Der Festsaal im Gasthaus "Zum Goldenen Hirschen" am Marktplatz von Rothenburg ob der Tauber war bis auf den letzten Platz gefüllt. Weiße Rosen und cremefarbene Hortensien säumten die Tische, über der Tanzfläche hing ein goldenes Band mit der Aufschrift "Alles Gute zum 15. Geburtstag, Lina!". Die Luft roch nach Kerzenwachs und frisch gebackenem Baumkuchen.
Lina Vogtmann saß mitten auf der Tanzfläche in ihrem Rollstuhl, eingehüllt in ein pfirsichfarbenes Tüllkleid, eine kleine Strasssteinkrone auf dem dunklen Haar. Seit dem Verkehrsunfall vor drei Jahren, bei dem ihre Mutter gestorben war, hatte sie kein einziges Mal wieder auf eigenen Beinen gestanden. Ihr Vater, Reinhard Vogtmann, Inhaber einer Autowerkstatt am Stadtrand, hatte für diesen Abend fast sein gesamtes Erspartes ausgegeben — zwölftausend Euro, mehr als für die ganze Hochzeit seiner Schwester. Er wollte, dass seine Tochter wenigstens einen Abend lang vergaß, was sie verloren hatte.
Die Seitentür ging auf, und die Musik stockte mitten im Takt, als hätte jemand der Band den Stecker gezogen.
Ein Junge, vielleicht sechzehn, barfuß auf dem kalten Steinboden, die Jacke an den Ellbogen aufgerissen, eine schwarze Müllsäcktüte in der Hand. Er blieb mitten im Saal stehen, mitten zwischen den Festgästen in ihren Abendkleidern, und sah Lina an, als gäbe es sonst niemanden im Raum.
„Darf ich mit dir tanzen?"
Reinhard war mit zwei Schritten bei ihm, das Gesicht rot angelaufen. „Was soll das? Wer hat dich hereingelassen? Siehst du nicht, dass sie—" Er drehte sich zur Tür. „Jemand soll den Sicherheitsdienst rufen!"
Lina hob die Hand. Der Saal verstummte.
„Warte, Papa. Ich will sehen, was er vorhat."
Sie sah den Jungen an. Kein Spott in seinem Gesicht, nur eine seltsame, ruhige Klarheit, die ihr fremd war und doch sofort vertraut.
„Ich kann dir helfen, aus dem Stuhl aufzustehen", sagte er, ohne zu zögern. „Nur ein Stück. Nicht mehr."
„Dann komm", sagte sie und streckte ihm die behandschuhte Hand entgegen.
Seine Finger legten sich um ihre, warm trotz der kalten Füße. Er zog nicht, er wartete, bis sie selbst den Schwung fand, die Handflächen gegen die Armlehnen presste, die Schultern anspannte.
Ihr Onkel Dieter, der direkt hinter Reinhard stand, packte dessen Arm. „Reinhard — schau."
Linas Oberkörper hob sich aus dem Stuhl, zitternd, die Knie erst weich, dann mit einem Ruck, der durch den ganzen Saal zu gehen schien, fest genug, um das Gewicht für zwei, drei Sekunden zu halten. Sie stand. Nicht gerade, nicht sicher, eine Hand krallte sich in Janniks Ärmel, aber sie stand. Jemand ließ ein Glas fallen, das auf den Fliesen zersplitterte; niemand kümmerte sich darum.
„Das — das ist unmöglich", stammelte Reinhard und griff sich mit beiden Händen ins Gesicht, als müsste er es festhalten.
Niemand tanzte in diesem Moment. Alle starrten nur.
Dann knickten Linas Knie wieder ein, und Jannik fing sie ab, setzte sie zurück in den Rollstuhl, so behutsam, als würde er etwas Zerbrechliches ablegen. Sie atmete schwer, lachte und schluchzte im selben Atemzug.
„Ich heiße Jannik", sagte er, nur für sie, während er neben ihr in die Hocke ging. „Ich war letztes Jahr in derselben Klinik wie du. Physiotherapie, dritter Stock, Zimmer 14. Du hast mich nie gesehen, ich war der, der im Flur gewartet hat, bis meine Mutter mit dem Pfleger fertig verhandelt hatte. Deine Krankengymnastin, Frau Brettschneider, hat mir mal gezeigt, wie man die Hüftmuskulatur reaktiviert, wenn die Nerven noch ansprechen. Zehn Minuten, mehr war nicht erlaubt. Bei dir hat niemand nachgefragt, warum du nach dem zweiten Jahr aufgehört hast zu kommen."
Lina, die Hände noch an der Armlehne, zitterte am ganzen Körper — nicht aus Angst, sondern weil in ihren Beinen zum ersten Mal seit drei Jahren wieder etwas spürbar war, das keine Phantomempfindung war. Ein Ziehen, ein Brennen, als würde Blut in einen eingeschlafenen Arm zurückfließen.
Reinhard drängte sich näher, die Wut aus seinem Gesicht gewichen, ersetzt durch etwas Rohes, das seine Stimme brechen ließ. „Wer bist du? Warum bist du barfuß hier?"
„Ich wohne seit vier Monaten im Übergangsheim an der Spitalgasse", sagte Jannik. Er stand auf, wischte sich die Hände an der Hose ab, obwohl sie nicht schmutzig waren. „Meine Mutter konnte die Therapie nicht mehr bezahlen. Ich habe im Krankenhaus geputzt, Flure, Stationszimmer, einfach um in der Nähe der Reha-Abteilung zu bleiben. Dabei habe ich zugesehen. Zugehört. Die Tüte da—" er deutete mit dem Kinn auf den schwarzen Sack auf dem Stuhl, „—das ist alles, was ich besitze. Ich will nichts von Ihnen, Herr Vogtmann. Eine der Pflegerinnen hat erzählt, dass heute Linas Geburtstag ist. Und dass ihre Reha abgebrochen wurde, bevor sie fertig war."
Reinhard sagte nichts. Er starrte auf die Müllsäcktüte, dann auf seine Tochter, die sich mit beiden Händen an den Rädern des Rollstuhls festhielt, als müsste sie sich selbst daran erinnern, dass sie noch da war.
„Setz dich", sagte Reinhard schließlich zu Jannik, die Stimme rau. „Zieh dir was an den Füßen an, du frierst."
Die Gäste applaudierten zögerlich, einige weinten, aber die Band fand nicht zurück in den Takt, und niemand verlangte, dass sie es täte.
In den folgenden Wochen kam Jannik jeden Dienstag und Donnerstag in die Werkstatt, zuerst nur, um mit Frau Brettschneider zu sprechen, die Reinhard noch am selben Abend angerufen hatte. Die Übungen fanden auf einer alten Matratze im Lager zwischen Reifenstapeln statt, weil kein anderer Raum frei war. Lina schrie manchmal vor Schmerz, wenn Jannik ihr Bein beugte, und einmal warf sie ihm ein Handtuch ins Gesicht und sagte, er solle verschwinden, sie habe keine Lust mehr. Er ging nicht. Er setzte sich auf den Werkstattboden, die Beine angezogen, und wartete, bis sie von selbst wieder nach dem Handtuch griff.
„Du bist stur", sagte sie einmal, außer Atem, nach dem zehnten Versuch, allein vom Hocker aufzustehen.
„Du auch", sagte er. „Sonst würdest du schon längst wieder sitzen."
Reinhard beobachtete das durch die offene Lagertür, einen Schraubenschlüssel in der Hand, den er nicht benutzte. Er sagte nichts dazu, aber er brachte Jannik an diesen Nachmittagen immer einen Kaffee, schwarz, ohne zu fragen, und stellte ihn stumm neben die Matratze.
Drei Monate nach dem Fest stand Jannik an einem Dienstag im Oktober vor dem Werkstatttor, in festen Schuhen, die noch nach Leder rochen, weil sie neu waren. Er sah auf die Uhr, dann zur Straße, wo Lina mit ihrer Gehhilfe um die Ecke bog, langsam, einen Fuß vor den anderen setzend, die Schultasche quer über der Brust.
„Zu spät", sagte er.
„Der Bus", sagte sie, außer Atem vom Gehen, nicht vom Laufen. „Fünf Minuten, nicht mehr."
Er hielt ihr die Werkstatttür auf. „Dann hast du noch fünf Minuten weniger zum Jammern."
Sie stieß ihm die Gehhilfe gegen das Schienbein, nicht fest, und ging an ihm vorbei hinein, zur Matratze zwischen den Reifenstapeln, wo Frau Brettschneider schon die Übungsmatte ausgerollt hatte.












