Der gefesselte Hund von Waldkirch

Marlene Brenner hasste den Weg durch den Forst hinter der Kleingartensiedlung, aber seit die Buslinie 14 nach der Kürzung nur noch bis zur Wiesenstraße fuhr, blieb ihr keine andere Wahl. Es war der zwanzigste November, kurz nach sechs, und die Luft roch nach nassem Laub und dem Kohleofen, den ihr Nachbar trotz Verbots noch immer befeuerte. Irgendwo bellte ein Hofhund, dann Stille. Unter ihrem Stiefel knackte ein Ast.

Sie blieb stehen. Neben ihr, im Gebüsch, ein Geräusch — dünn, gepresst, fast wie das Wimmern eines Kindes.

„Ist da jemand?" Ihre Stimme kippte in eine Höhe, die ihr selbst fremd war.

Wieder dieses Wimmern. Marlene dachte an die Geschichten, die im Ort kursierten — von der vermissten Katze der Familie Wagner, von Jugendlichen, die nachts Feuer im Wald machten. Sie bog die kahlen Zweige eines Holunderstrauchs auseinander und erstarrte.

In einer flachen Mulde, halb bedeckt mit nassem Laub, lag ein Hund. Kaum mehr als ein Fell über Rippen. Die Vorder- und Hinterläufe waren über Kreuz mit Paketklebeband zusammengebunden, so fest, dass die Haut darunter blau angelaufen war. Die Augen des Tieres waren trüb, ohne Hoffnung — nur mit dieser stillen Ergebenheit, die schlimmer war als jede Angst.

„Um Gottes willen", presste Marlene hervor und ließ sich auf die feuchte Erde sinken. „Wer tut dir so was an?"

Der Hund drehte den Kopf zu ihrer Stimme, ein schwaches Wedeln mit dem Schwanzstummel. Marlene zog ihren Wollmantel aus, wickelte das Tier hinein, ohne auf den Schmutz zu achten. Es wehrte sich nicht, ließ sich hochheben, als wäre selbst der letzte Widerstand längst aufgebraucht.

An der Bundesstraße hielt sie ein Taxi an. Der Fahrer, ein junger Mann mit Kopfhörern um den Hals, schüttelte zunächst den Kopf — „das Vieh macht mir die Polster kaputt" —, doch Marlene sah ihn nur an.

„Würden Sie so einen Menschen abweisen? Ein Kind in diesem Zustand?"

Er schwieg, öffnete die hintere Tür.

Die Tierarztpraxis am Marktplatz von Waldkirch hatte um diese Zeit noch offen. Drinnen roch es nach Desinfektionsmittel und kaltem Kaffee. Dr. Jonas Ehrlich, ein hochgewachsener Mann mit müden Augen und Dreitagebart, kam ihr entgegen, warf einen Blick auf das Bündel im Mantel und deutete wortlos auf den Untersuchungstisch.

„Im Wald gefunden", sagte Marlene und legte das Tier vorsichtig ab. „Gefesselt. Keine Ahnung, wie lange sie dort lag."

Jonas wickelte den Mantel auf, und für einen Moment bewegte er sich gar nicht. Dann sah Marlene, wie sich sein Kiefer anspannte.

„Was für ein Mensch macht so etwas."

Mit einem Skalpell durchtrennte er das Klebeband. Der Hund zuckte schwach, hatte aber keine Kraft, sich aufzurichten.

„Wird sie es schaffen?" Marlenes Finger krallten sich in die Tischkante.

Als Jonas aufsah, lag in seinem Blick etwas, das Marlene unwillkürlich zurückweichen ließ — eine Wut, die er kaum unter Kontrolle hielt.

„Sie wird es schaffen. Und dann finden wir denjenigen, der das getan hat."

Er sagte es nicht als Trost. Es klang wie ein Versprechen an sich selbst.

„Ich erstatte Anzeige", verkündete Marlene und kramte ein abgegriffenes Notizbuch aus ihrer Handtasche. „Wie heißen Sie?"

„Jonas Ehrlich. Und Sie?"

„Marlene Brenner." Sie schrieb den Namen sauber unter das Datum. „Wir müssen denjenigen finden, der das getan hat. Der muss zur Rechenschaft gezogen werden."

Jonas nickte, wandte sich wieder dem Tier zu. „Das ist kein Streuner. Das Fell, die Zähne — das war ein Haustier. Vor zwei, drei Tagen ausgesetzt, nicht länger."

„Dann ist die Spur noch frisch." Marlene spürte, wie etwas in ihr aufflammte, das sie seit Jahren nicht mehr gefühlt hatte. „Wir kriegen ihn."

Der Hund, als hätte er verstanden, bewegte den Schwanzstummel ein weiteres Mal.

Am nächsten Morgen fand Jonas Marlene bereits vor der Praxistür, auf der Bank, in ihre Jacke gehüllt, die Nase rot von der Kälte.

„Sie sitzen doch nicht die ganze Nacht hier?"

„Nein, bin gerade erst gekommen. Wollte wissen, wie es ihr geht."

Drinnen roch es nach Kaffee aus der alten Maschine im Wartezimmer. Jonas verschwand für eine Weile im Behandlungsraum, während Marlene aus einem Korb einen Behälter mit Essen, eine Thermoskanne und eine Mappe mit Papieren auf den Tisch räumte.

Bei der Polizei war sie tags zuvor auf wenig Begeisterung gestoßen. Der diensthabende Beamte, ein untersetzter Mann mit Tränensäcken, hatte kaum den Blick von seinem Bildschirm gehoben.

„Frau Brenner, wir haben zwei ungeklärte Einbrüche und einen Verkehrsunfall mit Todesfolge. Und Sie kommen mit einem Hund."

„Wer so etwas einem Tier antut, macht bei einem Menschen nicht halt!"

„Wir nehmen die Anzeige auf. Versprechen kann ich nichts."

Jetzt lag diese Mappe vor ihr, mit der Kopie der Anzeige, die vermutlich irgendwo in einer Schublade verschwinden würde.

Jonas kam zurück. „Die Nacht war gut. Dehydriert, unterernährt, aber die inneren Organe scheinen unversehrt." Er setzte sich ihr gegenüber, und Marlene bemerkte zum ersten Mal die Schatten unter seinen Augen. „Sie hat Glück gehabt, dass Sie sie gefunden haben. Nicht alle haben das Glück."

In seiner Stimme lag etwas Altes, Schweres. Diese Hündin war nicht die erste, die er nach menschlicher Grausamkeit zusammenflicken musste.

„Wie soll sie heißen?", fragte Marlene, um das Thema zu wechseln.

„Bisher steht nur ‚Patientin acht' in der Akte."

„Das ändern wir."

Im Stationszimmer, zwischen Infusionsständern, lag der Hund auf einer Decke. Beim Anblick der beiden hob er den Kopf.

„Sie erkennt uns wieder", sagte Marlene und kramte einen Behälter mit klein geschnittenem Hähnchenfleisch hervor.

„Vorerst nur Spezialfutter, in kleinen Mengen", bremste Jonas. „Und vor allem Ruhe."

Marlene strich der Hündin über den Kopf. „Ich komme jeden Tag. Und wir finden den, der dir das angetan hat."

„Glauben Sie wirklich, dass man ihn findet?", fragte Jonas später, als sie den Flur entlanggingen.

„Auf die Polizei verlasse ich mich nicht. Ich finde ihn selbst."

„Wie das?"

„Über das Internet. Mein Sohn hat mir gezeigt, wie soziale Medien funktionieren. Ich stelle ein Foto rein, schreibe, wo ich sie gefunden habe. Irgendjemand hat bestimmt etwas gesehen."

Jonas lachte trocken. „Sie sind eine Kämpferin."

„Ich war Bibliothekarin. Achtunddreißig Jahre in der Stadtbücherei Waldkirch. Ich weiß, wie man an Informationen kommt." Sie zog ihr altes Smartphone hervor. „Nur mit der Technik hapert es. Können Sie mir helfen, ein gutes Foto zu machen? Eines, auf dem alles zu erkennen ist?"

Jonas überlegte kurz, nickte dann. „Ich habe sogar eine bessere Idee. Meine Schwester schreibt für den Waldkircher Anzeiger. Ich frage sie, ob sie einen Artikel bringt."

„Meinen Sie, sie macht das?"

„Sie muss. Sonst frage ich mich, was das für Leute sind, denen fremdes Leid egal ist."

In diesem Moment wurde Marlene klar, dass sie einen Verbündeten gefunden hatte. Einen echten.

Zwei Wochen später hatte sich Marlenes kleine Wohnung über der Bäckerei Hofmann in einen regelrechten Ermittlungsraum verwandelt — Ausdrucke von Kommentaren, ein Zeitungsausschnitt, sogar ein anonymer Zettel, der im Briefkasten gelegen hatte.

Es klingelte. Jonas stand vor der Tür, Schnee auf den Schultern, die Wangen vom Frost gerötet.

„Ich habe Neuigkeiten", sagte Marlene, kaum dass er die Wohnung betreten hatte.

„Ich auch. Aber du zuerst."

Sie legte einen Ausdruck auf den Küchentisch. „Eine junge Frau aus der Talstraße hat geschrieben. Sie hat vor zwei Wochen einen Mann mit einem ähnlichen Hund gesehen. Er hat ihn Richtung Wald gezogen, der Hund hat sich gesträubt. Und er hatte ein Auto — einen roten VW Golf. Das Kennzeichen konnte sie nicht lesen, aber es fing mit WK an."

„Und? Hast du das der Polizei gesagt?"

„Ich habe es dem Polizeihauptkommissar Wieser gegeben. Er wollte alle roten Golfs mit WK-Kennzeichen prüfen." Ihre Augen leuchteten. „Er hat drei gefunden. Einer gehört einem Rentner, der seit zwei Monaten im Krankenhaus liegt. Der zweite einer jungen Frau. Und der dritte —"

Sie machte eine Pause.

„Der dritte ist auf einen gewissen Dennis Kastner zugelassen. Vierzig Jahre, ledig, Vertriebsleiter bei einer Baufirma. Wohnt in der Rosenstraße 15."

Jonas blätterte in seinem eigenen Notizbuch. „Der war bei mir in Behandlung. Vor sechs Monaten. Mit einem jungen Schäferhund. Bruno."

Marlene schlug die Hand vor den Mund. „Das kann nicht sein."

„Kann es. Ich trage jeden Patienten zusätzlich in mein privates Heft ein, nicht nur ins offizielle Journal. Er hat damals erzählt, Freunde hätten ihm den Hund geschenkt, er käme nicht klar damit. Hat gefragt, wo man ihn abgeben könnte. Ich habe ihm Adressen von Tierheimen gegeben."

„Und er hat sich anders entschieden", flüsterte Marlene. „Ein Ungeheuer. Hörst du? Ein regelrechtes Ungeheuer."

Jonas sprang auf. „Wir müssen Wieser anrufen. Jetzt."

Doch der Kommissar ging nicht ans Telefon.

„Was machen wir jetzt?", fragte Marlene verzweifelt.

„Was können wir tun. Warten."

„Wie lange noch? Bis er den nächsten Hund quält? Oder aus der Stadt verschwindet?"

Jonas rieb sich das Kinn. „Fahren wir einfach hin. Schauen ihn uns an. Ich schreibe Wieser eine Nachricht, er soll nachkommen, sobald es geht."

Das Haus in der Rosenstraße war ein grauer Plattenbau aus den Siebzigern. Sie parkten ein Stück entfernt und warteten. Nach zwanzig Minuten klammerte sich Marlene an Jonas' Arm.

„Schau! Ist das er?"

Der rote Golf bog langsam in den Hof ein.

„WK-Kennzeichen", bestätigte Jonas mit zusammengekniffenen Augen. „Das ist er."

Ein Mann mittleren Alters stieg aus, hängende Schultern, leerer Blick. Alles andere als ein Monster.

„Das ist Kastner", murmelte Jonas.

Marlene riss die Autotür auf.

„Wo willst du hin?"

„Reden."

„Warte, das kann gefährlich sein!"

Aber sie ging bereits über den Hof, direkt auf den Mann zu, der mit seinem Schlüsselbund am Hauseingang hantierte.

„Herr Kastner?" Ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte. „Können wir kurz sprechen?"

Der Mann drehte sich um. „Wer sind Sie?"

„Marlene Brenner. Es geht um Ihren Hund."

Sein Gesicht verzog sich, der Blick wich aus. „Ich habe keinen Hund."

„Hatten Sie. Einen Schäferhund. Vor sechs Monaten angeschafft, dann wollten Sie ihn loswerden. Aber statt ihn ins Tierheim zu bringen, haben Sie ihm die Läufe zusammengebunden und im Wald zurückgelassen."

Kastner erstarrte. „Ich habe nicht — das ist nicht —"

In diesem Moment kam Jonas hinzu, hielt sein Handy mit dem Foto der Hündin hoch.

„Das ist Bruno. Aber ich hab ihn einem Kumpel zur Pflege gegeben, ich schwör's!", presste Kastner hervor.

„Sie lügen", sagte Jonas kalt. „Sie wurde gefesselt im Wald gefunden. Am Verhungern."

Kastner wurde blass. „Ich hab sie nicht gefesselt! Ich hab sie nur dagelassen — Autotür auf, dachte, sie läuft in den Wald."

„Und verhungert dort", vollendete Marlene ohne Nachsicht.

„Sie verstehen das nicht!" Kastner brach plötzlich aus sich heraus. „Ich hatte einen Kredit über zwölftausend Euro, das Inkassobüro rief jeden Tag an, ich hatte kaum Geld für Essen! Und dann noch dieses Vieh, frisst wie verrückt, macht überall hin! Ich hab versucht, ihn im Tierheim abzugeben, aber die hatten keinen Platz!"

„Also haben Sie beschlossen, ihn zu entsorgen", sagte Jonas mit solcher Verachtung, dass Kastner zusammensackte.

„Ich wollte nicht, dass sie leidet. Ehrlich. Ich dachte, sie findet ein neues Zuhause."

„Sie haben sie also nicht selbst gefesselt?", fragte Marlene, die Augen zusammengekniffen.

Kastner schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Ich schwör's bei Gott, nein! Ich hab sie nur dort gelassen, Tür auf. Sie wollte nicht raus, da hab ich sie rausgeschoben und bin gefahren. Vielleicht waren es danach Jäger, die —"

„Frau Brenner!" Kommissar Wiesers Stimme durchschnitt den Hof wie ein Peitschenknall. „Da sind Sie ja. Ich habe versucht anzurufen." Hinter ihm zwei Streifenpolizisten.

„Dennis Kastner?" Wieser wandte sich an den bleichen Mann. „Kommen Sie bitte mit auf die Wache."

„Ich hab nichts, ich wollte nicht —"

Marlene sah zu, wie die Beamten Kastner zum Streifenwagen führten, und spürte eine seltsame Leere. Sie hatte auf Genugtuung gewartet, auf einen Triumph. Nichts davon kam. Nur Erschöpfung und ein bitterer Nachgeschmack.

„Alles in Ordnung?", fragte Jonas leise und legte ihr den Arm um die Schulter.

„Ja." Sie nickte. „Ich hab nur gedacht — hätte er all diese Probleme nicht gehabt, wäre Bruno vielleicht bei ihm geblieben. Und niemand hätte leiden müssen."

Jonas schüttelte den Kopf. „Jeder hat Probleme, Marlene. Nicht jeder wird deshalb zum Täter."

Die Verhandlung fand im Februar am Amtsgericht Waldkirch statt. Kastner erschien mit einem Anwalt, den er sich kaum leisten konnte, wischte sich mehrmals über die Augen, sprach stockend, bat um Entschuldigung. Er wurde wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz zu einer Geldstrafe von zweitausendachthundert Euro und einem befristeten Tierhalteverbot von fünf Jahren verurteilt.

Marlene saß im Zuschauerraum, die Hündin — mittlerweile Vera getauft, nach Marlenes verstorbener Schwester — wartete zu Hause bei Jonas' Nachbarin. Als das Urteil verlesen wurde, spürte sie keine Genugtuung, nur eine Art stiller Klarheit.

Drei Monate später, an einem Samstagvormittag im Mai, saß Marlene in der Küche der Praxis, in der Jonas mittlerweile zwei Nachmittage die Woche verbrachte, seit er den kleinen Nebenraum zum Wohnzimmer umgebaut hatte. Auf dem Tisch stand eine Mappe — die Adoptionspapiere für Vera, endlich vollständig ausgefüllt und unterschrieben, mit Marlenes Namen als offizieller Halterin. Daneben lag der Bescheid vom Ordnungsamt: Kastners Tierhalteverbot war eingetragen, rechtskräftig, für die kommenden fünf Jahre gültig — kein Hund, keine Katze, kein Kaninchen würde in diesem Haushalt mehr leben dürfen, ohne dass die Behörde eingriff.

Vera lag unter dem Tisch, den Kopf auf Marlenes Fuß, und schnaufte im Schlaf. Ihr Fell war mittlerweile dicht und glänzend, die Rippen längst nicht mehr zu zählen.

„Mein Sohn Tobias kommt übermorgen", sagte Marlene und schob Jonas eine Tasse Kaffee hin. „Er will dich endlich kennenlernen."

„Endlich?" Jonas hob eine Braue.

„Ich hab ihm alles erzählt. Von Vera. Von dir. Er meinte, er will unbedingt den Mann treffen, der seiner Mutter den Kampfgeist zurückgegeben hat."

Jonas lachte, aber seine Augen glänzten verdächtig. „Dann soll er kommen."

Draußen, vor dem Fenster der kleinen Praxis, läutete die Glocke der St.-Nikolaus-Kirche zur Mittagsstunde. Vera hob kurz den Kopf, schnaubte, legte ihn zurück auf Marlenes Fuß und schlief weiter.

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