf einen kleinen Teller.

Der nächste Morgen kam zögernd, als traute das Licht sich nicht durch die Wolken.

Lara stand um sieben an der Küchenspüle und schraubte mit einem Gabelschlüssel den alten Perlator vom Wasserhahn ab. Das Gewinde quietschte, dann gab es nach. Sie tauschte die poröse Dichtung gegen die neue, die seit August in der Bestecklade gelegen hatte, und drehte das Gewinde wieder fest. Sie öffnete das Wasser und wartete.

Kein Tropfen mehr. Nur das leise, gleichmäßige Rauschen von Wasser, das genau dorthin floss, wo es hingehörte.

Sie trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. Über ihrem Handy blinkte eine Nachricht von Nora: „Bin um halb zehn bei dir, bring frische Brötchen mit. Das mit der Kiste erzählst du mir haarklein."

Lara schrieb keine Antwort zurück. Sie ging zum Fenster, öffnete es einen Spalt weit und atmete die kalte, regengewaschene Morgenluft ein. Der November war noch da, aber er roch anders. Weniger nach Abschied. Mehr nach Anfang.

Auf der Fensterbank lag, zusammengefaltet und vergessen, ein Zettel von Helga. Ein altes Rezept für Rouladen, das sie ihm vor Monaten mitgegeben hatte. Lara hatte es zwischen Kochbüchern gefunden, als sie die Schublade für die Papiere aufzog. Sie nahm den Zettel, faltete ihn noch einmal und legte ihn in die Altpapiertonne hinter der Tür.

Dann machte sie sich Kaffee, setzte sich an den Küchentisch und wartete auf ihre Schwester und die frischen Schrippen.

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