Der Wäschehof roch nach Kernseife und nassem Beton, und über der Mauer zog eine Amsel ihre Kreise, als hätte sie im Gefängnis Gera nichts zu befürchten. Hildegard Brenner, vierundsiebzig Jahre alt, kniete vor einem grauen Plastikbottich und rieb ein Gefängnishemd zwischen den Fäusten. Seit drei Monaten saß sie hier ein, wegen einer Steuersache, die sie bis heute nicht ganz verstand, und die Wärterin hatte ihr die Wäsche zugeteilt, weil ihre Knie die Arbeit in der Küche nicht mehr mitmachten.
Jeden Morgen um sieben füllte sie den Bottich am Außenhahn, bevor die Sonne über das Dach der Werkhalle stieg. Das Wasser war kalt, die Seife billig und grau, und ihre Finger wurden davon rissig. Sie beklagte sich nie. Sie hatte in ihrem Leben Schlimmeres ausgehalten – einen Mann, der trank, zwei Fehlgeburten, einen Bäckereibetrieb, der ihr die Bank unter dem Hintern wegnahm. Diese Wäsche war, verglichen damit, fast eine Ruhepause.
Auf dem Hof kannte jede Insassin den Namen Carmen Adler. Zweiunddreißig Jahre alt, wegen schwerer Körperverletzung einsitzend, mit einer Statur, die selbst die Wärter zweimal hinsehen ließ. Carmen hatte den halben Block im Griff. Wer ihr die letzte Zigarette schuldig blieb, bekam sie in der Nacht heimgezahlt, mit Zinsen. Wer ihr im Speisesaal zu lange in die Augen sah, aß am nächsten Tag allein.
An diesem Dienstag im September kam Carmen mit einem Wäschesack quer über den Hof marschiert und kippte ihn neben Hildegards Bottich aus. Trainingshosen, Unterwäsche, ein verschwitztes T-Shirt mit einem Adler-Logo, das nichts mit ihrem Nachnamen zu tun hatte, nur Zufall.
„Wasch das mit", sagte sie. Keine Frage.
Hildegard sah von ihrer eigenen Wäsche auf, die Hände noch im Seifenwasser. Ihr Rücken schmerzte, seit sie um sechs aufgestanden war, und der Bottich fasste ohnehin kaum genug für ihre eigenen drei Hemden.
„Tut mir leid", sagte sie, ruhig, ohne Trotz in der Stimme. „Ich schaffe kaum meine eigene Wäsche. Das musst du schon selbst machen."
Auf dem Hof erstarb jedes Gespräch. Eine Frau, die gerade eine Zigarette drehte, ließ den Tabak fallen. Sogar die Amsel schien für einen Moment stillzuhalten. Alle wussten: Carmen ließ so etwas nicht durchgehen.
Ihr Gesicht kippte von einer Sekunde auf die andere. Sie packte Hildegard am Hinterkopf, die Finger tief in das dünne graue Haar gegraben, und drückte ihr Gesicht mit voller Wucht in das trübe, seifige Wasser des Bottichs. Die alte Frau schlug mit den Armen, Wasser schwappte über den Rand, lief über den Beton in Richtung der Abflussrinne. Ringsherum standen die anderen Frauen und rührten sich nicht. Niemand wollte der Nächste sein, den Carmen unter Wasser drückte.
Dann, nach vielleicht zehn, fünfzehn Sekunden, ließ Carmen los. Nicht aus Mitleid. Sondern weil Hildegard aufgehört hatte zu kämpfen.
Die alte Frau richtete sich auf, tropfnass, Seifenschaum an den Wimpern, und hustete das Wasser aus der Lunge. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, langsam, fast beiläufig, so wie man sich nach einem Regenschauer das Gesicht abwischt. Dann griff sie in die Tasche ihrer Gefängnisjacke.
Das war der Moment, in dem der Hof endgültig verstummte, weil niemand begriff, warum eine gerade fast ertränkte alte Frau in ihre Tasche griff, statt zu weinen oder um Hilfe zu rufen.
Sie zog kein Messer heraus und keine Waffe – so etwas gab es auf diesem Hof ohnehin nicht, jede Insassin wurde zweimal am Tag durchsucht. Sie zog ein zerknittertes, mit Kugelschreiber vollgeschriebenes Blatt Papier hervor, gefaltet in vier Teile, und ein kleines Foto, an den Rändern schon weich vom vielen Anfassen.
„Weißt du, wer ich bin?", fragte Hildegard. Ihre Stimme zitterte nicht. Sie klang, wie eine Frau klingt, die seit vierzig Jahren morgens um fünf einen Backofen anheizt.
Carmen verzog das Gesicht, halb Verachtung, halb Neugier. „Eine alte Schachtel, die nicht kapiert, wann sie den Mund halten soll."
„Ich war Krankenschwester", sagte Hildegard, „vierunddreißig Jahre lang, auf der Chirurgie im Klinikum Gera. Und bevor du mich reingesteckt hast, habe ich in dieser Anstalt hier drei Wochen im Krankenrevier ausgeholfen, weil euch das Personal fehlt." Sie hielt das Foto hoch, nicht theatralisch, einfach so, wie man einer Nachbarin ein Kinderfoto zeigt. „Da liegt eine junge Frau, die letzte Woche nach der Blinddarm-OP eingeliefert wurde. Neunzehn Jahre alt. Sie hat mir erzählt, dass ihre große Schwester im Gefängnis sitzt und dass sie sich Sorgen macht, weil die Schwester nie schreibt. Sie hat mir sogar ein Foto gegeben, für den Fall, dass ich sie hier mal treffe. Willst du wissen, wie das Mädchen heißt?"
Carmens Griff um Hildegards Kragen lockerte sich, ohne dass sie es zu bemerken schien.
„Jasmin Adler", sagte Hildegard. „Aus Zwötzen. Wohnt bei der Oma, weil die Mutter nicht mehr da ist."
Die Farbe wich aus Carmens Gesicht, als hätte man ihr selbst den Kopf ins kalte Wasser gedrückt. Jasmin. Ihre kleine Schwester, die sie seit ihrer Verhaftung vor sechzehn Monaten nicht mehr gesehen hatte, weil die Oma kein Geld für die Fahrt zur Anstalt hatte und Carmen sich zu sehr schämte, um selbst zu schreiben.
„Woher-", brachte Carmen heraus, und zum ersten Mal seit sie hier eingesperrt war, hörten die anderen Frauen ihre Stimme brechen.
„Sie hat mich gebeten, dir das zu geben, falls ich dich je sehe." Hildegard reichte ihr das Blatt Papier, immer noch nass an den Rändern vom Bottich. „Ich wollte es dir schon letzte Woche geben. Aber du hast mich noch nie angesehen, außer um mir Befehle zu erteilen."
Carmen nahm den Brief mit Händen, die auf einmal nicht mehr zu den Händen gehörten, die gerade noch einen Kopf unter Wasser gedrückt hatten. Sie las die ersten Zeilen, dort im Wäschehof zwischen Bottichen und Seifenschaum, und die Frauen ringsum, die noch vor einer Minute erstarrt vor Angst gewesen waren, wandten sich ab und taten, als würden sie ihre eigene Wäsche anstarren. Nicht aus Höflichkeit. Weil keine von ihnen je gesehen hatte, wie Carmen Adler weinte, und keine wollte diejenige sein, an die sie sich später erinnerte.
Die Wärterin, die von der Tür aus alles beobachtet hatte, kam über den Hof, bereit, den Vorfall zu melden – tätlicher Angriff, das bedeutete Einzelhaft, das bedeutete für Carmen ein weiteres Jahr ohne Bewährungschance. Hildegard hob die Hand, kaum merklich, aber die Wärterin, die sie aus dem Krankenrevier kannte, blieb stehen.
„Es war ein Missverständnis mit der Wäsche", sagte Hildegard. „Ist geklärt."
Sie kniete sich wieder vor ihren Bottich, drehte das nächste nasse Hemd durch die Hände, als sei nichts geschehen. Aber sie schob den Bottich einen halben Meter zur Seite, mit dem Fuß, damit Platz war für einen zweiten Eimer.
Am nächsten Morgen stand Carmen um Viertel vor sieben auf dem Hof, bevor irgendjemand sonst dort war, mit ihrem eigenen Wäschesack in der Hand. Sie stellte sich nicht neben Hildegard, um Befehle zu geben. Sie setzte sich auf den kalten Beton daneben, füllte einen zweiten Eimer am Hahn und fing an, ihre eigene Wäsche zu waschen. Schweigend, mit roten Augen, aber schweigend.
„Ich schreibe ihr diese Woche", sagte Carmen irgendwann, ohne aufzusehen. „Wenn du mir sagst, wie man das mit den Umschlägen hier macht. Ich hab's nie gelernt."
Hildegard reichte ihr ein Stück Seife über den nassen Beton. „Ich zeig's dir nach dem Abendessen."
Sechs Wochen später, an einem Besuchstag im November, kam Jasmin zum ersten Mal seit sechzehn Monaten in die Anstalt. Sie brachte einen Umschlag mit, dick von Briefen, die Carmen ihr in der Zwischenzeit geschrieben hatte, und ein zweites Foto: von einem Wohnungsschlüssel, den die Sozialarbeiterin ihr besorgt hatte, mit der Notiz, dass das Zimmer für Carmen reserviert bleibe, für den Tag, an dem sie entlassen würde. Hildegard saß zwei Tische weiter, mit ihrer eigenen Tochter, und sah, wie Carmen den Schlüssel auf dem Foto mit dem Finger nachfuhr, immer wieder, als könnte sie ihn dadurch schon jetzt in der Hand spüren.












